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Titel2414

Bemerkungen

Reisefreude?
»Sozialtourismus in Europa wird Riegel vorgeschoben« – so die Schlagzeile, mit der die Frankfurter Allgemeine über ein Urteil des Europäischen Gerichtshofes berichtet, das es für rechtmäßig erklärt, Zuwanderern aus anderen Ländern der EU Sozialleistungen zu verweigern. So generell, wie diese Überschrift es erscheinen läßt, ist allerdings die Entscheidung der Europarichter gar nicht getroffen worden, sie betrifft einen spezifischen Fall. Aber davon abgesehen – aufschlußreich ist, wie in deutschen Zeitungen ein Verhalten bezeichnet wird, das bitterer Not entstammt. Aus Armutsmigration wird »Sozialtourismus«, so als hätten diese »Touristen« sich von den Reiseseiten der FAZ anregen lassen, schröpften dabei aber böswilligerweise die deutsche Staatskasse.

M. W.


Propaganda als »Weisheit«
Der »Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Lage« hat wieder einmal im Gewande der Wissenschaft seinen Beitrag für großunternehmerische Agitation geliefert. »Mehr Vertrauen in Marktprozesse« heißt die auffordernde Überschrift des Gutachtens, der Form nach an die Bundesregierung gerichtet, faktisch – vermittelt über die »wirtschaftsnahen« Medien – ans niedere Volk. »Wachstum«, so die »Wirtschaftsweisen«, sei für die Bundesrepublik am besten zu erreichen, indem die Politik von der »Umverteilung« ablasse. Verfehlt sei die ganze »Debatte über arm und reich«. Auch bescheidene sozialpolitische Projekte wie der Mindestlohn, die Rente mit 63 und die Mütterrente müßten »rückabgewickelt« werden, sie wirkten schon jetzt konjunkturschädigend. Diesen Vorwurf nahm die Kanzlerin (wo sie recht hat, hat sie recht) mit »Verwunderung« zur Kenntnis, diese Gesetze seien doch noch gar nicht in Praxis umgesetzt. Sympathie für die Sachverständigenweisheit ließ bemerkenswerterweise Kerstin Andreae erkennen, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag. Ihre Partei hat offenbar nicht die Absicht, sich in Zukunft noch über Reichtum und Armut Gedanken zu machen.

A. K.


Agitation und Propaganda
Nach einer Pressenotiz hat Frau Merkel am Jubiläumstag des Mauerfalls gesagt: »Natürlich war die DDR ein Unrechtsstaat«. Wenn es richtig ist, daß sie FDJ-Sekretärin für AgitProp war, drängt sich die Frage auf, wann sie das gemerkt hat.

Günter Krone


»Entschuldigungs«-Politik
Im Parteienmarkt gehört das inzwischen zur Routine: Vorstände entschuldigen sich. Für das, was ihr Unternehmen in der näheren oder ferneren Vergangenheit an gemeingefährlichen Fabrikaten leider unter die Leute gebracht habe, realgeschichtlich oder programmatisch. Jüngst beispielsweise die Sprecher der Partei Die Linke – für ein ganzes historisches, teildeutsches Staatswesen, das Unrecht verübt habe. Und die Parteivorsitzende der Grünen für pädosexuelle Papiere, die dem Kindesmißbrauch Rechtfertigung verschafft haben könnten. Hat sich eine reuige Sensibilität für eigenes Verschulden im Feld der Politik entwickelt? Und wo ist das »Eigene« historisch zu verorten?


Der Satz »Ich entschuldige mich« ist in seinem Bedeutungsgehalt ungewöhnlich flexibel. Im Alltagsgebrauch wird er eingesetzt, um ein Verhalten »wiedergutzumachen«, das impulsiv oder eher versehentlich zur Beschädigung oder Beleidigung anderer Menschen geführt hat. Es liegt Ungenauigkeit in der Formulierung. Will der Missetäter sich selbst seine Schuld vergeben? Will er nahelegen, daß es sich nicht wirklich um eine Verschuldung handele? Kann oder möchte er sich nicht sprachlicher Korrektheit bedienen? Diese beachtend würde es heißen: Ich bitte um Vergebung für meine/unsere Schuld.


