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Kisch im Kadima  (Klaus Haupt)
Im Restaurant »Kadima« in der Oranienburger Straße in Berlin, direkt neben der Synagoge, werden Salons, Lesungen und Matineen veranstaltet, um an berühmte jüdische Persönlichkeiten zu erinnern, die mit ihren Leistungen dazu beigetragen haben, dieses Land reicher zu machen. Etwa dreißig Frauen und Männer haben hier auch einen symbolischen Stammtisch – kleine, viereckige Caféhaustische mit schmuckvollen Collagen unter der Glasplatte: Fotos, Dokumente, literarische Texte regen die Gäste zum Assoziieren an. Und für jeden dieser Stammtische haben Prominente unserer Zeit die Patenschaft übernommen. Ihre Aufgabe: Sie bestreiten im »Kadima«-Salon – der in der Regel monatlich einmal stattfindet – ein literarisches Programm über die ihnen anvertraute Prominenz vergangener Zeit. Ideengeberin und umsichtige Organisatorin ist die Pressechefin des Hauses, Bärbel Petersen.

Die Plejade verdienstvoller Persönlichkeiten wurde angeführt von Moses Mendelssohn (1729–1786). Hermann Simon, Direktor der Stiftung Neue Synagoge Berlin Centrum Judaicum, hielt einen Vortrag über den Schriftsteller und Philosophen der Aufklärung, in dem Vernunft und Toleranz personifiziert waren. Aus den bewegenden Zuchthausbriefen von Rosa Luxemburg (1871–1919), las die Journalistin Lea Rosh. Die SPD-Politikerin Heide Simonis präsentierte anhand weitgehend unbekannter Briefe und Schriften den Generaldirektor der AEG und zeitweiligen Außenminister der jungen Weimarer Republik, Walter Rathenau (1867–1922), den die deutsche Reaktion wegen seiner verständigungsbereiten Politik genauso haßte und meuchlings ermordete wie die Mitbegründerin der KPD. Kurt Gerron (1867–1944), Kabarettist, Schauspieler und Regisseur, der »Tiger«-Brown in der »Dreigroschenoper«-Premiere 1928 im Theater am Schiffbauerdamm, wurde von dem Schauspieler Kurt Thieme vorgestellt. Zu den vorgetragenen biographischen Texten gehörten Gerron-Schriftstücke aus dem Konzentrationslager Theresienstadt, die an die Nieren gingen. Und so haben im Laufe der vergangenen zwei Jahre vor fasziniertem Publikum im »Kadima« die Bühne betreten: Albert Einstein, Kurt Tucholsky, Max Liebermann, Levi Strauß, Elisabeth Bergner, Max Reinhardt, Rahel Varnhagen ...

Und nun wird dort mit einer Matinee Egon Erwin Kisch (1885–1945) geehrt, der am 31. März vor sechzig Jahren gestorben ist. Kisch, der die Reportage zu einer literarischen Gattung gemacht und journalistische Maßstäbe gesetzt hat, die noch heute Gültigkeit haben, war auch ein Mann des Caféhauses. Wo immer er sich aufhielt, in Prag, Wien, Berlin, Paris, stets hatte er sein Stammcafé. Caféhäuser waren sein zweites Zuhause. Als er im Jahre 1914 nach Berlin gekommen war, um hier Fuß zu fassen – ein Versuch, der durch den Krieg zunichte gemacht wurde –, war das »Café des Westens« am Kurfürstendamm das Zentrum der schreibenden Zunft. Leonhard Frank, Kischs guter Freund aus diesen Tagen, erinnerte sich an diese Zeit: »Die Kampfgespräche über Literatur begannen sofort. Sie dauerten jeden Tag bis fünf Uhr früh. Und da wir spätestens bis vier Uhr nachmittags wieder im Café sein mußten und, wie ich mich mit Bestimmtheit erinnere, doch auch irgendwann geschlafen haben, frage ich mich heute vergebens, wann wir eigentlich unsere Bücher schrieben.« Nach dem »Café des Westens« war es dann das legendäre »Romanische Café« gegenüber der Gedächtniskirche, wo sich Journalisten, Schriftsteller und andere Künstler trafen und diskutierten. Da hatte dann selbstverständlich auch Kisch seinen Stammtisch, nachdem er im November 1921 wieder nach Berlin gekommen war, um hier seßhaft zu werden. In Berlin verbrachte er ein gutes Jahrzehnt. Es war eine der schaffensreichsten Perioden seines Journalistenlebens. Hier erschien 1924 auch das Buch, dessen Titel zu seinem unvergänglichen Synonym geworden ist: »Der rasende Reporter«. Auch dieser Aufenthalt wurde gewaltsam beendet. In der Nacht nach dem Reichstagsbrand wurde Kisch – ebenso wie Carl von Ossietzky – verhaftet, in den Kasematten von Spandau eingesperrt und am 11. März 1933 in die Tschechoslowakei, deren Staatsbürger er war, abgeschoben.

Am Sonntagvormittag, 30. März 2007, ist Kisch im »Kadima« gegenwärtig: Aus Briefen und Reportagen liest die Schauspielerin Ursula Temps. Und am Tag darauf wird in der Berliner Mediengalerie im Haus der Buchdrucker (Dudenstraße 10) eine Kisch-Ausstellung eröffnet. Kisch ist wieder in Berlin.

www.egon-erwin-kisch.de