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Volker Schlöndorff und die Musik  (Sigurd Schulze)

Volker Schlöndorff ist nicht nur einer der berühmtesten deutschen Filmregisseure, sondern auch einer der höchstausgezeichneten. Ist die Goldene Palme in Cannes schon etwas ganz Großes, so ist ein Oscar das Höchste, das ein Filmemacher erreichen kann.

 

Mögen den meisten Kinogängern weder die Biographien noch die Filmographien der Filmemacher bewusst sein – einen der Schlöndorff-Filme hat wohl jeder schon gesehen: »Der junge Törless« oder »Die verlorene Ehre der Katharina Blum« oder »Die Blechtrommel« oder oder oder.

 

»Die Blechtrommel», gedreht nach dem Roman von Günter Grass, ist wie viele Filme Schlöndorffs nach einer Buchvorlage entstanden, so auch zum Beispiel »Katharina Blum« nach der Erzählung von Heinrich Böll. Weniger bekannt ist, dass Schlöndorff auch ein erfahrener Opernregisseur ist. Zum Beispiel inszenierte er 1974 in Frankfurt am Main »Katja Kabanowa« von Leoš Janáček, 1976 in Berlin »Wir erreichen den Fluss« von Hans Werner Henze, 1984 in Frankfurt am Main » La Bohème « von Giacomo Puccini, 1988 in Paris und 2005 in Berlin »Aus einem Totenhaus« von Leoš Janáček und 1993 in München »Lady Macbeth von Mzensk« von Dmitri Schostakowitsch.

 

 

Unsterbliche Filme durch die Musik

Worauf man am wenigsten achtet, ist die Filmmusik, genauer gesagt die Rolle, die sie im Film spielt. Die Musik ist im Kino eben da, sie stört nicht weiter, manchmal bleibt sie im Gedächtnis, manchmal elektrisiert sie und wird zum Schlager oder macht den Film unvergesslich wie im Western »Spiel mir das Lied vom Tod« oder durch das Klarinettenkonzert von Wolfgang Amadeus Mozart in »Jenseits von Afrika« oder den Soldatenmarsch aus »Die Brücke am Kwai«. Die Musik kann einen Film unsterblich machen, wie zum Beispiel die Musik von Peter Gotthardt in dem DEFA-Film »Die Legende von Paul und Paula«, jüngst im Konzerthaus Berlin gespielt von den Berliner Symphonikern. Über diesen Film sagte der Schauspieler Jan Josef Liefers: »Nur selten gehen Film und Musik so eine Symbiose ein wie die ›Legende von Paul und Paula‹ und Peter Gotthardts Kompositionen. Er, Ulrich Plenzdorf und Heiner Carow haben den Menschen in der DDR ein Stück Identität geschenkt [...] Das macht auch die Songs aus dem Film unsterblich.«

 

 

Volker Schlöndorff und die Musik

Was Musik für ihn ist, welche Bedeutung sie für ihn hat, war das Thema eines »Philharmonischen Diskurses« mit Volker Schlöndorff im Ausstellungsfoyer des Kammermusiksaals der Berliner Philharmonie. Schlöndorff erzählte, dass die Musik für ihn als Regisseur mit der Zeit wichtiger wurde, als er geahnt hatte. Musik erzeugt Stimmungen, ganz anders als Worte. Er habe gelernt, sich Filme, Bilder, Bildfolgen zur Musik vorzustellen. Mit der Musik versetzt sich der Zuschauer auch in die Figuren hinein, in ihre Gefühle. Musik schafft oder verstärkt das Erlebnis, zum Beispiel durch Tempiwechsel. Gelernt habe er das von Hans Werner Henze. Er wollte keinen Filmkomponisten beauftragen, sondern einen »richtigen«. Schlöndorff hatte Henze gebeten, die Musik für »Der junge Törless« zu komponieren. Henze bestand darauf, dass er zuerst die Musik komponiere und der Film nach dem Rhythmus der Musik gedreht werde. Er wollte den Film zur Musik. Henze hatte eine ganz strenge Musik mit Opern-Einschlag geschaffen. Dann, bei »Katharina Blum«, habe er sich in den Stoff musikalisch regelrecht hineingesteigert.

 

 

»Sie müssen Opern inszenieren«

Henze habe ihm gesagt: »Sie müssen Opern inszenieren.« Und das sei wahr. Bei der Oper habe er als Regisseur nicht so eine Angst vor dem Gang der Handlung, weil eben die Musik den Bogen spanne. Der Regisseur und die Künstler müssten alles nachempfinden. Man lerne, wie Bewegungen und Musik zusammenkommen. Man gewinne ein Gefühl des vollkommen Fließenden. Von Richard Strauss war zu lernen, dass jener seinen Librettisten bat, einem Satz noch einige Silben anzuhängen, damit er die Melodie vollenden könne. Gewöhnlich ist die Filmmusik eher zwangsläufig, sagt Schlöndorff, sie habe eine dienende Funktion, manchmal müsse sie dominieren, man merke sonst, dass Krimis ohne Musik ganz langweilig wären. Hanns Eisler und Hans Werner Henze wollten eine selbständige Filmmusik, aber auf eine überraschende, konträre Weise. Bei der Musik zum KZ-Film »Nacht und Nebel» (1955) komponierte Eisler nicht das Grauen, sondern ganz gegen das Bild, kleine Walzer und so. Hier musste die Musik helfen, dass der Zuschauer die Bilder ertragen konnte. Die Musik muss eben ein konstituierendes Element des Films sein.

 

Die Dramaturgie der Berliner Philharmoniker hatte der Veranstaltung den launigen Titel »Oscar-Preisträger trifft Literaturpäpstin« verpasst. Gemeint war Elke Heidenreich, bekannt aus dem Fernsehen. Wer Heidenreich jenen Titel verliehen hat, ist unbekannt. Die Päpstin postulierte entschieden die These, »nach dem Kriege« hätte sich in der Oper nichts Neues entwickelt. Sie stagniere seit den 60er Jahren. Starke Worte. Heidenreichs Oper »Adriana«, uraufgeführt 2015 in der Kammeroper Rheinsberg, ist da keine Ausnahme. Nun ja, soweit Schlöndorffs empirischer Wahrnehmung abzulesen war, hat es in der Filmmusik nach dem UFA-Schleim doch wichtige Neuerungen gegeben.

Am 31. März kommenden Jahres wird Volker Schlöndorff 80. Sollte irgend ein Kino eine Retrospektive seiner Filme veranstalten, könnte in den üblichen Einführungsvorträgen und Podiumsdiskussionen die Musik in Schlöndorffs Filmen ein interessantes Thema sein.