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Titel2511

Bemerkungen
Regelsatz für Griechen
Ein bißchen spaßig kann man’s rüberbringen, meint die Redaktion des Frankfurter Intelligenzblattes und brachte auf ihrer Titelseite einen guten Ratschlag für Südeuropäer: »Nicht erst seit Sarrazins Hartz-Selbstversuch weiß jeder, daß es sich mit bescheidenen Mitteln leben läßt, wenn auch bescheiden. Die Griechen werden diese Kunst mühevoll einüben müssen, waren sie ja bislang ganz gut ohne Maßhalten ausgekommen. Vielleicht hilft es ihnen, daß sie ihr Leid bald mit Italienern und wer weiß, mit wem sonst noch, teilen müssen.«

Zur Erinnerung: In seinem deutschen Abschaffungsbuch, dem Bestseller, führt Sarrazin aus, daß seine Frau und er sich drei Tage lang versuchsweise vom Regelsatz der Sozialhilfe ernährt haben, und siehe da: »Ausgewogen und abwechslungsreich« ging es bei ihren Mahlzeiten zu, bei 3,98 Euro Ausgaben pro Tag. Kein Grund zum Klagen also. Allerdings hatte Sarrazin Hilfe: Seine Sekretärin habe er herangezogen, um Testkäufe vorzunehmen und den Speiseplan zu erstellen, heißt es in dem Buch. Das wirft Probleme auf, im Protektorat Griechenland. Wer soll all die Ernährungsberaterinnen bezahlen?
P. S.


Gewöhnung an Kriegsopfer

Bild am Sonntag hat ein Interview mit den Bundesministern Westerwelle und de Maizière geführt, über die Lage in Afghanistan; die Website der Bundesregierung trägt zusätzlich zur Verbreitung desselben bei. Der für die Bundeswehr zuständige Minister sagt darin, daß für»Soldaten, die mit körperlichen oder geistigen Schäden aus Afghanistan zurückkehren«, nun materiell besser gesorgt werde; darüber hinaus seien diese aber der »Zuwendung« bedürftig. Und dann: »Jetzt müssen wir uns als deutsche Gesellschaft auch wieder daran gewöhnen, daß versehrte Menschen aus dem Afghanistan-Einsatz ins Straßenbild gehören. Sie brauchen Anerkennung.«

Nun ist es ja so, daß bei den Militäreinsätzen der NATO die Versehrten auf der eigenen Seite weitaus geringer in ihrer Zahl sind als die auf der Seite der Gegner und vor allem der Zivilisten. Das allerdings kommt im hiesigen Straßenbild nicht in Sicht. Auch nicht in den Blick geraten die Toten, beider Seiten. An diese Opfer kann man sich also gewöhnen, ohne daß sie straßenbildlich auffallen. Aber wie kommt de Maizière überhaupt auf den Gedanken an das »Straßenbild«, an übliche Alltagseindrücke also? Offenbar ist er davon überzeugt, daß es mit dem Einsatz in Afghanistan nicht getan sei, daß derartige militärische Operationen mitsamt ihren Opfern zur Normalität werden. Und dann brauchen diejenigen, die das versehrt überlebt haben, Zuwendung und »Anerkennung«. Was soll dies nun bedeuten? Beim Anblick der Opfer eine Bestätigung, daß sie »für die richtige Sache« eingesetzt wurden, daß ihre Verletzungen »Kollateralschäden« sind, geopolitisch unvermeidlich? Krieg und das, was er bei Menschen anrichtet – eine Gewohnheitsangelegenheit? »Wieder«, sagt de Maizière. Wie im Straßenbild zu Zeiten der Weltkriege, nur diesmal dosiert, den Einsatz und dessen Folgen betreffend, beim Flanieren durch Stadtlandschaften also besser zu verkraften.
Arno Klönne


Unfreundlichkeiten
Der Botschafter der Bundesrepublik ist aus dem Iran abgezogen worden. Zuvor hatte Großbritannien seine diplomatische Vertretung dort aufgekündigt – als Strafgeste, denn die Iraner haben »unfreundliche Akte« begangen. Studenten haben in Teheran das Gebäude der britischen Vertretung besetzt, zu Protestzwecken, und die iranischen Behörden haben sie nicht daran gehindert. Das werde »ernste Konsequenzen« haben, erklärte die Regierung in London, und andere europäische Staaten pflichteten ihr bei. »Unfreundlichkeit« aus heiterem Himmel? Vor einigen Wochen berichteten die Londoner Zeitungen darüber, daß beim britischen Militär alle Vorbereitungen für einen Angriff auf den Iran getroffen würden, um dessen atomtechnische Fähigkeiten präventiv zu zerschlagen. Und die britischen Banken sperrten den Finanzverkehr für die Iraner. Alles ganz freundlich.
Peter Söhren


