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Titel0311

Ein Stück für heute  (Anja Röhl)

Das Deutsche Theater Berlin zeigt Gerhart Hauptmanns »Die Weber«, gesprochen im schwer zu verstehenden schlesischen Dialekt. Wird dieses düstere Stück des frühen Naturalisten heute noch ankommen? So hätte man vor 20 Jahren gesagt, und es wäre nirgends gespielt worden. Hier nun aber staunt man, denn was man zu sehen bekommt, ist echtes Revolutionstheater. Ungeachtet der gespenstischen Kommunismus-Debatte wagt das DT eine Aufführung, die minutiös zeigt, wie sich aus tiefstem Elend die Rebellion formt, und niemand im Saal hat Mitleid mit dem Fabrikanten Dreißiger, der für die uns überraschend bekannt vorkommende Krise (»die schlechten Zeiten«) nicht etwa sich selbst, sondern die Faulheit und Trunksucht seiner Arbeiter verantwortlich macht.

Auf der Bühne gibt es nur ein Oben und ein Unten, symbolisiert durch das einzige Requisit, eine dreistufige sich über die gesamte Bühne hinziehende schwarze Holztreppe; Mittelschichten haben sich schon beinahe ganz zerrieben, der Expedient, ein kriechendes, später sich an Dreißigers Beine klammerndes Wiesel, glänzend gespielt von Moritz Grove, der Pastor (Horst Lebinsky), wütend aufstampfender Mensch, der seinen Einfluß verloren hat, der Polizeidiener und der Verwalter, alle zusammen blasse Gestalten, die nicht in Erinnerung bleiben, aber gut gespielt in eben dieser Blässe und fehlender Festigkeit – ganz im Gegensatz zur Eindringlichkeit, mit der die beiden diagonal sich gegenüberstehenden Klassen gezeichnet sind. Da stehen die Figuren wie in Fels gemeißelt. Aus tausenderlei Gesprächen, die Hauptmann bei seiner Stoffsuche führte, haben sich die einzelnen Sätze herauskristallisiert. Die Argumente sind dieselben, die wir heute zu hören bekommen. Das wird erschreckend deutlich; mutig wagt die Regie (Michael Thalheimer), es erkennbar zu machen: Mögen die Marionetten von ihren parlamentarischen Bühnen auch weiterhin Demokratie und Gesetzlichkeit predigen, beide sind real nicht mehr vorhanden, dienen nur noch zur Verschleierung der Diktatur des Kapitals. Als die Durchreisenden von den Schlössern der Reichen berichten, die entlang der Flüsse stehen, da brodelt die Wut spürbar auf, und man erinnert sich an die jüngsten Statistiken über den Zuwachs des Reichtums in immer weniger Händen der Weltelite bei gleichzeitig aufkommenden Bildern der Flüchtlingsmassen, die gegen die Klippen Europas geschwemmt werden. Die Assoziation wird nicht dargestellt, aber sie entsteht in den Köpfen.

Die Methode, Schauspieler nicht miteinander, sondern ins Publikum sprechen zu lassen, habe ich oft als bloße Masche, manieriert, langweilig empfunden. Hier aber verstehen die Schauspieler gerade dieses Mittel wirksam einzusetzen, um den Text eindringlicher rüberzubringen, als ich es je erlebt habe, wenn en face gesprochen wird. Ich bin nicht sicher, woran es lag, daß es hier so gut gelang, vielleicht an winzigen Momenten, an Variationen kleinster Art: wie sich die Schauspieler manchmal doch kurz einander zuwandten, wie sie das Publikum genau ins Visier nahmen, daß es einem durch Mark und Bein ging und man sich dem Obdachlosen in der U-Bahn gegenübersitzend wähnte.

Jedenfalls zog dieses alte Stück einen in seinen Bann, obgleich keine Zeile geändert und der Dialekt mindestens ebenso schwer verständlich wie vor hundert Jahren war. Großartig Katrin Wichmann in der Rolle der alten Baumert, Michael Schweighöfer als der Schmied Wittig, der wie Marx über allen thronte und die Menge zur Revolution aufrief, kraftvoll, aber ganz unpathetisch, und Ingo Hülsmann als Dreißiger, den er täuschend ähnlich den heutigen Bankern gab.

Ein großartiges Stück, klug und wirkungsvoll inszeniert. Ich fühlte mich danach beschwingt, gestärkt gegen die allgegenwärtigen Lügen des Neoliberalismus.