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Titel2511

Gott ist ein Betrüger  (Monika Köhler)
An den Schauspielern des Hamburger Thalia-Theaters lag es nicht. Sie hingen – als Papageien verkleidet – im Trapez, jumpten über ein rotes Riesensofa, sächselten, setzten ihre gesamte Virtuosität ein, aber der Regisseur ließ ihnen keine Chance. Herbert Fritsch, der mit seiner artifiziellen »Nora«-Inszenierung große Hoffnungen geweckt hatte, hier versagte er kläglich. Das Stück: »Der Raub der Sabinerinnen«, ein Schwank, der den Klamauk schon in sich birgt, darf nicht darin untergehen. Das Gekünstelte verlor sich bald in Albernheiten. Kein Wortspiel, das sich aufdrängte, wurde ausgelassen. Und alles in größter Lautstärke ohne Differenzierungen, Fritsch spricht vom »permanenten Beballern des Publikums«. Dem Programmheft ist eine DVD beigegeben, die Christopher Kriese (geb. 1987) zusammenstellte. Ein Autor, dessen Stück: »also mich interessiert mein Sexualleben mehr als der Israel-Palästina-Konflikt« eingeladen wurde zu Stücke-Märkten – als Bekenntnis der New-Generation? Das Hamburger Premierenpublikum schien begeistert von diesem »Raub der Sabinerinnen«.
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Einen Tag später im Hamburger Schauspielhaus: »Hiob« nach dem Roman von Joseph Roth. Regie führte Klaus Schumacher, der seit 2005 dort die Sparte »Junges Schauspielhaus« leitet. Das Stück lehnt sich stark an die Vorlage an, wenn auch zwangsläufig beim Dramatisieren einiges an Poesie verlorengeht. Ein einzelner Musiker (Tobias Vethake) begleitet den Abend sensibel mit den merkwürdigsten, auch elektronisch verstärkten, Instrumenten. Nur, wenn von Musik die Rede ist, schweigt er. Unterstützt wird das Stück von Katrin Plötzkys Bühnenbild: eine riesige, sich drehende Erdkugel, die Jahreszeiten oder Stimmungen durch unterschiedliche Farben anzeigt, und auf der rechten Seite der Bühne aufgeschichtete Bretter. Diese Einfachheit, das Rohe, Unfertige steht für die osteuropäische Heimat Mendel Singers, für das Dorf Zuchnow, in das er sich symbolhaft nach seiner Auswanderung nach Amerika immer wieder zurückzieht.
Die Protagonisten des Stücks: Mendel Singer (Michael Prelle) »fromm, gottesfürchtig und gewöhnlich, ein ganz alltäglicher Jude« mit Ehefrau Deborah (Marlen Diekhoff), der Tochter Mirjam (Julia Nachtmann), den Söhnen Jonas (Stefan Haschke), Schemarjah (Stephan Schad) und dem behinderten Sohn Menuchim (Martin Wißner). Mendel ist Lehrer mit kargem Verdienst. Der kranke Sohn, der nicht spricht, getragen werden muß und von den Geschwistern mißhandelt wird – er ist, neben der Armut, die einzige Prüfung. Von Gott geschickt, wie die frommen Juden glauben. Der Militärdienst, vor dem Deborah die Söhne zu retten versucht, ist ein weiterer Einbruch in das geruhsam scheinende Leben. Jonas geht freiwillig: »Die Soldaten sind die Welt.« Mirjam ist der Grund, auszuwandern, weil sie sich mit Kosaken einläßt. Sohn Schemarjah ist desertiert und noch vor den anderen nach Amerika geflüchtet. Er heißt nun Sam, schickt der Familie Geld und seinen Freund Mac, der sie zu ihm bringen soll. Menuchim müssen sie zurücklassen. Dieser Krüppel »wird nicht zugelassen in Amerika«, sagt Mac. Mendel Singer versucht verzweifelt, Menuchim zum Sprechen zu bringen. Immer wieder spricht er ihm die Worte der Schöpfungsgeschichte vor, doch der Sohn sagt nur »Mama«. Er bleibt zurück.
