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Bemerkungen
Michel schläft
Wir haben es ja schon immer gesagt!
Politik verdirbt den Charakter!
Jeder ist sich selbst der Nächste!
Alle bedienen sich!
Politik ist ein schmutziges Geschäft!
Aber auf uns hört ja keiner!
Die da oben!
Die verdienen sich eine goldene Nase!
Alle wirtschaften in die eigene Tasche!
Die Wirtschaft überrollt uns!
Immer mehr! Und am meisten für die!
Geld regiert die Welt!
Der Teufel scheißt immer
auf den größten Haufen!
Den letzten beißen die Hunde!
Die Kleinen hängt man,
die Großen läßt man laufen!
Aber was soll man machen?
Man kriegt sowieso kein Recht!
Recht ist eine Frage des Geldes!
Macht geht vor Recht!
Die sitzen immer am längeren Hebel!
Und die Medien sind verlogen!
Was können wir denn tun?
Wir haben uns nichts vorzuwerfen!
Sollen die ihren Dreck allein machen!
Wir haben die Nase voll!
Aber wirklich!
Es hat doch überhaupt keinen Zweck!
Sowieso bleibt alles beim Alten!
Wer schläft, sündigt wenigstens nicht!
Wolfgang Bittner

Mitregieren

Innerhalb der Partei DIE LINKE gibt es ein neues Netzwerk, das sich »Forum Demokratischer Sozialismus« nennt und die Partei so schnell wie möglich zum Mitregieren bringen will. Die junge Welt hat einen der Sprecher dieses Netzwerkes interviewt. Er wirkt in Hessen und hofft darauf, daß seine Partei dort, in welcher Form auch immer, von einer Oppositionsrolle verschont bleibt. Denn der »Wählerauftrag« sei nicht, »zu demonstrieren, Flyer zu verteilen und Gewerkschaftspolitik zu machen«. Aber wenn bei einer Liaison zwischen SPD und Linkspartei in Hessen nun rechte Sozialdemokraten abspringen und so den schönen Koalitions- oder Tolerierungsplan zunichte machen? Diese Befürchtung hat unser demokratischer Sozialist nicht, denn: »Die rechten Sozialdemokraten würden nicht umfallen, sie bekämen doch schöne Ämter ... Wenn es um das Regieren geht, sind alle gleich.« Na dann – wünschen wir ihm fröhliches Schaffen unter seinesgleichen.
Marja Winken

Extremismus
Vor freundlichen Gefühlen gegenüber der Linkspartei hat Martin Wansleben gewarnt, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Industrie- und Handelskammer. Wohin das Auftreten dieser Partei führe, könne man am Thema Mindestlöhne erkennen.
Das Argument ist, vom Klassenstandpunkt her gesehen, den Wansleben zu vertreten hat, plausibel: Die Linkspartei bringt durch Konkurrenzdruck die SPD dazu, sich als Verfechterin von Mindestlöhnen zu präsentieren, woraufhin die CDU/CSU auch nicht gar so asozial dastehen will und wenigstens für die Postler Mindestlöhne hinnimmt – aber selbst das müßte ja nicht sein...
Keineswegs panisch also äußerte sich der DIHKT-Manager, sondern, wie es sich in seiner Funktion gehört, berechnend.
Anders Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble. Von der Linkspartei, zumindest von Teilen derselben, gehe »eine klare extremistische Bedrohung aus«, warnte er in Bild am Sonntag und verwies dabei auf DKP-Mitglieder in Linkspartei-Landeslisten. Anhänger der DKP mögen vielleicht angenehm berührt sein von der Hochschätzung, die ihnen ein Obergegner wie Schäuble entgegenbringt, aber bei nüchternem Blick wird man feststellen müssen: Wer allen ­Ernstes im Agieren der nicht gerade massenhaft vorhandenen DKP-Mitglieder eine »klare extremistische Bedrohung« der Bundesrepublik wahrnimmt, leidet unter Wahnvorstellungen. Betreibt der Bundesinnenminister nur im Eifer seines Kampfes für den »Sicherheitsstaat« die Demagogie allzu plump – oder glaubt er möglicherweise selbst, was er sagt?Ein Extremfall, so oder so.
