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Maidan in Leipzig  (Heinz Kersten)

1200 Filmfestivals gibt es weltweit, allein in Deutschland über 100. Mit zwei der ältesten rundete sich mein Kinojahr. Und noch ein Superlativ: Als Leipzig sich Anfang der fünfziger Jahre von einem »gesamtdeutschen« Treffen in ein internationales Ereignis wandelte, das bald alles anzog, was in dem Genre Rang und Namen hatte, war das Festival weltweit das erste für Dokumentarfilm überhaupt. Im aktuellen Jahrgang kamen Beiträge aus über 50 Ländern. Politik spielte dabei keine geringe Rolle, eine Leipziger Tradition.


Programmatisch wirkte gleich zur Eröffnung der Auftritt von Edward Snowden in dem Film »Citizenfour« von Laura Poitras. Die Regisseurin begegnete ihm vor der Enttarnung in der klaustrophobischen Enge seines Hotelzimmers in Hongkong. Ein Dokument, das inzwischen schon seine Aktualität eingebüßt hat. Abgelöst wurde es in dieser Beziehung von der Ukraine.


Gleich zwei Filme führten die Demonstration auf dem Maidan vor. Der renommierte Dokumentarist Sergei Loznitsa titelte seine Abbildung des Geschehens auch mit dem Namen des berühmt gewordenen Platzes im Herzen von Kiew. Wer sich von seinem Film freilich einen Blick hinter die Kulissen der bisher nur televisionär vermittelten Bilder erhofft hatte, wurde enttäuscht. Der doch unter den Beteiligten vorgekommene rechte Rand kam bei Loznitsa nicht vor. Statt dessen ließ er die Massen dreimal die Nationalhymne singen und ebenso oft in Sprechchören »Helden« feiern.


Dagegen zeigte der andere Maidan-Film »All Things Ablaze« von Oleksandr Techynskyi, Aleksey Solodunov, Dmitry Stoykov mit schonungslosem Realismus, wie sich die Gewalt von beiden Seiten der Kontrahenten hochschaukelte. Inmitten brennender Tonnen und Reifen eine eindringliche Szene voller Symbolkraft: Während Demonstranten eine riesige Leninbüste demolieren, umarmt ein alter Mann das steinerne Monument und versucht, es vor den Angreifern zu schützen.


Von Leipzig nach Mannheim, auch dies ein Festival mit langer Tradition, Deutschlands zweitältestes, gegründet ein Jahr nach der Berlinale. Erkennungsmerkmal: das einzige Festival, das sich ausschließlich der Entdeckung neuer Talente widmet. Es bietet ihnen nicht nur ein Forum auf der Leinwand, sondern bringt sie auch mit Produzenten, Fernsehredakteuren und Distributoren aus aller Welt zusammen, ein Branchentreffpunkt wie Leipzig. Nicht zu vergessen ein Publikum, rund 60.000 Besucher, die hier nicht von Stars und Glamour angelockt werden, sondern Kinoerlebnisse jenseits von Hollywood suchen, Blicke in Welten, deren Probleme sich oft gar nicht von unseren unterscheiden.


So basierte Jamshid Mahmoudis als afghanischer Beitrag zu den Oscars 2015 für den Besten fremdsprachigen Film nominiertes Werk »A Few Cubic Meters of Love« auf einer wahren Geschichte. In verslumten Außenbezirken der iranischen Metropole Teheran leben und arbeiten illegale afghanische Exilanten zwischen Bretterbuden und verrosteten Containern. Vor der Polizei ergreifen sie die Flucht, immer bedroht von Abschiebung. Nur heimlich können sich der junge iranische Vorarbeiter Saber und Marona, die Tochter eines angesehenen afghanischen Arbeiters, in einem staubigen Container auf dem Abstellgleis treffen und von einer gemeinsamen Zukunft träumen. Doch für Maronas Vater ist eine »Mischehe« undenkbar. Kein Happy-End in Teheran. Für mich war diese ganz unverkitschte Liebesgeschichte die interessanteste Entdeckung in Mannheim.