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Titel2516

Bemerkungen

Kurz notiert

Wer sozialen Frieden verlangt, will eine Gesellschaft in Totenruhe.

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AfD, Pegida, Trump und Co.: Wenn eine Gesellschaft wie ein verwitterter Berg in sich zusammensinkt, steigen aus den Klüften und Sprüngen zuerst Faulgase auf.

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Denken ist verkehrter Hindernislauf: Erst wenn die Gedanken ins Straucheln kommen, nehmen sie die Hürde.

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Auch wenn der Blitz dich trifft, verstehst du noch nicht die Elektrizität.

Norbert Büttner

 

 

 

Schlimmer als befürchtet

Diese Untersuchung über die »Kommunikation antijüdischer Ressentiments unter deutschen Durchschnittsbürgern« ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Das beginnt mit dem Begriff »Ressentiment«, den die Autorin in die wissenschaftliche Debatte zur Antisemitismusforschung einführt und den sie von dem dort bevorzugt verwendeten Begriff »Vorurteil« unterschieden wissen will, da der letztere sich allein auf das Denken bezieht und weder eine Analyse von Gefühlen einschließt noch eine von Handlungen beziehungsweise Unterlassungen. Dieser ganzheitliche Zugriff ermöglicht eine wesentlich tiefer lotende Analyse des Themas als gemeinhin üblich. Hinzu kommt, dass die Autorin keine rasch zu publizierende »tagesaktuelle« Bestandsaufnahme vorgelegt, sondern eine gründliche Interpretation der zwischen 2004 bis 2007 in 32 Gruppendiskussionen sowie 130 Einzelinterviews mit Gruppenmitgliedern zu Tage getretenen Ansichten vorgenommen hat. Ihrer »idealtypischen« Klassifikation zufolge gab es in nahezu allen Gruppen »Ressentiment-Getriebene, Gelegenheits-Antisemiten, Ambivalente, Indifferente und Anti-Antisemiten; Philosemiten gab es keine«.

 

Die Gruppen waren auf ost- wie westdeutsche Groß- und Mittelstädte gleich verteilt, aber ihre Mitglieder waren keineswegs, wie im Untertitel formuliert, Durchschnittsbürger, sondern sämtlich im Bildungswesen angesiedelt, nämlich als Lehrende und Lernende an Schulen, einschließlich Berufs-, Fachhoch- und Volkshochschulen. Der sogenannte Stammtisch, das bevorzugte Objekt, wenn die veröffentlichte Meinung über »Antisemitismus in Deutschland« räsoniert, war da sicherlich unterrepräsentiert. Darüber hinaus fand sich in der Verteilung der in Gruppendiskussionen und Einzelinterviews zum Ausdruck gebrachten Meinungen keiner der so gern bemühten Gegensätze, weder der zwischen Ost und West noch der zwischen Männern und Frauen, auch nicht bei den unterschiedlich hohen Bildungsgraden oder den parteipolitischen Präferenzen (die damals von CDU bis Linkspartei reichten).

 

In dem in sieben Themenkomplexe gegliederten Hauptteil des Buches sind die im »Sprechen über Juden« geäußerten Ansichten dokumentiert. Allein schon die ertragreiche Durchführung der der Dokumentation zugrunde liegenden Einzelinterviews und Gruppendiskussionen muss der Autorin sowie ihren Mitarbeitern ein überaus hohes Maß an Durchhaltevermögen und Selbstdisziplin abverlangt haben; der Rezensent muss gestehen, dass er das nicht gekonnt hätte.

 

Das abschließende Resümee enthält einige ziemlich bedrückende Ergebnisse. Beispielsweise: »Aufgrund des streckenweise affirmativen oder permissiven Kommunikationsverhaltens sowie des oftmals eher verhaltenen oder unwirksamen Widerspruchs von Mitdiskutanten konnte sich die Ressentiment-Kommunikation mitunter über lange Sequenzen hinweg ungehindert fortsetzen oder, in kürzeren Sequenzen, immer wieder erneut aufflammen.« Oder die Feststellung, dass die Ambivalenten »den Deutungsoptionen und dem Dispens von der Anstrengung der Urteilsfindung, die die Ressentimentgeleiteten ihnen anboten, zugeneigter waren als den Deutungsoptionen moderaterer Mitdiskutanten oder den Gegenargumenten der Anti-Antisemiten. Wie unbeliebt sich bei den Ambivalenten der Bote machen konnte, von dessen Botschaft man nichts hören wollte, zeigte die Abwehr, die auch und gerade den differenzierteren unter den Anti-Antisemiten entgegenschlagen konnte.« Und schließlich »... waren die meisten der wohlmeinenden Probanden tatsächlich, mit Sartre zu sprechen ..., ›erbärmliche Verteidiger der Juden‹.«

 

Die wenigen Zitate zeigen, dass das Buch nicht nur vom Befund her schwer zu lesen ist, sondern auch von der Sprache her, die konsequent auf der in Soziologie und Psychologie entwickelten Terminologie basiert und in dieser Hinsicht wenig Rücksicht auf das Alltagsbewusstsein des Massenpublikums nimmt. Letzteres mag bedauern wer will – ich sehe darin auch das Mittel der Autorin, eigener Emotionalität gegenzusteuern, und es schmälert keineswegs ihre Leistung, dies Thema deutscher Gegenwart so schlüssig und kompromisslos dargestellt zu haben.