M. W.

Zivilgesellschaftlich
In Afghanistan, das wissen wir von unseren tonangebenden Politikern und Publizisten, befindet sich westliches Militär, um zivilgesellschaftlichen Werten im Kampf mit dem Fundamentalismus zum Erfolg zu verhelfen, besonders wirkungsvoll im Norden des Landes, wo deutsche Soldaten tätig sind. Da scheint es verwunderlich, daß in Mazar-i-Sharif, der Stadt mit dem Hauptquartier der Bundeswehr, ein Journalist zum Tode verurteilt wurde, weil er öffentlich Zweifel daran geäußert hatte, ob ein Mann vier Ehefrauen haben soll. Die zivilgesellschaftliche Regierung in Kabul zeigte Verständnis für dieses Urteil, denn der Journalist habe »Ärger gemacht«. Der Taliban sitzt offenbar überall, auch in den Gerichten und in der Regierung. Das deutsche militärische Engagement wird also weiter verstärkt werden müssen ...
Peter Söhren

Eine Nachbemerkung
zur Berlinale, mit der sich Ossietzky in Heft 4/08 ausführlich beschäftigt hat: In der Akademie der Künste wurde zum 23. Mal der Friedensfilmpreis vergeben. Prämiert wurde die iranisch-französische Koproduktion »Buddha zerfiel vor Scham«, ein Werk der erst neunzehnjährigen Regisseurin Hana Makhmalbal über afghanische Kinder, die in den verödeten Höhlen von Bamiyan aufwachsen. Bei der Zeremonie wurden die Juroren befragt, die sich zu allem Möglichen äußerten, was sie auf dem Festival erlebt hatten. Fragen nach Auswahlkriterien für den Friedensfilmpreis blieben ausgespart. Das Publikum erfuhr nichts über andere friedenspolitisch relevante Festivalbeiträge. Nicht ein einziges Mal wurde der US-»Krieg gegen den Terror«, die operation enduring freedom, auch nur erwähnt. Das Filmkunstwerk wurde so gewürdigt, daß es auch als Folie für die Rechtfertigung des Einsatzes der Bundeswehr am Hindukusch dienen könnte. Die Gelegenheit, im Sinne des Begründers des Friedensfilmpreises, Michael Venedey, einen kleinen Raum für ein künstlerisch stimuliertes friedenspolitisches Engagement zu schaffen, blieb ungenutzt – nicht zum ersten Mal.
Elke Zwinge-Makamizile/Irene Eckert

Walter Kaufmanns Lektüre
Das Buch des in Marokko lebenden Senegalesen Marc Dugain ist höchst informativ und liest sich mit Spannung. Dugain ist es gelungen, ein halbes Jahrhundert der USA aus der Sicht eines Clyde Tolson vorzuführen, der John Edgar Hoovers zweiter Mann im FBI und zeitlebens dessen Geliebter war. Diese Beziehung war ein aufs strengste bewahrtes Geheimnis, das allein die Mafia hätte lüften können, die sich ein Foto des Liebesakts der beiden Männer zu verschaffen wußte. Ihr Wissen um die einzige Schwachstelle des FBI-Direktors machte ihn, der die gesamte politische und künstlerische Prominenz Amerikas durch seine Lauschangriffe erpressen konnte, selbst erpreßbar. In seiner gesamten Amtszeit, von 1924 bis 1974, wagte er es nicht, gegen das Unterwelt-Verbrechertum aktiv zu werden – gegen ungezählte andere in seinem Visier jederzeit, der gottesfürchtige und Amerika treu ergebene Bürger, der er zu sein vorgab, und Erzfeind der Linken obendrein.
