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Titel419

Unsere Besten  (Conrad Taler)

Wer sich beim Kommando Spezialkräfte der Bundeswehr bewirbt, muss vieles können. Zum Beispiel muss er den Mut haben, aus zwölf Metern Höhe in die Tiefe zu springen, und er muss mit 20 Kilogramm Gepäck sieben Kilometer in maximal 52 Minuten zurücklegen können. So schildert einer, der es wissen muss, im Internet die harte Schule bei dieser Elitetruppe. Welche Rolle das Bekenntnis zur freiheitlich-demokratische Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland bei der Ausbildung gespielt hat, lässt sich dem Bericht nicht entnehmen.

 

Anscheinend liegt das etwas im Argen. Wie sonst soll man sich erklären, dass beim Kommando Spezialkräfte jemand Oberstleutnant werden kann, der nach Medienberichten das Gedankengut der selbst ernannten »Reichsbürger« vertritt. Das sind Leute, die sich nicht an die bestehende Rechtsordnung gebunden fühlen, weil die Bundesrepublik Deutschland in ihren Augen rechtlich nicht existiert. Dass so einer Befehlsgewalt bei der Bundeswehr hat, passt schlecht in das Bild vom Soldaten als Bürger in Uniform.

 

Die Eiterbeule platzte erst, nachdem bekannt geworden war, dass der namentlich nicht genannte Oberstleutnant sinngemäß geäußert haben soll, der Staat habe die Lage wegen der vielen Flüchtlinge nicht mehr im Griff, deshalb müssten die Dinge selbst in die Hand genommen werden. Bereits 2007 soll der Betreffende mit rechtsextremen Äußerungen einen Soldaten drangsaliert haben. Das Verteidigungsministerium bestätigte lediglich, dass gegen den Offizier ermittelt werde und dass er seinen Dienst nicht ausüben dürfe.

 

Nun weiß man seit der Affäre um den Kommandeur des Kommandos Spezialkräfte Reinhard Günzel, dass es bei der Elitetruppe erst knüppeldick kommen muss, ehe die politisch verantwortliche Führung ein Machtwort spricht. Im Fall des Brigadegenerals Günzel war das Maß erst voll, nachdem er sich auf die Seite des CDU-Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann geschlagen hatte, der wegen einer als antisemitisch kritisierten Rede aus der Fraktion und der Partei ausgeschlossen wurde. Verteidigungsminister Peter Struck sprach damals von einem Einzelfall. Er versetzte Günzel unter Verweis auf »verwirrte Äußerungen« des Brigadegenerals in den Ruhestand.

 

Für den Obmann der Union im Verteidigungsausschuss des Bundestages, Hans Raidel (CSU), war Günzel 2003 kein Rechtsradikaler, sondern »einer unserer besten Leute«. Der Verteidigungsexperte der SPD, Rainer Arnold, fragte sich, »wie ein Mensch mit einer solchen Denkstruktur zum General aufsteigen konnte«. Das sollte kritisch geprüft werden. Der Brigadegeneral hatte dem Abgeordneten Hohmann auf seinem offiziellen Briefbogen unter anderem geschrieben, er könne sicher sein, »dass Sie mit diesen Gedanken der Mehrheit unseres Volkes aus der Seele sprechen. Ich hoffe, dass Sie sich durch Anwürfe aus dem vorwiegend linken Lager nicht beirren lassen und mutig weiter Kurs halten.«

 

Martin Hohmann sitzt heute als Abgeordneter der AfD im Bundestag. Ob sich jemand der Forderung von Rainer Arnold angenommen hat, kritisch zu prüfen, wie ein Mensch mit der Denkstruktur Reinhard Günzels zum General aufsteigen konnte, ist nicht überliefert. Fest steht nur, dass jemand mit der Denkstruktur der »Reichsbürger« beim Kommando Spezialkräfte der Bundeswehr zum Oberstleutnant aufsteigen konnte, ohne dass bei den Beteiligten allem Anschein nach auch nur die geringsten Zweifel an dessen demokratischer Zuverlässigkeit aufkamen.

 

Vielleicht heißt es eines Tages auch über ihn: Er war einer unserer besten Leute. Da der Verband einer besonderen militärischen Geheimhaltung unterliegt, werden wir es möglicherweise nicht einmal erfahren. Es sei denn, einer hat nicht nur den Mut, aus zwölf Metern Höhe in die Tiefe zu springen, sondern von sich aus auch über Wert oder Unwert demokratischer Gesinnung beim Kommando Spezialkräfte der Bundeswehr zu sprechen.