Nicht nur Raummangel
Jüngst, das Herbstsemester war an den Hochschulen gerade eröffnet, ereignete sich an der Berliner Humboldt-Universität dies: In einem Seminar, das von Beflissenen der Geschichtswissenschaft besucht wird, wurde den Teilnehmenden aufgetragen, einen Text von Carl von Ossietzky zu lesen. Das kommt dort noch vor. Als sich die Runde nach dem Studium wieder zusammenfand, wurde wie üblich zunächst gefragt, ob es mit dem Text irgendwelche Schwierigkeiten des Verständnisses gegeben habe. Das hatte es nicht, doch wurde gefragt: »War Ossietzky Kommunist?«, worauf, das macht den guten Didaktiker aus, vor der Antwort geforscht wurde: »Wie kommen Sie darauf?« Die Antwort lautete: »Er benutzt den Begriff Faschismus.«

Die Episode wäre der Erwähnung nicht wert, hätte sich hier einzig selbstverschuldetes Unwissen geäußert. Indes: Es fragte ein Opfer der Schulbildung in einer Gesellschaft, in der die auf ihre Gegenwart, Geschichte und Zukunft gerichtete Begriffswelt immer weniger durch theoretische Anstrengung und immer mehr von politischen Deutungs- und Herrschaftsbedürfnissen bestimmt wird. Ein Bundesdeutscher hat sich der Sympathien mit Kommunisten und anderen Linken auch dadurch unverdächtig zu machen, daß er den Etikettenschwindel der Nazis benutzt und gefälligst Nationalsozialismus schreibt und sagt. Daß weder ein Bürger der USA oder Großbritanniens, um im englischen Sprachkreis zu bleiben, auf die Idee käme, diese absichtsvoll betrügerische Kennzeichnung zu benutzen, hat ihn nicht zu irritieren. Und auch nicht, daß Faschismus, freilich mit anderer inhaltlicher Bestimmung, zum Begriffshaushalt von Konservativen gehört, von denen Ernst Nolte mit seinem Buch »Der Faschismus in seiner Epoche« (1963) der bekannteste wurde.
Kurt Pätzold


Die DDR war’s
Wie kann es nur gekommen sein, daß in Deutschland junge Leute sich zu neonazistischen Umtrieben zusammengerottet haben, Bomben legten, Zuwanderer ermordeten – und daß jetzt, nachdem dies herausgekommen ist, die braune Szene weiterhin ihre Gefolgschaft hat? Obwohl doch, wie man sagt, Schulen, Politiker und vor allem Verfassungsschützer sich alle Mühe gegeben haben, vor einer neuen Hitlerei zu warnen? Die Ursache ist gefunden, in fast allen angesehenen Zeitungen wird sie uns dargelegt: Der Ulbricht/Honecker-Staat habe den Rechtsextremismus erzeugt. Weil er ständig auf den Faschismus schimpfte und dann, als die DDR verschwunden war, beim ostdeutschen Nachwuchs das Gefühl aufgekommen sei, an einer vor den Kommunisten so diktatorisch verpönten Weltanschauung müsse doch etwas Positives dran sein. Die DDR-Antifaschisten, so schreiben es jetzt Experten, hätten ihre Kinder, unwillentlich allerdings, zu Neonazis erzogen. Und dann, nach der Wende, sei der Rechtsextremismus auch »in den Westen Deutschlands eingesickert«, »Der Osten reicht bis in den Westen« überschreibt die F.A.Z. einen Beitrag über Gewalt »autonomer Nationalisten« in Dortmund. Aber halt, gab es Neonazis in Westdeutschland nicht schon vor dem Anschluß Ostdeutschlands? Sogar braune Terroristen? Das wäre dann so zu erklären: Diese Menschen seien erfreulicherweise entschiedene Gegner des DDR-Staates gewesen, hätten auf die ostdeutsche Diktatur nur leider mit unerfreulichen Aktivitäten reagiert. Und so läßt sich schließen: Der Neonazismus ist ein Produkt der Kommunisten.
Clara Tölle


Kein Plagiat
»Vorerst gescheitert« hat Karl-Theodor zu Guttenberg seine Selbstauskunft genannt; in den Markt eingeführt hat diese der Chefredakteur einer Wochenzeitung, die bisher als solide galt, gedruckt ein Verlag, der in demselben Ruf stand. Geschäftlich ist das Buch vorerst ein Erfolg, aber eine Sarrazin-Auflage ist nicht zu erwarten.