Soll man den »Fluch des Edgar Hoover« nun als Roman oder historisches Sachbuch werten? Die Grenzen verfließen. Ausschlaggebend ist: Das Buch überzeugt, bleibt durchweg glaubhaft. Allein die Sicht der beiden FBI-Größen auf die drei Kennedys, Vater Joseph und dessen Söhne John und Robert, führt zu schockierenden Erkenntnissen. Nicht länger wird man zu fragen haben, wie der eine Präsident und der andere Justizminister werden konnte; man erfährt von ihren Zielen und wie diese ihnen zum Verhängnis wurden. Über die Verstrickungen des Vaters mit der Mafia ins Bild gesetzt, kann man sich vorstellen, warum die Morde an den beiden Söhnen nie zwingend aufgedeckt wurden. Das Buch spürt den Drahtziehern und Hintermännern nach. Vor allem aber bleibt Marc Dugain ein vielschichtiges, rundum überzeugendes Portrait Edgar Hoovers zu danken, des dienstältesten FBI-Direktors, eines Machiavelli seiner Zeit.
Walter Kaufmann
Marc Dugain: »Der Fluch des Edgar Hoover«, aus dem Französischen von Michael Kleeberg Frankfurter Verlagsanstalt, 399 Seiten, 24.90 €

Abgeschoben
Das letzte Abschiebungsopfer aus meinem Schulchor, den »Lamboy-Kids« in Hanau, ist ein (hoffentlich) mittlerweile etwa elfjähriges Mädchen aus dem Grenzgebiet zwischen Uganda und Ruanda-Burundi, das ohne die abgeschlachteten Eltern mit der Großmutter hatte fliehen können. Sie brauchte fast zwei Jahre, bis sie anfing, Deutsch zu reden, sich in die Schulgemeinde zu integrieren, und im Schulchor hat sie dann – endlich über die Türschwelle gelockt – auch angefangen, ruandische Kinderlieder vorzusingen, wie andere kurdische, somalische, iranische, jugoslawische, albanische, polnische, russische, ceylonesische, afghanische, sinto-romanesische, italienische, spanische, kongolesische, portugiesische, deutsche und französische, auch englische und chinesische vorsingen (dies alles gegen den Mainstream des Deutschsprachgebots).
Dann wurde sie pünktlich zum Hochwasser in Uganda abgeschoben ...
Ach so, ich habe ganz vergessen, wer sich in diesem Gebiet so erfolgreich für die Menschenrechte und den Frieden eingesetzt hat: Die Fremdenlegion, offizielle französische Verbände, Dutzende NGOs, die großen Kirchen und die kleinen, die belgische Armee, die UN, OAU-Verbände, auch deutsche Diplomaten, die GTZ, das Entwicklungshilfe- und das Verteidigungs- wie das Innenministerium, besonders belgische und französische Kolonialisten haben es herrlich eingerichtet, die Hutu über die Tutsi zu stellen und umgekehrt, die einen als Sklaven und die anderen als Aufseher, damit sie sich nicht gemeinsam gegen die Europäer erheben. Darauf kann die EU heute noch bauen.
Schwarze Boß-Men machen die Dreckarbeit für die Weißen – die dann von weitem mit den Menschenrechtenwedeln.
Hartmut Barth-Engelbart

Frontex
Auf das menschenverachtende Grenzregime der Europäischen Union hat Ossietzy schon wiesderholt hingewiesen. Gelegentlich zeigen sogar die Fernsehnachrichten Bilder: von verzweifelten Flüchtlingen, die mit bloßen Händen Stacheldrahtverhaue niederreißen, von seeuntüchtigen Booten voller Verdurstender, die auf spanischen Atlantikinseln landen, oder von italienischen Fischern, die Leichenteile ertrunkener ­Boat People in ihren Netzen finden.
