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Titel2514

Kittel weg und alles gut?  (Conrad Taler)

Wer es wissen wollte, konnte es wissen: Mit der Wahrheit hat sich der Historiker Manfred Kittel seit jeher keine großen Umstände gemacht. Daß das jetzt auch Mitgliedern des wissenschaftlichen Beirates der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung aufgefallen ist, will etwas heißen. Nicht aus Schludrigkeit nimmt Kittel Fakten auf die leichte Schulter, ihm verstellt politische Voreingenommenheit mitunter die Sicht. Ohne Kenntnis des wissenschaftlichen Beirates gestaltete er eine Ausstellung, in der Einiges nicht stimmte. »Zu ihrem Entsetzen mußten die Beiratsmitglieder dann sehen, daß der Museumsdirektor auf Genauigkeit offenbar keinen Wert legt«, schrieb die Süddeutsche Zeitung am 18. November 2014. Bilder und ihre Erklärung hätten nicht zusammengepaßt.


Das Weltbild Manfred Kittels entspricht weitgehend dem des Bundes der Vertriebenen. Danach rühren der Zweite Weltkrieg und das ganze Elend des 20. Jahrhunderts vor allem daher, daß Polen nach dem Ersten Weltkrieg als selbständiger Staat wiedererstand und daß den Tschechen 1918 erlaubt wurde, einen eigenen Staat zu gründen. Das habe zu Spannungen mit den dort lebenden Deutschen geführt, die sich Hitler habe zunutze machen können. Orientiert hat sich der aus der CSU kommende Franke auch an seinem konservativen Doktorvater Horst Möller, der seine Bekanntheit unter anderem seiner Laudatio auf Ernst Nolte verdankt. Dessen These, Stalins Verbrechen stünden auf einer Ebene mit denen Hitlers, lebt in dem Beschluß des Europäischen Parlaments fort, den 23. August als gemeinsamen Gedenktag für die Opfer beider Seiten zu begehen.


In seiner Doktorarbeit schiebt Manfred Kittel die Renazifizierung der Nachkriegszeit mit großer Geste beiseite und verweist sämtliche – wie er sich ausdrückt – antifaschistischen, neomarxistischen oder sonstigen restaurationskritischen Theorien zur mißlungenen Vergangenheitsbewältigung in das Reich der Legende. Daß ihm schwere sachliche Fehler nachgewiesen wurden, nahm er ohne Widerspruch hin. Einem solchen Mann die Aufarbeitung der europäischen Vertreibungsgeschichte anzuvertrauen konnte nicht gut enden. Für den Bund der Vertriebenen allerdings war Kittels Berufung zum Direktor der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung die richtige Weichenstellung.


Das »sichtbare Zeichen gegen Flucht und Vertreibung« geht auf einen Beschluß der ersten Großen Koalition unter Angela Merkel zurück. Nachdem im Mai 2005 in Berlin das Denkmal für die ermordeten Juden Europas eingeweiht worden war, kamen Union und SPD noch im selben Jahr überein, in Berlin auch eine Gedenkstätte für die Vertriebenen zu schaffen. Im Dezember 2008 verabschiedete der Bundestag zu nächtlicher Stunde in Anwesenheit von etwa zwei Dutzend Abgeordneten innerhalb von einer Minute das Gesetz über die Errichtung der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung.


Wie sich rasch zeigte, trug die neue Einrichtung wenig zur Versöhnung bei, sondern sorgte für Ärger bei den östlichen Nachbarn. Sie befürchteten eine neue Deutung der europäischen Geschichte und fühlten sich auf die Anklagebank gesetzt. Um die Sorgen der Nachbarn zu zerstreuen, gelobte Bundeskanzlerin Merkel am 70. Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen, niemand in Deutschland wolle die Geschichte umschreiben. Wußte sie nicht, womit sich Manfred Kittel zur selben Zeit beschäftigte? Der polnische Historiker Tomasz Szarota begründete seinen Austritt aus dem wissenschaftlichen Beirat der Vertreibungsstiftung mit den Worten, dem Direktor der Stiftung gehe es nicht um Versöhnung mit den Nachbarn, sondern um die Versöhnung der Deutschen mit sich selbst. Auch die tschechische Historikerin Kristina Kaiserová kehrte dem Gremium den Rücken, weil sie einen korrekten Umgang mit der Geschichte vermißte.


Um die Stiftung aus den Schlagzeilen zu bringen, drängte Angela Merkel die Präsidentin des Vertriebenenbundes, Erika Steinbach, zum Verzicht auf einen Sitz im Stiftungsrat. So konnte Kittel ungestört von öffentlichem Interesse ein Konzept entwickeln, das die Entkopplung von Krieg und Vertreibung zum Ziel hat und die Deutschen als die eigentlich Leidtragenden des Krieges und der Naziherrschaft erscheinen läßt. Zehn Seiten des Konzepts für die Arbeit der Stiftung sind der Vertreibung und den Gewalttaten russischer Soldaten gewidmet, zwei dem deutschen Besatzungsterror in Mittel- und Osteuropa. Die Verbrechen an Deutschen in den Orten Nemmersdorf und Postelberg werden eingehend beschrieben, vom Blutbad deutscher Soldaten in der Schlucht von Babi Jar in der Ukraine kein Wort, kein Wort auch von den Massenmorden im griechischen Distomo, im italienischen Marzabotto, im französischen Oradour und auch kein Wort von der Niedermetzelung der Bewohner des tschechischen Dorfes Lidice.


So läßt sich Versöhnung nicht herbeiführen. Wer deutsche Schuld so verwässert, reißt neue Wunden auf. Ein dermaßen einseitiges Geschichtsbild ist auch nicht mit dem gesetzlichen Auftrag zu vereinbaren, die Erinnerung an Flucht und Vertreibung »im historischen Kontext des Zweiten Weltkrieges und der nationalsozialistischen Expansions- und Vernichtungspolitik und ihrer Folgen wach zu halten«. Diesem Konzept haben der Stiftungsrat und der wissenschaftliche Beirat vor zwei Jahren zugestimmt, und Kulturstaatsminister Bernd Neumann hat ihm namens der Bundesregierung seinen Segen gegeben. Da liegen eine Menge Scherben herum. Mit der Bestellung eines neuen Stiftungsdirektors kann es da kaum sein Bewenden haben.