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Titel2511

Guttenberg und Berlusconi  (Hans-Peter Waldrich)
Daß er von vornherein täuschen wollte, ist die Überzeugung der Kommission, die die Universität Bayreuth eingesetzt hatte, um den Fall Guttenberg aufzuklären. Aufgrund der kollektiven Recherchen im Internet wurden auf 94 Prozent aller Seiten des Haupttextes von Guttenbergs Dissertation reguläre Plagiate entdeckt. Jürgen Trittin hatte also recht, als er im Bundestag Guttenberg als »akademischen Hochstapler und Betrüger« bezeichnete.

Doch was heißt hier Betrug, Täuschung oder Täuschungsvorsatz? Getäuscht werden kann nur, wenn es eine Wahrheit gibt, über die man sich selbst im Irrtum befinden oder andere in die Irre führen könnte. Und was bedeutet Wahrheit in der Postdemokratie? Sind wir nicht längst darüber hinaus? In der Postdemokratie wie in der Postmoderne, also in der Gegenwart jenseits von Gut und Böse, schreibt sich »Wahrheit« ausschließlich in Gänsefüßchen. Gibt es noch eine Wirklichkeit? Und in der Demokratie einen Volkswillen? Soziale Gerechtigkeit? Legitimität? Legalität?

Fragen wir Berlusconi. Von ihm soll der Ausspruch stammen: »Wirklich ist allein, was im Fernsehen kommt.« Und so »modernisierte« er den italienischen Mediensektor ganz im Sinne dieser Prämisse. Wirklichkeit – das ist, was Spaß macht, das ist die Symbiose von Show und Geschäft, Wirklichkeit, das ist eine Art kapitalistische Kollektivhalluzination – wenigstens fast!

Denn wie scharfsichtig Berlusconis Philosophie auch war, ganz zum Ende meldete sich doch eine Art Realitätsprinzip. Noch wirklicher als Glamour und Wackelpopos in den Medien waren schließlich die Finanzmärkte. Und obgleich er das hätte wissen können und auch wußte – die Zeit für das Theater im Vordergrund war um; nun hätten die »Sparbeschlüsse« durchgeprügelt werden müssen. Die jetzt einsetzende Sekunde des Zauderns besiegelte Berlusconis sonst so postmoderne Performance. Es war nicht Berlusconis Mißachtung des Rechtsstaats oder gar die Lust an den Minderjährigen, die ihn zum Abgang zwangen. Es war schlicht sein Zögern, so konsequent zu sein, wie die Welt jenseits des Spektakels dann eben doch nun einmal ist.

Vergleichen wir den Freiherrn von und zu Guttenberg mit Berlusconi. Wo liegen Unterschiede, wo Gemeinsamkeiten? Zunächst einmal: Beide sind Schauspieler. Guttenbergs Hauptauftritt liegt in der Zukunft, Berlusconi hat alles hinter sich. Beide jedoch wissen eines ganz genau: »Die Welt ist eine Bühne« (Shakespeare), und es kommt nicht darauf an, dort irgendetwas Richtiges zu sagen oder es gar zu tun, sondern darauf, Eindruck zu machen. Wahrheit, Echtheit, Realität – alles Quatsch. Nur der Theaterdonner zählt! Ein großes Spektakel also mit einer einzigen Ausnahme: Die eisernen Regeln der kapitalistischen Märkte dürfen nicht verletzt werden. Der Rest ist Schweigen und Entertainment.

Also weiter. Berlusconi verschwindet nun in der Versenkung, doch wo bleibt Guttenberg? Fragen wir uns also: Was ist Guttenberg wirklich vorzuwerfen? Hat er gegen die Sachzwänge der Finanzmärkte verstoßen? Hat er als Wirtschaftsminister wider den Stachel gelöckt? Hat er sich in seiner Dissertation als kritischer Analytiker hervorgetan? Das alles kann nicht behauptet werden. Bleibt nur noch die Moral, die Guttenberg verletzte. Doch welche Moral, bitte? Mehrfach hat Guttenberg das Parlament verkohlt. Immer wieder hat er dort und gegenwärtig wieder öffentlich behauptet, keinerlei Fälschungsabsicht gehabt zu haben. Auch die auf Steuerkosten angefertigten Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Deutschen Bundestages habe er nicht für seine privaten Zwecke mißbraucht. Alles gelogen natürlich. Aber schlimm? Gehört es nicht ebenso in den Verblendungszusammenhang, den einst Adorno als die notwendige Bedingung kapitalistischer Herrschaft analysierte, wie die Nutzung sexueller Dienstleistungen gegen private Bezahlung oder auf öffentliche Kosten? Denn im Zustand allgemeiner Verblendung genügt ausschließlich der schöne Schein: der Schein von Seriosität, der Schein von Kompetenz, der Schein von Ehrlichkeit. Manchmal, so bei Berlusconi, braucht es noch nicht einmal diesen Schein. Der Unterschied zwischen Pornographie und Politik besteht dann nur noch in der veränderten Buchstabenfolgen nach dem »P«.

Trotz dessen Alters hat bislang keiner Berlusconis Zurechnungsfähigkeit angezweifelt. Anders bei von und zu Guttenberg. Jeden gemeinen Mann ohne Blaublütigkeit hätte das Urteil der Bayreuther Universitätskommission augenblicklich arbeitslos gemacht, wenn nicht gar Schlimmeres. Guttenberg, so urteilt sie, habe sich in einem »Zustand der Dauervergeßlichkeit« befunden, seine »nachweisbaren Falschangaben« seien ihm wohl »vollständig aus dem Bewußtsein« geraten, »Sorgfaltswidrigkeit« habe zu seinem »bewußten Arbeitsstil« gehört. Chaotische geistige Verwirrung ist also das Hauptkennzeichen dieses Mannes.