Für EU-Rat und EU-Kommission sind all dies nur Anlässe, den Kampf gegen die sogenannte illegale Migration zu verstärken. Nach den Ursachen der Flucht wird nicht gefragt. Am 26. Oktober 2007 verabschiedete der Europarat eine Verordnung zur Schaffung einer »Europäischen Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Außengrenzen« (FRONTEX). Der Europaabgeordnete Tobias Pflüger (Vereinigte Europäische Linke/Nordische Grüne Linke) hat in einer jetzt erschienenen Broschüre Entstehungsgeschichte, Aufgaben und Struktur dieser Agentur kritisch beleuchtet.
Aufgaben der »Agentur« sind Aufklärung und Abwehr von Flüchtlingsbewegungen, Unterbringung in Lagern und polizeiliche Verwaltung der Menschen, die es trotzdem in die »Festung Europa« geschafft haben. Sie fungiert als Schnittstelle zwischen Polizeien und Geheimdiensten, agiert an den EU-Grenzen und innerhalb der EU-Länder, an Flughäfen und auf dem offenen Meer. Illegale Migranten sollen aufgespürt und zurückgeführt werden, und Frontex bietet alle Mittel auf, um eine Wiedereinreise zu verhindern: verhängt Seeblockaden und setzt Randstaaten der EU unter Druck, Maßnahmen gegen Migranten zu ergreifen, die ihr Gebiet in Richtung EU passieren. Besatzungen von Schiffen oder Fischerbooten, die ertrinkende Flüchtlinge an Bord nehmen, werden entgegen dem internationalen Seerecht kriminalisiert. Frontex, in der Broschüre als »Vernetzungsmaschine an den Randzonen des Rechts und der Staaten« charakterisiert, unterliegt kaum einer parlamentarischen Kontrolle.
Im Rahmen von Frontex-Einsätzen hat sich auch die Bundesregierung schon mit Technik und Personal an der gnadenlosen Menschenjagd vor Afrikas Küsten beteiligt.
Gerd Bedszent
»Was ist Frontex«, Bestelladresse: Deutscher Bundestag, Judith Demba, Unter den Linden 50, 10117 Berlin, Versand kostenfrei

Petroleum
Der Name eines hierzulande fast vergessenen amerikanischen Schriftstellers ist jüngst – zumindest zeitweilig – ins Feuilleton der deutschen Presse zurückgekehrt: Upton Sinclair. Auslöser dafür war die Aufführung von Paul Thomas Andersons »There Will Be Blood« zur Berlinale. Keiner der Rezensenten kam drumherum, Upton Sinclairs Roman »Oil!« zumindest als Stofflieferante für diesen »Film von Format, mit einem Schauspieler von Format« (Walter Kaufmann, Ossietzky 4/08)zu erwähnen. Hin und wieder verstieg sich ein Schreiber sogar dazu, von einer Verfilmung des Buches zu sprechen, womit er nur bewies, daß er es nicht gelesen hat.
Auch Thomas Anderson kannte den Roman nicht, bis er eines Tages in einem Londoner Buchladen auf die Erzählung« stieß, weil ihn das Heimweh plagte und er vom Cover mit der Landschaft Kaliforniens magisch angezogen wurde. Und dann ließ ihn das Thema des Buchs nicht mehr los. Er recherchierte und studierte weitere Literatur, und so entstand das Drehbuch (»based on ›Oil!‹ by Upton Sinclair«) für das wahrlich beeindruckende Porträt eines gnadenlos über Leichen gehenden Ölmagnaten.
Sinclairs Erdöl-Epos erschien 1927. Noch im Jahr seiner Erstausgabe edierte der Malik-Verlag die deutsche Übersetzung »aus dem amerikanischen Manuskript« von Hermynia Zur Mühlen unter dem Titel »Petroleum«. 15.000 Exemplare betrug die erste Auflage, bis zum Jahresende stieg sie auf 100.000. Mit einer Viertelmillion Exemplaren sollte »Petroleum« schließlich zu dem erfolgreichsten Titel eines Werkes Sinclairs in Deutschland werden. Zwei neue Übersetzungen (Titel jetzt gleichlautend »Öl!«) erschienen dann in den 1980er Jahren, in der DDR beim Aufbau-Verlag von Ingeborg Gronke, in der BRD bei März – später übernommen vom Rowohlt Taschenbuch Verlag – von Otto Wilck. Doch weder die eine noch die andere Ausgabe findet der Interessierte heute im Buchhandel. Ihm bleibt nur das Antiquariat.
