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Titel2411

Bemerkungen
Der Unterschied
Die Konzernmedien und die regierenden Politiker lassen kaum einen Tag vergehen, ohne Links und Rechts, Rot und Braun gleichzusetzen, wobei sie für sich selber den bequemen Platz in der Mitte beanspruchen. So erleben wir es seit Jahrzehnten. Mancher läßt sich dadurch verwirren. Die Gleichsetzerei geht so weit, daß sie uns abverlangen, wir müßten, wenn wir den Faschismus bekämpfen, auch den Antifaschismus bekämpfen. Um mit dieser herrschenden Lehre fertig zu werden, empfehle ich folgende einfache Überlegung: Sie züchten immer wieder Nazi-Trupps gegen die Linken heran; würden sie aber jemals linke Gruppen zur Bekämpfung der Nazis fördern? Nein, Rot und Braun gelten der vorgeblichen Mitte nicht gleich. Sie will Rot einschüchtern und ausschalten. Dazu dient ihr Braun. Rot ist für sie der Feind, Braun die Waffe gegen ihn.
Eckart Spoo


Zurück zum Kaiserreich

Alles begann am 8. Mai 2004 in einem Parkhotel bei Hannover. Die dort versammelten Personen erklärten, daß das Deutsche Reich nie aufgelöst worden sei und bestellten aufgrund dieser Erkenntnis eine neue Regierung. Norbert Schittke, einstiger »Republikaner«, wurde zum neuen Reichskanzler gewählt und regiert seitdem ein Schattenreich ohne Volk und Raum.

Nicht aber ohne Ambitionen. Für das Deutsche Reich wird die internationale Anerkennung angestrebt, als Staatsform wählten die Eingeweihten die konstitutionelle Monarchie. An Soldatenwitwen wurden »Eiserne-Kreuz-Miniaturschnallen« verliehen. Neben regelmäßigen Bürgertreffen werden immer wieder auch größere Veranstaltungen anberaumt, die Treffpunkte allerdings erst kurzfristig bekanntgegeben – immerhin wird die »Exilregierung« in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt vom Verfassungsschutz beobachtet.

Kein Grund, die makabere Maskerade zu unterlassen. Inzwischen hat sich unter »Reichskanzler« Schittke eine 49-köpfige Regierung gebildet. Da findet sich ein Werkzeugmacher Bergmann, der zum Verkehrsminister aufgestiegen ist, ein Hausverwalter Schröder, der als Wirtschaftsminister amtiert. Ein Schäfer Lüttich wurde Forstminister. Dazu gibt es auf der Homepage der »Exilregierung« zahlreiche Fotos von uniformierten, ältlichen Herren – aber abgesehen von Schittke keine Person, die mit vollem Namen für ihren Monarchismus einstehen will.

Was nun aber unternimmt die »Exilregierung«? Sie macht Stimmung für ihre Sache, entfremdet dafür notfalls auch Zitate von Sozialdemokraten wie dem SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel. Dessen Worte »Ich sage euch: Wir haben gar keine Bundesregierung«, die am 27. Februar 2010 gefallen sind und gegen Kanzlerin Angela Merkel gerichtet waren, werden hier zur Argumentation gegen die Bundesrepublik an sich herangezogen. Entsprechende Karten von einem in Gaue eingeteilten Deutschland untermalen diese Ansicht.

Nebenbei wird um Geld gebeten. 50.000 Euro fehlten noch zur Errettung des Deutschen Reichs. Jeder Deutsche oder »Germane« möge spenden. Oder die echten Ausweisdokumente des echten Reiches erwerben. Denn da die Bundesrepublik nicht rechtens sei, seien deren Urkunden, Siegel und Ausweise selbstverständlich ebenfalls unecht.

Zuletzt ein wackerer Aufruf an alle deutschen Leser, die noch nicht erkannt haben, daß ganz Deutschland im Besitz der »Alliierten« ist: »Alles was Sie meinen, daß es Ihnen gehört ist leider ein Irrtum.« Das leuchtet doch ein, oder?
Bernhard Spring


