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Titel2516

Widerstandsanpasser  (Harald Kretzschmar)

Je weniger echter Widerstand spürbar ist in der Gesellschaft, umso mehr ist davon die Rede. Der Widerstand in der einen Diktatur ist ja leider begrenzt gewesen auf wenige Personen. Millionen über Millionen Tote, da war Widerstand Selbstmord. Allein dann schon die Sisyphusarbeit, fragwürdig bleibende Widerständler von den allerbesten weg zu sortieren – das beanspruchte Jahrzehnte. Wer gute und wer schlechte Absichten dabei verfolgte, welch gewichtiger Gesichtspunkt! Wer womöglich nur eine neue Diktatur im Sinn hatte, da sei doch der Herr davor. Immer noch bleibt der Ruch davon, dass versteckterer Widerstand sich als überlebensnotwendiger erwies als der eher tödlich ausgehende offene. Die Verführungskraft des in Frage stehenden Systems war auch gar so groß, da zögerte man zumal in Kirchen-und-Wirtschaftskreisen doch eher, anderer Meinung zu sein. Geschweige denn etwas dagegen zu unternehmen.

 

Das war mit dem anderen Widerstand in der anderen Diktatur erfreulicherweise ganz anders. Da war alles so verabscheuungswürdig. Lug und Trug, Benachteiligung der einen und Bevorteilung der anderen – wo gibt’s denn sowas! Da liegt das Übel offen zutage, und die Widerständler melden seit Einsturz der Mauer der Diktatur zuhauf ihre Heldentaten ganz freiwillig. Und finden bereitwillig Gehör bei all den jenseits der ehemaligen Grenze fürbass Staunenden, welche die Diktatur erschauernd nur von weitem erduldet haben. Das Beste dabei ist, dass diese gleich Nachricht und Wissen mitbringen, wer alles die anderen waren. Nichtwiderständler konnten nur Anpasser gewesen sein.

 

Depots von Museen oder Privatsammlungen enthalten nach wie vor zahllose Ergebnisse geistiger Vitalität begabter und engagierter Menschen jener Zeit. Ganz zu schweigen von dem in der Erinnerung lebender Leute Gespeicherten. All das muss heute auf einen plausiblen Nenner gebracht werden. Also: in Zeiten der Diktatur entstanden. Auf ihr Herrschaftsgebiet zu begrenzen. So viel verschiedener Krimskrams muss schließlich unter einem Schlagwort in der Historie abgelegt werden. Um eine gewisse Disziplin kommt eine gewissenhaft arbeitende Wissenschaft nicht herum.

 

Es gibt bei der Bewertung, was wertvolle oder wertlose Kunst oder sonst so etwas war, das einhellige Urteil: Widerstandskunst – bravo, Anpassungskunst – pfui Teufel! Insofern ist Folgendes frappierend: Es gibt eine Übereinstimmung in der richtigen Sortierung. Immer dieselben Vokabeln. Es lebe der Widerstandsanpasser, der sagt: Was ausdrücklich erlaubt war, ist von vornherein verdächtig, von Anpassern angepasst worden zu sein. Was heute noch als imponierende Qualität anerkannt wird, muss im Widerstand gegen verheerende Behinderungen, ja Verbote und Verbiegungen durchgesetzt worden sein. Da gibt es wahre Heldengeschichten, wie man Finsterlinge ausgetrickst und überlistet hat. Komplette Märchenstunden fürs bewundernde Kindervolk sind damit zu füllen.

 

Das macht das Verfahren so pflegeleicht. Das untrüglichste Indiz für das Nichtnachdenken vor dem Verfassen eines Textes ist die sklavische Wiederholung eines bereits vorhandenen Textes. Der Weg zur dümmlichen Befriedigung, immer recht zu haben, ist mit Nachlässigkeit im Gebrauch der Gehirnwindungen gepflastert. Wer das als Satire liest, ist selbst dran schuld.

 

Ist es schwer, eine Satire zu schreiben? Nein, es ist leicht in einer Welt, wo Widerstand und Anpassung so harmonisch verteilt sind. Das einzige Problem besteht darin, dass die Autoren dieser Einteilung unter Umständen vor dem Verfahren ganz vernünftige Menschen waren und nun über solcherart übertriebene Darstellung ihrer Verwandlung ungehalten sind. Und im ungehaltenen Zustand ist man kein idealer Konsument von Satire.