Edmund Schulz

Öl? Ja gern. Aber auch Kultur?
»Borat«? Seien Sie nicht traurig, wenn Sie den Film nicht gesehen haben. Sollten Sie aber das zweifelhafte Vergnügen gehabt haben, vergessen Sie alle seine Bezüge zu kasachischer Kultur und Lebensweise. Nur für seinen »schwarzen Humor« wurde der Film preisgekrönt und von deutschen Medien beachtet; mancher Kasache fühlt sich davon beleidigt. Ohne »schwarzen Humor« haben es wirkliche Zeugnisse kasachischer Kultur schwer in unseren Medien. Man interessiert sich für kasachisches Öl. Aber Kultur?
Statt alles Totgeschwiegene aufzuzählen, nenne ich nur das jüngste Bespiel: Abai, den kasachischen Nationaldichter, von dem über hundert Jahre nach seinem Tod ein erstes Bändchen deutsch erschienen ist. Als noch – frei von Profitzwang – Nationalliteraturen erkundet wurden, erschien in Berlin (DDR) sogar ein großer Roman über ihn, den kaum jemand seiner Leser vergessen hat: Auesow: »Vor Tau und Tag«, »Über Jahr und Tag« (zwei Bände, 1961). Aus einem Nomadenvolk hervorgegangen, brach Abai mit seinem Vater, der aus ihm einen noch reicheren und skrupellos einflußreicheren Mann machen wollte, als er selber war. Abai (1845–1904) wurde zum Vorkämpfer für soziale Gerechtigkeit, für Humanismus. In einem Land mit damals noch sehr vielen Analphabeten erreichte er seine Landsleute nur mit Gedichten, die mündlich verbreitet wurden. Grundlage war sein großes Wissen. Neben den Dichtern des Ostens wie Firdusi, Nisami, Nawoi schloß es auch Puschkin, Lermontow und Goethe ein, die er übersetzte.
Abais philosophische Sicht, seine – auch religiös gestützten – gesellschaftlichen Positionen, seine Modernisierung der traditionellen kasachischen Poetik verleihen seinen Gedichten Lebendigkeit bis heute. Manche Zeile läßt uns an Aktuelles denken – bis hin zu den Raffkes und ihren Lustreisen. Das alles ist von Abais Bemühen durchdrungen, den Sinn des Lebens zu ergründen, über den Tod hinauszudenken: »Zu Staub wird jeder – auch wer stolz verharrte, / Nur Flitter bleibt vom Glanz, der ihn heut narrte.« Natürlich muß man mehr Gedichte und jedes im Zusammenhang lesen, um ein besseres Bild von einem Dichter zu erhalten, der sich der Menschheit verpflichtet sah: »Wenn dein Herz nicht in Flammen steht – / wer setzt den Verstand in Brand?«
Von mir und meinen Nachdichtungen will ich hier nicht sprechen, wohl aber von dem Herausgeber Herold Belger, einem Wolgadeutschen, der 1941 nach Kasachstan deportiert wurde. Ihn sollte das Land seiner Ahnen dafür würdigen, daß er dort zugleich Leuchtturm deutscher Kultur ist, ohne den auch dieses Büchlein – Bindeglied zwischen Kulturen – nicht entstanden wäre.
Leonhard Kossuth
Abai: »Zwanzig Gedichte«, nachgedichtet von Leonhard Kossuth, herausgegeben von Herold Belger, Önel-Verlag, Köln (ISBN 3-939372-06-4), 136 Seiten, 9.80 €

Jenny Erpenbecks Heimsuchung
Wie wird man mit Verlust fertig? Indem man das Geliebte auf Denkzetteln zwischen zwei Buchdeckel steckt oder den eigenen Verlust in Relation setzt zu dem Verlust anderer und sich als Teil der Geschichte denkt und begreift. Jenny Erpenbeck geht auf Nummer sicher und tut beides.