Politikreform
»Italien kommt ohne Politiker aus« – so die bewundernden Schlagzeilen in der deutschen Presse. Der neue Regierungschef habe sich ausschließlich »Fachleute« in sein Kabinett geholt, vor allem aus »der Wirtschaft«, vorsichtshalber ist aber auch ein NATO-General dabei. Ähnlich läuft es in Griechenland. Diese Verfahrensweise empfiehlt sich zur Nachahmung: Warum all die Umstände, damit regierende Politiker begreifen, was sie im Vollzug der Wünsche des Finanzmarktes zu tun haben; da ist es doch effektiver, gleich Banker ranzulassen. Und einen Militärexperten als Nothelfer.
Marja Winken


Merkels Mindestlohn-Kehre
Die Debatte um einen gesetzlichen Mindestlohn war der großen christlichen Partei seit jeher ein Dorn im Auge. Seit die Zahl der Dumpinglöhne infolge der politisch durchgesetzten Flexibilisierung auf den Arbeitsmärkten explodiert, Armut und prekäre Lebensverhältnisse sich bedrohlich in die noch wählenden Mittelschichten hineinfressen, steht die Verweigerung einer staatlich garantierten Lohnuntergrenze für soziale Kälte und Unterwürfigkeit gegenüber unternehmerischer Willkür. Damit soll nun Schluß sein, zeigte sich die Kanzlerin entschlossen; die nächste »Kehrtwende« also.

Doch was ist wendig an dieser Kehre? Gar nichts. Denn das Manöver dient ausschließlich begrifflicher Verschleierung. Was sich da »Mindestlohn« nach den Vorstellungen der CDU schimpft, soll weder die Höhe der Lohnuntergrenze politisch regeln – gedacht ist an die Einberufung einer Kommission aus Arbeitgebern, Arbeitnehmern und »Experten« nach britischem Vorbild –, noch werden die so zustande kommenden Gehälter, die sich an Tarifen in der Zeitarbeit orientieren sollen, irgendwie armutsfest sein. Von einer allgemein verbindlichen Regelung kann bei den Vorstellungen der Christdemokraten schon gar keine Rede sein. Branchenbezogenen Tarifen soll nach wie vor der Vorrang eingeräumt bleiben – da braucht Dieter Hundt, der telegene Arbeitgeberfunktionär, nur einmal sanft mit den Zähnen zu knirschen.

Und so wird nach Einführung des christlichdemokratischen »Mindestlohns« der Bittgang vieler Beschäftigter mit Niedriglohn (bei Berufseinsteigern ist hierzulande mittlerweile jede/r zweite betroffen) zu den Arbeitsämtern nötig bleiben. Ein parteitaktischer Erfolg wird sich bei der CDU allerdings einstellen: Mit dem »Mindestlohn«-Vorstoß läßt sich bequem ein Parteimarketing mit einem sozial warm anmutenden Label betreiben. Zugleich kann die am Boden liegende FDP auf Distanz gehalten und ein hartnäckiger Konfliktstoff mit den Sozialdemokraten beiseite geräumt werden. Bald dürfte der Weg in eine nächste Große Koalition mit einer Kanzlerin Merkel gar nicht mehr steinig sein. Peer Steinbrück, von Helmut Schmidt jüngst gekürter SPD-Spitzenschachspieler, wird schnell jede hanseatische Bockigkeit ablegen.

Den künftigen Niedriglöhner, der weiterhin für aufstockende Stütze Schlange steht, werden die Berliner Farbenspiele kaum interessieren. Warum auch?
Carsten Schmitt


Mindestmenschenwürde
Der Sinneswandel war vorgetäuscht: Nach wie vor sperrt Merkels Christdemokratische Union sich gegen die Garantie eines existenzsichernden Lohnes. Eine »Lohnuntergrenze« soll es zwar geben, aber nicht flächendeckend, sondern differenziert nach Branche und Region, und nicht vom Gesetzgeber vorzuschreiben, sondern auszuhandeln von den Tarifpartnern, also diktiert von den Arbeitgebern. Schon der semantische Schwenk ist verräterisch: Ein Mindestlohn garantiert einen Anspruch, eine Lohnuntergrenze setzt allenfalls den Exzessen der Lohndrückerei eine Schranke.

Die jahrelange Verweigerungshaltung der Unionsführung wirft ein bezeichnendes Licht auf das so gern beschworene christliche Menschenbild: Für diese Menschenbild scheint es mühelos hinnehmbar zu sein, daß Menschen ihre Arbeitskraft zu Markte tragen, ohne einen Lohn zu erhalten, vom dem sie leben können. Dieses Menschenbild scheint es zuzulassen, daß die menschliche Arbeitskraft als eine bloße Sache gehandelt wird, die den Unwägbarkeiten von Angebot und Nachfrage ausgeliefert ist und nicht den Schutz der Menschenwürde genießt, deren Unantastbarkeit Eckpunkt und Fundament des gesamten Grundrechtskatalogs ist und somit den Staat zum Einschreiten verpflichtet, wenn die Menschenwürde dem ökonomischen Kalkül nachgeordnet wird.

