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Friedrich Engels‘ »Rienzi«  (Johann-Günther König)
Die Aufführung von Richard Wagners Oper »Rienzi« an der Deutschen Oper Berlin ist ein trefflicher Anlaß, an einen kaum bekannten Librettisten zu erinnern: Friedrich Engels (1820–1895), der vom Sommer 1838 bis Ostern 1841 in Bremen im Pastorenhaus von St. Martini lebte und gleich gegenüber beim königlich-sächsischen Konsul Heinrich Leupold zum Kaufmann ausgebildet wurde (s. Ossietzky 16/08). Der Sohn eines bedeutenden Textilunternehmers aus dem Wuppertal entwickelte sich in Bremen unter dem Pseudonym Friedrich Oswald ungewöhnlich rasch zu einem weithin bekannten und anerkannten Journalisten des Jungen Deutschland, schloß sich den Junghegelianern an und legte überhaupt den Grundstein zu all dem, was ihn später zu einem weltberühmten Mann und führenden Kopf der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung machen sollte.

Im Herbst und Winter 1840/41 arbeitete er im Pastorenhaus an der Weser an einem Libretto, das in seiner Handschrift überliefert ist: »Cola di Rienzi«. In einem Nachlaß aufgefunden wurde der Entwurf übrigens erst 1974 durch den Forscher Michael Knieriem.

Das Libretto beginnt am Forum in Rom:
Patrizier. Hinweg, Colonna, uns drängt das Volk, / Entfliehn wir des rasenden Pöbels Wuth!
Colonna. Entfliehn? Ein Colonna entfliehn / Vor der Hefe des Volks, deren Nacken sein Fuß / So oft zertrat? Flieht, Feiglinge, flieht! Ich steh ihrem Grimm!
Patrizier. Siehst Du sie wogend die Straßen durchziehn, / Hörst Du ihr Toben nicht? Komm!

Der vom Theater faszinierte Engels hatte sich vorgenommen, am Beispiel des römischen Politikers Cola di Rienzo (1313–1354) das Verhältnis von Volk und führenden Persönlichkeiten dramatisch zu gestalten. Als Anregung diente ihm – wie auch Richard Wagner – der 1836 erschienene Roman »Rienzi, the last of the tribunes« von Edward Lytton Bulwers. Vermutlich hatte er sich auch mit Julius Mosens 1837 publiziertem Drama »Cola Rienzi, der letzte Volkstribun der Römer« auseinandergesetzt. Von diesen beiden zeitgenössischen Bearbeitungen wie auch von Wagners Oper unterscheidet sich Engels’ Entwurf allerdings in einem wesentlichen Punkt. Sein Interesse galt weniger dem damals als heroisch verstandenen römischen Tribun als vielmehr dem aktiv sein Schicksal veränderndem Volk, der Masse. Sein Hauptthema war der Sturz des Tribunen durch das Volk.

Als Engels im Herbst 1840 mit der Niederschrift begann, lebte Richard Wagner unter ärmlichen Bedingungen in Paris und schloß seine 1837 in Riga begonnene Text- und Partiturarbeit gerade ab. Engels konnte sie folglich nicht kennen. Während sein dramatischer Entwurf für mehr als 150 Jahre in einer Schublade verschwand, fand am 20. Oktober 1842 die gefeierte Uraufführung von Wagners Oper im Dresdner Hoftheater statt. Rienzi wurde von Joseph Tichatschek, Adriano von Wilhelmine Schröder-Devrient gesungen, beide hatte der von Georg von Cotta zum Bremer Korrespondenten ernannte junge Friedrich Engels bereits im alten Bremer Stadttheater am Wall erlebt. Im Juli 1840 schrieb er in seiner – ersten – Korrespondenz für Cottas Morgenblatt für gebildete Leser: »Wir haben ein Theater, bei dem noch vor Kurzem rasch nach einander Agnese Schebest, Caroline Bauer, Tichatscheck und Madame Schröder-Devrient gastierten und dessen Repertoire es an Gediegenheit mit manchen andern und berühmteren aufnehmen könnte.«

Wagners »Rienzi« begründete im Oktober 1842 den künstlerischen Durchbruch des Komponisten. Zur gleichen Zeit hatte der in Bremen zum kritischen Publizisten gereifte Engels eine lebensentscheidende Begegnung: Er lernte in Köln einen Redakteur kennen, mit dem ihn fortan eine bald schon legendäre Zusammenarbeit und Freundschaft verband: Karl Marx.

Johann-Günther König: »Friedrich Engels. Die Bremer Jahre 1838–1841«, SachBuchVerlag Kellner, 608 Seiten, 39.90 €