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Titel252013

Bemerkungen

Verfassungswirklichkeit
Der Vertrag für die Große Koalition hat viele Seiten, wer sich die Lektüre zumutet, hört damit möglicherweise zu früh auf. Denn am Schluß wird es hochinteressant, da steht: »Im Bundestag und in allen von ihm beschickten Gremien stimmen die Koalitionsfraktionen einheitlich ab. Das gilt auch für Fragen, die nicht Gegenstand der vereinbarten Politik sind. Wechselnde Mehrheiten sind ausgeschlossen.« Hellseher sind die Großkoalitionäre nicht, also wird gemeint sein: Sie sollen einheitlich abstimmen, und es soll dabei blockartig zugehen. Allerdings sind nach dem Grundgesetz (Artikel 38) nicht die Fraktionen, sondern die Abgeordneten abstimmungsberechtigt. Die wiederum sind »an Aufträge und Weisungen nicht gebunden«. So will es unsere Verfassung. In dieser nachzulesen, blieb den Koalitionsverhändlern offenbar nicht die nötige Muße.

A. K.


Politik mit Bremsen

Das Wort Bremse hat zweifache Bedeutung. Zum einen bezeichnet es eine Hemmvorrichtung, zum anderen eine Fliege, die sich gern auf unappetitlichen Haufen niederläßt. Das fällt mir immer ein, wenn ich Politiker von Kosten- oder Schuldenbremse reden höre.
Günter Krone


Anstößiges – ultramontan
In preußisch geprägten, kulturkämpferischen Zeiten galten die deutschen Katholiken als »ultramontan«, »Romhörigkeit« wurde ihnen von den Inhabern des Nationalgefühls vorgeworfen. Das ist lange her, aber immer noch haben sie ihre Bedeutung, die historischen und die aktuellen Botschaften aus dem Vatikan. Nur ist die Frage: Was entnimmt man ihnen? In den Lehrschreiben der Reihe von Päpsten ist vieles zu finden, Unterschiedliches, auch Widersprüchliches. Soeben etwas Anstößiges. Über das Apostolische Schreiben »Evangelii Gaudium« von Papst Franziskus berichtet die Frankfurter Allgemeine: »Das derzeitige Wirtschaftssystem des Westens nennt der Papst ›in der Wurzel ungerecht‹. Diese Form der Ökonomie töte, denn in ihr herrsche das Gesetz des Stärkeren. Die Person sei nur noch als Konsument gefragt. Wer nicht konsumieren könne, der werde nicht mehr nur ausgebeutet, sondern ganz ausgeschlossen und weggeworfen ... Die Welt lebe in einer neuen Tyrannei des ›vergötterten Marktes‹ ... Hier regierten Finanzspekulation, Korruption und Egoismen ...« Kapitalismuskritisches steht bei der F.A.Z. üblicherweise auf den Feuilletonseiten. Der Beitrag, aus dem hier zitiert wurde, steht auf der Politikseite. Nun sind wir gespannt, ob diese Meinungen aus Rom in den kirchlichen Diskursen hierzulande gedankliche Folgen zeitigen.
M. W.


Ein altes/neues Gespenst

Die Zeiten scheinen zum Glück vorbei, in denen Marx als toter Hund galt, ein »Ende der Geschichte« propagiert wurde, die ordnende Funktion einer »unsichtbaren Hand« des Marktes als bewiesen galt und die blauen Bände des Dietz-Verlages massenweise in Heizungskellern und auf Mülldeponien landeten. Als Folge der mittlerweile kaum noch zu übersehenden Krisenerscheinungen des angeblich siegreichen Kapitalismus werden linke Klassiker wieder wahrgenommen. Die über zwanzig Jahre, in denen die marxistische Linke (fast) verstummt war, wirken leider nach – es besteht enormer Nachholbedarf. Die gesammelten Marx-Engels-Werke kann man selbstverständlich längst im Internet lesen – wenn man will.