Was Joseph Roth über die Ankunft der jüdischen Einwanderer in einem Essay schrieb, macht das Schauspielhaus zum Programm. »Und der Jude kommt in eine Art Gefangenschaft, die man Quarantäne nennt oder ähnlich. Ein hoher Zaun schützt Amerika vor ihm. Durch die Gitter seines Kerkers sieht er die Freiheitsstatue, und er weiß nicht, ob er oder die Freiheit eingesperrt ist. Er darf nachdenken, wie es in New York sein wird. Er kann sich‘s kaum vorstellen. So aber wird es sein: Er wird zwischen zwölfstöckigen Häusern, zwischen Chinesen, Ungarn und anderen Juden wohnen, wieder ein Hausierer sein, wieder die Polizei fürchten, wieder schikaniert werden. Seine Kinder werden vielleicht Amerikaner werden. Vielleicht berühmte Amerikaner, reiche Amerikaner. Könige irgendeines Materials. Davon träumt jeder Jude hinter den Gittern seiner Quarantäne.«
Im Stück beginnt Amerika mit von heißen Wünschen begleiteten Sternschnuppen. Mendel sitzt abseits zwischen den Brettern und träumt von dem, was er hinter sich ließ – auch von Menuchim. Der andere Sohn, Sam, hat sich angepaßt, verdient Geld, einmal 15.000 Dollar auf einen Schlag. Er spekuliert und sieht »Streikende als Feinde der Menschheit«. Und: Er will Mendel zu einem fröhlichen Amerikaner machen. Mendel sagt: »Ja, Amerika ist Gods own Country« und, wie einst Jerusalem, New York: »the wonder city«. Er hat gelernt, daß die Worte fürs Beten nun »Service« heißen. Mendels Fazit: »Amerika zerbricht mich.« Sams Erfolg läßt das schlechte Gewissen nicht ruhen. Der ferne kranke Bruder: Man könnte ihn doch nach Amerika holen, es gibt hier gute Ärzte. Aber es geht nicht, die Geschäfte würden gestört. Der Krieg in Europa macht allen Überlegungen ein Ende. Mac und Sam wollen sich freiwillig melden. Sie seien »schöne Soldaten«, sagt Mirjam bewundernd.
Ein Brief vom Roten Kreuz wird überbracht mit der Nachricht, daß Jonas verschollen sei. Dann kommt Mac zurück mit Sams Uhr als Todeszeichen. Es schneit auf die Weltkugel. Mutter Deborah reißt sich die Haare aus in völliger Verzweiflung. Aber die Regie läßt sie nur erstarrt dasitzen. Stumm, kein Wiegenlied für tote Kinder wie im Roman. Das Schreckliche wird nur erzählt, was die Wirkung verstärkt. Mendel: »Ich bin ein Toter und lebe.« Mac nüchtern: »Sie ist tot.« – und meint die Mutter. Mirjam reagiert auf die Todesnachrichten mit Irrsinn. Ihr Geist zieht sich in sich selbst zurück. Der Arzt deutet »Vererbung« an.
Mendels Glaube wird erschüttert, ins Gegenteil verkehrt. Er haßt nun Jehowa: »Ich will Gott verbrennen. Gott ist ein Betrüger.” Er will alles ins Feuer werfen, seine Gebetsriemen, alles, was er heilig hielt. Die Erde wird feuerrot, aus dem Schnee wird Asche. Er schreit sein »Aus« in den Himmel, einsam wie kein zweiter. Keine Wunder mehr, kein Glaube an Wunder. Kein Warten mehr auf den Messias. Der Teufel ist gütiger als Gott. Michael Prelle schleudert dem Himmel Mendels Unglaube entgegen, eine Erschütterung, die aufrührt. Ein Jude ohne Kippa, Gebetsmantel, Bart – Hiob ist ein Urbild bis heute.
Was dann kommt: Freunde, Juden aus der Nachbarschaft wollen Mendel umstimmen, ihn überzeugen, daß Gott nur noch ganz kleine Wunder vollbringen kann, heute. Sie nehmen Mendel zu sich. Der Krieg ist vorbei und ein Wunder geschieht nun doch. Der verlorene Sohn (wieder genesen durch den Schock eines Feuers, das seine Stimme löste – und durch die Kunst russischer Ärzte) kommt zum Vater zurück – als ein großer Musiker. Mendel hatte oft in einsamen Stunden an ein Teeglas geschlagen, das wie Glocken klang. Das hatte bei Menuchim etwas angestoßen, seine Seele berührt. Dieser Schluß – wie bei Joseph Roth auch – ist allzu versöhnlich und stellt fast das Stück auf den Kopf.