Der Möchtegern-Doktor hat einen Fehler gemacht – diesmal handelt es sich um O-Ton; was wir da lesen, stammt von ihm selbst und ist öde. Außerdem ungeschickt. Selbst in seiner bayerischen Heimatpartei verblaßt der Ruhm des bis vor kurzem noch hochgeschätzten »Edelmannes«. Laut Verlagswerbung gibt das Buch »Ausblick auf das, was eines der größten politischen Talente gegenwärtig und in Zukunft bewegt«. Was ihn bewegt oder was er bewegen wird? Daß der Ex-Minister wieder ganz oben mitspielen möchte, machen seine Redewendungen deutlich, aber es kann sein, daß er sich selbst um die Gelegenheit gebracht hat, den Politikbeweger darzustellen. Das »Vorerst« auf dem Buchtitel ist nun mit einem Fragezeichen zu versehen, und im Hause Springer dürfte Trauer angesagt sein – der Kollege von der Zeit hat es verpatzt.
C. T.


Zoologistik
In seinem Buch »Der Fürst« (Il principe) führt Niccolo Machiavelli in Kapitel 18 unter der Überschrift »Auf welche Weise Fürsten ihr Wort halten müssen« aus, »daß gerade Fürsten große Dinge vollbracht haben, die auf Treue wenig gegeben haben und die Menschen mit List betört haben. Sie haben schließlich diejenigen überwältigt, deren Richtschnur die Ehrlichkeit war. Ihr müßt wissen, daß es zwei Arten des Kampfes gibt, eine durch Gesetze, eine durch Gewalt. Die erste gehört zum Menschen, die zweite zum Tier. Weil aber die erste oft nicht ausreicht, muß man auf die zweite zurückgreifen. Deshalb muß ein Fürst verstehen, menschliches wie tierisches Verhalten anzuwenden.« Nach weiteren Auslassungen über die moralische Verworfenheit als Berufvoraussetzung für Fürsten schlußfolgert er: »Der Fürst muß daher Fuchs sein ... und Löwe ...« Was Machiavelli da beschreibt, ist kein Forderungskatalog, sondern der von ihm erkannte Ist-Zustand. Deshalb fragt sich unsereiner ständig, wenn er die abendlichen Fernsehberichte über die Fürsten von heute verfolgt, wieso der Mann nicht den Esel erwähnt hat.
Günter Krone


Mehr als »DDR-relevant«
Der Tod Christa Wolfs – ein Glücksfall für manche Medien, um nicht immer über Neonazis und Krise berichten zu müssen, »Vergebung« beweisen zu können und »Demokratie anzuwenden«. So fragte man Krethi und Plethi und Promis und Spezialisten, was sie einem gewesen war. Und entgegen der Meinung derer, die Christa Wolf schon lange begraben hatten, waren ihre Texte und ihr Auftreten erstaunlich vielen in Berlin, Rostock, Leipzig und Schwerin geläufig und wichtig, während selbstverständlich Promis und Spezialisten sich zu größerer »Differenziertheit« verpflichtet fühlten: Von »bedeutend, aber überschätzt« bis zu »DDR-relevant« lauteten da die Urteile. Immerhin gestattete man der Toten nun das Bekenntnis aus ihrem letzten Buch, »dieses Land geliebt zu haben«, was wiederum die Vorreiterrolle der Schriftstellerin selbst im Tode beweist, denn Krethi und Plethi dürften sich das nicht getrauen!

