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Schrecken, Lust und Lustverbot  (Monika Köhler)
»Ich bleibe hier«, schrieb er 1914 in sein Tagebuch, »zu alt für den Wehrdienst.« Der Schweizer Maler Felix Vallotton war überzeugt: »Ich bin völlig nutzlos, das ist bitter, denn ich dachte doch, etwas wert zu sein.« Er lebte schon lange in Frankreich und hatte die französische Staatsbürgerschaft angenommen. Er versuchte, mit dem Mittel zu kämpfen, das er beherrschte – und für das ihn die deutschen »Brücke«-Maler bewunderten –, dem Holzschnitt. Er verlegte und vertrieb die Blätter »C`est la guerre!« von 1915 selbst. Tote Soldaten im Stacheldraht, in den Keller geflüchtete Zivilisten, die bedroht werden, Soldaten im Nahkampf und ein Blatt »Die Orgie«: Deutsche Soldaten, die prügeln, tanzen, mit Korsett über der Uniform, die vergewaltigen, kotzen. Eine Zeichnung, betitelt »Deutsche Wissenschaft«, in einer französischen Zeitschrift abgedruckt, zeigt einen deutschen Offizier, wie er drei Soldaten stolz eine Granate präsentiert, die für das Werfen auf Kindergärten entwickelt wurde. Als Vallotton 1925 starb, erhielt er in Deutschland kaum Nachrufe, und hier wurden auch kaum noch Bilder von ihm ausgestellt, obwohl er 1700 Gemälde hinterließ und etwa 350 Graphiken. In Hamburg, im Hubertus-Wald-Forum der Kunsthalle, sind jetzt bis 18. Mai 70 Gemälde und 50 Holzschnitte unter dem Titel: »Idylle am Abgrund« zu sehen.

Der Krieg in bürgerlichen Wohnzimmern, leise schwelend zwischen den Interieurs, den düsteren Blümchentapeten, hinter den Gardinen verborgen, erdrückt vom tiefen Schwarz. Paare, die sich gewalttätig umarmen oder nebeneinanderherschweigen. Vallotton begibt sich hinein mit seinen Holzschnitten. Und seinen Gemälden. Dieselben bedrückenden Szenen: düster, dumpf oder schreiend, die Farben wie die Muster.

Vallotton schrieb Tagebücher, mehrere Romane, Theaterstücke, arbeitete als Journalist, wurde aber in Deutschland kaum bekannt. Als Maler ist er eine Entdeckung, als Surrealist, als Vertreter der Neuen Sachlichkeit bis zur Pop-Art. Seine Akte irritieren heute noch, sie erscheinen uns so modern, wie man es einem 1865 geborenen Künstler nicht zutraut.

Der Geschlechterkampf findet auch in den Mythen statt. Was bei Dürer Adam und Eva sind, sieht Valloton als »Haß«. 1908 schuf er dieses Gemälde: Adam steht da mit vor der Brust gekreuzten Armen, mit blasiert verzogenem Mund unter dem Schnauzbart. Eva mit gerötetem verbissenem Gesicht, die Fäuste ballend – mit moderner Aufsteckfrisur. Beide nackt wie bei Dürer. Kein Apfel, keine Schlange. Oder Perseus wie ein Bodybuilder, mit einem Drachen kämpfend, ironisch wie ein Comic Strip. Der Mann als der Unterdrückte, als Opfer wie der »Geschundene Orpheus« (1914). Er wird von nackten Mänaden gequält mit Stöcken, mit Steinen und mit spitzen Fingernägeln, bis das Blut spritzt, großformatig, unübersehbar. Schrecken und Unlust. Katalog: Gemälde (191 Seiten) und Graphik (112 Seiten), zusammen 35 Euro.

