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Nur ein Spiel um Macht?  (Jochanan Trilse-Finkelstein)
»Nun ward der Winter unsers Missvergnügens / Glorreicher Sommer durch die Sonne Yorks.« So klang es einst bei Schlegel. Der vertraute Klang ist weg. »Jetzt folgt der Winter unserer Wut / der Sommer unserer Macht, die Sonne Yorks.« So lautet es bei Thomas Brasch. Das klingt kräftiger, gewiß; doch von der angesagten Wut war in dieser Inszenierung im Berliner Theater am Schiffbauerdamm nichts zu spüren. Wut deutet auf harten Machtkampf, Politik und Krieg, Mord und Totschlag hin, doch geriet hier das meiste zu gefällig, zu spielerisch. Haben Claus Peymann, inzwischen eine Gestalt deutscher und europäischer Theatergeschichte, der Shakespeares »Richard III.« schon einmal inszeniert hat, vor 20 Jahren mit Gert Voss in Wien, und sein Szenograf, der Meister Karl-Ernst Herrmann, das nicht gemerkt? Selbst der geometrisch-kubische, doch in einer Schräge gebaute Szenen-Raum mit verschiebbaren Glaswänden, in denen mittels kluger Lichtregie zuweilen Dunkelheiten schwebten, die Verbrechen ahnen ließen, ließ die gewaltige Dimension eines unheimlichen Machtkampfes nicht entstehen. Und was sollten gar solche Albernheiten wie die Zigaretten rauchende Elisabeth oder die Champagner saufenden Herren vor dem Eisschrank?

Was geschah da eigentlich, als 1485 König Richard, der Dritte dieses Namens in der englischen Geschichte, nach seinen vielen Morden und seiner kurzen Regierungszeit (1483–85) in der Schlacht bei Bosworth fiel, vermutlich abgeschlachet, wie er es mit so vielen andern getan hatte? Damit waren die dreißigjährigen Rosenkriege zwischen den Hochadelshäusern der York und der Lancaster, die weiße oder rote Rosen im Wappen führten, beendet. Und das war das Ende einer welthistorischen Epoche des Feudalismus. Mit den Tudors begannen der Absolutismus und der Aufstiege Englands zur Weltmacht unter Elisabeth I. (1558 bis 1603). Wirtschaftliche Kraft war nun nicht mehr ohne das Bürgertum zu denken. Mit dem Tode Richards endete eine wüste innenpolitische Schlachterei, die Konflikte wurden mehr auf dem Markt und zunehmend auf dem Meer, also international ausgetragen. Das ist freilich bereits eine andere Geschichte.

Von all dem war bei Peymann nicht viel zu sehen. Die Morde für den Thron und damit die Macht hatten etwas von Kavaliersdelikten an sich. Sicher, die Krönungsszene ist possenhaft und muß so gespielt werden, aber das ganze gewaltige Metzelstück ist eben keine Posse. Hier geriet fast alles viel zu klein – bis auf eine Szene: die der drei Königinnen Margret (Nicole Heesters), Elisabeth (Therese Affolter) und der Herzogin von York (Ilse Ritter). Sir hatte das nötige Format, den großen Atem. Hier hatte Peymann freilich ein Aufgebot an Schauspielerinnen, die zu den besten der gegenwärtigen deutschen Bühne gehören.

Erklärt sich die sonstige eher bescheidene Mittellage der Aufführung aus einem unausgereiftem Regie-Konzept oder aus unzureichenden Schauspieler-Leistungen? Bei den Männern überzeugten nur Jürgen Holtz als Georg (Herzog von Clarence und Tyrrell) sowie Axel Werner (Zweiter Mörder). Die Regie schien unentschieden zwischen großem Strich und ironischer Feinzeichnung, politischem Konflikt und Witz, mörderischem Blutbad auf der Bühne und unterhaltsamem Spiel zum Publikum. Eine Gratwanderung. Und Herausforderung wie Erfolgschance für den Darsteller der Titelrolle. Viele große Schauspieler vor allem im englischen und deutschen, aber auch anderen europäischen und außereuropäischen Theater haben diesen Richard Gloucester gespielt, oft mit theatergeschichtlich herüberreichenden Leistungen. Die Rolle ist verführerisch, doch birgt sie auch Gefahren, denen auch Ernst Stötzner, der viel bei Peter Stein an der früheren Schaubühne gelernt, nicht entgangen ist.

Diese Rolle hat nämlich einen doppelten Boden, überkommen aus den alten Volksspielen des englischen Mittelalters, den Misteries und Moralitäten. Shakespeare und die anderen Autoren des elisabethanischen Theaters kannten sie, und er benutzte ihr Material – von den frühen Tragödien (etwa »König Johann«) über Komödien (»Was ihr wollt«) bis zu »König Lear« (Figur des Narren), vom »Othello« (Jago) und vom »Kaufmann von Venedig« bis zur Figur des Falstaff, den er in Tragödien wie Komödien auftreten läßt. Den Richard Gloucester hat er damit ganz besonders bedacht, ausgestattet mit manchen Zügen des Vice, des Lasters, eine Figur, die »beiseite« und vielfach zum Publikum spricht, um sich, das eigene Handeln wie überhaupt die Handlung zu kommentieren. Mit dem Tudor-Zeitalter begann die Tradition dieses Volkstheaters zu verblassen, lebte aber als Kunstmittel im elisabethanischen Theater weiter. Doch entwickelte sich das Drama mit der allmählichen Umbildung des alten Laientheaters zum Berufstheater ebenfalls weiter, aus den alten Spielen entstanden die Charaktertragödie und das politische Drama. Mittendrin steht dieser »Richard III.«, »denn von Beginn an steht Richard im Vordergrund; er ist der Provokateur, der Intrigant, der ungestalte Verführer und schließlich (im Ansatz) der tragische Held. [ ...] Aus dem mittelalterlichen Laster wird die moderne Leidenschaft. Richard verkörpert nicht nur das Laster seines mörderischen Ehrgeizes, sondern auch dessen Opfer: Er zertört nicht nur andere, sondern schließlich sich selbst, wie Robert Weimann in seiner Studie »Shakespeare und die Tradition des Volkstheaters« analysiert hat. »Am Ende steht [...] der aus dem Moralitätendrama kommende, sich (hier) aus dem Historiendrama ablösende Entwurf der neuzeitlichen Charaktertragödie.« Wir fügen hinzu, des politischen Dramas.

Stötzner spielte mehr das Vice denn Richard. Er kokettierte gar zu sehr mit der Rolle, gierte gar zu sehr zum Publikum, Lacher heischend. Die Sprache Braschs zielte zwar auf unseren Haupteinwand, das Fehlen der genannten »Wut«, aber man banalisierte sie durch Sätze wie: »Mach’s kurz, Mutti, ich hab’s eilig!« Die riesige Spannweite der Rolle erreichte er durch solche Zutaten nicht. Daran litt die gesamte Inszenierung, sie entbehrte der großen Komik ebenso wie der Tragik. Daher wirkte die größte und geschlossenste Szene, die der drei Frauen, wie ein Fremdkörper. Lag die Unentschiedenheit beim Regisseur oder beim Hauptdarsteller? Es sei dahingestellt.

Draußen erwartete man von diesem Stück, von dieser Inszenierung in diesem Haus einen großen Wurf. Man warf viel Licht im voraus, doch es warf keine langen Schatten. Dieses Haus war eines des großen Spiels, doch ward hier einst gedacht und ward Denken gelehrt, Denken als Vergnügen. Der Denker sitzt auf steinernem Denksessel vor dem Haus, auf dem Bertolt-Brecht-Platz.