Vor den Toren Berlins, am Scharmützelsee, steht das Haus der Großeltern. Dort verbringt die Erzählerin den glücklichsten Teil ihrer Kindheit und Jugend, die Ferien. Es muß eine wunderbare Zeit gewesen sein: auf der einen Seite die anregend schöpferische Atmosphäre, die Großeltern waren Schriftsteller, auf der anderen die Weite des Sees und die Ruhe der Wälder. Dazu dieses besondere Haus, selbst für den zufälligen Passanten lag etwas geheimnisvoll Märchenhaftes darüber. Dieses Haus erhebt die Autorin zum Protagonisten.
Jenny Erpenbeck läßt ihren Roman im Kaiserreich mit der Geschichte der Klara Wurrach beginnen, die ein Stück Land am Ufer des Sees erbt. Zwischen Jahrhundertwende und erstem Weltkrieg beginnt die Berliner Schickeria die Reize der Seenlandschaft um die Hauptstadt herum zu entdecken und sich breit zu machen. Zwischen den beiden großen Kriegen wird ein Drittel von Klaras Wald an einen Architekten verkauft, der nach eigenen Plänen für seine Frau und sich ein Traumgehäuse zwischen Kiefern, Eichen und Erlen baut.
Die Zeiten ändern sich, mit ihnen wechseln Eigentümer und Besitzer. Darin spiegeln sich die Machtverhältnisse – Kontinuität und Brüche deutscher Geschichte, dokumentiert in Grundbucheintragungen. Wer uns heute was erzählen will von Freiheit und Demokratie, dem lege man aufgeschlagen nebeneinander das Grundgesetz und die Grundbücher dieser Republik, dann kann er noch mal von vorn anfangen. Den letzten großen Umbruch in den Grundbüchern markiert das Gesetz über Rückgabe vor Entschädigung. Dezember 1994. Dort läßt die Autorin ihre Heimsuchung – ein wunderbar doppeldeutig eindeutiger Titel! – enden.
Woher bezieht der Text seine Spannung? Es ist vor allem der Mut der Autorin, selbst Erlebtes und eigenen Schmerz nicht höher zu stellen als die Empfindungen der Vorfahren und der Nachkommenden. Sie bescheidet sich, stellt sich mit ihnen in eine Reihe und überragt mit dieser Haltung die übliche deutsche Selbstdarstellungsliteratur. Hundert Jahre Geschichte reduziert sie auf knapp zweihundert Seiten, verdichtet und dichtet. Konsequent hält sie ihr Tempo durch und läßt uns nicht los vom Text und vom Fortgang der Geschichte.
Was viel zu selten erwähnt wird: »Heimsuchung« ist eines der vielen Bücher von Eichborn, die in Satzspiegel und Umschlaggestaltung beispielhaft sind: Buchkunst. Die üblichen Nachlässigkeiten, die fast schon selbstverständlich sind, weil die Gestaltung Pförtnern oder Buchhaltern oder, noch schlimmer, den Autoren selbst überlassen wird, finden sich hier nicht.
Was tut ein Mensch, will er mit seinem Schicksal fertig werden? Wie bewahrt man ein verlorenes Paradies? Indem man es zwischen Buchdeckel preßt. Und es zerstört.
