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Titel0311

Vom klugen Sprachgebrauch  (Hans Krieger)
Darf man noch von Kommunismus reden? Welche Frage! Man muß. Denn vieles harrt der historischen wie theoretischen Klärung. Aber Klugheit ist geboten. Nicht ängstliches, gar vermeintlich rücksichtsvolles Vermeiden eines »schlimmen«, also belasteten Wortes. Wohl aber sorgsames Abwägen der Wirkung. Wörter haben ihr manipulierbares Eigenleben und schaffen eine eigene, manipulierbare Realität. Zur gängigen Münze geworden, die das Denken erspart, aus dem sie hervorgingen, büßen sie ihre begriffliche Schärfe ein und verkommen zum Schlagwort, das dann brauchbar wird als Totschlagwort. Dann kann es ratsam sein, doch lieber mit neuen Begriffen neu zu bestimmen, was mit dem abgegriffenen, für viele »schlimm« gewordenen Wort einmal gemeint war. Es geht um eine politische Vision und nicht um den Namen, den man ihr gibt.

Man darf, man muß von Kommunismus reden. Es ist aber ein gewaltiger Unterschied, ob in theoretischen Diskussionen versucht wird, den Begriff zu klären und in strenger Abgrenzung gegen historischen Mißbrauch mit neuem, zukunftweisendem Leben zu erfüllen, oder ob die Co-Vorsitzende einer linken Partei ihre politischen Zielvorstellungen unter das Motto »Wege zum Kommunismus« stellt. Und zwar ohne sich der Frage zu stellen, was mit Kommunismus denn eigentlich gemeint ist und wie sie das Wort befreien will von dem langen Schatten Stalins. Gesine Lötzsch hat damit nicht eine notwendige Diskussion angestoßen; sie hat die Diskussion erschwert. Und sie hat sich und ihre Partei ans Messer geliefert: Sie mußte wissen, daß die Medien-Mafia und kapitalhörige Politiker darauf lauern, einen solchen Zungenschlag als Eingeständnis anprangern zu können, daß hinter der Maske des »demokratischen Sozialismus« immer noch die Fratze des bösen alten Stalinismus steckt. Sie hat mit ihrem Mißgriff jener Rechten Vorschub geleistet, die sich für die Mitte hält und gute Gründe hat, einen Streit um Worte der Auseinandersetzung um Inhalte vorzuziehen.

Karl Marx hat den Kommunismus im »Kommunistischen Manifest« (das selbstverständlich, wie denn nicht, weiterhin so heißen darf) als eine Gesellschaft bestimmt, in der »die Freiheit eines jeden Einzelnen die Voraussetzung der Freiheit aller ist«. Eines jeden Einzelnen – so radikal haben Liberale niemals die Freiheit zu denken gewagt, denn dies würde heißen, keine wirtschaftliche Machtballung zu dulden, die unter dem Deckmantel der »Freiheit« die Ausbeutung (und damit Freiheitsberaubung) der Schwächeren durch die Starken erlaubt. Nach Stalin aber, nach Breschnew, Ceausescu, Pol Pot etc., die sich für Kommunisten hielten und gern dafür gehalten wurden, ist Kommunismus im öffentlichen Bewußtsein nicht mit künftig zu erringender Freiheit assoziiert, sondern mit verbrecherischer Vergangenheit. Lange, geduldige Klärungsarbeit mag irgendwann dem belasteten Begriff seine Unschuld und seine Würde zurückgeben; auch das Christentum wird ja nicht auf die Verbrechen reduziert, die in seinem Namen begangen wurden. Derzeit noch ist der unbefangene Gebrauch des Wortes zur Markierung politischer Zielvorstellungen wie ein Schuß ins eigene Bein. Denn damit wird eine Lawine vom emotional aufgeheizten (und von interessierter Seite genüßlich geschürten) ideologischen Scheindebatten losgetreten, die ablenken von der notwendigen Auseinandersetzung um ganz konkrete Forderungen. Beispielsweise die, endlich dem Grundgesetz Genüge zu tun, das die Verpflichtung zum Sozialstaat enthält und die Vorschrift, daß Eigentum dem Allgemeinwohl zu dienen hat. – Durfte Gesine Lötzsch »Wege zum Kommunismus« proklamieren? Das ist keine Frage des Dürfens. Dummheit ist bekanntlich weder verboten noch verbietbar.