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Wie Kultur gesäubert wird  (Heike Friauf)
Wenn von »kultureller Säuberung« geredet wird, denken wir an die Vertreibung von Menschen einer Ethnie, an das Verbot ihrer Sprache, die Zerstörung ihrer Denkmäler und Heiligtümer. Auch an massenhafte Verfolgung und Ermordung Intellektueller wie 1939 im NS-besetzten Polen. Doch eine kulturelle »Säuberung« muß nicht laut und gewalttätig sein. Bildungseinrichtungen, Museen, Bibliotheken werden geschlossen, Maler, Grafikerinnen, Bildhauer, die sich nicht dem postmodernen Meinungsdiktat unterwerfen, verschwinden aus der Öffentlichkeit. Noch läßt sich ein Großer wie der Maler Willi Sitte nicht verschweigen, noch läßt sich ein zeichnerischer Haudegen wie Guido Zingerl seine Schärfe nicht nehmen. Daß Alfred Hrdlicka Kommunist war, ist bekannt – wie lange noch? Aufklärerische Ausstellungsvorhaben wie zum Beispiel die in den 1950er Jahren begründete Wanderausstellung »Künstler gegen Atomkrieg« sind auf Initiativen von Privatleuten angewiesen (der Regensburger Künstler Hans Wallner betreut die Sammlung, die jüngst im Anti-Kriegs-Museum in Berlin zu sehen war), auf öffentliche Mittel brauchen sie nicht zu hoffen. Im Kleinen, im Alltäglichen gehen die kulturellen Säuberungen vonstatten. Dieser Kampf, der kaum bemerkt vor unseren Augen stattfindet, richtet sich gegen unser Bedürfnis nach Schönheit und Erkenntnis, gegen unser Herz und unseren Verstand.

»Lea Grundig, dt. Malerin und Graphikerin. (…) Seit 1950 Professorin an der Hochschule für bildende Künste in Dresden. Vor allem Porträts sowie große, politisch und sozial bestimmte Kompositionen.« So einfach informierte Meyers Großes Taschenlexikon von 1987, um nur ein Beispiel zu nennen, über die Künstlerin. Zu ergänzen wäre, daß die 1906 geborene jüdische Kommunistin und Antifaschistin 1939 nach Palästina fliehen konnte, während ihr in Deutschland von den Faschisten inhaftierter Mann Hans nur knapp überlebte. Beide Künstler, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg für Leben und Arbeit in der DDR entschieden, kamen zu großen Ehren. Das war vor der sogenannten Wiedervereinigung.

Seit 1996 bleiben die Stipendiengelder, die als Hans-und-Lea-Grundig-Preis seit 1972 von der Universität Greifswald an besonders begabte Kunstwissenschaftsstudenten vergeben wurden, in der Schublade liegen (s. Ossietzky 19/09), sofern sie nicht zweckentfremdet werden. Niemand kann das wissen, die Universitätsverantwortlichen hüllen sich in Schweigen, das zuständige Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur in Schwerin hält sich für nicht zuständig. In einem Brief vom Oktober 2009 erklärte eine Vertreterin des Ministerpräsidenten von Mecklenburg-Vorpommern, die Sorgen, der Preis werde abgewickelt oder umgetauft, seien »unbegründet« und man möge sich »für weitere Fragen« an den Geschäftsführenden Direktor des Kunstwissenschaftlichen Instituts der Universität Greifswald wenden, Professor Michael Soltau. Dieser hatte zuletzt im August 2009, von einer endlich aufmerksam gewordenen Öffentlichkeit erschreckt, das diskrete universitäre Schweigen gebrochen. In einer Presseverlautbarung schrieb er, er gehe davon aus, »der interessierten Öffentlichkeit noch in diesem Jahr«, also vergangenes Jahr, »eine schlüssige Gesamtkonzeption zur Vergabe beider Preise vorstellen zu können«. Beider Preise? Der Hans-und-Lea-Grundig-Preis wird von der Uni seit Jahren nicht vergeben und genauso wenig der 1985 gestiftete Rudolf-Stundl-Preis für Textilgestaltung; beide Einrichtungen sollten zwischenzeitlich angeblich zusammengeführt werden, doch warum? Inzwischen ist klar, daß die Verantwortlichen den Namen Lea Grundigs aus der Preisvergabe heraushaben wollen, weil die Künstlerin sich als Präsidentin des Verbandes Bildender Künstler in der DDR kompromittiert habe. Die Anschuldigungen konnten jedoch nicht belegt werden. Der Preis heißt, wie er heißt, ob es den neuen Greifswalder Herren paßt oder nicht.

