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Titel2411

Zahlen  (Thomas Rothschild)
Man frage den Bürger auf der Straße, wie die Zahlen derer, die zwischen 1961 und 1989 an der Mauer, die durch die RAF und die durch rechte Gewalt getötet wurden, zu reihen seien.

Der Tagesspiegel und Die Zeit geben die Zahl der seit der deutschen Wiedervereinigung von Rechtsradikalen Ermordeten mit 138 an. An der Berliner Mauer kamen in den 28 Jahren ihres Bestehens 136 Menschen ums Leben. Die RAF hat nach offiziellen Angaben 34 Menschen getötet.

Es geht nicht darum, die Morde an der Mauer zu bagatellisieren. Daß sie zum größten Teil Menschen betrafen, die bestehende Gesetze brachen, macht die Sache nicht verzeihlicher. Denn schon diese Gesetze waren unakzeptabel, und unakzeptabel ist die Todesstrafe, noch dazu ohne Prozeß, selbst dann, wenn man diese Gesetze anerkennt. Es geht auch nicht darum, die Morde der RAF zu relativieren oder zu entschuldigen. Es geht vielmehr um die Frage, wieso in der Öffentlichkeit, jedenfalls bis zu den jüngsten Erkenntnissen aus Zwickau, der Eindruck entstehen konnte, daß die von Neonazis ausgehende Gewalt so gering sei, daß man sie vernachlässigen könne.

Aus aktuellem Anlaß geben sich die Medien fast einmütig entsetzt und erschrocken. Haben nicht sie beständig daran mitgewirkt, daß die rechte Gewalt unterschätzt, ja gar nicht ernsthaft untersucht wurde? Mit gebetsmühlenartiger Melodie sprachen sie regelmäßig von »rechter wie linker Gewalt«, von »rechtem wie linkem Terror«, von »Rechts- und Linksextremisten«, auch wenn Ausländer von unverkennbar Rechtsradikalen zusammengeschlagen wurden und die Linke sich nichts zuschulden hatte kommen lassen. Umgekehrt blieben die Neonazis unerwähnt, wenn von der RAF und ihren Nachfolgern die Rede war. Entgegen der Behauptung, die deutschen Medien seien von Linken durchsetzt, die Rechten wie etwa Norbert Bolz das Maul verböten, neigen die deutsche Presse und der deutsche Rundfunk mehrheitlich zu einer Berichterstattung, die den oben beschriebenen Eindruck vermittelt. Oder sollte der befragte Mann, die befragte Frau auf der Straße gar wissen, daß die radikale Rechte bereits mehr als viermal so viele Tote zu verantworten hat wie die RAF?

Man wagt gar nicht, über einen möglichen Zusammenhang zwischen den Zahlen nachzudenken. Es wird ja gelegentlich behauptet, es habe schon zu DDR-Zeiten Ausländerhaß und rechtsradikales »Gedankengut« gegeben, sie seien aber durch den Polizeistaat in den Untergrund gedrängt worden. Wenn das zutrifft: Ist das gut oder schlecht? Gewiß ist die Einschränkung von Rede-, Meinungs- oder Versammlungsfreiheit ein hoher Preis. Aber ist es nicht einigermaßen zynisch, wenn man meint, dafür könne man schon ein paar Tote in Kauf nehmen – zumal wenn man nicht zur Zielgruppe gehört, die die Mörder im Visier haben? Zählen die Leben von türkischen Immigranten weniger als die von Flüchtlingen an der Mauer? Mit einer Abfindung für die Hinterbliebenen wird diese Sache nicht zu erledigen sein.