Thomas Bruhn
Jenny Erpenbeck: »Heimsuchung«, Eichborn Verlag, 190 Seiten, 17.95 €

Nichts, was irritieren könnte
Ausgezeichnet mit dem Anna-Seghers-Preis 2007 – das weckt Neugier und Ansprüche. Katja Oskamp, geboren 1970 in Leipzig, aufgewachsen in Berlin, setzt mit ihrem zweiten Roman die Schilderung von Lebensetappen ihrer Protagonistin Tanja März fort. Die ist nun Regieassistentin an einem Provinztheater im Norden, verliebt sich in den zwanzig Jahre älteren Dirigenten aus Holland, zieht in sein Reihenhaus auf dem Dorf, heiratet und bringt ein Frühchen zur Welt. Der Rest ist klar, nach Tucholsky: »Das Kind wird krank, die Milch kocht über.« Nur bleiben hier die Ehepartner – er mittlerweile oft arbeitslos, sie Putzteufel – nicht zusammen. In Berlin findet sich nach einer Weile ein alternativer Fensterputzer, der Mutter und Tochter glücklich macht.
Katja Oskamp schreibt flott, hat ihr Handwerk am Leipziger Literaturinstitut gut gelernt, weiß Situationen auszumalen und wie detailgetreu eine Szene sein muß. Auch witzig ist manches. Dennoch fehlt mir etwas – möglicherweise ein Geheimnis, das die Erzählerin, nach der der Preis benannt ist, seit ihrem Debüt ihren Lesern aufgab, möglicherweise eine Irritation, die der Routine das Konzept verdirbt.
Christel Berger
Katja Oskamp: »Die Staubfängerin«, Amman Verlag, 222 Seiten, 18.90 €


Vom Hafenkran bis zum Eierlöffel
DDR-Design ist für manchen eine überraschende Entdeckung. Günter Höhne folgt schon seit Jahren dieser Spur. Der Formgestaltung gilt seine Neigung – beruflich, privat. Für sein Gesamtwerk als Design-Fachjournalist erhielt er 1993 den »Bremer Preis für Designerpublizistik«. Der Alltagskultur in der DDR galt sein Interesse in den folgenden Jahren. Höhne wurde zum Sammler aus Leidenschaft.
Begonnen hatte es in der Weltbühne mit einer kleinen Geschichte in der Rubrik Bemerkungen über das Flaschenteufelchen, ein originelles Spielzeug aus der Zunft der Glasbläser. Mit akribischen Arbeit (unterstützt von seiner Frau Claudia) rückte er ein wesentliches Stück DDR-Alltagskultur wieder ins Bewußtsein. Mittlerweile ist daraus ein umfassendes Werk aus Bild- und Textbänden entstanden. Und jetzt »Das große Lexikon DDR-Design«.
Der geschätzte Fachmann freut sich auch heute noch wie ein Kind über jeden Fund auf einem Trödelmarkt oder bei Haushaltsauflösungen, der seine Sammlung erweitert. »Hausgenossen Alltagskultur« nennt er seine Fundstücke liebevoll. (Ein Großteil seiner Sammlung hat er bereits dem Grassi-Museum in Lepzig übergeben.)
Höhne belegt in Wort und Bild, wie Formgestalter, Designer, Industriedesigner in Zeiten der DDR, trotz rabiater Eingriffe in die Ästhetik, erfolgreich gegen »Kitsch und Mittelmäßigkeit« ihre Ideen umsetzten. Die eingefügten Kurzbiographien zeugen von erfindungsreichen, fleißigen, bescheidenen Zeitgenossen, die trotz Mangelwirtschaft im Lande Ehemals unter dem Diktat der »Genossen Geschmacksverwahrer« (Zitat: »Das wollen unsere Werktätigen nicht!«) unbeirrt ihre Vorstellungen von der Alltagskultur verwirklichten. Höhnes Arbeit erinnert an dieses Nichtsdestotrotz.
Bemerkenswert ist der politische Kontext, in den Höhne sein Wissen stellt. Man erfährt viel von Plan- und Mißwirtschaft und verfolgt dann das schaurige Treiben der Treuhand: die Eliminierung vieler Betriebe und hochqualifizierter Fachkräfte. Leidige Ostkonkurrenten wurden im Interesse westdeutscher Unternehmen ausgeschaltet. Industriebrachen entstanden, Menschen wurden in die Wüste geschickt.