Wie legt man eine neue »Gesamtkonzeption« vor, ohne Stiftungsrecht zu verletzen und vor allem ohne das von Lea Grundig gestiftete Geld zu verlieren? Die Antwort ist: gar nicht. Das Stiftungsrecht ist längst verletzt, auch wenn Soltau behauptet, das Stiftungskapital sei »in der Zwischenzeit satzungsgemäß durch die Greifswalder Universität verwaltet worden«. Da er selbst dem Stiftungsrat vorsteht, kann er das gern behaupten. Eine Klage müßte vorbereitet werden, um das Gegenteil zu beweisen.

Ordnungsgemäß antwortete das Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur Mecklenburg-Vorpommern im Dezember 2009 auf eine Kleine Anfrage des Abgeordneten Torsten Koplin von der Fraktion Die Linke im Schweriner Landtag. Aus dieser Antwort wird deutlich, daß die Landesregierung in Sachen Hans-und-Lea-Grundig-Stiftung nicht tätig zu werden wünscht, sie stellt fest, für »die Vergabe bzw. Nichtvergabe der Preise sind die Organe der Stiftung zuständig«. Weiter: »Die Landesregierung hat die Universität Greifswald bisher nicht gebeten bzw. ersucht, die gegen Frau Prof. Lea Grundig erhobenen politischen Vorwürfe zu begründen bzw. zu belegen. Die Landesregierung unterstützt allerdings Überlegungen, zur Klärung der politisch-kulturellen Position Lea Grundigs einen Forschungsauftrag zu vergeben, und wird dies gegenüber der Universität Greifswald anregen.« Anregung statt Aufregung. Mehr als zehn Jahre nach Einstellung der Preisvergabe.

Wer hat eigentlich das Sagen im deutschen Nordosten? Geldgeber aus dem Westen! – So einfach läuft die Geschichte ab? Ja, so einfach. Die »Alfried-Krupp-von-Bohlen-und-Halbach-Stiftung« arbeitet neben der Zeit- und der Mercator-Stiftung in Mecklenburg-Vorpommern daran, Forschungsschwerpunkte auszubauen, die da gut neu-kolonialistisch heißen »Integration und Identität im Ostseeraum« oder »Geschichte Pommerns«. Das Geld der Krupp-Stiftung geht auf die unter den Faschisten blühende Rüstungsindustrie zurück. Wirkt Lea Grundig da unpassend? Wird sie, und sei es nur ihr Name, erneut vertrieben?

Wenn die Studenten der Kunstwissenschaft in Greifswald nicht mehr erfahren dürfen, wer Hans und Lea Grundig waren, dann hat nicht nur das Geld über die Kultur gesiegt, dann geht auch die Beschäftigung mit dem Eigentlichen, mit der Kunst, verloren, und das Gerede von Kulturhauptstädten und Bildungsoffensiven entlarvt sich – als Totenrede.

Gegen das Vergessen stemmen sich dieser Tage, abseits des offiziösen Kulturbetriebs, zwei Ausstellungen in Berlin. Ab 5. Februar zeigt die Gesellschaft für Bürgerrechte und Menschenwürde (GBM) Kaltnadelradierungen von Hans und Lea Grundig (bis 9. April), am selben Tag eröffnet die jW-Ladengalerie eine Ausstellung mit Tuschzeichnungen von Lea Grundig aus den Jahren 1942 bis 1944 (bis 5. März).