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Titel2411

Schiveli – Auf das Leben!  (Gabriele Senft)
Wo geht es hin? Was wollt ihr denn dort? – wird gefragt, wenn die nächste Reise des Arbeitskreises »Solidarität« der Gesellschaft zum Schutz von Bürgerrecht und Menschenwürde (GBM) bevorsteht und Säcke, Taschen, Koffer Neugier wecken. Diese Gespräche mit Freunden und Nachbarn sind erwünscht und beabsichtigt. Das Echo auf den diesjährigen Solidaritätsaufruf war erstaunlich groß. Es gab Bedenken, ob die vielen Solidaritätsgüter gut über Grenzen hinweg ans Ziel gelangen könnten: das Flüchtlingsheim »Karadordev Dom« in dem kleinen südserbischen Ort Raca in der Nähe der Industriestadt Kragujevac. Diese Stadt hat in Deutschland einen Namen durch ihr Autowerk »Zastava«. Weniger bekannt ist, daß die deutsche Wehrmacht an den Bewohnern im Zweiten Weltkrieg ein schweres Kriegsverbrechen verübte. Im heutigen Mahnmalpark Shumarice erschossen Deutsche am 21. Oktober 1941 Tausende Zivilisten als Vergeltungsmaßnahme für Partisanenkämpfe. Bis in die 1960er Jahre war auf Ortsschildern der Stadt zu lesen: »Deutsche nicht erwünscht!«

1999 fielen wieder Bomben auf Kragujevac und den Park: NATO-Bomben, Deutschland war aktiv dabei.

Über zehn Jahre währt der Kontakt zwischen den Familien im Flüchtlingsheim Raca und Frauen der Initiative »Mütter gegen den Krieg« und der GBM. Die Besucher brachten im Dezember 1999 Decken und Öfen gegen die bevorstehende Winterskälte. In einer großen Villa, dem ehemaligen Prinzessinnenpalais, hatten damals über 550 Personen aus dem Kosovo eine Notunterkunft gefunden. Durch Bürgerkrieg und NATO-Angriffskrieg waren sie von Familienmitgliedern getrennt worden, hatten Haus und Hof und Heimat verloren: Serben, Roma, Albaner. Sie konnten nicht ahnen, daß viele von ihnen auch noch im Jahre 2011 im Flüchtlingsquartier ausharren müssen, ohne Chancen auf eine menschenwürdige Zukunft zu haben.

Seit 1999 kamen viele Kinder im Heim zur Welt, viele liebenswerte Menschen erlagen den Verletzungen ihrer Seele, erkrankten und starben. Alle Bewohner, auch die Kinder, sind noch in ihren Heimatgemeinden registriert, in Istok, Prisren, Djakovica, Pec, Orahovac, Kosovo Polje ... Mit Spenden allein läßt sich ihre materielle Lage kaum verbessern, wichtiger ist es, regelmäßig wiederzukommen.

Im September 2011 gelang es, allen Heimbewohnern einen Kindertag mit viel Freude zu schenken. Alle erlebten es: »Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker!« Neben zwei bis unters Dach beladenen Autos mit Baby- und Kinderkleidung, mit Wäsche, Wolle, Spielzeug stand auch Geld zur Verfügung. Beim Einkauf für das Fest im Flüchtlingsheim zahlte sich eine ebenfalls Jahre währende Freundschaft mit den Erziehern des Kinderheims »Detskii Dom« in Kragujevac aus. Aktiv unterstützten sie die Delegation aus Deutschland bei den Vorbereitungen. Zusammen kauften sie Essen, Getränke, Rucksäcke für alle Schulkinder (auf deren Wunsch), Bälle, ein Volleyballnetz, Mal- und Bastelutensilien. Serbische Freunde sorgten mit für den Erfolg: eine Sozialarbeiterin, erfahren im Umgang mit Kindern; eine Sängerin, die Lieder aus dem Kosovo sang; und die Dolmetscherin. Auch Eltern und Jugendliche halfen, das Fest für die Kleineren unvergeßlich schön zu gestalten.

Vor einem Jahr zogen neun Familien aus dem Heim in einen Neubau am Rande der Stadt Raca. Ein weiterer Hausbau, wie der erste gefördert mit Mitteln der EU, ist geplant, um einigen weiteren Flüchtlingsfamilien zu einem menschenwürdigen Zuhause zu verhelfen. Noch leben im Heim 130 Personen, davon fast 50 Kinder. Und die Zahl der Flüchtlinge und Vertriebenen in Serbien geht weit in die Hunderttausende.

Die Kinder von Raca freuen sich auf den nächsten Kindertag, den der Arbeitskreis »Solidarität« bei der GBM ihnen bereiten will.