Das hier vorgestellte Hörbuch mit Textauszügen aus dem »Manifest der Kommunistischen Partei« von Karl Marx und Friedrich Engels ist zwar nicht das erste seiner Art – ältere Versionen sind aber längst vergriffen. Schauspieler Rolf Becker trifft mit dem von der Tageszeitung junge Welt produzierten Hörbuch offensichtlich den Zeitgeist. Der Live-Mitschnitt seiner jetzt auf CD vorliegenden Lesung vom 3. März dokumentiert jedenfalls Beifallsstürme.

Die Herausgeber des Hörbuches weisen im erläuternden Text zwar zu Recht darauf hin, daß das »Manifest« ein zeitbedingtes Werk ist, Marx und Engels manche Entwicklungen nicht oder erst in ihren späteren Werken voraussehen konnten. Es ist dennoch erstaunlich, wie die Autoren schon in der Ära kapitalistischer Morgenröte die sozialen Antagonismen dieser Gesellschaft erkannten, ihre Unfähigkeit, aus den von ihr selbst produzierten barbarischen Krisenszenarien herauszukommen, wie sie die Möglichkeit eines gemeinsamen Unterganges der sozialen Klassen überhaupt in Erwägung ziehen konnten.

Für junge Leute ist das Hörbuch ein geeigneter Einstieg für eine weiterführende Marx-Lektüre. Und selbst gestandenen Marx-Engels-Kennern erschließt sich beim Zuhören eine ungeahnte Aktualität dieses fast 166 Jahre alten Textes. Was freilich auch daran liegt, daß Becker ganz einfach ein hervorragender Rezitator ist.
Gerd Bedszent

»›Ein Gespenst geht um in Europa …‹ Rolf Becker liest das Kommunistische Manifest«, Hörbuch (Doppel-CD), Libroletto-Verlag, 19,90 €


Klassenbegegnung
»Die Prinzessin und der Pjär« – der Titel klingt nach Weihnachtsmärchen und Schweden, in Wirklichkeit geraten zwei Kinder zu Feierabend in eine Schultoilette und werden versehentlich vom Sicherheitsdienst eingeschlossen. Der Junge, weil er eine schlechte Mathearbeit im Klo runterspülen will, das Mädchen, weil sie ihre Geige vergessen hat. Die erste Fremdheit, die sich wie ein Abgrund ausmacht, keiner hat eine Ahnung vom Leben des anderen, wird zunehmend überwunden. Die Eingesperrten nähern sich notgedrungen einander, lernen sich kennen. Sie teilen ihre Kekse und erfinden Spiele. Pjär ist eigentlich Pierre, und die Prinzessin ist ein Mädchen aus gutem Hause, die nun ihre Geigenstunde verpaßt, wo sie doch für den Musikwettbewerb üben muß. Unmerklich wachsen Erkenntnisse. So wird der Prinzessin plötzlich bewußt, daß ihre Eltern auf sie, wegen ihrer perfekten Schulleistungen, ähnlich stolz sind wie der Onkel des Pjär auf seinen Maserati. »Ich bin kein Auto!«, brüllt sie daher in ihr Telefon, als sie kurz von ihrer Mutter angerufen wird, die nach nichts anderem als der Mathe-Eins fragt. Da das Mädchen dann wütend das Handy wegschmeißt, ist nun die Chance für einen Hilferuf vertan, was Pjär etwas idiotisch findet. Umso besser können sich die beiden kennenlernen. Er eröffnet ihr, daß über sie in der Klasse gelästert wird, sie sei als Streberin verschrien, selbst bei ihrer besten Freundin.

