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Titel2508

Weihnachtsbäume meiner Jugendjahre  (Lothar Kusche)
Liebe Leserinnen und Leser, sind Sie sich eigentlich darüber klar, was Weihnachten macht? Was Weihnachten gerade jetzt macht – in dieser Stunde und Minute? Also ich will Sie nicht auf die in weiten Teilen der Welt mit Fug und Recht schärfstens kritisierte Folter spannen: Weihnachten steht nicht nur im Kalender gedruckt und auf den einschlägigen Märkten herum, sondern Weihnachten steht, wohin es niemand gestellt hat: Weihnachten steht vor der Tür! Vor Ihrer und vor meiner, also vor unserer Tür. Dort wartet es auf den fast unvermeidlichen Weihnachtsbaum.

An meine frühe Kindheit erinnern einige Fotos, auf denen kein Weihnachtsbaum zu sehen ist, sondern bloß ein Küchenherd, eine sogenannte Kochmaschine. Neben diesem Gerät stand ein Kohlenkasten. Auf dem saß mein Vater. Auf seinen Knien saß ich. Heute weiß ich, daß sich diese Kochmaschine in Berlin-Lichtenberg befand. Die Miete der Neubauwohnung war ermäßigt, weil meine Eltern die noch etwas frischen Räumlichkeiten »trockenwohnen« sollten, was mein arbeitsloser Vater auf dem Kohlenkasten in der geheizten Küche tat. Ich störte ihn dabei nicht, damals war ich nämlich noch niedlich. Meine Mutter trug zwischendurch Zeitschriften aus, wobei Kinder nicht brauchbar sind, auch keine niedlichen.

Tante Paula lernte ich erst später kennen. Sie war freundlich und redselig, besonders zu Weihnachten. Bei Kaffee und Kuchen erzählte sie: »Weihnachten ist doch ein Fest, das der Familie gehören sollte.« Es gehört aber der Reklame, liebe Tante! »Na ja, aber da kriege ich immer diese schönen großen Tüten. Umsonst! Manche Leute haben kein echtes Gefühl für Weihnachten. Der olle Bumke, der schräg über mir wohnt, erklärt immer, für ihn ist Weihnachten bloß Weihnachten wejen dem Jänsebraten. Neulich wurde ihm auf der Treppe schlecht, weil er wieder zu viel und zu fett jefressen hatte. Die Tochter von der Pinzerten aus den Pachtzerre kriegt nun schon dis zweite Kind ohne Vata. Ne schöne Bescherung. Und keine Alimente. Stattdessen erhält die Mutta ne künstliche Blume vom Schießstand und dis Kind einen Teddybär, der nich ma brummen kann, wenn man ihn drückt. Dis is alles jefühllos wie ne einjeschlafene Muskatnuß. Übrijens kommt meine Nachbarin im Krankenhaus. Ihre Beene sind schon janz dick. Allet Wasser. Und denn nich mal’n Weihnachtsbaum. Möchte noch einer von euch etwas kalte Pute? Sehr zart und delikat ... Na, denn ehmt nich. Vorige Weihnachten hatte sich mein werter Nachbar Popinski dermaßen besoffen, daß ihm der Baum umjekippt und die halbe Bude abjebrannt ist. Von wejen Besinnung und Ruhe. Sowas kennt die Feuerwehr nicht. Onkel Arno hat mal fast ’ne janze Pute allein hintereinander aufgegessen, da konnte er drei Tage nicht leben und nicht sterben. Mir ist Heiligabend mal’n Hühnerknochen im Hals stecken geblieben. Franz wollte ihn mit der Hand rausziehen, und dabei hab ich ihn in den Finger gebissen.«

Intelligente Leute oder solche, die ich dafür hielt und halte, zeigten sich damals vom »plötzlichen« Ausbruch des zweiten Weltkriegs überrascht. Mitte August ’39 kam mein Vater etwas später als sonst zum Abendessen nach Hause, weil er nach Arbeitsschluß aus irgendeinem NSDAP-Büro etwas abholen mußte. Es handelte sich um ein Päckchen mit Papieren. Nach der Mahlzeit – es gab irgendwas mit Tomaten, mein Vater war ein Tomaten-Fanatiker – riß er das ominöse Päckchen auf und sagte: »Ich soll noch mal nachzählen. Das sind Lebensmittelkarten. Wenn es so weit ist, muß ich die verteilen.«

Am 1. September 1939 war es so weit.

Wir hatten schon gewußt, daß ein Krieg beginnen würde. Aber wir hatten nicht geahnt, was ein Krieg wirklich ist. Daß dieses mörderische Verbrechen über 55.000.000 Menschen, darunter 5.250.000 Deutsche und davon 500.000 Zivilisten das Leben kosten würde, erfuhren wir erst, als es längst zu spät war. Um Weihnachtsbäume haben wir uns in den Schreckensjahren kaum gekümmert.

Die Kriegsflugzeuge der westlichen Alliierten warfen spezielle Leuchtkörper ab, um die Siedlungen und Städte erkennen zu können, die sie mit ihren Brand- und Sprengbomben treffen wollten: viele Wohngebiete, wenige Rüstungsbetriebe, die man für spätere Reparationen aufsparte. Diese Leuchtkörper hießen aparterweise »Weihnachtsbäume«.

In der Nachkriegszeit wurde das Klauen als Organisieren bezeichnet. Ich organisierte mal im Tegeler Forst bei Dämmerlicht mit Hilfe eines stumpfen Taschenmessers einen Christbaum. Der war so krumm, wie selbst sein Namensgeber am Kreuz nie ausgesehen haben kann. Papa betrachtete das Gewächs mit gebremstem Entsetzen. Er schwieg und vermied auszusprechen, was ich mir so oft anhören mußte: »Steh doch nicht immer so krumm in der Gegend rum!«