Was nun die Politik und die Parteien betrifft, treten beim Entschuldigen einige Probleme auf, denn hier wird zumeist für ein Kollektiv gesprochen und über dessen Geschichte. Um von den beiden Beispielen zu reden: Besteht die Mitgliederschaft der Partei die Linke heute in ihrer Mehrheit aus Menschen, die einst in der DDR das Sagen hatten? Und die der Grünen aus jenen, die in der Frühzeit dieser Partei eifrig Revoluzzerisches jedweder Sorte von sich gaben? Wie lange dauert die »Verantwortungs«-Frist einer Partei für das, was ihre Vorgängerschaft getan oder programmiert hat? Haben die Vorstände sich vergewissert, daß sie beim Entschuldigen für die Mitglieder ihrer Partei sprechen – es soll doch innerparteilich demokratisch zugehen?


Folgt man den derzeitigen entschuldigungspolitischen Sitten, so könnten noch viele derartige Auftritte zu erwarten sein. Etwa: Die Vorstände der CDU und CSU entschuldigen sich dafür, daß sie bei der staatlichen Teilung des Nachkriegsdeutschlands tätige Unterstützung geleistet, insofern als Geburtshelfer eines »Unrechtsstaates« gewirkt haben. Und dafür, daß sie, in Zeiten des Kalten Krieges regierend, ein rechtswidriges Überwachungssystem in der Bundesrepublik administriert haben. Oder, aus anderer politischer Sicht: Die gegenwärtigen Vorsitzenden der Grünen entschuldigen sich dafür, daß ihre Partei vor Jahren pazifistischen Neigungen erlegen war, sich nicht zu den militärischen Pflichten deutscher Weltpolitik bekennen wollte. Noch einmal andererseits: Will man im Erinnerungsjahr an die »Urkatastrophe« weiter zurückgreifen, könnte sich die SPD dafür entschuldigen, daß sie 1914 dem Krieg Kredit gegeben und so den aggressiven staatlichen Obrigkeiten Rückhalt gegeben hat.


Entschuldigungspolitik bietet noch viele Möglichkeiten; ihre Nutzung ist abhängig von Konjunkturen und Kalkül im Parteienmarkt, auch von den thematischen Trends in den Medien. Historische Vorgänge werden dadurch zu Materialien für die Austragung politischer Konkurrenz in der Gegenwart. Geschichte wird dabei selektiv behandelt; sie selbst kann sich dagegen nicht wehren.


Und so dürfen wir mit weiteren Entschuldigungen rechnen. Vielleicht irgendwann sogar mit einer aus dem Munde der jetzigen Kanzlerin: Daß sie aus parteitaktischen Motiven die Zukunftsaussichten der deutschen Gesellschaft geschönt, die sozialen Probleme verdeckt und so zum Elend beigetragen habe.

A. K.


Konkurrierende Tarifverträge

Die Gewerkschaft der Lokomotivführer möchte nicht nur für Lokführer/innen, sondern noch für weiteres Zugpersonal, das bei ihr organisiert ist, einen eigenen Tarifvertrag abschließen, stieß aber damit in den vergangenen Monaten bei der Deutschen Bahn auf Ablehnung. In diesem Personalbereich ist schon die (zum Deutschen Gewerkschaftsbund gehörende) Eisenbahnergewerkschaft EVG mit einem Tarifvertrag aktiv. Die GDL hat für ihr Anliegen mehrfach gestreikt und von allen Seiten verbale Prügel bezogen – nicht nur durch Bahnkundschaft, Politiker/innen und Massenmedien, auch DGB-Boß Sommer und ver.di-Chef Bsirske haben sich ablehnend geäußert. Zugunsten der Tarifeinheit müßten konkurrierende Tarifverträge unbedingt vermieden werden, heißt es.


Dabei ist Tarifvertragskonkurrenz selbst bei DGB-Gewerkschaften nicht ganz ungebräuchlich. So berichtet die Zeitschrift ver.di publik (7/2014, S. 5), daß nach der IG Metall nun die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft mit einem bundesweit tätigen Logistikunternehmen neue Tarifvereinbarungen getroffen hat: »Mit den neuen Regelungen sind ver.di-Mitglieder jetzt im Vorteil gegenüber den durch die IG Metall [...] vereinbarten Regelungen. Welcher Tarifvertrag Anwendung findet, entscheiden nun die Gewerkschaftsmitglieder durch ihre Mitgliedschaft.«


Selbst wenn man konkurrierende Tarifverträge nicht für die beste der möglichen Lösungen hält, bleibt die Frage: Warum soll bei der Bahn nicht gehen, was bei den Logistikern offenbar funktioniert?