Was war – ist – sie mir? Vor allem eine Schriftstellerin, die mir geholfen hat, die Welt genauer zu sehen, loszukommen von den Schulweisheiten und dem offiziellem Zeitgeist und tiefer einzudringen in die möglichen Beziehungen zwischen dem einzelnen und der Gesellschaft. Ich weiß noch, wie wir Rostocker Germanistikstudenten bei Erscheinen des »Geteilten Himmels« uns nächtelang stritten, ob ein sozialistischer Schriftsteller so etwas dürfe: eine Republikflucht plausibel begründen. Mit jedem Buch wurden die gestellten Fragen größer und prinzipieller und ich »wuchs« mit ihnen. Lernte sehen und fragen, lernte »ich« sagen. Kämpfte auch manchmal mit mir gegen ihre Ansichten, aber sie ließen mich nicht los und kalt. Mit Christa Wolfs Büchern wurde ich reicher, entdeckte, was manchmal unaussprechbar in mir rumorte. Nicht zuletzt war es auch ein ganz besonderer Klang in ihren Texten, der mir Genuß verschaffte und den Sinn für Sprache, für das Umkreisen eines Gedankens schärfte.

Traure ich »DDR-Altlast« etwas Vergangenem nach, das mit der modernen Welt rein gar nichts zu tun hat? Wie war das doch gleich in »Nachdenken über Christa T.«, »Kein Ort nirgends« oder gar »Kassandra«? Ging es da nicht um den Anspruch an eine humanistische Gesellschaft, auch den Nichtangepaßten, ja Erfolglosen Platz zu bieten? Um eine Lehrerin, die an ihren gefühlskalten und gewaltbereiten Schülern schier verzweifelt? Sehnten sich die Günderode und Kleist nicht nach einem Ort, an dem sie gebraucht wurden? Und Kassandra legte sich an mit den sich siegreich dünkenden Mächtigen, die sich eine Welt ohne Krieg und Waffen und Bevormundung und Lügen nicht vorstellen wollten? Alles das nur »DDR-relevant«? Deutsche Geschichte, die Kindheitsmuster prägt, die man nur mit immenser Anstrengung überwindet? Ein atomarer »Störfall« und das damit verbundene Nachdenken über die Verantwortung von Wissenschaft und Technik – nur das »Ländle« und seine Bewohner betreffend? Das Fremdsein einer Medea thematisierte nur das Wundenlecken der zur Minderheit gewordenen Landsleute? In der Gesamtschau auf die Bücher, die sie uns hinterlassen hat, wird das große Werk erkennbar, mit dem sie ihre/unsere Zeit befragte, wie wohl kein anderer Kollege neben ihr. In der DDR zeitweise boykottiert, nach der Wende mit Hohn und Spott beworfen. Immer wieder hat sie sich gestellt, ohne Rücksicht darauf, wie weh ihr das alles tat. Aber die Leser, die an ihr festhielten, gaben ihr Kraft durchzuhalten. Wie anders hätte sie die großartige Szene in »Stadt der Engel« schreiben können, da sie des Nachts allein in den USA sitzt und alle ihr bekannten Lieder singt, so sich ans Leben klammernd, das ihr in diesem Augenblick nicht mehr lebenswert schien?

Mein Leben wäre ohne ihre Bücher ein ärmeres gewesen, und sie hatte, das weiß ich, sehr viele solcher Leser.
Christel Berger


Bruno Vogel
Sein 1925 im Leipziger Verlag Die Wölfe erschienenes Buch »Es lebe der Krieg!« war alles andere, als eine Hymne auf die Schlachten des Weltkrieges. Kaum lag dieses Antikriegsbuch – illustriert von Rüdiger Berlit – in den Buchhandlungen, stürzte sich die bürgerliche Justiz darauf und überzog es mit Beschlagnahmen und Prozessen. Es folgten Schwärzungen und Verbote, bis »Es lebe der Krieg!« 1929 noch einmal erscheinen konnte – eine wegen »Gotteslästerung« und »Unzucht« um zwei Texte und eine Illustration kastrierte Auflage.
An den heute weitgehend vergessenen Kriegsgegner und Vorreiter der homosexuellen Bewegung, Bruno Vogel (1898–1987), erinnert eine Sammlung Feuilletons, die Peter Hinke in seiner Connewitzer Verlagsbuchhandlung zum erneuten Druck beförderte. Gesucht und gefunden hat sie Wolfgang U. Schütte in linken sächsischen Zeitungen, für die der in Leipzig geborene Bruno Vogel schrieb. Herausgekommen ist dabei eine kleine editorische Kostbarkeit – typographisch schön gestaltet von Jochen Busch – die einen zu Unrecht vergessenen Schriftsteller wieder ans Licht bringt.
Edmund Schulz