Das Stück von Milena Baisch (Grips-Theater, Regie: Grete Pagan) hat viel Kraft zu Beginn, wo die Unterschiedlichkeit und Fremdheit zweier Angehöriger diametral ausgerichteter gesellschaftlicher Klassen mit Humor und Einfühlsamkeit gezeigt werden. Doch verliert die Inszenierung gegen Ende, denn es fehlt ein Fazit, ein Konflikt, der sich auflöst, die Spannung entweicht kontinuierlich mit dem besseren Kennenlernen der beiden Kinder. Viel Verständnis fällt für die Sorgen beider gesellschaftlicher Gruppen ab, für die sogenannten bildungsfernen Schichten wie für die im Konkurrenzkampf strampelnden »Bessergestellten«.

Roland Wolf als Pjär füllt seine Rolle perfekt aus, er kann praktisch jede Rolle spielen, vom fiesen Finanzmanager bis zum trotzigen Kleinkind, seine Gestik, seine Körpersprache und sein Gesichtsausdruck sind so variantenreich, sein Spiel ist so virtuos, daß man die Figur, die er spielt wie durch ein analytisches Brennglas betrachtet.
Alessa Kordeck hat etwas Mühe aus einer untergründig wahrnehmbaren Haltung herauszukommen, die Kinder immer etwas trotzig-schmollend, immer wie mit Absicht die Erwachsenen ärgernd, das heißt immer etwas leicht clownesk darzustellen. Das ist das Übliche, wenn man Kindertheater sieht und denkt, aber das Grips ist nicht das Übliche, es ist das Gegenteil davon; Kinder werden hier in ihrem Wesen dargestellt, nicht in ihrer äußerlich sichtbaren Erscheinungsform.

»Würde das Wohl des Kindes in den Mittelpunkt rücken und das individuelle Handeln sich danach ausrichten, könnte eine Beziehungsgesellschaft wachsen. Hier auf der Kindertoilette ist diese jedenfalls für einige Stunden gewachsen, die Befreiung entläßt beide wieder in ihre verschiedenen Welten«, schreibt Hans-Joachim Maaz im Programmheft.
Anja Röhl


Sprechstunde
In der Stuttgarter Zeitung (27.11.) wird die künftige Leiterin des Stuttgarter Kulturamts vorgestellt, Birgit Schneider-Bönninger. Der Artikel liest sich wie ein zweites Bewerbungsschreiben an alle, die meinen, Kultur sei alles. Schneider-Bönningers originelle Idee, die gleich am Anfang kommt: eine Kultursprechstunde für Kulturschaffende, aber auch für alle Bürger, also für überhaupt alle! Die Kulturamtsleiterin macht eine Kultursprechstunde. Der Sozialamtsleiter macht – wir wissen es nicht – eine soziale, der Polizeidirektor eine … – da möchte ich lieber nicht hin.

Dann stellt die Dame fest, bisher gab es schon eine enorme kulturelle Vielfalt in Stuttgart, entdeckt aber auch Defizite. Bescheidenheit sei schlecht für die Kultur, also will sie gleich die ganze Stadt als Kunstwerk erobern. Nun, in der Nähe ihres Büros wird sie an Europas größter Baustelle und vor allem dahinter eine ganz prächtige Kulturlehrstelle entdecken, die es mit entsprechender Rhetorik und zweifelhaften Preisen, zum Beispiel wurde die dortige Bibliothek als Bibliothek des Jahres ausgezeichnet, weiter zu übertünchen gilt.

Birgit Schneider-Bönninger ist sich schon jetzt für nichts zu schade, was an ihrer Hochschätzung der »Fußballkultur« noch deutlich wird. Oft wird sie im lokalen Fußballstadion sein, der sogenannten Mercedes-Benz-Arena, da sie wohl ihr Amt eher aushäusig verstehen wird: bei den Menschen ... Bisher schwärmte sie »natürlich« für Borussia Dortmund, aber, so fügt sie der StZ hinzu, sie findet auch den VfB Stuttgart genial. Sonst mangelt es offenbar am Genialischen, keine Ideen, nicht ein kritischer Gedanke. »Total interessant« findet die neue Kulturamtsleiterin übrigens auch noch astronomische Themen ... Die Stuttgarter sind eher an irdischen interessiert.
Rosa Wacholder