Arbeitgeberpräsident Hundt hat auf den Punkt gebracht, worum es geht: Es gebe eben geringqualifizierte Arbeit, die so wenig zur »Wertschöpfung« beitrage, daß ein existenzsichernder Lohn sich nicht rechne; das Existenzminimum zu garantieren, müsse staatlichen Fürsorgeleistungen überlassen bleiben. Menschenwürde also nur dort, wo »die Wirtschaft« sie sich leisten will. Das ist ein Frontalangriff auf den Kernsatz des Grundgesetzes. Daß Hundt nun ins Visier der Verfassungsschützer gerät, ist dennoch kaum anzunehmen. Die Herren sind einäugig genug, die Feinde der Verfassung anderswo zu suchen: bei denen, die den Kapitalismus überwinden wollen. Für den Kapitalismus aber, anders als für die Menschenwürde, kennt das Grundgesetz keine Bestandsgarantie.
Hans Krieger


Deutschlands Hoffnungsträger
Der deutsche Ex-Wehrminister ist wieder aktiv: In Kanada trat er bei einer internationalen »Sicherheitskonferenz« auf, als »distinguished statesman«, brillenlos und neu frisiert. Souverän kanzelte von Guttenberg die derzeitigen Führungskräfte in der europäischen Politik ab, vor allem die deutschen – diese waren ja noch nicht einmal in der Lage in Libyen mitzubomben. Der kanadische Militärminister zeigte sich überzeugt, daß der deutsche Freiherr »in zwei Jahren Kanzlerkandidat« sei. Auch in der CSU raunt es: »Holt ihn zurück!« Allerdings möchte Guttenberg, berichten Zeitungen, erst noch eine zweite Doktorarbeit vorzeigen können. Aber muß denn ein so hochbegabter Politiker damit Zeit verschwenden? Da läge es doch im deutschen Staatsinteresse, daß eine Universität ihn ganz legal promoviert – zum Dr. honoris causa. So ist man schon bei anderen »angesehenen Staatsmännern« verfahren. Und nicht nur Bild hätte wieder einen politischen Star.
P. S.


Schlagfähigkeit
Daß in Libyen ein Staat ohne eigene Verluste zerbombt werden konnte, regt offenbar die militärische Phantasie publizistischer Freunde der »westlichen Wertegemeinschaft« an. Wie straft man den Iran ab? Sanktionen, Computerviren, begrenzte bewaffnete Eingriffe – das alles ist wenig effektiv, legt ein Leitartikler der Frankfurter Allgemeinen dar; aber »Staaten mit atomarer Erstschlagsfähigkeit« seien doch imstande, gegenüber persischen Ambitionen »rote Linien zu ziehen«: »Werden diese überschritten, droht die Auslöschung.« Eine innovative Auslegung des Völkerrechts: Ein Land, das nicht spurt, wird aus der Erdkarte getilgt, präventiv.
A. K.


Erfolgreich
Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat die Effektivität des Rentenmodells untersucht, das vor zehn Jahren mit dem »Altersvermögensgesetz« eingeführt wurde, als staatlich geförderte private Versicherung. In den Medien heißt es, für die Versicherten sei nach dieser Studie das Ergebnis kläglich, sie hätten ihr Geld besser in den altbekannten Sparstrumpf stecken sollen, ganz abgesehen von dem Risiko, daß private Rentenunternehmen in die Pleite geraten könnten. Ein Mißerfolg also? Das kommt mir nicht so vor. Schließlich wird dieses Modell doch nicht Meier-Müller-Schulze-, sondern Riester-Rente genannt, und zur Alterssicherung seines Einführers, des sozialdemokratischen Ministers, hat es gewiß beigetragen. Auch sind die Renditen zu bedenken, derer sich die Versicherungen dank der Riester-Verträge erfreuen. Sparstrümpfe der Rentner hätten den privaten Assekuranzen und dem Ex-Minister Riester diese schönen Ergebnisse nicht gebracht.
M. W.