 

Thomas Kuczynski

 

Julijana Ranc: »›Eventuell nichtgewollter Antisemitismus‹. Zur Kommunikation antijüdischer Ressentiments unter deutschen Durchschnittsbürgern«, Verlag Westfälisches Dampfboot, 264 Seiten, 29,90 €

 

 

 

Ein Leben in Briefen

Briefe aus fast 60 Jahren, immer die gleiche Absenderin, und dennoch scheint die Briefschreiberin kaum glaubhaft dieselbe gewesen zu sei. Zu Beginn ist sie eine Studentin, die recht forsch Literatur öffentlich bewerten will und genau weiß, was richtig ist. Die Wandlung zur nachdenklichen, kritischen Beobachterin und Weltautorin vollzieht sich in Stufen. Das 11. Plenum 1965, die Biermann-Affäre, das Ende der DDR, der Staatsdichter-Tadel und die Stasi-Vorwürfe: »Immer, wenn ich dachte, irgendwo aufgenommen zu sein, krachte das Ding unter mir zusammen. So ist das Jahrhundert«, schreibt sie an den Freund nach Paris. Überhaupt die Freundschaften und Freunde! Für jeden der vielen hat sie eine Sprache und Themen parat, als sei der Briefpartner der alleinige Vertraute. Und auch für die vielen ihr Unbekannten, die sich Lebens-Rat suchend an sie wenden, trifft sie den Ton. Sabine Wolf (nicht verwandt mit ihr) hat aus dem Nachlass von circa 15.000 Briefen knapp 500 ausgewählt und mustergültig kommentiert. Dabei sind die nicht abgeschickten noch ein bisschen bemerkenswerter als die, die versendet wurden. Wenn auch wegen seines Gewichts schwer auf dem Sofa zu lesen, besitzt das Buch einen Sog, dem ich mich nicht entziehen konnte. Es ist wie in ihren Romanen: Hier gibt sich jemand preis und bietet eine Geistes- und Seelenpartnerschaft an, die Schmerz und Hoffnung, Grübeln und Wissen einschließt. Ihre Angst, zur »Institution zu versteinen«, war unbegründet, weil ihre Neugier und Lust auf Menschen, auf die Gemeinschaft von Gleichen so intensiv und ehrlich war.              

  

Christel Berger

 

Christa Wolf: »Man steht sehr bequem zwischen allen Fronten. Briefe 1952–2011«, hg. von Sabine Wolf, Suhrkamp Verlag, 1040 Seiten, 38 €

 

 

 

Laudator Thomas Roth

Das ehrenwerte Präsidium des deutschen PEN-Zentrums hatte den Ex-Moderator der ARD-Tagesthemen, Thomas Roth, für würdig befunden, zur Verleihung des Hermann Kesten-Preises an die politisch verfolgten türkischen Journalisten Can Dündar und Erdem Gül die Laudatio zu halten. Die Präsidiumsmitglieder erachteten Roth offensichtlich für einen geeigneten Vertreter eines unabhängigen Journalismus.

 

Erstaunlich! Hatte der Laudator doch des Längeren und gern auch zusammen mit seiner Mitstreiterin Golineh Atai, über die ADR-Tagesthemen – zum Missfallen zahlreicher Zuschauer – seine russophoben Ansichten verbreitet. Die Selbstjustiz an ukrainischen Regierungsgegnern nannte er beispielsweise nicht Terror, sondern »unschönes Bild«, und auch seine Einschätzung der Maidan-Proteste unter Beteiligung von rechtsextremen und faschistischen Banden als Demokratie-Bewegung fand nicht uneingeschränkten Beifall. Ebenso wenig sein Kommentar zum Außenministertreffen in Jekaterinenburg, wo sich nach seinen Worten die Russen schon einmal zum Schießen und nicht zum Reden entschlossen hätten, »als Lenins Bolschewisten im Juli 1918 die Zarenfamilie erschossen«. In bleibender Erinnerung ist zudem sein manipulativer Umgang bei der Sendung des Interviews, das er 2008 mit Wladimir Putin gemacht hat.

 

Insofern ist Roth wirklich ein begabter Vertreter der deutschen sogenannten Qualitätsmedien. Da es allerdings um die Auszeichnung zweier mutiger Kämpfer für die Meinungsfreiheit ging, die weltweit zu Vorbildern geworden sind, wäre von den Präsidiumsmitgliedern des renommierten Autoren-Clubs etwas mehr Problembewusstsein zu erwarten gewesen. Und vielleicht auch bei dem Ex-Moderator.