Bruno Vogel: »Ich erhalte 100 Mark!«, Feuilletons aus den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, hg. von Wolfgang U. Schütte, Connewitzer Verlagsbuchhandlung, 35 Seiten, 12 €


Herbert Knaup
ist bekanntlich ein erstklassiger Schauspieler, der alle Nuancen in seinem künstlerischen Bewußtsein (oder Unterbewußtsein) zu speichern wußte und diese, wie jeder erstklassige Schauspieler, auch darzustellen und auf der Bühne vorzuleben weiß. Man könnte ihn einen Charakterdarsteller nennen, wenn man darunter einen Mimen versteht, der nicht nur einen Menschen mit Charakter spielen kann, sondern auch einen, der – aus welchen Gründen auch immer – sukzessive seinen Charakter verliert. Genau einen solchen Charakterkomiker großer Dimension, wie Knaup einer ist, brauchten Regisseur Ulrich Waller und das St. Pauli Theater, Hamburg, für Florian Zellers intelligente und hinterlistige philosophische Posse über die Wahrheit, die jetzt auch im Renaissance-Theater in Berlin gezeigt wurde. Zeller wurde 1979 in Paris geboren. Die Übersetzer seines Werks, A. & P. Bäcker, verdeutschten den Originaltitel so: »Die Wahrheit oder Von den Vorteilen, sie zu verschweigen, und den Nachteilen, sie zu sagen«. Das könnte ein Titel von Hans Sachs sein, mit dessen Werk- und Verskunst unsereiner sich vor 60 Jahren im Deutschunterricht plagen ließ (mein Opa war auch Schuhmacher, aber glücklicherweise kein »Poet dazu«). Zellers Hauptdarsteller Michel (Herbert Knaup) kennt die Wahrheit nur aus Erzählungen oder moralischen Schriften. Die Lüge ist sein Leben; er erklärt uns: »Wenn die Leute von heute auf morgen aufhören würden, sich zu belügen, gäbe es kein einziges Paar mehr auf Erden. Und in gewisser Hinsicht wäre das das Ende der Zivilisation.« Der Liebhaber der Frau seines »besten Freundes«, Michel, hat zu früh gekräht auf seinem Misthaufen der Eitelkeit.

Ich bitte Leslie Malton, Johanna Christine Gehlen und Thomas Heine um Entschuldigung dafür, daß ich ihre Mitwirkung in dieser so erfolgreichen Aufführung nicht ausführlicher würdigen kann, und ich weiß, daß Knaups Erfolg ohne seine Kolleginnen und Kollegen undenkbar wäre. Knaup weiß das gewiß auch. Dank also allen, die uns die Wahrheit sagten und uns so herrlich lachen machten. »Spieldauer: 1 Stunde und 30 Minuten, keine Pause.« Auch das fand ich sehr angenehm.
Lothar Kusche


Kampf der Arten in Vorpommern
Die Bezeichnung »Bildungsroman« paßt. Denn »Bildung«, auch ironisch verstanden, spielt im »Hals der Giraffe« eine große Rolle. Auf 222 Seiten geht es um eine Lehrerin, um ihre Lehrmethode, um ihre Lebensart, um Schule in Vorpommern kurz vor dem Exodus der Bevölkerung nach Westen. Die Leser werden zugeschüttet mit biologischem Fachwissen. Das wird nicht zu viel, weil die Autorin Judith Schalansky damit interessante ökologische, politische und gesellschaftliche Aspekte verbindet, weil sie gleichzeitig damit auch den Roman gekonnt strukturiert.

Die Biologielehrerin Inge Lohmark hat ihr Unterrichtsfach so verinnerlicht, daß sie die Welt und auch ihr Leben allein nach den Gesetzen der Biologie betrachtet und führt. Anpassung, Kampf der Arten, Entwicklung vom Niederen zum Höheren, wobei nicht klar ist, ob der Mensch oder das Steppengras der Überlebenssieger sein wird. So führt sie ihre Ehe, so unterrichtet sie. Gefühlskalt, immer auf der Seite der Überlebenden, wie sie glaubt. Doch es kommt anders ... Wie es Judith Schalansky gelingt, die trockenen biologischen Theoreme mit dem Leben heute und speziell mit dem von Inge Lohmark zu verknüpfen, ist ein literarisches Kabinettstück. Dabei begibt sich Schalansky auf eine Gratwanderung zwischen Zukunftspessimismus und Verteidigung des Humanismus. Die 1980 in Greifswald geborene Autorin ist studierte Kommunikationsdesignerin und Typographin, entsprechend aufwendig ist das Buch ausgestattet – ein in vielerlei Hinsicht eigenwilliges und besonderes Werk.
Christel Berger

