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Titel2414

Salzwasser trinken  (Urte Sperling)

Ich lese in der Welt vom 21. Oktober, laut einer Studie der AOK gehöre das sogenannte Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom ADHS zu den am häufigsten diagnostizierten Entwicklungsstörungen. Die damit verbundene unkritische Verschreibung von Methylphenidat (bekannt auch als Ritalin®) habe sich innerhalb von sieben Jahren verdoppelt. Besonders alarmierend seien die Ergebnisse für die Jüngsten, die gerade in die Schule kommen und erst kurz vor dem gesetzlichen Stichtag sechs Jahre alt geworden sind. Sie haben oft einen geringeren Entwicklungsstand als ihre etwas älteren Mitschüler_innen. Dies heiße, ihre »altersgerechte Verspieltheit« und »typische Unbändigkeit« werden als Symptome gedeutet und häufig auch mit Psychopharmaka behandelt.


Diese Sorte Medikamente können – das zeigen einschlägige Erfahrungen – zur Einstiegsdroge für Kinder und Jugendliche werden, auf die später nicht selten die Abhängigkeit von anderen Medikamenten oder auch illegalen Drogen folgen.


Als Ritalin® in Deutschland auf den Markt kam, gab es keine Kontrollbehörde, die hier Einhalt geboten hätte. Damals schon wurden unüberhörbare Warnungen vor diesem Weg der pharmakologischen Ruhigstellung von Kindern laut. Sie blieben folgenlos – zu mächtig die Interessen der Pharmahersteller und ihr Einfluß auf Kinder- und Jugendpsychiater_innen, die ihre Eigenverantwortung irgendwann im Verlauf ihrer Ausbildung im Galopp der Karriereerfordernisse und des Anpassungsdrucks verloren haben.


So kam es zu einem De-facto-Bündnis von Herstellern, Ärzt_innen und Eltern. Nachdem die Bildungspolitik den Wahnsinn der Schulzeitverkürzung und des Bologna-Prozesses in Anforderungen bis in die Grundschullehrpläne durchgesetzt hat, wird allen »Störer_innen« dieses Prozesses die Stillsitzdroge zur Anpassung anempfohlen, und überforderte Lehrer_innen nehmen diese »Hilfe« zur Erleichterung für ihre Arbeit gern an.


Doch damit nicht genug. Auf der Wissenschaftsseite der FAZ vom 22. Oktober lese ich die Überschrift: »Nicht alle Speibabys brauchen Medikamente« und erfahre, daß Kinderärzt_innen Säuglingen immer häufiger Säureblocker verordnen. Der Wahnsinn nimmt seinen Lauf.


In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind die Pharmakonzerne zur planmäßigen Erzeugung einer ständig expandierenden Nachfrage, zur Eroberung immer neuer Absatzmärkte übergegangen, ohne daß die Folgen dieses Prozesses ernsthaft in den Blickpunkt gerieten, sieht man von der Pharmakampagne der Bundeskoordination Internationalismus (BUKO) ab, die die Folgen für die Entwicklungsländer anprangerte.


Ein weiteres Beispiel ist die Normierung von Bluthochdruck, Blutfett- und Blutzuckerwerten. Ihre sukzessive Senkung und damit die Vorverlegung des Alarms für Gefäßverkalkung legitimierte den steigenden Einsatz von Medikamenten und Ersatzfetten. Hier macht nicht nur die Pharma-, sondern auch die Margarine- und Lebensmittelbranche gute Geschäfte. Für die Kinder und Jugendlichen Ritalin®, für die Speibabys Säureblocker, für die jungen Frauen Kombinationspillen Empfängnisverhütung plus schöne Haut, »social freezing« für die Karriere – die Liste ist schier unendlich.


Ein Einfallstor für diese Entwicklung – das ist fatal, aber leider nicht mehr rückgängig zu machen – war ein Konzept von Vorbeugung (Prävention). Der Grundsatz der Prävention zielte seit den 1920er Jahren darauf, krankmachende Verhältnisse zu ändern. Deshalb fand er auch in Gewerkschaften und linken Parteien Anklang. Inzwischen geht es in der Gesundheitspolitik nicht mehr vorrangig darum, die Verhältnisse den Menschen anzupassen, sondern die Menschen paßgerecht für die Verhältnisse zu machen, was »Verhaltensprävention« – eigentlich ein Unwort – genannt wird. Letztlich, so die Botschaft, geht es ja auch anders, denn für jede körperliche Fehlanpassung an Arbeits- und Umweltbedingungen steht ein Mittelchen parat, dessen Nebenwirkungen wieder neuen Bedarf nach wieder neuen Mitteln produzieren. Die Proteste gegen die Verkehrung der Konzepte hielten sich in Grenzen. Folgender Zusammenhang kann vermutet werden:
Eine schnelle massenhafte Verbreitung neuer – auch zweifelhafter – Medikamente senkt deren Herstellungskosten (»economies of scale«) und macht sie auch erschwinglich für die gesetzlichen Krankenkassen und deren Klientel: die sozial Schwächeren. Ihre Produktion und ihr Export bringen nicht nur Profite, sondern schaffen und sichern auch Arbeitsplätze; Arbeitgeber und -nehmer_innen sitzen hier im gleichen Boot der Standort-Interessen. Dies erlaubte und erlaubt den Durchmarsch der Lobbyisten in der Gesundheitswirtschaft in fast jeder Hinsicht.


Wer dies benennt, gerät schnell in den Verdacht, er oder sie wolle zurück in vormoderne heilkundliche Verhältnisse oder hänge esoterischen Glaubensrichtungen an. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Alternativen zur gesundheitswirtschaftlichen Gleichschaltung in Sachen medizintechnischer Fortschritt wäre dringend notwendig.


Oder sollte es schon zu spät sein? Es gibt Berichte von Schiffbrüchigen, denen, allein auf hoher See, nichts anderes übrigbleibt, als das Salzwasser des Meeres zu trinken, so daß ihr Durst immer größer wird, bis sie wahnsinnig werden. Und gegen diese finale Erkrankung sind dann noch nicht einmal Psychopharmaka parat.