»bildersuchlauf«
Wir sind an diesem Mittwoch die ersten Besucher im Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus (dkw) und sind gespannt. Das dkw wurde 1927 als Umspannwerk und Spitzenlastkraftwerk gebaut. Seit 1977 ist es ein Kunstmuseum. Im Haus befinden sich sechs Ausstellungsräume, die ansprechend und großzügig gestaltet sind. Temporäre Ausstellungen sind im ehemaligen Maschinenhaus und im alten Schalthaus zu sehen. Im Museumsbestand sind 23.000 Werke vom Dresdener Expressionismus bis zur jüngsten Vergangenheit erfaßt.

Die aktuelle Ausstellung »bildersuchlauf« war vor ihrer Cottbuser Präsentation anläßlich des seit 50 Jahren bestehenden Élysée-Vertrages schon in Frankreich, in der Kunsthalle Brest zu sehen. Sie zeigt Bestände aus 40 Jahren DDR-Geschichte. Gegliedert ist sie in die Themenbereiche Arbeit, Stadt, Privatsphäre und Gegenkultur.

Der Rundgang brachte Begegnungen beziehungsweise Wiederbegegnungen mit Günther Brendels »Braunkohlentagebau« (1958), Willi Sittes »Urlauber mit Zeitung« (1971), Clemens Gröszers »Bildnis A. P. III« (1987) und mit Arbeiten von Harald Metzkes, Theodor Rosenhauer, Uwe Pfeifer, Konrad Knebel, Johannes Heisig und vielen weiteren Künstlern. Dennoch war ich beim Durchschreiten der Räume oft deprimiert, weil meist ernste, nachdenkliche Menschen zu sehen waren und graue DDR-Architektur. Für mich, ein Kriegskind, war die DDR farbenfroher und sicherer. Eingetauscht haben wir sie für eine hohle, bunte Glitzerwelt. Ein Raum zeigt Bilder der »Gegenkultur«, die nach meiner Erinnerung eine verborgenere Angelegenheit war und keinen Umsturz zum Ziel hatte. Die Losung »Vom Ich zum Wir« halte ich für so falsch nicht.

Thomas Kläbers Fotografie »Berlin, Platz der Akademie« (1984) wurde als Titelbild für den Katalog gewählt. Ein Bauzaun trennt das Foto in zwei Ebenen; im Vordergrund ist ein Herr mit Hut zu sehen, der intensiv eine historische Darstellung des Gendarmenmarktes betrachtet; die hohen Neubauten der Leipziger Straße ragen im Hintergrund empor. Ein Foto ohne Titel (S-Bahnhof, 1978) zeigt mit nüchternem Blick Banalität und Uniformierung im städtebaulichen Raum; Losungen wie »Seht, Großes ist vollbracht!« und »Wir gratulieren unserer Republik« sind an Säulen und Wänden des Bahnhofs einfallslos plaziert. In Brigitte Reimanns Roman »Franziska Linkerhand« grübelt die Architektin: »Es muß, es muß sie geben, die kluge Synthese zwischen Heute und Morgen, zwischen tristem Blockbau und heiter lebendiger Straße, zwischen dem Notwendigen und dem Schönen …« Ob das wohl jetzt gelöst ist, wo in der Architektur oft chaotische Freiheit herrscht?