Judith Schalansky: »Der Hals der Giraffe. Bildungsroman«, Suhrkamp, 222 Seiten, 21,90 €



Grüezi mitenand
Schon der Titel ist eine Verführung. Guter Geschichtsunterricht! Das belebt Erinnerungen an Urzeiten:
Der erste meiner Geschichtslehrer war in diese Rolle durch einen Irrtum bei seiner Berufswahl gelangt. Dann, als den jüngeren Fachkräften befohlen war, in den weiten Osteuropas Geschichte zu machen, mußten alte Kader sie ersetzen. Wir bekamen einen, der noch an einem der Lehrerseminare im 19. Jahrhundert ausgebildet worden war. Wenn der, Wahrheit oder Legende, den Kaiser über die Alpen nach Canossa ziehen ließ, hatte sich der Schulweg gelohnt.

In diesen Jahren erhielten wir Schulbücher, die uns den Gang deutscher Geschichte als den unausweichlichen Weg von den Germanen zum Führer darstellten. Als dieser Weg geendet hatte, wurde der Unterricht im Fach Geschichte für einige Zeit untersagt, bis schließlich ein Pädagoge an unserer Anstalt eine Sondergenehmigung erhielt. Wir studierten die Bände der Geschichte der Diplomatie, eine sowjetische Produktion.

Guter Geschichtsunterricht: Zwei Worte und ein Ansturm von Gedanken. Nun trifft es die Enkel. Und, Verführung Nummer zwei, das Thema wird von einem Schweizer abgehandelt, erörtert in dem Ausland, aus dessen Legendengeschichte jeder bildungsbeflissene Deutsche den Hut kennt und die Gasse und den Schwur und den Tell und den Gessler und die Verarbeitung all dessen durch einen gewissen Schiller. Peter Gautschi, so heißt der Verfasser von »Guter Geschichtsunterricht«, lehrt an der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz. Die befindet sich in Aarau, also unfern der Grenze zu Frankreich, und das hat auch eine interessante Vergangenheit.

Gautschi ist ein Didaktiker, das schließt ein, daß er systematisch vorgeht. Über die Abschnitte »Was ist Unterricht«, »Was ist Geschichtsunterricht«, »Was ist guter Unterricht« gelangt er zur Beantwortung der Frage »Was ist guter Geschichtsunterricht«. Wer bis zur Seite 100 vorgedrungen ist, stößt auf das Kondensat, des Autors Definition: »Geschichtsunterricht ist dann gut, wenn Schülerinnen und Schüler anhand von fachspezifisch bedeutsamen Inhalten und Themen mittels eines Unterrichtsprozesses, der den Ansprüchen der Bezugswissenschaften entspricht, relevantes geschichtliches Wissen und für Historisches Lernen grundlegende Kompetenzen erwerben und ausdifferenzieren.«

Hier heißt es einhalten und bedenken, was das ausdrücken soll, daß »Geschichtsunterricht ... mittels eines Unterrichtsprozesses« Kompetenzen vermittelt. Ich danke mangels einer genaueren Adresse einem gütigen Schicksal, daß meine Geschichtslehrer von diesen Definition nie gehört hatten und wünsche vielen Meitli und Buebe im sympathischen Nachbarlande, daß dies auch für ihre Pädagogen gelten möge. Guter Geschichtsunterricht, so kommt mir dann in den Sinn, ist vielleicht der, der Wissen vom Gang der Weltgeschichte vermittelt, dazu beiträgt, Kindern und Heranwachsenden eine selbständige Orientierung in den gesellschaftlichen, politischen und geistigen Zuständen ihrer Zeit zu ermöglichen, und sie befähigt, die abschätzbaren Chancen und Grenzen ihres Eingreifens in geschichtliche Prozesse zu erkennen und ihre Lebensinteressen, namentlich das am Frieden, in Gemeinschaft zu verfechten. Möglicherweise ist dieser Anspruch aber zu politisch. Da lassen wir es lieber beim Kompetenzenausdifferenzieren. Grüezi mitenand.
Kurt Pätzold

