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Titel0411

Humanität auf dem Schlachtfeld?  (Wolfram Wette)
Henry Dunant, ein Aristokrat aus Genf, kümmerte sich als junger Mann aus einer karitativen Überzeugung heraus um Hilfsbedürftige in seinem schweizerischen Lebensumfeld. Als christlicher Aktivist rief er in seiner Heimatstadt den Christlichen Verein Junger Männer ins Leben, der sich im Laufe der Zeit zu einer weltweiten Organisation mit Millionen von Mitgliedern entwickeln sollte. Seine im eigentlichen Sinne historische Tat war jedoch die Gründung des Roten Kreuzes und die Initiierung eines internationalen Vertrages, nämlich der »Genfer Konvention betreffend die Linderung des Loses der im Felddienst verwundeten Militärpersonen« von 1864.

Sein Erweckungserlebnis hatte Dunant in der Schlacht von Solferino im Jahre 1859, in der 170.000 Österreicher und 150.000 Franzosen und Italiener einander bekämpften, was zum Tode von etwa 5.000 und zur Verwundung von etwa 25.000 Soldaten führte. Dunant, der eher zufällig einen Tag nach der Schlacht dort eintraf, war entsetzt: »Das Schlachtfeld ist übersät mit Menschenleichen und Pferdekadavern. [...] Die unglücklichen Verwundeten, die man den ganzen Tag über aufsammelt, sind leichenblaß und völlig niedergeschlagen. Die einen, vor allem die Schwerverletzten, haben einen stumpfen Blick; sie scheinen nicht zu begreifen, was man zu ihnen sagt, sie richten nur ihren starren Blick auf ihr Gegenüber [...]. Die anderen sind unruhig und werden in ihrem Schockzustand von konvulsivischem Zittern geschüttelt. Wieder andere, mit offenen Wunden und einsetzendem Wundbrand, sind wie von Sinnen vor Schmerzen; sie bitten flehentlich, daß man sie töte, und winden sich mit verzerrtem Gesicht im Todeskampf.«

Dunant zögerte angesichts dieses Leidens nicht, sofort persönlich Hilfe zu leisten und die Einwohner der umliegenden italienischen Dörfer zur Hilfsbereitschaft anzuspornen. Erfolg hatte seine Devise »Tutti fratelli!« (Alle sind Brüder!), mit welcher er den späteren Grundsatz des Roten Kreuzes vorwegnahm, alle Kriegsopfer gleich zu behandeln.

Einige Jahre zuvor hatte die Britin Florence Nightingale während des Krimkrieges (1854–56) ebenfalls das Leiden der im Kampf verwundeten Soldaten kennen gelernt und sich hernach vehement für eine Reform der militärischen Krankenpflege eingesetzt. An der Berechtigung des Krieges aber hatte sie niemals gezweifelt. Auch Henry Dunant engagierte sich zunächst – den Geboten der christlichen Nächstenliebe und Barmherzigkeit folgend – in der praktischen Hilfe für kriegsverwundete und kranke Soldaten und gab den Anstoß für die Gründung von Rot-Kreuz-Gesellschaften in vielen Ländern der Welt. Kriege hielt er – im Kontext der machtpolitischen Vorstellungen seiner Zeit – für etwas Unvermeidliches.

Erst nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71 und verstärkt unter dem Eindruck der europaweiten Aufrüstung in den 1890er Jahren erkannte Dunant, daß es nicht genügte, Verwundetenpflege auf dem Schlachtfeld zu organisieren, sondern daß es noch viel wichtiger war, es erst gar nicht zu einer solchen Barbarei kommen zu lassen. Die Autoren der neuen Biographie konstatieren eine »pazifistische Wende«. Jetzt sprach Dunant vom »Schrecken der Massenmorde«, trat für die Einführung einer internationalen Schiedsgerichtsbarkeit ein und forderte ein Erziehungssystem, das die Völker lehren sollte, den Krieg zu hassen. Insgesamt blieben Dunants friedenspolitische Vorstellungen jedoch eher suchend und vage, was auch mit seiner konservativen Grundeinstellung zusammenhing. Er hielt die Monarchen seiner Zeit für friedliebende Menschen, sagte aber gleichzeitig – und im Widerspruch dazu – eine »in Blut getauchte« Zukunft Europas voraus.

1901 erhielt Dunant zusammen mit dem französischen Parlamentarier und Pazifisten Frédéric Passy den erstmals vergebenen Friedensnobelpreis. Bertha von Suttner bezweifelte, ob diese Entscheidung im Sinne Alfred Nobels war. Sie schrieb an Dunant, in der Welt sei er weniger bekannt als ein Mann, der den Krieg abschaffen wolle, als vielmehr »als Gründer einer Institution, die den Krieg erleichtert« habe.

Dieter Riesenberger, der die Dunant-Biographie zusammen mit seiner Frau Gisela verfaßte, ist einer der Gründungsväter der Historischen Friedensforschung in Deutschland. 1992 legte er eine Geschichte des Internationalen Roten Kreuzes vor, und 2002 folgte eine Geschichte des Deutschen Roten Kreuzes. Damit hat dieser Friedenshistoriker so intensiv wie kein anderer das janusköpfige Gesicht der Humantität im Kriege ausgeleuchtet.

Dieter und Gisela Riesenberger: »Rotes Kreuz und Weiße Fahne. Henry Dunant 1828–1910. Der Mensch hinter seinem Werk«, Donat Verlag, 360 S., 19,50 €