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Titel2516

Mein Lehrer  (Rainer Butenschön)

Es ist ein strahlend schöner Tag im Sommer 1981, als die hannoversche Ortsgruppe der Deutschen Journalisten-Union (dju) in der IG Druck und Papier ins Grüne radelt. Eckart Spoo und ich plaudern von Fahrrad zu Fahrrad, als er mich mit den Worten verblüfft: Ich sei doch der, der 1976 einen Leserbrief zu einem seiner Artikel in der Frankfurter Rundschau (FR) geschrieben hat ...

 

In der Tat ist mir Eckart Spoo bereits seit den 1970er Jahren, als ich in Göttingen studierte, ein Begriff. Nicht zuletzt wegen seiner pointiert-kritischen Artikel hat die FR über Jahre zu meiner täglichen Lektüre gehört. In dem erwähnten Leserbrief, an den ich mich nur vage erinnere, hatte ich mich an die Seite von Eckart gestellt, der zum Missfallen des niedersächsischen Innenministers etwas gegen die Berufsverbote-Politik geschrieben hatte.

 

Persönlich bin ich Eckart erstmals einige Monate vor dieser Fahrradtour begegnet, im Spätsommer 1980 in der Landespressekonferenz in Hannover. Zu unserer beider beruflichen Aufgabe gehörte, journalistisch die niedersächsische Landespolitik zu begleiten, die damals von Ernst Albrecht und Birgit Breuel bestimmt und unter Eckarts Regie in mehreren Skandalchroniken unter die Lupe genommen worden ist. Als junger und noch unerfahrener Redakteur hatte ich ehrfurchtsvoll-schüchtern Distanz zu dem von mir bewunderten Berufs- und Gewerkschaftskollegen Spoo gehalten. Eine Distanz, die zu überwinden Eckart mir während der Fahrradtour mit sanfter Freundlichkeit geholfen hat. Bald folgte die gemeinsame Arbeit an verschiedenen publizistischen, gewerkschaftlichen und politischen Projekten. Daraus ist eine herzliche Freundschaft erwachsen.

 

Eine Freundschaft zwischen einem großartigen Lehrer – und mir als dankbarem Schüler. Seit Jahren profitiere ich von Eckarts fundiertem Wissen, von seiner sprachlichen Präzision, von seiner politischen Erfahrung und Urteilskraft. Vorbildlich ist seine unermüdliche Tatkraft. Und ich wünschte, auch so nachsichtig-geduldig und motivierend zu sein, wenn es gilt, Mitstreiter zu fordern und zu fördern.

 

Dank Eckart habe ich viel gelernt – bei Diskussionsrunden in seinem Wohnzimmer oder in der Weinstube »Wein Wolf« mit Werner Holtfort, dem scharfzüngigen Gründer des Republikanischen Anwaltsvereins und linken »Restrisiko« (Gerhard Schröder) der niedersächsischen SPD. Nicht zu vergessen sind die »Lila Wochenenden« in der »Pappmühle«, einem Gasthof im Deister. Dort haben junge hannöversche dju-KollegInnen »lila« (links, liberal und feministisch) mit Eckart und dessen Freunden und Bekannten debattiert, darunter Peggy Parnaß, Norman Paech, Jochen Hippler, Monika und Otto Köhler. Damals wie heute lautete die Leitfrage: Was tun?!

 

»Drei Menschen, die sich einig sind, können mehr schaffen als 30, die nur palavern!« Nach diesem Motto handelt Eckart und zeigt: Es lohnt sich, auf die Entschlossenheit und die Kraft auch kleiner Kollektive zu vertrauen. Das erwies sich gerade auch nach dem Fall der Mauer, als das Triumphgeheul der Freunde des menschenfressenden Kapitalismus vom angeblichen Ende der Geschichte kündete.

 

Eckart hatte wenige Monate zuvor, am 14. Juli 1989, rund um Hannovers Marktkirche ein fröhliches Revolutionsfest initiiert: 200 Jahre französische Revolution! Parallel dazu hatte Eckart zahlreiche MitstreiterInnen versammelt, um unter dem Motto »Freiheit, Gleichheit, Mitmenschlichkeit« die »Bürgerinitiative für Sozialismus« aus der Taufe zu heben. Da mit dem Begriff auch die Sache verloren zu gehen droht, hat diese kleine Initiative über Jahre unverdrossen die rote Fahne des Sozialismus geschwenkt. An Themen wie Menschenrechte, Selbstbestimmung, Kulturabbau, Rüstungsindustrie, Armut, Reichtum, Wirtschaftskriminalität hat sie versucht, Utopie und Realismus zusammenzubringen. Jahrhundertbilanzen der Arbeit von Gewerkschaften, Kommunisten und Sozialdemokraten haben ebenfalls die Waffe der Kritik geschärft. Nicht zuletzt dank des steten wie unauffälligen Einsatzes von Eckarts Frau Lydia gelang es so, die Hoffnung auf eine Welt ohne Hunger, Krieg und Knechtschaft wachzuhalten.

 

Viel Zeit zum Fahrradfahren blieb da nicht. Wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt, sind wir erst im Sommer 1997 ein zweites Mal gemeinsam geradelt: In der Steiermark, wo meine Familie mit Lydia und Eckart auf Christel und Dietrich Kittners »Hollerhof« gemeinsam einen zauberhaften Urlaub verbrachten. Es war der Sommer, in dem Eckart mit seinem bisher größten Projekt schwanger ging: der Gründung der Zeitschrift Ossietzky. Die füllt inzwischen seit 20 Jahren die Lücke der aufgegebenen Weltbühne bravourös.

 

Als Tandem führen Lydia und Eckart im nunmehr neunten Lebensjahrzehnt ein durch und durch widerständiges Leben. Unbeirrt folgt beider Praxis dem kategorischen Imperativ, den Bert Brecht in die Worte gefasst hat: »Verändere die Welt, sie braucht es!«