Peter Gautschi: »Guter Geschichtsunterricht. Grundlagen, Erkenntnisse, Hinweise«, Forum Historisches Lehren, Wochenschau Verlag, 334 Seiten, 39,80 €



Ein Schalentier
Wieder einmal begleiteten »wirtschaftsnahe« Zeitungen den Parteitag der SPD mit düsteren Befürchtungen – ein »Linksruck« könne dort passieren, ein »kalter linker Putsch«. Unter den Augen des Altkanzlers Helmut Schmidt? Das Kanzlerkandidaten-Casting störend? So etwas läßt eine ordentliche Partei nicht durchgehen. Außerdem ist diese jetzt auch vornehm, die Generalsekretärin hat ihr eine neue Farbe verpaßt, statt Rot das Schalentier-Purpur. Die Farbe hat eine lange Geschichte als Zeichen einer Vorzugsstellung, zuerst der Hopliten, antiker Elitesoldaten. Militärhistorisch wird berichtet, daß deren purpurne Gewänder zwei Funktionen hatten: Den Gegner durch Zurschaustellung von Pracht zu beeindrucken – und farblich die eigenen Wunden verborgen zu halten. Soviel Selbstironie hätte man der SPD gar nicht zugetraut.
Marja Winken


Mittendrin
Moderner sind sie schon geworden, die Parteien, auch die Partei Die Linke (PDL). Vorbei die Zeiten, in denen sich Kandidaturen für den obersten Parteivorsitz mühsam über die Ortsvereine in die Parteitage hocharbeiten mußten – jetzt geht das per Selbstbewerbung mit einem Eigenauftritt vor der Presse in Berlin. Eine Ausschreibung der erforderlichen Qualifikationen freilich fehlt, und so mußte Dietmar Bartsch diese eigenhändig formulieren: Ein Vorsitzender muß her, der dafür sorgt, daß die PDL endlich »ankommt«. Wo? »Mittendrin statt allein gegen alle.« Des langen Kommuniqués, das Bartsch für seine Bewerbung formuliert hatte und etwas holprig verlas, kurzer Sinn: Die PDL soll so geführt werden, daß sie allenthalben mitregierungsfähig ist. »Antikapitalismus reicht nicht«, sagte er. Aber schaden wird er nicht, wenn die Partei ihn ins rechte Maß bringt, selbst der CSU-Vorsitzende und bayerische Ministerpräsident zeigt sich ja inzwischen unzufrieden mit den Kapitalisten. Allein kann eine Partei nicht gegen deren Übermut bestehen, in der Opposition kann sie eh nichts erreichen, also: Rein in die Mitte. Da ist der Ort, an dem Partnerschaften vermittelt werden.
M. W.

Einen reizvollen praktischen Vorschlag brachte Dietmar Bartsch in seiner Bewerbungsrede: Die Linkspartei solle sich der »Jugendsprache« bedienen. Wir exemplifizieren das mal: »Eh, Alter, ich mach Dich platt, Du Penner«, könnte er dann einem Konkurrenten um den Parteivorsitz zurufen. So etwas brächte Leben in die Linke. Und Bartsch würde etwas lockerer wirken.
Red.


Altes Lied mit neuem Text
So viel Heimlichkeit
in der Weihnachtszeit,
viele Nazis sind verschwunden,
Verfassungsschutz hat nichts gefunden,
so viel Heimlichkeit
in der Weihnachtszeit ...

So viel Heimlichkeit
in der Weihnachtszeit,
Oskar ward zu Santa Claus
Sarahs neuer Nikolaus,
so viel Heimlichkeit
in der Weihnachtszeit ...

So viel Heimlichkeit
in der Weihnachtszeit,
Guttenberg, und nicht zu knapp,
schreibt jetzt aus der Bibel ab,
so viel Heimlichkeit
in der Weihnachtszeit ...

So viel Heimlichkeit
in der Weihnachtszeit,
Autos brennen lichterloh,
leuchten bis nach Jericho,
so viel Heimlichkeit
in der Weihnachtszeit!

So viel Heimlichkeit
in der Weihnachtszeit,
da erhöh`n sich, nicht für jeden,
Banker-Boni und Diäten,
so viel Heimlichkeit
in der Weihnachtszeit ...

So viel Heimlichkeit
in der Weihnachtszeit,
Mieten ziehen wieder an,
Fahrpreise sind auch schon dran,
so viel Heimlichkeit
in der Weihnachtszeit ...
Wolfgang Helfritsch