Das Rentenproblem
Der Staat steckt mächtig in der Klemme.
Das Geld fehlt. Die Finanznot quält.
Man weiß es, daß die
Rentnerschwemme
mit zu den Gründen hierfür zählt.

Die Alten werden immer dreister.
Sie leben üppig und gewagt.
Sie hätscheln ihre Lebensgeister
und sterben erst wenn hochbetagt.

Ganz jung, mit fünfundsechzig Jahren,
wolln sie partout in Rente gehn
und kerngesund und glückserfahren
dem Alter faul entgegensehn.

Es hat den Ruch des Kriminellen,
wie diese Leute ungeniert
den Herrn Finanzminister prellen.
Wird Zeit, daß der jetzt reagiert.

Daß er am Eintrittsalter schraube,
das ist das erste, was er muß.
Dann ist mit diesem Abgestaube
bei vorzeitiger Rente Schluß.

Verweigerung von Hüftprothesen,
hat ein Politiker gewußt,
spart Kosten im Gesundheitswesen
und mindert schnöde Lebenslust.

Man muß nach einer Lösung streben.
Es geht in der sozialen Welt
um weitaus mehr als gutes Leben.
Es geht um Geld, um gutes Geld.

Doch was man tut, man muß lavieren
im Zickzackkurs und wohldosiert,
weil sich die Alten revanchieren,
wenn man sie allzu sehr düpiert.

Sie unbarmherzig aufzuregen,
geht nicht. Kein Kluger wütet blind.
Ach, es ist schwer, sich anzulegen
mit Menschen, welche Wähler sind.
Günter Krone


»Da müssen wir durch«
Fast wäre er achtzig geworden – wer weiß, was die angesehenen Zeitungen, die aus dem Hause Springer beispielsweise, dann über ihn gedruckt oder online gestellt hätten. Aber nun ist er gestorben, und »de mortuis« ... nichts Böses, aber doch möglichst viel Falsches. Und selbstverständlich ein verheerendes Zeugnis im Fach Politik, das vor Nachahmung warnen soll: Ein hochbegabter Chansonnier sei er gewesen, der Schmuddelkindersänger Franz Josef Degenhardt, aber dann sei »die Luft raus gewesen aus dem Talent«, als dieses sich, obwohl doch Vetter eines Erzbischofs, dazu hergegeben habe, »Hofsänger« bei den Kommunisten zu werden. Schreibt Wolfgang Röhl und vermutet, so mancher Text Degenhardts aus seinen Zeiten nach dem Ausschluß aus der SPD hätte »in Ostberlin ersonnen sein können«. Einen »singenden Politruk« nennt Röhls achgut-Kompagnon Henryk M. Broder in der Welt sein Väterchen Franz und erzählt eigene Jugenderlebnisse: Wie er Degenhardt bei einem Festival auf der Burg Waldeck zum ersten Mal gehört habe – »eine Autorität, nach der Antiautoritäre sich sehnten«. Broder leistet Kritik und Selbstkritik: »Wir hatten die Fragen, er die Antworten«, und erinnert sich: »Hätte Degenhardt uns befohlen, uns von der Burgmauer in die Tiefe zu stürzen, wir hätten es getan.« War Broder damals Kiffer? Um eine Halluzination jedenfalls handelt es sich bei diesem seinem frühen Erlebnis – auf der »Burg« Waldeck gibt es gar kein Gemäuer und keinen Abgrund, in den sich irgend jemand hätte stürzen können, das Baybachtal liegt ein gutes Stück entfernt vom Festivalgelände, wo der junge Broder auf den Geschmack kam, Undergroundjournalist zu werden. Franz Josef Degenhardt war es nicht, der ihn dazu animiert hat, denn der, so wissen es die Tageszeitungen aus dem Hause DuMont Schauberg zu berichten, »unterwarf sich der spießigen Disziplin der DKP«. Der Vorstandsdenker des Unternehmens kennt sich in diesem Elend aus, einst hat er die studentenspartakistischen Roten Blätter redigiert, jetzt geht‘s ihm besser, und die von ihm betreuten Zeitungen können ohne jede Unterwürfigkeit melden: »DKP-Barde ist tot.« Friede seinem Parteibuch, denn das – weiß der Kollege Broder – »wird vergilben«.

