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Titel2510

Alles beim Alten  (Wolfgang Beutin)
In Ossietzky 22/11 schreibt Marja Winken über die Schwierigkeiten heutiger Konservativer mit dem Begriff »konservativ« und seiner Definition. Zu diesem Thema lieferten inzwischen die Lübecker Nachrichten, das regionale Monopolblatt aus dem Madsack-Konzern (dem auch die Rostocker Ostsee-Zeitung, die Hannoversche Allgemeine Zeitung und etliche andere gehören), einen denkwürdigen Beitrag. Dort erschien zum 200. Geburtstag des Dichters Fritz Reuter ein Artikel, in dem, gestützt auf Erkenntnisse des Germanisten Joachim Rickes (Humboldt-Universität Berlin), der Geehrte zum Konservativen ernannt wird. Sein politisches Motto habe gelautet: »Allens bliwwt bin ollen«. So auch die Überschrift des huldigenden Artikels.

Laut Rickes, so die Lübecker Nachrichten, sei Reuter zum Zeitpunkt seiner Verhaftung als Burschenschafter im Jahre 1833 »kein Rudi Dutschke, sondern ein naiver Mitläufer gewesen«. Sein Motto ›Allens bliwwt bin ollen‹ (Alles bleibt beim Alten) weise ihn eher als Konservativen aus. »Trotzdem sei der damals 26-Jährige wegen Majestätsbeleidigung und versuchten Hochverrats 1836 erst zum Tode und danach zu 30 Jahren Festungshaft verurteilt worden.
Hätte die preußische Justiz solch gravierendes Urteil gegen einen »eher Konservativen« ausgesprochen? Gegenüber den Burschenschaften war sie grausam, aber war sie wirklich so töricht?

Und was ist mit dem Motto? Die vier plattdeutschen Wörter (sie lauten übrigens bei dem Dichter exakt: »Allens bliwwt bi’n Ollen.«) stehen bei ihm tatsächlich. Aber in welchem Zusammenhang? In Reuters Satire »Urgeschicht von Meckelnborg« sieht sich Fürst Japhet in der à la 1848 geschilderten Revolution genötigt, eine Repräsentativverfassung zu erlassen, den Unterschicht-Einwohnern zugedacht, um ihre soziale Unruhe niederzuschlagen: »De von mine leiwen Unnerdahnen, de kein Kauhweid’ krigen känen, de krigen von nu an Representanten.« Im übrigen warnt der Fürst seinen Sohn und Erben: »Holl Di firn von de Demokraten, sei hewwen mi vel Elend makt …«

Der Protagonist der Aufständischen in der Revolution ist Krischan Schult, den Japhet als »Demokraten« identifiziert, woraufhin dieser dem Fürsten erwidert: »und dat sünd wi All …« Japhet aber beschimpft die Revolutionäre: »luter verfluchte Demokraten – Proletarier …« Die Verfassung, die er schließlich bewilligt, enthält nun als ersten Paragraphen: »Allens bliwwt bi’n Ollen«. Ähnlich oder genauso später noch zwei Landtagsbeschlüsse, worin Paragraph 2 noch das Jagdrecht des Adels auf bäuerlichen Äckern verbrieft (alle Paragraphen von 3 an entfallen).

Müßte die »Urgeschicht« etwa so gelesen werden, als wäre der Paragraph 1 der vom Fürsten erteilten Verfassung nicht nur des Fürsten »Motto«, sondern des Dichters ebenfalls?

Wenige Jahre zuvor war Reuters sozialrevolutionäre Dichtung »Kein Hüsung« erschienen. Der Norddeutsche Correspondent (Schwerin) griff daraufhin den Dichter an: »Die Gesinnung ist so gottlos und freventlich, die Tendenz ist so subversiv, jeder menschlichen und göttlichen Auctorität Hohn sprechend, daß kaum je ein Schriftsteller sich selbst so schamlos preisgegeben und mit der Preßfreiheit einen so schamlosen, böswilligen Mißbrauch getrieben hat.«

Wer unterstellt, die vier plattdeutschen Wörter seien Reuters politisches Glaubensbekenntnis, und nicht weiß oder nicht wissen will, das ist »Satyre«, sogar deren Glutkern, was tut der? Der fälscht. Bliwwt allens bi’n Ollen, die Reuter-Verzerrung durch den Norddeutschen Correspondenten von 1859 und diejenige durch heutige Norddeutsche in Berlin und Lübeck? Nein, diejenige in der konservativen Germanistik und Journalistik des laufenden Jahres ist die widerwärtigere, denn ihre Methode, den Dichter zu ehren, fällt in eins mit der Fälschung als Versuch der Vereinnahmung.

Reuters 200. Geburtstag lag kurz vor dem 100. Todestag des Dichters Wilhelm Raabe. Die Lübecker Nachrichten über Raabes berühmtem Roman-Erstling »Chronik der Sperlingsgasse«: »Ein Buch ohne besonderen Anspruch, außer dem, das Lesepublikum zu unterhalten.« In Wahrheit ist dieses Werk, fünf Jahre nach der gescheiterten Revolution von 1848/49 geschrieben, eine literarische Auseinandersetzung mit Revolution und Konterrevolution. Und davon wollen die deutschen Konservativen des Jahres 2010 nichts lesen, nichts hören, nichts wissen.

Inmitten der Romanhandlung steht ein Aufruf des Autors an die schreibende Zunft: »O ihr Dichter und Schriftsteller Deutschlands, sagt und schreibt nichts, euer Volk zu entmutigen, wie es leider von euch, die ihr die stolzesten Namen in Poesie und Wissenschaften führt, so oft geschieht! Scheltet, spottet, geißelt, aber hütet euch, jene schwächliche Resignation, von welcher der nächste Schritt zur Gleichgültigkeit führt, zu befördern oder gar sie hervorrufen zu wollen.«

O ihr Journalisten Deutschlands!