Aber die Frage nach Zurechnungs- oder Unzurechnungsfähigkeit kann nur gestellt werden, sofern noch ein Rest von Realitätsbezug akzeptiert wird. Dissertationen sind in der Welt des Verblendungszusammenhangs gewissermaßen hilflose Versuche, sich eines Teils der wahren Wirklichkeit zu versichern. Wissenschaft könnte der letzte Anker sein, der uns in überprüfbarer Weise mit jenen Bereichen in Beziehung setzt, die wir überhaupt als Wahrheit ansprechen können. Die anfängliche Bemühung der Kanzlerin, der Bild-Zeitung oder etwa des Chefredakteurs der Zeit, Guttenbergs Fälschungen als unbedeutend für die Ausübung seines Ministeramtes hinzustellen, entspricht dem Versuch, uns diesen Bezug zur Wirklichkeit auszureden. Trotzdem klagte der Bayreuther Staatsrechtler Oliver Lepsius: »Wir sind einem Betrüger aufgesessen. Es ist eine Dreistigkeit ohnegleichen, wie er honorige Personen der Universität hintergangen hat.« Lepsius hat recht. Oder nein: Er hätte recht, gäbe es da nicht den Verblendungszusammenhang. Denn wir leben längst alle auf zwei Ebenen, der Ebene dessen, was wir vage als Wirklichkeit vermuten, und der Ebene der für dieses System nützlichen Illusionen.

Was folgt daraus für den Vergleich zwischen unseren beiden Protagonisten? Berlusconi hat alles richtig gemacht, aber er wurde alt und unterlag schließlich seiner generellen mediterranen Wurschtigkeit. Bei von Guttenberg ist das anders. Er ist jung und hat absolut nicht verspielt. Keine der im Verblendungszusammenhang üblichen Regeln hat er wirklich verletzt. Deshalb ist ihm sein Comeback sicher. Aber er braucht ein wenig Hilfe, denn die Ursachen seiner Niederlage sind andere als bei Berlusconi.

Weshalb? Guttenberg wurde gestürzt, weil sich eine Heerschar gekränkter Doktoranden gegen ihn auflehnte. Andere Akademiker wurden im Internet aktiv. Ohne den dort erbrachten systematischen Nachweis der Betrugsabsicht, wäre überhaupt nichts passiert. Die Guttenberg-Farce muß also auf doppelter Bühne neu inszeniert werden: einerseits als Posse für das Komödienpublikum und andererseits für die Klugen im Lande. Die aufs Menschliche gestimmte Posse findet sich wie stets in der Bild-Zeitung. Dort verkündet Franz Josef Wagner, bekannt als »Gossen-Goethe«, in seiner Kolumne »Post von Wagner«: »Ohne Ehre lag er vor acht Monaten da. Er könnte sich der Wonne des Vergessens hingeben. Ich mag diesen Typen, der wieder aufsteht. Herzlichst«, gezeichnet Wagner.

Zeitgleich die selbe Botschaft als Inszenierung für das anspruchsvolle Publikum der vorderen Ränge und im Abonnement: Auftritt niemand Geringeres als der Chef der Zeit, Giovanni di Lorenzo. Zu gerne hätte er ehemals, so wie sein Kollege Kai Diekmann von Bild, den Lügenbaron als Kanzlerkandidaten gesehen. Und nun darf jemand, der kaum etwas anderes vorzuweisen hat als ein mittelmäßiges erstes Juraexamen, ansonsten vor allem Adel, Geld und Unverfrorenheit, ein Nobody also jenseits des Showgeschäfts, so jemand darf, ja soll uns auf zig Seiten das Weltgeschehen kommentieren, mit Vorabdruck in der Zeit und als Buch im katholisch-konservativen Herder-Verlag. »Ein Buch,« – so die Vorankündigung des Verlages – »das die Person Guttenberg beleuchtet, neue Einsichten in seinen Fall bietet und gleichzeitig Ausblick auf das gibt, was eines der größten politischen Talente gegenwärtig und in Zukunft bewegt.« »Vorerst gescheitert« ist der Titel des Buches und zugleich das Programm.

Und wieder stellt sich die Frage nach der Täuschungsabsicht. Freiherr von und zu Guttenberg – eines »der größten politischen Talente«! Warum auch nicht. Gelingt der Coup und er kehrt ins politische Geschäft zurück, ist niemand getäuscht worden. Guttenberg mag verwirrt sein, mit der Wahrheit stets auf Kriegsfuß stehen, weder Sorgfalt noch Überblick haben – als Parvenü des Verblendungszusammenhangs und als nützlicher Idiot der Herrschaftselite taugt er prächtig und ist unersetzlich. Klar liegt das vor aller Augen – Täuschung ausgeschlossen. Guttenbergs einzige Realität ist diejenige des Spektakels, das als solches nicht mehr hinterfragt werden soll und in der Breite wohl auch nicht hinterfragt werden kann. Dafür sorgen unisono Bild, Zeit und was sonst noch so unsere Illusionswelt bedient. Mit Guttenbergs Abgang verlor die Klasse der kapitalistischen Magier einen ihrer wichtigsten Illusionisten. Das wird jetzt rückgängig gemacht. In Italien wird sich ein neuer Berlusconi finden.