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Titel416

Fremden-Verkehrt-Ort Bad Gastein  (Dieter Braeg)

Zurzeit sorgt sich vor allem die in der Bergwelt angesiedelte »Fremdenverkehrsindustrie« – die ihre abhängig Beschäftigten meist schlecht bezahlt – nicht nur, weil es Grenzkontrollen gibt und so der Zugang zu »zwoa Brettl’n und an gführigen Schnee« erschwert wird und man mit dem Schneekanonen-Schnee ins Defizit rutscht. Der Niedergang einer Kultur ist besiegelt: Die Furcht ist groß, dass es in Sölden und anderswo keine »Winter-Ballermannerei« mehr geben wird.

Das Elend durch Flüchtlinge hat auch den idyllischen Ort Bad Gastein in Österreich erreicht. Hat man noch im Jahre 1557 aus Gastein und Rauris 830 Kilogramm Gold gefördert, so gibt es heute nur Einkünfte aus jenem Misswirtschafts-Zweig, den man »Fremdenverkehr« nennt, wo »fremd« nicht immer fremd ist und nicht jeder die feine Gastlichkeit im Gasteiner Tal genießen darf. Radonhaltige Thermalwasserquellen samt Heilstollen schaffen jenen Linderung, die mit Rückenschmerzen aller Art zu kämpfen haben, und Helmut Kohl hat in diesem Ort jenes Gewicht verloren, das er als Politiker nie hatte.


Im Laufe der Zeit entstand ein Vier-Sterne-Hotel namens Grüner Baum, das mit Salzburger Charme und einem Hauch von Luxus punktete und in dem sich viele prominente Gäste aufhielten. Luis Trenker gehörte bis zu seinem Tod zu den Stammgästen des Hotels, auch die ehemaligen deutschen Politiker Helmut Kohl und Richard von Weizsäcker, die Künstler Yehudi Menuhin, Liza Minnelli oder Falco genossen dieses »ländlich-familiäre Ambiente«, das Umsatz bringt.


Am 8. Juni 2015 informierten die Salzburger Nachrichten: »Das Vier-Sterne-Hotel mit 140 Betten und zwei Restaurants meldete die Insolvenz an ... Den Schulden in der Höhe von rund sieben Millionen Euro stehen Aktiva von 1,4 Millionen Euro gegenüber. Die Hausbank hat die über Jahre angehäuften Kredite fällig gestellt.«
Zurzeit, da nicht nur im Gasteiner Tal die Ski-Kanonen aktiv sind, damit genug weiße Pracht für feinste Pisten sorgt, die wiederum gar manchen Knochenbruch verursachen, der die Gesundheits- und Gipsindustrie erfreut, gibt es – wie überall in diesem nicht-unserem Europa – ein »Problem«: Flüchtlinge.


Das Elend der Flüchtlinge ist nebensächlich, denn das Elend einer Gesellschaft samt ihrer Politik äußert sich in ständig weiter verschärfter Asylgesetzgebung und einem schon seit ewig propagierten »Das-Boot-ist-voll«-Populismus. Die Parteien der Mitte, am Nasenring gezogen von den rechtspopulistischen Parteien, sind auf dem Weg nach rechts, wenn nicht gar nach scharf-rechts.


Sepp Schellhorn, Mitglied des österreichischen Nationalrats für die Neos (liberale Partei), der auch ein erfolgreicher und sozial agierender Gastronom ist, hat im Frühjahr 2015 im Kurort Bad Gastein ein Mitarbeiterhaus 36 Asylbewerbern zur Verfügung gestellt. Er sorgte für Betreuung, und die Schutzsuchenden konnten nicht nur Deutsch lernen, sondern Schellhorn sorgte auch dafür, dass sie bei einem Haubenkoch und einem Hotelgeschäftsführer eine Ausbildung zu Hilfsköchen und Hilfskellnern beginnen konnten. Dass Österreich seine EU-Flüchtlingsquote nicht einhält, ist nur ein Detail, auch die meisten der neun Bundesländer der Republik Österreich – die an einer Grenze einen Schutzzaun errichtet hat, den die Politik mit großen Deutungsanstrengungen nicht so nennt -erfüllen nicht die abgesprochenen Flüchtlingsaufnahmequoten.


Der Bürgermeister von Bad Gastein, Gerhard Steinbauer, gehört der ÖVP an, jener österreichischen Bürgerpartei, die sich christlich nennt und kapitalistisch agiert. Steinbauer ist mit jener Schneekanonen-Mentalität ausgestattet, die notwendig ist, um für den Schutz jener Fremden zu sorgen, die »zahlende Gäste« sind. Er hatte sich vom Landeshauptmann (Ministerpräsident) des Landes Salzburg Wilfried Haslauer (ÖVP) versprechen lassen, dass mit Saisonbeginn in diesem »Monte Carlo der Alpen« kein Platz für zusätzliche Flüchtlinge sei. O-Ton des Bürgermeisters: Die Bad Gasteiner seien »die Dodln (Idioten) der Nation, weil bei uns wieder Flüchtlinge hineingestopft werden«.


Merkwürdig: 1,1 Millionen Übernachtungen von zahlenden Gästen sind kein Problem, aber der Aufenthalt von 36 Flüchtlingen schon. Die grüne Integrationslandesrätin Martina Berthold beklagt zwar diesen Umgang mit den Flüchtlingen, aber sie unternimmt nichts gegen den Willen des Orts-Kaisers und des Landeshauptmanns. Ein Bruch der Dreierkoalition im Bundesland Salzburg, die sowieso auf wackligen Beinen steht, würde die Grünen aus Salzburg von jenen lukrativen Töpfen der Macht entfernen, aus denen sie seit nunmehr zwei Jahren reichlich Honig saugen.


Da das von Sepp Schellhorn privat eingefädelte Ausbildungs-, Arbeits- und Sozialprojekt nicht fortgeführt werden soll, klagt der Gastronom und Politiker gegen das Land Salzburg, weil das Projekt Flüchtlingshaus eingestellt werden muss. Dem Österreichischen Rundfunk sagte Schellhorn, es sei für ihn unerträglich, dass in Österreich und Salzburg angesichts der internationalen Asylkrise ein innovatives Projekt von populistischer Politik verhindert werde. Viele seien offenbar an konkreter Alltagsarbeit für Problemlösungen und Teamwork nicht interessiert: »Fremde Männer aus sehr unterschiedlichen Ländern und Kulturen sind bei uns zu einer guten und motivierten Gruppe zusammengewachsen. Es gibt auch gute Kontakte zu Einheimischen, von denen einige für das Projekt sehr offen sind – auch Unternehmer.«


In Bad Gastein wartet man derweil lieber auf zahlende »Fremde«. Sie müssen sich nicht an der Grenze registrieren lassen, nur vor Ort, damit sie Kurtaxe zahlen. Die Fremden-Verkehrt-Welt besteht aus Ski-Kanonen, Kunstschnee und dem Wissen, dass nur der ein Gast ist, der zahlt.


Da hilft nicht einmal Karl Kraus, der feststellte: »Das Leben geht weiter. Als es erlaubt ist.«