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Titel2508

Die Shministim  (Ellen Rohlfs)
Schlimm, traurig, entmutigend sind die Nachrichten aus Israel, aus Palästina, vor allem aus Gaza. Und doch gibt es immer mal einen kleinen Lichtblick. Hier ist einer.

Über Howard Zinn, den bekannten US-Historiker und kritischen Politikwissenschaftler, bekam ich eine Mail von der Jewish Voice for Peace, die darum bittet, jungen mutigen Israelis, die aus Gewissensgründen den Militärdienst verweigern, zu schreiben, um ihnen unsere Solidarität zu zeigen und ihnen Mut zu machen, denn auf Grund ihrer Weigerung zieht der Staat sie vor Gericht, und sie bekommen eine Gefängnisstrafe, die womöglich immer wieder verlängert wird. Es ist also kein Honigschlecken, zu den Shministim zu gehören.

Bevor ich einige von ihnen zu Wort kommen lasse, erst etwas Allgemeines über sie: Seit März 2005 gibt es diese Gruppe oder besser diese Bewegung. Sie fing mit einem Brief an den Ministerpräsidenten an. 250 Gymnasiasten der achten Klasse schrieben ihm, sie glaubten an die Werte der Demokratie, des Humanismus und des Pluralismus und weigerten sich deswegen, ein Teil der Besatzung und des Unterdrückungsregimes zu werden. Die Shministim (wörtlich übersetzt: Achtkläßler) sind junge Menschen zwischen 17 und 19, die noch zur Schule gehen oder gerade entlassen wurden und nun selbstverständlich zwei bis drei Jahre Militärdienst leisten müßten.

Seit Jahren sind sie in der Schule, wenn nicht schon im Kindergarten, auf den Militärdienst vorbereitet worden, das Feindbild »Die Palästinenser = Terroristen« hat sich ihnen tief eingeprägt. Um so erstaunlicher ist es, daß es doch immer wieder junge Menschen gibt, die nicht selbstverständlich zum Militär gehen, obwohl sie nach der Dienstzeit eine Reihe Vorzüge hätten, die den Verweigerern vorenthalten bleiben.

Ob sie nun vom Elternhaus, von Mitschülern, durch Zeitungsartikel einiger Journalisten mit Gewissen, durch das allwöchentlich in der Tageszeitung Haaretz erscheinende Inserat der Friedensgruppe Gush Shalom um Uri Avnery oder aus eigener Erfahrung an der Mauer, auf Straßen »nur für Siedler«, bei Besuchen in Siedlungen hellhörig und nachdenklich wurden oder mit Ta’ajush, den »Anarchisten« oder mit den »Kämpfern für den Frieden« Kontakt hatten und an deren Aktionen teilnahmen – ihr Gewissen ist jedenfalls feiner geworden. Sie haben ein Gespür für das Unrecht entwickelt, das den Palästinensern durch das israelische Militär angetan wird – und auch in ihrem Namen geschieht.

Sie haben sich entschlossen, sich nicht am Unrecht der Besatzung zu beteiligen. Sie wissen aber auch, daß diese Weigerung schmerzliche Folgen haben wird und daß sie auch bei ihren Familien und Freunden nicht selbstverständlich mit Verständnis und Zustimmung rechnen können. Sie wissen, daß es einfachere Methoden und Wege gibt, sich vor dem Militärdienst zu drücken. Sie haben den ehrlichen, aber schwierigeren Weg gewählt. Ich habe große Hochachtung vor diesen mutigen jungen Menschen.

Und jetzt gebe ich fünf Shministim selbst das Wort, damit sie erklären: »Warum ich einer der Shministim bin«.

Yuval Oron-Ofir (19): »Ich bin überzeugt, daß niemand außer uns selbst über unser Schicksal zu bestimmen hat – ob es etwa unser Schicksal ist, mit dem Schwert zu leben. Es gibt einen anderen Weg als den des Krieges. Es ist der Weg des Dialogs und des Verständnisses, der Konzessionen, des Vergebens und des Friedens. Ich glaube, daß ein Mensch Verantwortung übernehmen und mit sich selbst ausmachen soll, welchen Weg er wählt. Deshalb werde ich nicht zur Armee gehen, hinter deren Aktionen ich nicht stehen und deren Verhalten ich nicht rechtfertigen kann.« (Haft vom 24. November bis 7. Dezember 2008)

Raz Bar-David Varon (18): »Ich wurde nicht geboren, um als Soldat zu dienen, der das Land anderer Menschen besetzt. Der Kampf gegen die Besatzung ist auch mein Kampf. Es ist ein Kampf der Hoffnung auf eine Wirklichkeit, die zuweilen noch sehr weit entfernt scheint. Ich habe Verantwortung für diese Gesellschaft. Meine Verantwortung heißt verweigern.« (Erste Haft vom 3. bis 21.November; die zweite Haft begann am 24. November 2008)

Omer Goldman (19): »Ich glaube an einen Dienst in der Gesellschaft, von der ich ein Teil bin, und genau deshalb weigere ich mich, an den Kriegsverbrechen teilzunehmen, die mein Land begeht. Gewalt wird keine Lösung bringen, und ich werde keine Gewalt anwenden, egal was geschieht.« (Erste Haft vom 22. September bis 10. Oktober; zweite Haft vom 12. bis 24.Oktober 2008)

Sahar Vardi (18): »Mir wurde klar, daß der Soldat am Checkpoint nicht verantwortlich ist für die miserable Politik des Unterdrückers gegenüber Zivilisten. Ich kann ihm aber nicht die Verantwortung für sein eigenes Verhalten abnehmen … ich meine die menschliche Verantwortung, andern Menschen kein Leid anzutun.« (Erste Haft sechs Tage im August; zweite Haft 18 Tage im Oktober; dritte Haft 18 Tage im November)

Mia Tamarin (19): »Ich kann nicht Teil einer Organisation werden, deren Sinn und Zweck es ist, Gewalt mit Gewalt zu vertreiben, weil das eindeutig im Gegensatz zu allem steht, woran ich in meinem Leben glaube. Es gibt immer eine andere, eine gewaltfreie Option, die ich wähle.« (Dreimal in Haft, insgesamt 42 Tage)

Howard Zinns E-Mail enthält einen Brief, den man so oder ähnlich an die israelische Regierung schicken kann: »Ich unterstütze die Shministim und ihr Recht, sich auf friedliche Weise zu weigern, den Militärdienst anzutreten. Ich rufe dazu auf, sich mit den Jugendlichen zu solidarisieren, die wegen ihrer Prinzipientreue in Haft sitzen, weil sie den Militärdienst in einer Armee verweigern, die die palästinensischen Gebiete besetzt hält. Sie verdienen Ermutigung, ihren geraden Weg weiterzugehen. Die Gefängnisstrafe ist eine Verletzung ihrer Menschenrechte und widerspricht dem Völkerrecht. Diese mitmenschlich denkenden und handelnden Studenten, ihre palästinensischen Gegenüber und deren gewaltfreier Widerstand gegen die Besatzung inspirieren mich. Sie weisen einen Weg zu einem gerechten Frieden, der zu Sicherheit für alle Menschen in der Region führt. Sie sind die beste Hoffnung für unsere Zukunft. Ich bitte Sie dringend, sie zu respektieren und aus der Haft zu entlassen.«

So schrieb Howard Zinn.

Auch ich habe solch einen Brief geschrieben.