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Titel2509

Guttenbergs edles Waidwerk  (Jürgen Rose)
Neben der Fortpflanzung bildete schon immer die Jagd eine der beliebtesten Lustbarkeiten des Adels. Von daher muß die beachtliche Abschußquote, die der jüngst zum Verteidigungsminister gekürte Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg aufzuweisen hat, vielleicht nicht allzu sehr verwundern. Auf der Strecke geblieben ist ein kapitaler Minister, sein Kabinettskollege und Amtsvor-gänger Franz Josef Jung, den es (Merkel) zuletzt noch ins Sozialressort verschlagen hatte. Die zweite, weitaus wertvollere Trophäe lieferte der »Darth Vader vom Bendlerblock« Peter Wichert. Für ihn kann zu Guttenberg sich eine besonders tiefe Kerbe in den Kolben schnitzen. Denn als graue Eminenz hatte Wichert jahrelang wie die Spinne im Netz des Verteidigungsministeriums gesessen und die Fäden gesponnen. Ihm eilte der Ruf voraus, daß es ihm völlig gleichgültig sei, wer gerade unter ihm als Minister diente. Aufschlußreich war schon, wie er in sein Amt gelangt war: mittels einer Sprungbeförderung, nachdem er vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuß zur Aufklärung der illegal, unter Bruch eines UN-Embargos, gelieferten U-Boot-Konstruktionspläne an das südafrikanische Apartheidregime so geschickt taktiert hatte, daß der damalige Verteidigungsminister Gerhard Stoltenberg sowie Bundeskanzler Helmut Kohl unbeschadet aus dem Skandal hervorgingen. Das bildete den Beginn einer »wunderbaren Freundschaft«. Der Staatssekretär gehörte auch zu jenen Regierungskriminellen an den Schalthebeln der Macht, die an entscheidender Stelle am völkerrechts- und verfassungswidrigen Angriffskrieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien beteiligt waren, während die deutsche Öffentlichkeit mit Propagandalügen von der »humanitären Katastrophe« im Kosovo und vom »Hufeisenplan« abgefüttert wurde.

Dritter in jenem »Trio Infernale« des Lugs und Trugs war General Wolfgang Schneiderhan, gewesener Generalinspekteur der Bundeswehr. Der höchstrangige deutsche Soldat diente zugleich als militärpolitischer Berater der Bundesregierung und hatte als solcher das Ohr von Ministern und Kanzlern. Er hätte diese Position nutzen sollen, um der Bundesregierung davon abzuraten, deutsche Soldaten in unsinnigen, völkerrechts- und grundgesetzwidrigen Kriegseinsätzen zu verheizen. Stattdessen empfahl er: »Wir müssen so etwas anbieten, was die Briten mit den USA zusammen im Irak gemacht haben.« Zwar folgte die Bundesregierung dieser Empfehlung nicht, leistete aber hierzulande den Alliierten mit der Bundeswehr tatkräftige Beihilfe zu ihrem völkerrechtlichen Verbrechen gegen den Irak und seine Menschen. Die Taten der US- und UK-Forces im Zweistromland sprechen für sich: um die 60.000 während des Blitzkrieges abgeschlachtete irakische Soldaten, bis heute eine Million massakrierte Zivilisten, viereinhalb Millionen Vertriebene, viele Hunderttausende Witwen, fünf Millionen Waisenkinder, Folterungen, Vergewaltigungen, Morde in Militärgefängnissen, Terror und Chaos – sollte die Welt allen Ernstes erwarten, daß unbedingt auch Deutschland seine Fähigkeiten zu derartigen Taten offeriert?

Guttenberg hat – Waidmannsheil! – gut gezielt und getroffen. Die Munition kam freilich aus Washington. Denn dort hatte das US-Verteidigungsministerium zu jenem Bombenmassaker, zu dem ein Bundeswehroberst im Zusammenwirken mit seinem unter dem Codenamen »Red Baron 20« operierenden Fliegerleitoffizier die beiden US-Jagdbomberpiloten unter Vorspiegelung falscher Tatsachen verleitet hatte, eigene Untersuchungen eingeleitet. Deren Ergebnisse wurden zu Guttenberg bei seinem Antrittsbesuch vorgelegt, und er mußte erkennen, daß er von seinen eigenen Ministerialen, allen voran Wichert und Schneiderhan, geleimt worden war. Zurück aus dem Pentagon blies er dann zur Jagd.

Welchen Pfad gedenkt der Jagdherr nun einzuschlagen? Die Vermutung liegt nahe, daß er als bekennender Atlantiker, der seinen amerikanischen Freunden nun mindestens einen Gefallen schuldet, seine und Deutschlands Rolle zuerst und vor allem im Rahmen der NATO sieht. Aber nichts wäre fataler, als sich in Nibelungentreue an ein Imperium im Niedergang zu ketten. Wie der kluge US-Autor Jeremy Rifkin (»Der europäische Traum«) anmerkte, lohnt es sich, für den amerikanischen Traum zu sterben, aber für den europäischen zu leben. So gesehen böte sich für einen wahrhaft strategisch denkenden Verteidigungsminister nach dem Abschuß der alten Garde nun eine ganz neue Perspektive: die einer Europäischen Verteidigungsunion. Das wäre eine Herkulesaufgabe – aber nicht die schlechteste für einen Mann, der sich zu Höherem berufen fühlt.

Jürgen Rose ist Oberstleutnant der Bundeswehr und aus disziplinarrechtlichen Gründen gezwungen, darauf hinzuweisen, daß er in diesem Beitrag nur seine persönlichen Auffassungen vertritt.