I. D.


Eine Reise in die Vergangenheit
hat Frank Steger unternommen und dabei den Kampf zwischen Lohnarbeit und Kapital im BMW-Motorradwerk Berlin zwischen 1984 und 1987 dokumentiert. Beteiligt waren die Belegschaft und dazu Akteure wie Rainer Knirsch, Hans Köbrich und Peter Vollmer, die in diesem Betrieb nicht nur ihre Arbeitskraft verkauften, sondern auch linke kritische Betriebsarbeit leisteten.


Beschrieben wird die tagtägliche Arbeit als interessenbewußter Arbeiter, als Gewerkschafter, als Betriebsrat, dazu aufgezeigt die arbeitsrechtliche Situation, konkret und systembedingt, samt der Öffentlichkeitsarbeit: im Betrieb für die Belegschaft; für die Interessierten außerhalb, die Anteil nehmen und solidarisch sind; für Presse, Funk und Fernsehen; die Vernetzungsarbeit.


Knirsch, Köbrich und Vollmer wurde während der Auseinandersetzung mit BMW insgesamt 20 Mal gekündigt, sie hatten jahrelang keinen Zugang zum Betrieb, und die über 100 arbeitsrechtlichen Verfahren haben BMW sicher viel Geld gekostet. Trotzdem gewann BMW keinen der Prozesse!


Da das Kapital heute wie vor 30 Jahren mit den immer gleichen Strategien operiert – Beeinflussung und Behinderung von Betriebsratswahlen, Disziplinierung kritischer Beschäftigter, Verweigerung der sowieso zu schwachen Rechte aus dem Betriebsverfassungsgesetz –, ist Stegers Buch so notwendig, denn hier kann man lernen, wie Solidarität organisiert werden muß und ein Komitee geschaffen wurde, das BMW entgegentreten konnte.


Bodo Zeuner, der Sprecher des damaligen Solidaritätskomitees, weist in seiner Einleitung zum Buch vor allem auf ein wichtiges Problem hin: den Unterschied von »gelben«, also vom Arbeitgeber gekauften Interessenvertretern, zu »sozialpartnerschaftlichen« Betriebsräten und Gewerkschaftern.


Daß alle Prozesse gewonnen wurden und unter anderem der BMW-Vorstandsvorsitzende mit einem Zwangsgeld von 100.000 DM, ersatzweise sechs Wochen Haft, bedroht wurde, wenn BMW rechtskräftigen Urteilen nicht folge, ist auch eine Ermunterung für jene, die dem Kapital die Stirn bieten. Das Buch ist nicht nur informativ, es bietet Spannung, und je länger man den gut geschilderten Konflikt verfolgt, umso mehr steigt die Wut gegen die Willkür, die es nicht nur bei BMW gab und gibt.

Dieter Braeg

Frank Steger (Hg.): »Macht und Recht im Betrieb. Der ›Fall BMW-Berlin‹. Gewerkschaftliche Betriebsarbeit zwischen ›gekaufter Vernunft‹ und unbestechlichem Widerstand«, Verlag Die Buchmacherei, 352 Seiten, 14,95 €


Atomschläge
Eine »nukleare Komponente« enthalten die Militärmanöver, in die zur Zeit auch die osteuropäischen Jungmitglieder der NATO einbezogen werden – die Begrifflichkeit verdeckt ein massenmörderisches Risiko. Das erinnert an Bemühungen altbundesrepublikanischer Politiker, sich in den Besitz dieser »Komponente« zu bringen: Um die in der westdeutschen Bevölkerung weitverbreitete Abneigung gegen atomare Rüstung kleinzureden, beschrieb Bundeskanzler Konrad Adenauer die Atomwaffe als »Weiterentwicklung der Artillerie«. Um jeden Preis wollte der westdeutsche Staat atommilitärisch »souverän« werden, was allerdings Besorgnis auch bei NATO-Verbündeten hervorrief. Als »Verteidigungs«-Minister ließ Franz Josef Strauß das Konzept für einen atomaren »Präventivschlag« gegen die UdSSR ausarbeiten, dem Vertrag über die Nichtverbreitung von Atomwaffen wollten Adenauer und Strauß nicht beitreten, ein »Versailles von kosmischen Ausmaßen« werde da über die Bundesrepublik verhängt. Der Protest im eigenen Lande und die Bedenken westlicher Partner zügelten damals den Drang der westdeutschen Regierung nach eigener atomarer Rüstung – ein weithin in Vergessenheit geratenes Kapitel aus der Geschichte der Bundesrepublik.

