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Titel2510

Schrill buntes Dickicht  (Walter Kaufmann)
Buchstäblich im Laufen durch den Park schreibt der junge Brecht in Augsburg Szenenfolgen auf kunstvoll zusammengefaltetes Seidenpapier: »Im Dickicht« entsteht; später wird er sein Stück »Im Dickicht der Städte« nennen. Just dieses verquere, schwer deutbare Frühwerk bringt Katharina Thalbach auf die Bühne des Berliner Ensembles. Mit Bravour. Auf einem Fließband treiben Möbel und andere Requisiten vorbei, Wolkenkratzer werden auf die vom Schnürboden herabhängenden Stoffbahnen projiziert, schrille Film-Musik tönt, Klaviermusik auch, und im schnellen Wechsel präsentiert die Drehbühne neue Schauplätze. Das Ensemble agiert hinter verfremdenden Masken: Ein biederes Haustöchterchen (sehr überzeugend Judith Stößenreuther) wird zur Hure und eine Hure (nicht weniger überzeugend Janina Rudenska) zur blütenweißen Braut; der Holzhändler Shlink (Gustav Peter Wöhler), nickender Buddha und demütiger Mönch in einem, legt sich lauernden Blicks und süßlich singend mit dem Bibliotheksangestellten Garga (Sabin Tambrea) an, der ihm jedoch kein ebenbürtiger Gegner ist. Mal hysterisch, mal selbstverliebt tänzelt Garga umher, braust auf, fällt in sich zusammen, krächzt im Suff und wirkt nach dem Selbstmord des Holzhändlers wie ein Schatten seiner selbst, weil ihm der Widerpart fehlt. »Was ist das für eine Stadt? Was sind das für Menschen?« fragt Mutter Garga – und spätestens als der Zweikampf zwischen dem Holzhändler und dem Bibliotheksangestellten ausgefochten, das Haustöchterchen zur Hure, die Hure zur Braut geworden ist und die Lichter der Großstadt Chicago erloschen sind, verliert sich das Schrill-Bunte der Inszenierung, und den Zuschauer beschäftigt just die Frage: »Was ist das für eine Stadt? Was sind das für Menschen?« Und noch grundsätzlicher kommt er ins Nachdenken darüber, ob nicht die Einsamkeit und Entfremdung in den Millionenstädten, die Brecht hervorheben wollte, vom allzu Komödiantischen dieser Aufführung überdeckt wurde. Wie dem auch sei, ein unterhaltsamer Abend war es.
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Maxim Gorkis Bühnenstück »Kinder der Sonne«, geschrieben vor mehr als hundert Jahren, ist zeitgemäß geblieben. Ein Wissenschaftler, ein Künstler, ein Tierarzt, im Deutschen Theater von Ulrich Matthes, Sven Lehmann und Alexander Khuon überzeugend dargestellt, fühlen sich moralisch für die Menschheit verantwortlich, bleiben jedoch derart ihrer eigenen Lebensweise verhaftet, daß es sie geradezu lähmt. Was sie sich über den Sinn des Lebens, das Schöne und ihre Ängste offenbaren, wirkt banal, wirkt lächerlich. Ihre Beziehung zum arbeitenden Volk erweist sich als fragwürdig. Wie Stephan Kimmig, der Regisseur, und seine Akteure das auf der Bühne verdeutlichen, versetzen sie uns unmittelbar ins Hier und Heute. Der eingeführte Fingerzeig auf Genforschung und Computer wäre dafür nicht erforderlich, er stört bloß. Auch die Frauen, vermutlich typisch für das Rußland jener Zeit, führen uns mit ihren Sehnsüchten direkt in die Gegenwart: Lisa, Schwester des Wissenschaftlers, schwärmerisch das Gute im Menschen beschwörend, dabei seelisch hin- und hergerissen (hervorragend Katharina Schüttler), und Melanija, die Schwester des Tierarztes, schwärmerisch auch sie in ihrer unbändigen und zugleich unerwiderten Liebe zu dem Wissenschaftler (Katrin Wichmann), und schließlich Jelena Nikolajewna, Frau des Wissenschaftlers (Nina Hoss), vereinsamt in der Ehe und einer Liaison mit dem Künstler nicht abgeneigt. Wie sich zeigt, sind sie alle unzufrieden. Vor hundert Jahren? Erleben wir so etwas nicht ganz unmittelbar? Und weil dem so ist, verfehlt das Stück, verfehlt die Inszenierung keinen Augenblick die Wirkung.