Franz Josef Degenhardt wußte, was aus Zeitgenossen werden kann, bei denen die rote Wut ein pubertärer Zwischenfall war, wie sie sich »zivilgesellschaftlich« zu bewähren verstehen, »tänzelnd beinahe, zu Pop und Fun«. Die Nachrufe auf ihn, könnte er sie lesen, würden ihn nicht überraschen. »Es wird diesmal wohl schwieriger werden«, wußte er. »Da müssen wir durch.« Vor einiger Zeit schrieb er mir auf einer Postkarte: »dj.1.11 ist unvergessen.« Gemeint war der Jugendbund, dem wir beide viel zu verdanken hatten. »Unbestechlich« hieß dessen aufforderndes Leitwort.

Karratsch hat sich daran gehalten.
Arno Klönne


In zwei Sprachen

Vor fünf Jahren gründete Victoria Knopp den Hörbuchverlag »Libroletto«. Als freie Lektorin war sie oft zu Buchmessen nach Italien gereist und hatte entdeckt, daß das Hörbuch dort noch nicht sehr verbreitet war. Deshalb wählte sie einen italienischen Namen für ihren Verlag (libro = das Buch; letto = gelesen) und brachte zunächst vier Hörbücher auf Italienisch heraus. Unter anderem Texte von Antonio Gramsci und, weil es das in Italien zum Hören noch nicht gab, das Kommunistische Manifest. 2008 folgte das erste Hörbuch in deutscher Sprache: »Erzählungen aus dem Orient«. Da berichtet eine Tuaregfrau über ihre vier Ehen und die Leichtigkeit der Emanzipation in und aus einer traditionellen Kultur, und der Palästinenser Ghassan Kanafani schreibt »über Grenzen hinaus«. Die nächste Publikation enthielt Texte von Autoren aus Ostdeutschland und Osteuropa: Eduard Kotschergin, Franz Fühmann, Herta Müller, Johannes Bobrowski und Isaak Babel. Sprecherin war in beiden Fällen Ria Raphael, die beim Hessischen Rundfunk Kultursendungen moderiert.

Ein weiteres Hörbuch erschien zur Frankfurter Buchmesse 2009: »Grüß mir den Brecht«. Es handelt sich um die Biographie Margarete Steffins, die für Brecht »eine große Person« und »eine Lehrerin« war. Gelesen wird sie von der bekannten Brecht-Interpretin Gina Pietsch. Allein dieses ebenso informationsreiche wie anrührende Buch hätte eine weitere Verbreitung verdient, als sie angesichts der begrenzten Werbemöglichkeiten eines kleinen Verlages bisher möglich war.

Ihren Interessen und ihrem Anspruch folgend, Literatur vorzustellen, die das Spannungs- und Möglichkeitsfeld zwischen den Kulturen beschreibt, hat Victoria Knopp in diesem Herbst »Germanya. In zwei Sprachen sprechen« herausgebracht, mit Texten von Hilal Sezgin, Zafer Senocak und Galsan Tschinag.

Wer die »Integrationsdebatte« nicht mehr hören kann, wem die Sonntagsreden der Politiker über »unsere ausländischen Mitbürger« zum Hals heraushängen und wer wissen will, warum Kultur und Kunst immer mehrsprachig sind, der sollte sich dieses Hörbuch zulegen.
Reiner Diederich

»Germanya. In zwei Sprachen sprechen«, Libroletto Verlag, 12,90 €


Ehrlich und ungeschminkt
Daß sich eine Deutsche in einen Kubaner verliebt, heiratet und mit ihm in Kuba lebt, ist so ungewöhnlich wohl nicht. Bei Margrit Schiller ist das ein bißchen anders: Als zweimal wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung (RAF) in der Bundesrepublik zu Gefängnis Verurteilte blieb ihr, als eine dritte Verhaftung drohte, 1985 nichts anderes übrig, als zu emigrieren. Sie ging, ohne spanisch zu können, nach Kuba, durfte bleiben, obwohl die dafür Zuständigen recht unsicher waren, wie man solche in Europa militant gewesenen Gegner des Kapitalismus behandelt. Sie lebte also in Kuba, verliebte sich in einen schwarzen Jazz-Musiker, bekam Zwillinge ... Das klingt wenig aufregend, aber es war ein besonderes Schicksal. Sie wußte, daß sie nicht nach Deutschland zurück konnte. Sie mußte bleiben, egal, ob es mit der Liebe klappte, egal, ob die Lebensbedingungen bedrückend waren. Als es immer »wackliger« mit der politischen Zukunft Kubas schien, ging sie mit der Familie nach Uruguay, wo sie erst um das reine Überleben bangen mußte, aber dann Arbeit und mehr und mehr Gleichgesinnte fand: Frauen, die am eigenen Leib erfahren haben, wie Gefängnis und Folter den ganzen Menschen prägen. 2003 schließlich wagte sie die Heimkehr nach Deutschland.