Theodor Rosenhauers kleines Gemälde »Brot und Tasse« (1958) ist in seiner Schlichtheit einfach schön. Ich liebe Konrad Knebels sensible Altstadtlandschaften, hier »Straße in Karl-Marx-Stadt« (1974); die düsteren Altbauten werden von einem weißen Spruchband durchschnitten. Lange blieb ich vor Doris Zieglers »Bildnis Uta, Samuel, Martin, Adrian, Thora, Till, Ben, Maria und Selbst« (1982) stehen. Nur eines der dargestellten Kinder zeigt andeutungsweise ein Lächeln, alle anderen Personen sind ernst, nachdenklich und irgendwie ohne Hoffnung. Diese Trostlosigkeit wird noch unterstrichen durch die Straßenflucht, links hohe, dunkle Mietskasernen und rechts eine Fabrikmauer. Um einen runden Tisch sind die Dargestellten gruppiert; jeder ist für sich allein. Das ist weit weg von den sozialistischen Versprechungen; es ist bedrückend. Doris Ziegler hat das sicher so empfunden; ich erlebte vieles anders.
Maria Michel

»bildersuchlauf«, dkw Cottbus, Am Amtsteich 15, noch bis 5.1.14, geöffnet Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr


Ein interessantes Leben
Cornelia Norden ist eine couragierte Frau Doktor mit einem interessanten Leben, aus dem sie einzelne Episoden ihren Enkeln erzählen wollte. Es wäre schade gewesen, daraus kein Buch zu machen, denn ihre Geschichten haben ein größeres Publikum verdient. Die nun erschienene Sammlung widerlegt unter anderem die Legende vom eintönigen tristen Leben in der DDR. Mit viel Fleiß und ein bißchen Glück lief es bei der Autorin anders.

1943 geboren, erlebte die Tochter von DDR-Funktionären in Berlin eine normale Kindheit und Schulzeit, früh interessiert an Politik, Philosophie und allem Wesentlichen, wie es die Originalbriefe der Oberschülerin an den Freund zeigen. Nach dem Abitur studiert sie Medizin in Moskau. Danach heiratet sie den Jugendfreund, nunmehr Diplomat in Diensten der DDR. Das ermöglicht Auslandserfahrungen auf Castros Kuba und in Allendes Chile. Cornelia Norden reicht das Leben als Hausfrau mit zwei kleinen Kindern auch dort nicht, sie arbeitet als Ärztin, erlebt unter anderem den Militärputsch hautnah. Nach der Rückkehr in die Heimat landet sie in einem wissenschaftlichen Institut in Berlin-Buch, wird Spezialistin für Blutgerinnung, bis sie nach der Wende auf schmähliche Weise abgewickelt wird. Sie faßt wieder Fuß in einem Pharmazieunternehmen, wenn auch unter anderen Bedingungen und mit ganz neuen Erfahrungen.

Es sind die einzelnen Episoden, die den Lebensbericht spannend machen: viele kleine Details aus dem Studium in der Sowjetunion, interessante Begegnungen mit bekannten Leuten und Ereignisse in Familie und Beruf. Das ist so wenig langweilig wie das gesamte hier erzählte Leben.
Christel Berger

Cornelia Norden: »Anamnese. Eine Ärztin aus der DDR erzählt«, Edition Schwarzdruck, 331 Seiten, 27 €



Ukraine unter Druck
Mitte November meldete die Deutsche Presse-Agentur (dpa): »Kanzlerin Angela Merkel und die Europäische Union erhöhen den Druck auf die Ukraine.« Die Außenminister der EU-Staaten hätten festgestellt, daß die Bedingungen für das Assoziierungsabkommen zwischen der EU und der Ukraine, dessen Unterzeichnung für Ende November geplant war, noch nicht erfüllt seien. Der deutsche Noch-Außenminister Guido Westerwelle wurde mit den Worten zitiert: »Wir wollen, daß die Ukraine sich in Richtung Europa orientiert. Aber die Voraussetzungen müssen stimmen.« Und die Kanzlerin rief die Ukraine auf, endlich mit »glaubhaften Schritten« ihren Willen zu Reformen unter Beweis zu stellen.