P. S.


Tödlich für die ganze Menschheit
Der Koalitionsvertrag der Union-SPD-Bundesregierung besagt: »Mit ihrer Neuausrichtung wird sie [die Bundeswehr] auf die veränderten sicherheitspolitischen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts ausgerichtet. Wir werden diese Neuausrichtung konsequent fortsetzen und zum Erfolg führen.« Die Ausrichtung reicht bis zur Atomwaffe. Der Koalitionsvertrag bekennt sich zur Umsetzung der Beschlüsse der NATO-Tagung im Mai 2012 in Chicago. Was das heißt? Nun: In Chicago vereinbarte man unter anderem: Die »NATO wird [...] sicherstellen, daß alle Elemente der nuklearen Abschreckung der NATO solange zuverlässig, sicher und effektiv bleiben, wie die NATO ein nukleares Bündnis bleibt [... Dabei] ist es erforderlich, daß [...] die Planungsrichtlinien den Anforderungen des 21. Jahrhunderts entsprechend angepaßt werden.«


Damit fällt selbst die Regierungspartei SPD hinter ihren einstigen Bundespräsidenten Heinemann zurück, der früh schon – am 25. März 1958 – im Bundestag als Abgeordneter sagte: »Was heißt Verteidigung der Freiheit mit Atomwaffen, wenn nach der Verteidigung keiner mehr da ist, der diese Freiheit wahrnehmen kann?« Und die jetzige Koalition fällt sogar hinter die FDP Westerwelles zurück, die in ihrem Koalitionsvertrag dereinst noch die Forderung nach Abzug aller Atomwaffen aus Deutschland verankerte. Heute aber wird geplant, die in Deutschland lagernden A-Waffen zu modernisieren. Diese Modernisierung erfolgt in Büchel (Eifel), dem deutschen Atomwaffenstützpunkt von NATO und USA.


Über den Absturz eines Tornadoflugzeugs vom 16. Januar 2014 in der Nähe Büchels wird bis heute Stillschweigen geübt. Warum wohl? Bei anderen Meldungen verlassen sich die offiziellen Stellen darauf: Tote reden nicht – und sie können sich nicht verteidigen gegen das, was über sie im Zusammenhang mit dem Aufprallen eines Eurofighters auf einen Learjet 35 berichtet wird. Der Vorfall trug sich am 23. Juni 2014 über dem Sauerland zu. Die Eurofighter sind ständig in der Luft; sie wurden und werden vom NATO-Luftkommando Kalkar/Uedem gelenkt und haben die Aufgabe, »verdächtige« Flugzeuge abzuschrecken oder zum Absturz zu bringen. Der Standort Kalkar/Uedem ist das Gegenstück zu Ramstein, worüber hier und dort im Zusammenhang mit dem Drohnenkrieg der USA von deutschem Boden aus berichtet wird. Alles, was Ramstein jetzt kann, wird künftig Kalkar/Uedem auch können. Ramstein ist für den Raum südlich der Alpen zuständig, Kalkar/Uedem für den Raum nördlich der Alpen. Schon jetzt brüstet man sich dort damit, einen Radius bis zum Baltikum abzudecken, große Teile Rußlands eingeschlossen (s. Ossietzky 7/12).


Vom 18. bis 20. November fand eine NATO-Spitzentagung des Kalkarer Joint Air Power Competence Centre (JAPCC; Gemeinsames Luftmacht-Kompetenzzentrum) statt. Diesmal unter dem Titel »Future Vector«. Der Pfeil oder Vektor steht nicht für einen schnellen Weg in eine gute Zukunft. Er fliegt über Europa bis ins All. Er kann die Zukunft der Menschheit tödlich treffen: Man spricht im Tagungsmaterial von »Nexus« und meint damit die Verbindung aller Elemente der Kriegsführung. Auch der atomaren. Zur derzeitigen Tätigkeit des Luftkommandos gehört die Ermöglichung jeder Art von »tödlicher wie nichttödlicher militärischer Gewaltanwendung«. In den Dokumenten wird von Luft-, Weltraum- und Cybermacht als eigenständiges, offensives (!) und möglicherweise entscheidendes Instrument gesprochen. Das ist eine unverhohlen offensive Strategie. Im NATO-Tagungsmaterial des JAPCC für 2014 ist zu lesen: »Die zwei Jahrzehnte überdauernde Annahme, daß es in Europa keinen Ausgangspunkt für einen größeren Krieg gebe, ist einigermaßen zweifelhaft.« Das heißt doch: Der Krieg ist möglich, schon bald, und die NATO sieht sich als Sieger.