Im Exil hatte sie sich ihre Hafterfahrungen von der Seele geschrieben: »Es war ein harter Kampf um meine Erinnerung. Ein Lebensbericht aus der RAF« (Konkret Literatur Verlag, Hamburg 1999). Nun schildert sie die nächste Lebensetappe. Mich hat dabei beeindruckt, wie ungeschönt sie den Alltag in Kuba beschreibt: die Mängel der Lebensmittelbeschaffung, die vorherrschende Macho-Mentalität der meisten Männer, sogar eine Art gewöhnlicher Rassismus gegenüber Schwarzen, überhaupt die andere Art zu leben. Erstaunt hat mich ihre Abstinenz hinsichtlich politischen Betätigungen oder Wertungen, aber gebranntes Kind scheut wohl das Feuer.
Wieder ein sehr ehrlicher Lebensbericht ohne jede Ambition, literarisch aufzufallen.
Christel Berger

Margrit Schiller: »So siehst du gar nicht aus!«, Assoziation A, 169 Seiten, 16 €



Die Lagerprosa Schalamows
Kürzlich erschien der vierte Band einer gut ausgestatteten deutschen Werkausgabe von Warlam Schalamow (1907–1982). Mit dieser auf sechs Bände berechneten Edition und ihrem Echo in Medien und Literaturwissenschaft ist endlich neben Alexander Solschenizyn auch der zweite große literarische Zeuge des Stalinschen Gulag ins Blickfeld der bundesdeutschen Öffentlichkeit gerückt. Das Verhältnis zwischen den beiden Autoren war nach anfänglich freundschaftlichem Kontakt in der Folgezeit eher distanziert, ja antipodisch: Während Solschenizyn als leidenschaftlicher Propagandist seiner Ideen die westlichen Medien weidlich nutzte, blieb Schalamow auf Distanz und vertrat im übrigen – was das Lager betraf – einen radikalen Standpunkt: Dieses sei »eine Negativerfahrung für den Menschen – von der ersten bis zur letzten Stunde«. Hier werde eine »neue Prosa« gebraucht, deren Verfasser nicht »Beobachter«, sondern »Teilnehmer« des Geschehens sei: »Pluto, der der Hölle entsteigt, und nicht Orpheus, der in die Hölle hinabsteigt.« Schalamow betonte sein Bestreben, seiner Prosa größtmögliche Authentizität zu verleihen: »Keine Prosa des Dokuments, sondern eine Prosa, die durchlitten ist wie ein Dokument.« Die Radikalität dieser Programmatik wird verständlicher, wenn man bedenkt, daß Schalamow die Daseinshölle des Lagers dort erlebt hat, wo sie kaum zu überbieten war – nämlich in der nordostsibirischen Region an der Kolyma, wo sich die Brutalität der Bewacher mit den Zumutungen einer gnadenlosen Natur – mit Winterfrösten bis zu minus sechzig Grad – und überdies einer stets zum Töten aufgelegten Kriminellenszene verband. Schalamow distanzierte sich daher von der Emphase, den Heilsbotschaften der klassischen russischen Literatur, er polemisierte im besonderen gegen Dostojewski. Für sein Weltbild und den Umgang mit dem Wort fand er vielmehr bei Autoren der russischen Moderne wie Andrej Bely oder Ossip Mandelstam Anknüpfungspunkte.

In der langen Reihe von Schalamows Erzählungen begegnen wir keinen groß ausgeführten Charakteren, doch dafür vielen treffsicheren Porträts – Momentaufnahmen von Leidenden und halbtot Dahinsiechenden ebenso wie von ihren Peinigern, nicht zu vergessen jene, die sich selbst und ihre Ideale verrieten: ein literarisches Fresco von starker Einprägsamkeit und letztlich sich doch ergebender Monumentalität – und damit von gleicher Weltgeltung wie die Auschwitz- und Buchenwald-Prosa eines Jorge Semprún, Imre Kertész oder Tadeusz Borowski.
Willi Beitz

