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Titel2514

Die Nachricht noch nicht vernommen  (Otto Köhler)

26. November 2014, Freie Akademie der Künste in Hamburg. Das Deutsche PEN-Zentrum feiert sein neunzigjähriges Bestehen mit einer Lesung von Texten verfolgter Autoren aus aller Welt. Ich darf die Dankesrede vortragen, die Enoh Meyomesse, Kameruns PEN-Präsident aus dem Gefängnis schrieb, nachdem ihn der Internationale PEN mit dem »Freedom of Expression Award« ausgezeichnet hatte.


Ich lese Meyomesses Schilderung der Folter vor, die er im Gefängnis ertragen mußte. Ein Oberst, den er mit Namen nennt, war dafür verantwortlich. Ich stutze, unterbreche mich und sage: »Verzeihen Sie, ich muß an den Obersten denken, der mit dem Befehl ›Vernichten‹ über hundert Menschen umbrachte und der dafür zum General befördert wurde, in diesem Land.«


Nach den Lesungen, spreche ich mit einem von mir hochgeschätzten Schriftsteller, der meine Intervention richtig fand. Aber er fragt mich, was für einen Obersten ich gemeint habe. Beim Stichwort Kundus weiß er sofort Bescheid. Doch ihm war entgangen, daß Oberst Georg Klein letztes Jahr zum General befördert wurde und heute als Abteilungsleiter im Amt für Personalmanagement der Bundeswehr den Offiziersnachwuchs nachhaltig bestimmt. Verblüfft fragte ich weitere Kollegen, besonders aus der Spitze des PEN, welchen Obersten ich bei meiner Unterbrechung gemeint habe. Keine/r wußte es – mit Ausnahme unserer Geschäftsführerin, die allerdings mitten im bundesdeutschen Leben steht.


Die meisten glaubten, ich müsse von einem Nazi-Offizier aus der Wehrmacht gesprochen haben, auch Filbinger wurde genannt. Daß ich aus unserer Gegenwart berichtete, aus dem Land, in dem wir leben, von der Bundeswehr, die Massaker mit Beförderung belohnt und mit Ämtern, die für den entsprechenden Nachwuchs sorgen – sie hatten die weitverbreitete Nachricht von dieser fundamentalen Erneuerung Deutschlands noch nicht vernommen.

An seinem 80. Geburtstag, am 10. Januar 2015, spricht Otto Köhler gegen 12 Uhr auf der 20. Rosa-Luxemburg-Konferenz in der Urania-Berlin: »Ja ich bin es, Thersites – Schmäher aller Kriege, ihrer Feldherren, ihrer Propagandisten und ihrer Professoren«.