Ulrich Sander


Verantwortung für drei Groschen

In diesem Jahr geistert das Wort »Verantwortung« durch die Sprache der Außen- und Militärpolitik. Es begann mit der Rede des Bundespräsidenten vor der Münchener Sicherheitskonferenz im Januar, wo er unter dem Titel »Deutschlands Rolle in der Welt« einige Anmerkungen zu dessen so gesehener »Verantwortung« machte. Die Quintessenz: mehr Militäreinsätze. Der Außenminister und die Militärministerin sekundierten Gauck eifrig. Ihm war übrigens schon klar, daß für viele »Verantwortung« ein »Codewort« sei, das »verschleiere, worum es in Wahrheit gehe«. Dennoch machte er ostentativ Gebrauch davon, vermutlich eben der propagandistischen Wirkung und jenes Verschleierungseffekts wegen. Derweil mutierte die Bundeswehr, weg von der Verteidigungsarmee, hin zur Einsatzarmee. Es geht um Macht und Einfluß.


Schon 1992, bald nach der Wiedervereinigung, kursierten Wörter wie »Normalität« (des Militärischen) und »Verantwortung«. Kanzler Kohl zum Beispiel sprach betont von Deutschlands »gewachsener Verantwortung in der Welt«.


Bertolt Brecht hat diesen Wortgebrauch sprachkritisch vorweggenommen, in seinem 1934 im Exil erschienenen »Dreigroschenroman«. Dort sagt der zwielichtige Großhändler Aaron zum ebenfalls zwielichtigen und skrupellosen, jedenfalls ein mächtiges Syndikat anstrebenden Macheath: »In einem Ring, wie Sie ihn sich vorstellen, … würden Sie, der Sie gleichzeitig die ZEG [Zentrale Einkaufsgesellschaft] sind, allerdings eine starke Position haben, Macheath?« / »Sagen wir – eine starke Verantwortung!« gab Macheath freundlich zurück.

Gerhard Müller


Kurt Tucholsky und Erich Kästner
lautete der profane Titel der Jahrestagung der Kurt-Tucholsky-Gesellschaft, die diesmal in Kästners Mutterstadt Dresden stattfand. Wer über das familiäre Beziehungsgefüge des in der Nähe des Albertplatzes geborenen und aufgewachsenen Autors im Bilde ist, wird sich nicht darüber wundern, daß die Bezeichnung »Vaterstadt« hier bewußt vermieden wird.


Und Tucholsky, was hatte er mit Dresden zu tun? Wie Goethe, dem man in jedem Kaff eine Eiche widmete, an der er einst angetrunken gelehnt haben soll, hinterließ auch Tucholsky fast überall irgendwelche Spuren: im Spessart und im Schwarzwald, in Greifswald und in Graal-Müritz, in Paris und in den Pyrenäen, im Tessin, in Zürich, in Dänemark oder Schweden und eben auch in Dresden. Daß er seinem kurzen Leben soviel Zeit für die Reiserei und noch mehr für die Schreiberei abringen konnte – und das ohne ICE und Laptop –, bleibt für mich sowieso das achte Weltwunder.


Aber in Dresden, und zwar in den teuren »Salatorien« der Chefmediziner Lahmann und Weidner (die konsonantische Aufhübschung besorgte der Patient Tucholsky selbst), hatte er 1928 das Kreuzdurchdrücken und das Kreuzworträtseln geübt. Daß seine Großcousine Brigitte Rothert, einzig noch lebende, in Dresden beheimatete und herzlich begrüßte Verwandte des Pseudonymers, aus seinen Briefen hoch vom »Weißen Hirsch« las, gab der Sache ein besonderes Timbre.