Warlam Schalamow: »Die Auferweckung der Lärche. Erzählungen aus Kolyma 4«, Matthes & Seitz, 664 S., 29,90 €



Theater mit rotem Pinsel
Marcus Rothkowitz (geboren 1903 im russischen Dvinsk, wanderte mit seiner Familie 1913 nach Portland (Oregon, USA) aus, malte zunächst gefühlsbetonte, später »gefühlserregende« Bilder, nannte sich Mark Rothko. Er wurde, wie’s in der Einladung des Renaissance-Theaters zu dem ihm gewidmeten Stück »Rot« heißt, »zu einem der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts, dessen Werke zu den teuersten der zeitgenössischen Kunst zählen ...« Vor vielen Jahren hatte ich zufällig die Gelegenheit, eine Lithographie des Bildhauers Fritz Cremer zu erwerben. Auf die Frage nach dem Preis sagte der Vermittler: »Fragen Se Cremer selbst, vielleicht treffen Se den Meesta in sein Atteljeh!« Der Meesta erbat höflich 20 Mark (damals Ostmark). Cremer starb 1993. Das Werk heißt »Werden und Vergehen« und wird heute noch von vielen Leuten bewundert, die es an der Zimmerwand sehen. (Cremer war kein Kunsthändler in Personalunion wie jene Leute, die Kunst machen und gleichzeitig damit handeln.) John Logans Bühnendichtung zeigt den alten eigensinnigen Künstler in einem etwa anderthalbstündigen Dialog mit seinem Assistenten Ken, der ihn kennen und verstehen lernen möchte. Ein Wortgefecht zwischen dem penetranten Dickkopf Rothko und dem jungen und intelligenten Ken, seinem männlichen Mädchen für alles ... Schwierig für Regisseur Torsten Fischer und seine beiden Protagonisten Dominique Horwitz und Benno Lehmann. Ken (der coole, beherrschte Lehmann) »stellt die falschen Fragen. Aber genau das sind meist die richtigen«, heißt es treffend in einer dramaturgischen Notiz. Dominique Horwitz identifiziert sich oft intensiv mit den Rollen, so auch hier mit dem tobenden Maler, »was Rothko leider zur Karikatur« eines überdrehten Malers degradiert (wie ein Kritiker fand). Besessen und sehr geschickt übermalt er zusammen mit Lehmann eine Leinwand, bis sie in tiefem Rot erstrahlt. Sein Ziel: Das Rot besiegt das Schwarz! Kein Anstreicher könnte die beiden übertreffen. Ein letztes Kompliment für den großartigen und vielseitigen Horwitz: Gäbe es in Berlin und Brandenburg einen Wettkampf der Kettenraucher, so würde er Landesmeister in dieser dubiosen Disziplin.
Lothar Kusche


An die Lokalpresse
Jetzt ist es wissenschaftlich bewiesen: Streß während der Geburt kann bei Mäusen zu einer späteren Lernschwäche führen. Folglich wissen wir jetzt auch, wie sich Lernschwächen bei Mäusen beheben lassen! Da die Versuche mit Mäusen letztlich dazu dienen, Schlußfolgerungen für höhere Säuger abzuleiten, bin ich als Lehrer höchst gespannt, welche Konsequenzen daraus für die Geburtshilfe und für das schulische Lernverhalten gezogen werden können. Wenn das dazu führt, daß wenigstens einige Schüler den Lehrern zuhören und sie nicht mit Handys oder ausgetrunkenen Bierflaschen bewerfen, haben sich die jahrelange Arbeit der Wissenschaftler und die Mäuseopfer gelohnt! – R. Knillich (49), Lehrer, z. Zt. im Sanatorium, 91617 Oberdachstätten
Wolfgang Helfritsch


Press-Kohl
Das Berliner Ermeler-Haus »stand ursprünglich in der Breiten Straße und wurde erst in den sechziger Jahren Stein für Stein an das Märkische Ufer versetzt«. Warum, weiß ich nicht mehr. Im Prospekt heißt es weiter: »Heute befindet sich im Ermeler-Haus ein Restaurant. Im Gästebuch finden sich Namen wie Leonard Bernstein, Herbert von Karajan, Tilla Durieux, Peter Weck ... Auch die Gräfin Lichtenau, die Geliebte des Kronprinzen Friedrich Wilhelm II., war häufiger Gast im Ermeler-Haus.«

Das dürfte aber noch in der Breiten Straße gewesen sein.
Felix Mantel