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Titel2509

Lockruf der Werbung  (Walter Kaufmann)
Erst eben wieder, im »Journeyman« nahe der Themse, hatte ich erfahren müssen, daß es in London Kneipen gab, die nicht für meinesgleichen waren, sondern in diesem Fall, wie der Name schon sagte, für Handwerker. »Wouldn’t think this the right place for you, Sir.« In den wäßrig-blauen Augen des dürren Mannes mit der Schiebermütze, der neben mir sein Ale trank, lag Feindseligkeit, sogar ein Anflug von Tücke. Ohne die geringste Überleitung schlug er mir »The Old Westminster« vor.

Da ging ich dann auch hin, und an der Bar genehmigte ich mir ein Counter Lunch zum Bier. Das Gespräch, in das mich ein sportlich-eleganter Mann sogleich verwickelte, war kaum von der feinen englischen Art. Wo ich denn herkomme, fragte er unverblümt, was ich beruflich mache und – »by Jove, do tell« – wie viel sich denn mit dem erfolgreichsten meiner Romane verdienen lasse. Ich sah keinen Grund, ihm die Auskunft zu verweigern, also verriet ich, was mit das letzte meiner Bücher eingebracht hatte. »Not bad«, meinte er und nippte an seinem Whiskey. Bloß habe er jüngst mit einem einzigen Satz mehr verdient als ich mit meinem Buch, an dem ich vermutlich ein bis zwei Jahre gesessen hätte. Den Satz wollte ich erfahren, und prompt zauberte er aus seinem Aktenkoffer das Foto von einer Herde weißer Schafe in unverkennbar englischer Landschaft. In der Herde war deutlich ein schwarzes Schaf zu sehen, und am unteren Fotorand prangte weiß auf schwarz die Lösung: »There are no black sheep in our family – Volkswagen of Germany«.

»Darauf muß man erst mal kommen«, sagte ich anerkennend.

Er nickte zufrieden.

»Ob Sie den Satz mal ins Deutsche bringen könnten«, bat er und zückte sein Notizbuch. Ich schrieb in Blockschrift, daß es in der Volkswagen-Familie keine schwarzen Schafe gebe. Das las er sich durch und versicherte mir dann: »Brachte dreimal so viel wie Ihr Roman – ein Volltreffer!«

»Wie im Lotto«, sagte ich.

Er begriff nicht gleich. Dann lachte er und meinte: »Das schaffen Sie so gut wie ich. Ohne Einfälle geht’s doch auch bei Romanen nicht!«

»So wird’s sein«, bestätigte ich ihm.

Und noch ehe der Tag zur Neige ging, fragte ich mich, welcher Teufel mich geritten hatte, das Angebot, es freiberuflich in seiner Agentur zu versuchen, nicht anzunehmen. »There are no black sheep in our family!« Was wäre zu verlieren gewesen außer täglich ein bißchen Zeit.