Wenn Merkel von »Reformen« redet, ist allemal Sozialabbau gemeint. Die Ukraine soll unter anderem den öffentlichen Dienst reduzieren, Personal entlassen und die Dienstleistungen verteuern. Wenn sie etliche derartige Bedingungen erfüllt, wäre der Internationale Währungsfonds bereit, ihr – zur Freude der Banken – neue Kredite zu verschaffen. Ganz so billig möchte Präsident Janukowitsch sein Land – eines der größten und bevölkerungsreichsten Europas, mitten zwischen Atlantik und Ural gelegen, mit den fruchtbarsten Böden des Kontinents gesegnet, die Nazis sprachen von der »Kornkammer« – nicht hergeben.

In der Berichterstattung dominieren antirussische Parolen. Kiew soll sich gefälligst zwischen der EU und Rußland entscheiden, das heißt: sich zum Frontstaat gegen »Putins Imperium« hochrüsten lassen, gegen den Erzbösewicht, der auf unseren sibirischen Bodenschätzen sitzt. Solche Perspektiven beunruhigen Moskau, das mit Kiew über die Konsequenzen einzelner Bestimmungen des Assoziierungsabkommens für die bilateralen Beziehungen verhandelt. Die tonangebenden deutschen Medien erkennen darin prompt russische Einmischung in die inneren Angelegenheiten unserer Ukraine. Die Kanzlerin barmt ob des »erheblichen Drucks«, dem die Ukraine ausgesetzt sei. Selbstverständlich meint sie damit nicht den guten Druck des Westens, sondern den bösen des Ostens.

Jetzt hofft Westeuropa auf eine Revolution in Kiew. Da Julia Timoschenko, eine der reichsten Frauen im Lande, die wegen schwerer Wirtschaftsverbrechen in Strafhaft sitzt, kaum noch Sympathien in der Bevölkerung genießt, bietet sich der Berufsboxer und erfolgreiche Geschäftsmann Vitali Klitschko, dessen Firma ihren Sitz in Hamburg hat, als Revolutionsführer an. Seine neoliberale Partei kooperiert mit Timoschenkos ebenfalls neoliberaler Partei und einer faschistischen. Westliche Unterstützung ist ihm sicher.
Arnold Venn


Spam und Fakes
In den vergangenen Wochen haben etliche von mir versandte elektronische Briefe (E-Mails) die Adressaten nicht erreicht. Fachleute erklärten mir warum: Ein Dienstleister (Server) habe diese Mails als Unrat (Spam) aussortiert. Dagegen lasse sich nichts machen – nur jeden Brief mehrmals verschicken und um Empfangsbestätigung bitten. Das ist lästig.

Ungleich ärger scheint es Jutta Ditfurth zu gehen. Sie schreibt: »Rechte hatten gedroht, mich bei Facebook als ›Fake‹ zu denunzieren«, also als Fälschung, »und kamen damit durch. Seit Montag, 25.11.2013, hat Facebook meine Seite für 30 Tage gesperrt. Ich habe mehrfach Beschwerde eingelegt (...), Facebook antwortet nicht einmal.« Ungehindert erscheint hingegen die Facebook-Seite »Ich würde Jutta Ditfurth gern mal auf die Fresse hauen«. Da kann man zum Beispiel lesen: »Diese Frau gehört einfach geschlagen«, »Feuer frei!!!«, »Jetzt weiß ich zumindest, daß sie bei mir um die Ecke wohnt! Was nicht ist, kann ja noch werden«, »Diese Frau ist eine Staatsfeindin ersten Grades«.

So macht das Netzwerk Facebook alle Menschen zu Freunden.
E. S.


Kalendergeschichten
Einkäufe in der Vorweihnachtszeit sollte man tunlichst vermeiden. Ja, schon wegen des Gewusels in den Kauftempeln und Supermärkten. Ich meide die Weihnachtseinkäufe vor allem wegen der unvermeidbaren Werbegeschenke, die sich zwischen meinen häuslichen vier Wänden stapeln, vor allem sind das Jahreskalender.