 

Wolfgang Bittner

 

 

 

Wider-Redner Wolfgang Bittner

Der ehrenwerte Kollege Bittner hat seinen Text offenbar ohne Kenntnis der Laudatio von Thomas Roth wie auch der Wünsche der Ausgezeichneten geschrieben. In Sachen Türkei hat der Moderator Thomas Roth immer klar Stellung bezogen, gegen die Verfolgung von Journalisten. Gewiss darf man das Russlandbild von ARD und Roth kritisieren. Der PEN aber, das sei angemerkt, ist eine Organisation, die sich für die Freiheit des Wortes einsetzt.           

         

Matthias Biskupek

 

 

 

Schwer erziehbar

Heute ist mein erster Tag bei einem Maßnahmeträger. Nachdem ich nun schon wieder und länger arbeitslos bin, durfte ich da »freiwillig« hin. Die Maßnahme: Bewerbertraining. Wir sind zu dritt: Neben mir eine Ärztin, die zu lange ihre Eltern gepflegt hat, psychisch etwas schwach und jetzt kurz vor der Obdachlosigkeit, also bettelarm, ohne Krankenversicherung. Sie bekommt keine Leistungen von der Agentur für Arbeit, darf aber diesen Kurs umsonst besuchen. Als sie »Hartz IV« beantragte, kamen Kontrolleure vom Jobcenter zu ihr und verlangten, dass sie zuerst ihr altes Klavier und ihre Bücher verkaufen müsse, bevor sie Unterstützung bekommt.

 

Der zweite Teilnehmer ist Elektroingenieur, Mitte 50, früher bei einer Firma, die vom Management erfolgreich ruiniert wurde. Er war dort über zehn Jahre im Vertrieb. Irgendwann hat er aufgegeben, eine Abfindung angenommen, war etliche Monate in einer Transfergesellschaft, aber ohne Erfolg. Er vermutet, dass er zu alt ist.

 

Der Coach ist ein Theologe, der von seiner Kirche abgefallen ist, dann allerhand psychologische Fortbildungen gemacht hat, und jetzt (auch) Schauspieler ist.

 

Der ganze Vormittag besteht aus Vorstellerei. Nachmittags sind wir uns selber überlassen und hocken vor PCs: Stillbeschäftigung, Bewerbungen schreiben. Der Coach und ich haben noch ein Erst-Gespräch. Er möchte meine Stärken und Schwächen wissen. Stärken habe ich: ja, Schwächen keine: nein. Dann will er, dass ich Sätze beende, zum Beispiel: Das Leben ist ... Worauf ich mit Adorno antwortete: Das Leben lebt nicht. Er macht dann noch einen Versuch, worauf ich ihm von meiner Lektüre des Rorschachtestes und der psychoanalytischen Testtheorie erzähle. Ich verspreche ihm, zu einer seiner Theateraufführungen zu kommen. Da ist er beruhigt.

 

Seine Empfehlung für meine Bewerbungen: den Doktortitel und auch den universitären Rest einfach weglassen, wenn ich mich für eine Stelle in der niederen Verwaltung bewerbe; meine Qualifikation herunterschrauben. Und für die anderen Stellen: Soft Skills hervorheben. Da merkt man den Theologen, der für Kommunikation, Teamfähigkeit, Offenheit, Empathie et cetera ist. Ich merke, dass ich mich viel zu bieder verkaufe, werde mehr Fantasie benötigen und wohl rechtzeitig meine Bücher verkaufen müssen.

 

Rosa Wacholder

 

 

 

Zuschrift an die Lokalpresse

Die Vorweihnachtszeit ist schon immer eine Zeit der Überraschungen. Dass sich auch die Bahn diesem Trend anschließt, kann man nur begrüßen. Nein, ich reflektiere nicht auf die üblichen Zugausfälle und Verspätungen, die können ja aus unterschiedlichsten Gründen immer mal wieder vorkommen. Da streckt mal eine Lok wegen eines technischen Schadens die Glieder, oder ein Gleis muss von den Resten eines verirrten Schwellenläufers beräumt werden – dafür hat jeder Verständnis. Dass aber ein ICE auf dem Weg von Berlin in die Schweiz in Wolfsburg einfach durchrauscht, und das nicht zum ersten Mal, also das finde ich einfach geil! Hat das mit dem Advent (lat.: Er wird schon noch ankommen!) zu tun? Ist das Konkurrenzverhalten? Oder vielleicht ein Protest des Zugpersonals gegen den Abgasskandal bei VW? Oder hat der Zug versehentlich eine falsche Weiche erwischt und die Stadt weiträumig umfahren? Es wäre schön, wenn der Berliner Kurier, der über den Vorfall berichtete, den Gründen nachgehen könnte! Ich möchte den Jahreswechsel in Wolfsburg bei Verwandten verbringen und wüsste gern, welche Dinge ich bei der Anreise mit der DB beachten sollte! Oder handelt es sich um eine Art Neuauflage des in der DDR beliebten Tele-Lottos; bei der Ziehung der Glückszahlen traten auch gelegentlich Durchläufer auf. – Marthel Rauschenbach (73), Groß- und Schwiegermutter, 16515 Verlorenort                   

Wolfgang Helfritsch