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Frauen in der Wissenschaft  (Gisela Notz)
Frauen können erst seit 1908 in ganz Deutschland an Hochschulen studieren. Vorausgegangen war ein langer Kampf mit den Vorurteilen gegen studierende und studierte Frauenzimmer, den vor allem die Frauen selber zu führen hatten. Nachdem ihnen der Zugang zum Studium gelungen war, verlagerten sich die Abwehr- und Absperrstrategien auf das Beschäftigungssystem. Bis heute ist das Spektrum möglicher Tätigkeitsfelder unterteilt in solche, die als »männlich«, für Frauen weniger geeignet, wenn nicht gänzlich ungeeignet, und in solche, die als »weiblich« gelten und ihnen daher offen stehen. Auch in hoch qualifizierten Berufen sollen sie mit niedrigeren Tätigkeiten vorliebnehmen, die weniger Prestige und schmaleren Zugang zu materiellen, sozialen und symbolischen Ressourcen bieten. Zwar stehen einer Integration von Frauen in akademische Berufe heute keine rechtlichen Hindernisse mehr im Wege, aber sobald über Karrieren zu entscheiden ist, zeigt sich, welche Dynamik nach wie vor in der sozialen Konstruktion von Geschlecht steckt. Gelegentliche »Modernisierungsschübe« haben an der Grundstruktur der hierarchisch gefaßten Geschlechterdifferenz nichts Wesentliches geändert.

Die meisten Mädchen haben heute gleich gute oder bessere Schulbildung als Jungen. Schon 1994 hatten junge Frauen einen Anteil von 54,8 Prozent an den Jugendlichen, die die Hochschulreife erreichten, einen Anteil von 54,8 Prozent; ihr Anteil an den StudienanfängerInnen überstieg im Wintersemester 1994 mit 52 Prozent erstmals den der Männer, in den folgenden Jahren sank er leicht auf 47,9 Prozent. In der Zwischenzeit gingen während des Studiums nicht viel mehr Frauen als Männer verloren: 49,5 Prozent der Hochschulabsolventen im Jahre 2005 waren weiblich. Auf den weiteren Qualifizierungsstufen jedoch sieht es schlechter aus: 39,6 Prozent der Promovierenden und 43 Prozent der Habilitierenden waren im Jahre 2003 Frauen. Heute machen Frauen 51,2 Prozent des Hochschulpersonals aus. Von den Professoren sind jedoch nur 14,3 Prozent weiblich, auf den besonders gut ausgestatteten C-4-Stellen sogar nur 9,7 Prozent. Auch in den außeruniversitären Forschungseinrichtungen finden die bestausgebildeten Frauen aller Zeiten oft keine entsprechenden Erwerbsarbeitsplätze. Frauen sind eher im Mittelbau und auf kurzfristigen drittmittelgeförderten Projektstellen zu finden. In der pyramidenförmigen Hierarchie gibt es in der Spitze so wenige Frauen, daß es nach wie vor an Vorbildern für weibliche Rollen- und Karrieremuster, besonders für Nachwuchswissenschaftlerinnen fehlt.

Frauen wollen nicht auf Familie oder andere Beziehungen verzichten, ist eine häufige Erklärung für ihre Unterrepräsentanz – als wäre dieser Verzicht für Männer in Führungspositionen selbstverständlich. In Wahrheit lebte 2004 die Hälfte von ihnen in einer traditionellen Familie mit Frau und Kind oder Kindern. Das sind bemerkenswert viele, denn solche Familien machen nur 28 Prozent aller Haushalte aus. Die Partnerinnen halten diesen Männern den Rücken frei; zu einem Drittel sind sie nicht erwerbstätig, weitere 34 Prozent teilzeitbeschäftigt. Von den Frauen in Führungspositionen dagegen lebte 2004 nur ein Drittel in einer derartigen Familie; ihre Partner sind beruflich meist ebenso eingespannt und legen ebenso großen Wert auf Karriere wie sie selbst.

Die mangelnde Vereinbarkeit mit der Familienarbeit ist auch im Wissenschaftsbetrieb nur einer von mehreren Faktoren, mit denen heute noch Unterschiede in den Karrieremustern von Männern und Frauen erklärt werden können. Das deutsche Universitätssystem selektiert nicht nur nach Klasse und Schicht, nach nationaler Zugehörigkeit und Ethnizität; die Kategorie Geschlecht setzt entscheidende Marken für den Zugang zu Positionen.

Eine der wichtigsten Strategien, mit denen das Kapital die Arbeit von der gutbezahlten über die schlechtbezahlte zur unbezahlten Arbeit hin umverteilt, ist die Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse. Diese Strategie ist nicht neu, »sondern eine konsequente und notwendige Weiterentwicklung der Kapitalverwertungsform«, stellte die Sozialwissenschaftlerin Carola Möller schon 1987 fest. Und weiter: »Auch wenn Männer jetzt mehr und mehr ebenfalls in ungeschützte Arbeitsverhältnisse kommen, so hebt das die geschlechtshierarchische Arbeitsteilung nicht auf«, sondern »Frauen erhalten in den schlechten Arbeitsverhältnissen weiterhin die schlechteren Plätze«. Das Niveau, auf dem die Beschäftigten ihre Arbeitskraft verkaufen können, sinkt ab, aber die Hierarchie bleibt.

An den Universitäten und in den außeruniversitären Forschungseinrichtungen finden wir seit langem eine Vielzahl verschiedenartiger Arbeitsplätze: vom gut dotierten C-4-Professor bis zur HonorarprofessorIn oder PrivatdozentIn, die unentgeltlich arbeiten muß, um ihre Lehrbefähigung zu erhalten, und der jungen Wissenschaftlerin, die als Praktikantin oder Lehrbeauftragte ihre Fahrtkosten selbst bezahlt, um in ihren Bewerbungsunterlagen Berufserfahrung vorweisen zu können. Daß viele erwerbslose AkademikerInnen inzwischen auf dem Niveau der nach Einführung von Hartz IV seit 1. Januar 2005 staatlich geförderten »Arbeitsgelegenheiten« (Ein-Euro-Jobs) angelangt sind, wird wenig diskutiert. An den Universitäten selbst begegnen sie uns zwar nur selten, um so häufiger aber in Wohlfahrtsverbänden, Bibliotheken, autonomen Forschungseinrichtungen, sozialen Initiativen und anderen Arbeitsbereichen.

Was vielen Frauen fehlt, sind informelle Netzwerke, Unterstützung und Hilfestellung. Ohne bewußte Frauenförderung werden Frauen aber auch weiter benachteiligt sein. Ohne Allianzen zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Kräften wie Politik, Wissenschaft, Gewerkschaften, sozialen Bewegungen und Frauenzusammenschlüssen und ohne Kooperation zwischen verschiedenen AkteurInnen wird es schwerlich gelingen, Ungleichheit zu überwinden – auch im Wissenschaftsbetrieb.