Zweifellos: Tucholsky und Kästner waren Zeitgenossen, beide zeichneten sich durch literarische Vielfalt aus, beide wurden durch ihren Verstand und eigene Erfahrungen zu Kriegsgegnern, beide waren Gesellschaftskritiker und Antifaschisten, und beide belieferten die Weltbühne. Daß sie das aber nicht gleich und vielleicht nicht einmal ähnlich macht, analysierte der Germanist Harald Vogel im Hauptvortrag der Tagung überzeugend. Beider Schriften wurden im Mai 1933 öffentlich verbrannt, aber während Theobald Tiger schon vorher seine Heimat verlassen hatte, um der physischen Vernichtung zu entgehen, schlängelte sich Kästner mit einigen Kompromissen durch das »tausendjährige Reich«. Er saß zwar, wie es in seinem »Eisenbahngleichnis« heißt, im gleichen Zug, aber nicht unbedingt im gleichen Coupé.


Vogels kritischer Vergleich »Nähe und Distanz – inneres und äußeres Exil« korrespondierte mit der Textauswahl, die Marlis und Wolfgang Helfritsch in ihrem Programm »Junge, schick‘ die Wäsche!« getroffen hatten. Sie würdigten in ihrer Hommage zugleich die engagierte Haltung des häufig auf den Kinder- und Jugendschriftsteller eingeengten Literaten in der Nachkriegszeit, seinen Protest gegen die deutsche Wiederbewaffnung und seine Warnungen vor dem neofaschistischen Moloch.


Der Hauptteil der Konferenz wurde übrigens im Kästner-Haus in der »Villa Augustin« bestritten. Herr Augustin war nicht nur ein reicher Pferdehändler, sondern auch Kästners Onkel, und so nimmt es nicht wunder, daß Erich als Plastik auf dem Zaun der Villa hockt und dortselbst seine Kindesbeine baumeln läßt.


Eine Tucholsky-Kästner-Textauswahl, zu der Kabarettist Burkhard Engel in den Fritz-Löffler-Saal des Kulturrathauses eingeladen hatte, vereinte beide Autoren abschließend noch einmal auf der Bühne.

W. H.


Wekwerths Geburtstagsfeier

Es war lange geplant: Am 3. Dezember sollte Manfred Wekwerths 85. Geburtstag gefeiert werden. Und dabei bleibt es, obwohl der große Theatermann am 16. Juli gestorben ist. Die Feier findet um 19 Uhr unter dem Motto »›Happy End‹ und Hackepeter« im Münzenbergsaal des ND-Hauses, Franz-Mehring-Platz 1, Berlin (Nähe Ostbahnhof) statt.

Red.


Der Film »Jack«
schafft Erstaunliches, er zeigt eine alte Form der Kindesmißhandlung (Vernachlässigung, Überforderung, Alleinlassen) in einem zeitgemäßen Gewand und erzeugt damit ein Bewußtsein, das sogar hinter lächelnde Prenzlauer-Berg-Muttis schaut, die ihre Kinder herzen und küssen und als die Liebsten bezeichnen. Sicher hat es dieses Phänomen immer gegeben, bei schwerer Kindesmißhandlung finden wir es nicht selten, daß die Täterinnen und Täter zärtlich und liebevoll daherkommen. Aber bisher ist man doch zumindest immer davon ausgegangen, daß es dazu die typisch ins Aggressive kippenden Überforderungsmomente gibt. Nicht so in diesem Film. Die Mutter ist witzig, spritzig, kuschelt mit ihren Kindern auf dem Sofa, hat eine aufgeräumte und wunderschön gemütliche Wohnung, nichts ist dreckig oder verwahrlost, sie hält Kontakt mit ihren Kindern über vor der Haustür im Schuhregal deponierte Zettelchen, und die Katastrophe beginnt nur deshalb, weil der Junge einmal unvorhergesehen und ohne Schlüssel nach Hause kommt.


Das Delikt der Mutter: Alleinlassen und Bedürfnisverfehlung. Die Auswirkungen dieser seelischen Belastungen werden dezidiert und minutiös geschildert. Die Kamera zieht mit dem älteren Jungen mit, zeigt all die Momente, in denen die Mutter ihn nicht erlebt und die normalerweise nicht sichtbar sind. Es ist ein Film der Parteinahme, ein Film aus dem inneren Erlebnisbereich eines zu früh zum Erwachsenen erklärten Kindes. Klar sagt der Junge, daß er die ihm aufgebürdeten Lasten meistert, alles könne, klar kommuniziert er mit der Mutter auf Augenhöhe bei der Betreuung des kleineren Bruders, die er fast komplett samt Haushaltspflichten übernimmt. Aber der Regisseur läßt das ernst-erwachsene Gesicht des Jungen sprechen. Wir lesen in ihm, wir fühlen, was er fühlt, was er sich wünscht, was er wirklich denkt. Dabei ist sein Gesicht kaum jemals stark bewegt, immer von sachlich-aufmerksamer, in diesem Fall ruhiger Starre, wie wir es von Fachvorträgen über Kindesmißhandlung kennen. Nur winzige Bewegungen seiner Mimik verraten seinen Zustand.