Sie haben richtig gehört, es geht um Kalender. Zum Jahreswechsel hängen sie bei mir zu Hause an allen Wänden und Haken, sammeln sich auf dem Schreibtisch oder verdecken den PC. In den letzten Jahren hat sich bei mir eine regelrechte Allergie dagegen entwickelt, und auf meinen ansonsten wohlgeformten Unterarmen bilden sich kleine wassergefüllte Bläschen. Mein Hautarzt nennt sie Kalenderpusteln, und man soll das Jucken unbedingt vermeiden.

Das mit den Kalendern geht spätestens Ende Oktober los: Die Verkäuferin in der Bäckerei, bei der ich wegen meiner Sucht für frischen Zuckerkuchen bekannt bin, blinzelt mir schelmisch zu und schiebt mir einen Abreißkalender unter das Kuchenpaket. »Für unsere besten Kunden«, flüstert sie verheißungsvoll. Sehr hübsch, der Kalender. Für jede Woche wird ein anderes, schon vom Hinsehen den Speichelfluß auslösendes leckeres Backwerk empfohlen.

In der Apotheke wird mir ein Datenplaner aufgenötigt, der mein Wohlbefinden geradezu garantiert, weil er für fast jeden Tag einen langwirkenden Kräutertee und ein schnellwirkendes Abführmittel empfiehlt.

Meine Autowerkstatt läßt es sich nicht nehmen, mir einen Kalender mit eingedruckten TÜV-Terminen zu überreichen.

Der Tierarzt, der einmal jährlich unsere Katze gegen ihren Willen entwurmt, beförderte mir höchstpersönlich einen Jahreskalender mit der ermutigenden Überschrift »Haustierkrankheiten von Januar bis Dezember« in die Wohnung.

Die Versicherungen überhäufen mich mit Kalendern, aus den abonnierten Tageszeitungen flattern sie mir entgegen und bedecken den Laminatfußboden bis über Hüfthöhe, und mein Optiker brachte es fertig, mir einen Almanach zu überreichen, in dem die Buchstaben und Zahlen von Blatt zu Blatt immer kleiner werden.
Jetzt habe ich mir angewöhnt, in den Geschäften eiligst zu bezahlen und unmittelbar danach grußlos die Flucht zu ergreifen. Wie wichtig das ist, wurde mir erst gestern wieder im Lotto-Laden bewußt. Ich sah und hörte noch, wie hinter mir gerufen und gestikuliert wurde, aber ich blieb standhaft, stellte mich blind und taub und entwich stichflammenartig.

Seitdem vermisse ich meine Brieftasche mit Führerschein, Personalausweis und EC-Karte. Haben Sie eine Ahnung, wo ich die gelassen haben könnte?
Wolfgang Helfritsch