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Ein Mensch liegt hingestreckt in einer Traumlandschaft, einer traumatischen Landschaft, gekleidet in ein feuerrotes Gewand. Wie eine Brücke überspannt sein Körper ein blaugrünes durchscheinendes Gewässer. Die Haltung ist verkrampft, verdreht, weil er leidet. Sein Mund wird von langen Krallenklauen aufgerissen, Nägeln, die ihm die Haut verletzen, ihn fest umklammern. Schreien kann er nicht, die Luft ist ihm abgedrückt, das Gesicht grün angelaufen. Ein Arm steckt in den Zähnen eines Schnabeltieres, ein Finger im Maul einer blauen ­Echse. In seinem Schoß grinsen Riesenkröten. Aufgerissene Mäuler, Krallen und Augen, überall.

Es ist der Heilige Antonius, der gefoltert wird von Dämonen – von den Ausgeburten der Hölle, wie er glaubt. Und er sieht, wie er gesehen wird, von Augen – und steckt doch in der tiefsten Einsamkeit. Er leidet die Folter, stellvertretend. Max Ernst malte dieses Bild 1945 für einen Wettbewerb in den USA, wohin er vor den Nazis emigriert war. Er wurde Sieger.

»Schrecken und Lust. Die Versuchung des Heiligen Antonius von Hieronymus Bosch bis Max Ernst« ist ein Prachtband aus dem Münchner Hirmer Verlag (216 Seiten, 34,90 €); in Hamburg gibt es zur Zeit auch eine gleichnamige Ausstellung (siehe »Antworten« in diesem Heft).

Der heilige Antonius und seine Versuchungen waren für Maler schon immer eine Herausforderung, besonders seit sich Hieronymus Bosch diesem Thema zuwandte. Alle Quälereien und Strafen der drohenden Hölle und Vorhölle wurden den Gläubigen auf Tafeln und Altären nahegebracht als Mahnung, Ängstigung. Bosch fand viele Nachahmer. Bilder, in denen der Himmel, die Erde und das Wasser bevölkert waren durch Mensch-Tierwesen. Am Horizont brennende Häuser, Kirchen, der Weltuntergang stand bevor – die Verführung durch das Weib geriet dabei etwas in den Hintergrund und kehrte wieder als Hure Babylon mit dem goldenen Pokal, in dem sie ein Gebräu des Bösen vor sich her trug. Unter ihrem Kleid sahen rote Krallenfüße hervor, und die unbedeckte Brust lockte. Antonius hatte sich in die Einsamkeit der Wüste zurückgezogen – und die schlug zurück. Die Frau und Dämonen bedrängten ihn, quälten seinen Geist und Leib.

Antonius wurde Schutzpatron der Kranken, wütete doch im ausgehenden ­Mittelalter eine Krankheit, die man mit der Mutterkornvergiftung in Verbindung brachte und »Antoniusfeuer« nannte, weil sie furchtbare Schmerzen, ein höllisches Brennen hervorrief und die Glieder abfallen ließ. Auch Matthias Grünewald schuf seinen »Isenheimer Altar« für die Antoniter. Im 17. Jahrhundert wurden die Szenen um den Heiligen pittoresk. Im 19. Jahrhundert entdeckten die Maler Antonius wieder neu – auch durch den Roman von Flaubert angeregt. Lovis Corinth vor allem. Die Königin von Saba und andere Weiber – da brauchte der Heilige die Geißel, um sich zu kasteien.

Bei dem Belgier Félicien Rops ist es die Frau, die am Kreuz hängt, nackt und verführerisch mit wehendem rotem Haar. Statt INRI liest der entsetzte Antonius EROS über ihr. Christus wird vom Teufel weggeschoben. Antonius hatte gerade von der »Enthaltsamkeit des Joseph« gelesen – man erkennt den Titel. 1878 entstand dieses Pastell, das auch Freud kannte. Zum Antonius gehört – aus welchen Gründen auch immer – ein Schwein. Nicht als Symbol des Unreinen, heißt es. Félicien Rops malte den Heiligen (1858) mit einem dicken Schwein in inniger Umarmung, zufrieden lächelnd im Schlaf. Beide krönt ein Heiligenschein.