Eine schauspielerische Glanzleistung des Kinderdarstellers, kein Gramm Klischee, keine Übertriebenheit, keine Geste etwa Mitleid heischend. Der Zuschauer nimmt viel mit: Das Kind verringert seine Mimik nicht nur aus kinderdepressiven Gründen, sondern vor allem, um der Mutter Schuldgefühle zu ersparen. Es geht schon, scheint er immerfort zu sagen, du kannst gehen, ich mach das schon, ich kann das. Er ist »vernünftig«, »schon groß«, er ist ihr Partner, ihr Mitbewohner. Lange schon hat er aufgegeben, sie anzubetteln, daß sie doch bleiben soll. Lange schon ist er in die Partnerrolle geschlüpft, die er aus Liebe zu ihr angenommen hat. Die Mutter ist stark, sie schmeißt ihre Männer raus, wenn die etwas gegen ihren Sohn sagen, die Kinder kommen zuerst, sagt sie. Eine gute Mutter, die ihre Kinder liebt, für sie einritt und ihnen ihre Liebe ständig verspricht und zeigt. Nur ist diese Mutter leider selten da. Welches Leben sie führt, erschließt sich indirekt, aus dem dreitägigen roadmovie-artigem Suchen des Sohnes nach der Mutter.


Typische Lebenssituation: Gelegenheitsjobs, Freundesgruppen, Partys. Die Mutter ist weder jähzornig noch rauschgiftsüchtig, sie ist weder krank noch cholerisch, sie ist einfach nur nicht da. Damit wirft der Film einen einfühlsamen Blick auf das vernachlässigte Problem des Alleinlassens. Was macht das mit Kindern? Am Ende trifft der Junge eine Entscheidung. Der Film ist auch ein Entwicklungsroman, dabei bestens komponiert, hält den Spannungsbogen straff. Ein starkes Stück Kinderpsychologie, bitter notwendiger Kommentar zu einem neuzeitlichen Massenphänomen. Empfehlenswert!

Anja Röhl

»Jack«, Regie und Drehbuch: Edward Berger, 102 Min.


Obama bringt Putin Benehmen bei
»Man marschiert nicht in andere Länder ein«, belehrte US-Präsident Obama seinen russischen Amtskollegen Putin. Mit »man« meinte er freilich nicht die USA. Deren Militär ist, wie Obama weiß, schon in viele Länder einmarschiert. Und manchmal, um Infanterie und Artillerie zu schonen, lassen die USA andere Länder aus einigen Kilometern Höhe bombardieren oder von unbemannten Drohnen beschießen. Zur Invasion brauchen sie heute keine Stiefel mehr. Und wo sie einmal Fuß gefaßt haben, errichten sie Militärstützpunkte – inzwischen sind es weltweit hunderte. Auch in der Ukraine sind die USA jetzt mit hunderten Militärberatern präsent, die für Bewaffnung und Ausbildung ukrainischer Soldaten oder Söldner sorgen.


Militärische Invasion ist nicht die einzige Möglichkeit, andere Länder zu besetzen. Die USA beherrschen auch die ökonomische und nicht zuletzt die propagandistische – mit der Folge, daß das Publikum die dreisten Lügen des US-Präsidenten wohlwollend zur Kenntnis nimmt.


Seit einigen Tagen können wir im Internet aktuelle Videos des russischen Senders rtdeutsch empfangen (die Buchstaben rt stehen für russia today). Ein kleiner unausgereifter Versuch, antirussischer Propaganda entgegenzuwirken, die an Schamlosigkeit zunimmt. Günther Jauch am 16. November in der nach ihm benannten Fernsehsendung im Ersten Programm: »Früher konnte man ja bei der alten Sowjetunion mal die Hoffnung haben, daß sich Probleme bei den Herrschenden oder bei der sowjetischen Politik biologisch erledigen. Putin ist vergleichsweise jung ...« Hetze, die ans Leben greift.

Alfred Noll