Vom Hafenkran bis zum Eierlöffel, von der Stehlampe bis zum Tintenfaß – der Reichtum wiederentdeckter Werte scheint unerschöpflich. Günter Höhne hat den Schatz gehoben, gibt ihn an uns zurück. Er stärkt damit auch das in der Vergangenheit durch Ignoranz und Arroganz vielfach verletzte Selbstwertgefühl der Ostdeutschen. Mehr kann ein Buch nicht leisten.
Anne Dessau
Günter Höhne: »Das große Lexikon DDR Design«, Komet Verlag, , 19,95 €

Termine
  • 10. 3., 16 Uhr, Chemnitz, Rathaus: Eröffnung der Ausstellung mit dem künstlerischen Nachlaß von Hans-Jochen Vogel (1943-2005)
  • 12. 3., 20 Uhr, Bremen, Bonboncafé Neustadt: Rolf Gössner liest und diskutiert über »Menschenrechte in Zeiten des Terrors; desgleichen am 13. 3., 20 Uhr in Dachau, Ludwig-Thoma-Haus und am 14. 3., 20 Uhr in Pfaffenhofen, Müller-Bräu
  • 13. – 16. 3., Leipzig, Buchmesse, täglich Treffen am Ossietzky-Stand in Halle 5, Standnummer B 407
  • 15. 3., 11.30 Uhr, Leipzig, Buchmesse, Halle 3, Sachbuchforum (H 302): »Wie Bertelsmann Politik stiftet«, Ossietzky-Veranstaltung mit Otto Köhler u.a.
  • 15. 3., 16 Uhr, Leipzig, Buchmesse, Halle 3, Sachbuchforum (H 302): »Keine Demokratie ohne Demokratisierung der Medien«, Vorstellung des Ossietzky-Sonderdrucks mit Rainer Butenschön, Daniela Dahn und Eckart Spoo
  • 16. 3., 13 Uhr, Berlin, Max&Moritz, Oranienstraße 162: Dr. Seltsams Wochenschau mit Eberhard Schultz
  • 17. 3., 18 Uhr, Berlin, Haus der Demokratie und Menschenrechte: »Stolpersteine für die Widerstandsgruppe Saefkow-Jacob-Bästlein«, Gespräche mit Hans Coppi u.a.
  • 20. 3., 9.30 bis 17 Uhr, Berlin, Brechthaus: »Ich wohne fast so hoch wie er«, Tagung zum 100. Geburtstag von Margarete Steffin mit Sabine Kebir u.a.
  • 24. 3., 12 Uhr, Berlin, Adenauerplatz: Auftaktkundgebung zum Ostermarsch
Press-Kohl
Ein kulturell gebildeter, geographisch bewanderter Leser, der seinen Namen nicht genannt sehen möchte, damit ihm niemand vorwerfen kann, er sei in der DDR zur Schule gegangen, schickte uns folgende »Korrektur« aus einem Presseorgan, dessen Titel mit Rücksicht auf die Familienangehörigen der Redakteure verschwiegen wird: »In unserer letzten Reise-Beilage stand, daß Weimar in Sachsen liegt. Richtig ist, daß die Goethestadt in Thüringen zu finden ist.«
Falls einer die Goethestadt sucht, ohne sie zu finden, müßte er erst mal sagen, was er unter einer Goethestadt versteht. Die Stadt, in der Goethe geboren oder gestorben ist, oder eine, die von Goethe mal besucht wurde? Die Goethestädte der letzteren Kategorie konnten noch nicht gezählt werden. Denn der Klassiker war sozusagen schon überall mal. Außer in Vineta.
Die Landeszugehörigkeit der Goethestädte wurde von der jeweiligen Hoheit der Länder bestimmt. Das schöne Altenburg im Süden Leipzigs war bis 1918 Hauptstadt des Herzogtums Sachsen-Altenburg. Der Bahnhof hieß lange Zeit Altenburg in Thüringen.
Felix Mantel