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Titel0409

Hautnah und überkreuzt  (Lothar Kusche)

Patrick Marber nennt sein Stück »Closer«. Helmar Harald Fischer hat das Werk ins Deutsche übertragen. Bei Fischer wurde aus »Closer« (enger, dichter) zwar kein dichterischer Text, aber einer, welcher der menschlichen Haut so nahe kommt wie diese dem Fleisch des Menschen. Luigi Pirandello gab seiner inzwischen berühmt gewordenen »Komödie im Entstehen« den Haupt-Titel »Sechs Personen suchen einen Autor«. Im Renaissance-Theater sind es vier Personen, die zwar keinen Autor suchen, aber die richtige Regisseurin (Ulrike Jackwerth) und einen intelligenten Szenen-Verwandler (Bühnenbild: Werner Hutterli) gefunden haben. Die Verfilmung der Marber-Schöpfung habe ich nicht gesehen. Freund Frieder, der »Hautnah« mit Julia Roberts, Natalie Portman und anderen Stars vor fünf Jahren im Kino erlebte, kann sich leider nicht sehr genau daran erinnern. Jackwerths Inszenierung der filmisch-fließend konzipierten Vorlage wird dieser durchaus gerecht – einfühlsam und ohne nervöse Hast. Dazu tragen dezente musikalische Überleitungen bei, während versierte und fast unsichtbare Bühnentechniker umbauen.

Hier nun die hautnahen Vorgänge in einer Readers-Digest-Version der Berliner Zeitung: »... handelt von vier jungen Menschen in London, die sich alle nach Liebe, Lust und Glück sehnen und die nie gelernt haben, wie sie diese Sehsüchte erfüllen können ... ganz Kinder der 90er, dynamisch, flexibel, rein äußerlich für alles offen – und rein innerlich zu nichts zu gebrauchen ... versuchen es miteinander und gegeneinander und völlig vergeblich ...«

Eine Tragikomödie? Den kreuzweise verübten Lustverkehr und »das Scheitern der Wahrheit in der Kommunikationsfalle« (Berliner Zeitung) nehmen die hier vorgeführten »Kinder der 90er« nicht allzu ernst. Ohne solche Protagonisten wie Natalia Wörner, Julia Malik, Markus Gertken und Urs Fabian Winiger hätte man die Aufführung wahrscheinlich nicht auf dieses Niveau bringen können. Vor allem die beiden Damen zeigen mehrsternige Schauspielkunst.

Schrift-Projektionen im Hintergrund versorgen das Publikum mit einer Prise Pornographie, ohne die derlei Kunstwerke (wie wir ja auch von dem kürzlich verstorbenen Schriftsteller John Updike wissen) weniger effektvoll wären, und mit Informationen über den zeitlichen Ablauf der Handlung: Nach drei Monaten – Zwei Jahre später – Neun Tage danach – Als 12 Wochen vergangen waren. Und so weiter. Ich kann nicht so schnell addieren. Sonst hätte ich plötzlich bemerkt, daß wir an diesem Abend fast fünf Jahre im Renaissance-Theater sitzen. Wäre auch nicht schlimm, denn die Atmosphäre in diesem Haus ist sehr angenehm, viel angenehmer als die physiotherapeutische Wirkung der Klappsitze auf dem Rang.