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0508

Der Einsiedler  (Walter Kaufmann)
Ich sehe ihn vor mir, als wäre ich erst gestern und nicht vor vielen Jahren auf ihn gestoßen: ein verwitterter Mann in den Sechzigern mit buschigen Brauen und weißem Haar, der gekrümmt ging und mit ziehendem Atem sprach, als drücke ihm eine Last die Luft ab. Es kostete ihn Überwindung, mir deutsch zu antworten, und erst, als er mehr von mir wußte, erbot er sich, mich durch den Wald zu dem entlegenen böhmischen Dorf zu führen, das ich suchte. Ehe wir die Lichtung erreichten, von wo aus Dächer und Kirchturmspitze zu erkennen waren, hatte ich erfahren, daß er seit Kriegsende allein und nur auf sich gestellt in einem tief im Wald verborgenen Blockhaus lebte und nach den Rehen und Hirschen sah, besonders im Winter zur Zeit der Futterknappheit. Nein, nicht das Alter, auch keine Krankheit habe ihn so gebeugt, sondern Hiebe: fünfundzwanzig Peitschenhiebe im Lager Buchenwald ...

Herrgott, warum erzähle ich das alles erst heute. Wer aus der Schar von Häftlingen, die dieser Mann vor dem Hungertod bewahrte, wird noch zu finden sein und bezeugen können, was er mich in knappen Worten wissen ließ: wie er damals im Lager, weil er Tierpfleger gewesen war, bestimmt wurde, einen Menschenaffen zu betreuen, den der Kommandant sich hielt, einen zottigen, rotbraunen, schon betagten Orang-Utan ...

»Ein wählerisches Vieh und so gefräßig«, sagte er stockend und zählte ab, was täglich für den Affen herangeschafft werden mußte: »Gemüse, Bananen, Apfelsinen, Säfte und gesüßter Tee, Reispudding und Marmelade. Und immer auch ein Ei. Können Sie ermessen, was das damals für unsereins bedeutete: ein frisches weichgekochtes Ei!«

Ich ahnte, was folgen würde: Er unterschlug dem Tier diese Köstlichkeiten allmählich, zunächst die Eier, später auch das Gemüse, die besten Früchte und ein Großteil der Marmelade. »Es war einfach nicht mit anzusehen, daß der Affe verschlang, wovon wir nur träumen konnten. Alle Affen sind Verschwender, aber dieser erst! In den Baracken starben die Männer vor Hunger, während der Orang-Utan ... ach, Sie begreifen schon, was ich Ihnen sagen will!«

Natürlich begriff ich.

»Ich glaubte, das Tier hätte was zuzusetzen, fett genug war es ja gewesen, doch es machte erstaunlich schnell schlapp, verfiel förmlich vor meinen Augen und erholte sich auch nicht, als ich ihm wieder zukommen ließ, woran es gewöhnt war. Schläfrig hockte es in der Ecke des Käfigs und glotzte mich stumpf aus fiebrigen Augen an. Es war schon ein Wunder, wenn es einen Arm reckte und nach einem Ast griff. Mir wurde angst, weil ich mir keinen Rat mehr wußte.«

Inzwischen waren wir zu der Lichtung und dem Weg gelangt, den ich gehen mußte. Fern am Wiesenrand hob sich dunkel ein Sprung Rehe gegen den Himmel ab. Mit schnellem Griff hielt er mich zurück, und nun schwiegen wir beide. Erst als das Wild uns witterte und floh, wandte er sich wieder mir zu. »Bei aller Tierliebe«, sagte er, »diesen Orang-Utan haßte ich – mit jedem Bissen, den er lustlos verschlang, raubte er einem der unseren das Leben. Er litt, das war klar, aber ich litt nicht mit ihm, sondern verfluchte ihn in seiner Schwäche. Was hatte er, warum fing er sich nicht? Natürlich blieb sein Zustand dem Lagerkommandanten nicht verborgen – doch da war es schon zu spät, der Orang-Utan verendete mitten in einem Überfluß des Besten. Und da ging auch mir auf, warum es so rapide bergab gegangen war mit ihm. Wußten Sie, daß Menschenaffen weit anfälliger für Tuberkulose sind als Menschen?«

»Sie hatten Tuberkulose?«

»So war es«, antwortete er. »Mich hätte der Lagerkommandant gar nicht nehmen dürfen für das Vieh.« Er richtete sich mühsam auf und blickte mich an. »Das mit meiner Lunge ist ja auch ausgeheilt in all den Jahren«, sagte er noch. »Den Schaden von den fünfundzwanzig Hieben aber schleppe ich mit ins Grab.«