Einzigartige Reise
Das möchte unsereins doch wahrlich eine Entdeckung nennen, nämlich: Die Gottesmutter, ehedem Jungfrau Maria, hat mit ihrem Sohn, dem lieben kleinen Jesulein, und ihrem Mann, dem Zimmerer Joseph, der aber nicht des Knaben Vater war, auf ihrem Fluchtweg von Bethlehem nach Ägypten die Passage über Nordböhmen gewählt. Dort immer entlang am Fuße des Gebirgskamms. Und da glaubten die vier, denn der getreue und unstörrische Esel gehörte auch zur Reisegesellschaft, würden sie unbelästigt ihres Weges ziehen können. Indessen irrten sie sich darin gewaltig. Denn der Kindesmörder Herodes hatte auf dem Wege eines Amts- und Rechtshilfeersuchens den zivilen und polizeilichen Apparat der K.-u.-k.-Monarchie mobil machen können, der nun die Gesuchten aufzuspüren trachtete, um sie nach Palästina auszuliefern. Gut war einzig, daß die Mutter Gottes und die Ihren von diesen ihnen geltenden Nachstellungen nichts wußten. Sie kamen, wenn auch mit Mühe, so doch voran, unterstützt von einfachen Leuten, auf die sie in Städten und Dörfern stießen. Die gewährten ihnen ein Strohlager und dem Tier einen Stall und verpflegten sie um ein geringes Geld obendrein, wenn auch mit einfachster Kost. Dieweil war auch der ärgste Trottel unter den K.-u.-k.-Polizisten und Grenzwächtern mit einer Beschreibung derer versehen worden, nach denen er zu fahnden hatte. Doch ging in den Stationen in der Prager Zentrale entweder die Nachricht ein, es sei niemand Einschlägiges wahrgenommen worden oder die Gesellschaft habe den Ort durchquert, bevor noch die Mitteilung eingegangen wäre, sie müßten ergriffen und festgesetzt werden. Doch am Ende bewahrheitete sich das Sprichwort, wonach viele Hunde des Hasen Tod seien. In diesem Falle in der Abwandlung, daß auch die einfältigsten Staatsbediensteten, in genügender Zahl aufgeboten, schnüffelnd zum Erfolg gelangen. Jedenfalls kurz bevor sie Böhmens Grenze wieder passieren konnten, waren die Ägyptenfahrer aufgespürt und am Fortkommen gehindert. Dann aber geschah, was sich rechtens wohl ein Wunder benennen läßt. Den darauf eintreffenden Oberergreifer, der das Kommando zu übernehmen und das Weitere zu verfügen hatte, plagte urplötzlich das christliche Gewissen und mit ihm die Nächstenliebe. Er entschloß sich, seinen lebenslang gesicherten Arbeitsplatz riskierend, die vier über die Grenze ins Schlesische entkommen zu lassen, zu den Preußen. Ob ihm das durch einen göttlichen oder engelsgleichen Eingriff am Ende doch vergolten und er vor der Arbeitslosigkeit bewahrt worden ist, erzählt der Preußler Otfried nicht. Denn das ist der literarische Kronzeuge des dramatischen Geschehens, das er mit einer deutlichen Anleihe beim Josef Schwejk uns erzählt hat. Und zudem tat er das vertraut mit dem Land und den Leuten am Isergebirge, freilich mit denen späterer Generationen. Mit ihnen wuchs er auf und deren Sprache beherrschte er ebenso wie die zählebige der Bürokraten Sr. Majestät des Kaisers zu Wien.

Eigentlich sollte Preußler seine Geschichte als Hörbuch noch einmal dargeboten und anläßlich seines 90. Geburtstages zum Geschenk gemacht werden. Dazu ist es nicht gekommen. Der hoch verdiente, vielfach geehrte Autor von Märchen- und Kinderbüchern ist Monate vor diesem seinem Jubiläum verstorben. Und das zeigt, daß man sich mit dem Beschenken Hochbetagter nicht allzuviel Zeit lassen darf.
Kurt Pätzold

Otfried Preußler: »Die Flucht nach Ägypten. Königlich Böhmischer Teil«, LohrBär-Verlag, 5 CDs, 384 Min., 19,90 €



Weihnachten 2013
Heiliger Abend dreiundzwanzig Uhr.
Brücke an der Frankfurter.
Junge Männer an der Bahnhofsmauer.
Scheißwetter und Scheißhaufen.
In Kaffeebechern klingelt Kleingeld.
In Flaschen schäumt Bier.
Unter zerbissener Decke zwei Hunde.
Von einem Handy Weihnachtslieder.
Von einer Kreuzung Polizeisignale.
Leute schlurfen mit Paketen vorbei.
Einer schleppt eine Fichte.
Bricht einen Zweig ab.
Stopft ihn in eine ausgetrunkene Flasche.
Die Männer grölen ihm hinterher.
Wolfgang Helfritsch