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Titel0509

Bemerkungen

Wunderschöne Zukunft
»Deutschland wird aus der Krise gestärkt hervorgehen«, sprach die Bundeskanzlerin und zog damit skeptische Kommentare auf sich. Hat Angela Merkel sich nur in Zweckoptimismus geübt, ohne Substanz? Nein, wenn man ihren Ausspruch durchdenkt, erkennt man seinen realistischen Sinn. Die deutsche Wirtschafts- und Sozialpolitik ist nämlich schon seit Jahrzehnten bestrebt, die Position der Bundesrepublik als Exportweltmeister zu festigen und auszubauen, also deutschen Konzernen noch mehr Macht und Profit im globalen Markt zu verschaffen, und zwar um jeden Preis – und besonders auf Kosten der Arbeitnehmerbevölkerung im eigenen Land. Um der weltweiten Expansion deutscher Konzerne willen wurde in großem Stil Lohndrückerei betrieben, wurde der Einfluß der Gewerkschaften zurückgedrängt, wurden Sozialleistungen reduziert. Vom »Sozialstaat« Bundesrepublik, den das Grundgesetz fordert, ist im internationalen Vergleich immer weniger übrig geblieben. So kam der Binnenmarkt in seinen Schwächezustand, aber das muß exportorientierte Großunternehmen nicht weiter kümmern; als Nutzer billiger Arbeitskraft gewinnen sie an Wettbewerbsfähigkeit.

In der jetzigen Krise geraten einzelne deutsche Unternehmen, auch große, ins Trudeln – aber in seiner Mehrheit erhofft sich das hiesige große Unternehmenskapital einen noch besseren Rang in der internationalen Konkurrenz, im festen Schritt durch alle Turbulenzen. Die wunderschöne Zukunft, wie Kapital und Kabinett sie sich wünschen, setzt voraus, daß der deutsche Staat mit hohem Aufwand den Kapitalstandort Bundesrepublik absichert und daß das Lohnniveau sowie die Sozialkosten auf Unternehmensseite niedrig gehalten werden: Hartz-Regelungen disziplinieren die Arbeitnehmerschaft.

»Aus der Krise gestärkt hervorgehen« – diese Perspektive betrifft nicht die Majorität der Bevölkerung hierzulande, wohl aber überlebensfähige deutsche Großkonzerne. Setzt man deren Interesse mit »Deutschland« gleich, erweist sich der Satz der Bundeskanzlerin als wirklichkeitsnah. Und zugleich als Drohung gegenüber einem Großteil der BürgerInnen Deutschlands, verpackt als Verheißung.

Arno Klönne


Ein neues Jahrzehnt

»Gebt uns Visionen« sei die dringende Bitte des Volkes an die Sozialdemokratische Partei, meint das SPD-Magazin vorwärts, und deshalb reisten die sozialdemokratischen Parteiführer nun durch die Lande, um Dialoge über das »Neue Jahrzehnt« zu veranstalten, das schon bald nach der Bundestagswahl anbrechen wird und, wie Franz Müntefering versprochen hat, »ein sozialdemokratisches« sein soll.

Visionen? Wer von denen geplagt werde, möge einen Arzt aufsuchen, hat Helmut Schmidt einst empfohlen, aber sei’s drum, jetzt werden sie benötigt, denn die Partei kann zur Zeit nicht gut mit dem Spruch werben, ihr Wert sei an den Früchten ihrer Politik zu erkennen.

2010 beginnt also, vorausgesetzt, die WählerInnen machen das richtige Kreuzchen, das »Neue Jahrzehnt«, das sozialdemokratische. Aber war da nicht was – mit derselben Jahreszahl? Eine »Agenda«, auch eine sozialdemokratische, die nächstes Jahr mit Erfolg umgesetzt sein sollte? Nur gut, daß Parteien, anders als Unternehmen, nicht zur Bilanzierung verpflichtet sind. So müssen sie sich nicht einmal der Anstrengung unterziehen, die Bilanz zu fälschen und Schrottprojekte »abzuschreiben«. Und Frank Walter Steinmeier kann sich als zukünftiger Dompteur des wilden Finanzmarktes anbieten, so als wäre er nie der oberste Helfer eines Kanzlers gewesen, der stolz darauf war, eben jene Wildheit aus allen Zwingern und Zäunen zu befreien.
Marja Winken


Ein Mehdorn-Fan
Den Chef der Deutschen Bahn und dessen Unternehmenspolitik hat jetzt ein Seniorstar der SPD gegen alle Kritiker verteidigt. Hartmut Mehdorn, so Otto Schily, sei eine »beispiellose Erfolgsstory« zu verdanken. In Vormehdornzeiten habe die Bahn »nur Züge von A nach B fahren lassen«, inzwischen sei sie ein Global Player. Schily stützt sich auf unmittelbare Erfahrung: Er nutze die Bahn »gern und oft«, da das Bahnfahren sei unter Mehdorn »unendlich viel besser geworden«. Das leuchtet ein: Schily ist spätestens seit seinem Aufstieg von der APO über die Grünen zur SPD und dann ins Bundeskabinett ein metropolitaner Mensch. Und wer im ICE sitzt, weiß es zu schätzen, daß lästige Nebenstrecken von A nach B bis XYZ den Exzellenzverkehr nicht mehr stören. Jetzt geht’s reibungslos von A nach A.
M. W.


Neues aus Ziegenhals

Die Auseinandersetzungen um die Gedenkstätte Ziegenhals am Krossinsee südöstlich von Berlin gehen weiter. In dem dortigen Bootssporthaus hatten sich Anfang Februar 1933 Ernst Thälmann und andere führende Politiker der bereits illegalisierten KPD getroffen, um den Widerstand gegen das Nazi-Regime zu planen – während die SPD noch wochenlang hoffte, Hitler durch Wahlen besiegen zu können, zu denen die KPD dann nicht mehr zugelassen wäre. Nach der »Wende« fiel das Seeufer-Gelände der brandenburgischen Treuhand-Liegenschaften-Gesellschaft zu, die es für mindestens 270.000 Euro verkaufen wollte. Als ein Interessent 273.000 Euro bot, schien der Handel perfekt. Doch im November 2002 wurde unter bisher ungeklärten Umständen eine Auktion angesetzt, die damit endete, daß ein leitender Landesbeamter, der Chef der brandenburgischen Obersten Bauaufsicht, Gerd Gröger, die Gedenkstätte zum Schnäppchenpreis von 86.000 Euro erwarb, um auf dem Gelände sogenannte Stadtvillen zu errichten – obwohl vorher klargestellt worden war, daß die Gedenkstätte erhalten und zugänglich bleiben müsse. Gröger beantragte die Aufhebung des Denkmalschutzes und den Abriß des Gebäudes.

Das Landesamt für Denkmalpflege bescheinigte der Gedenkstätte, sie habe einmaligen historischen und wissenschaftlichen Wert. In dem Gutachten wird sie gleichgesetzt mit dem Bendler-Block in Berlin, der an den 20. Juli 1944 erinnert, mit der Gedenkstätte Plötzensee und dem Balkon des ehemaligen Berliner Stadtschlosses, von dem aus Karl Liebknecht 1918 die Republik ausgerufen hatte. Gröger klagte beim Verwaltungsgericht Cottbus, verlor aber im Oktober 2008. Jetzt will er beim brandenburgischen Oberverwaltungsgericht die Streichung der Thälmann-Gedenkstätte von der staatlichen Denkmal-Liste erreichen.

Gleich nachdem er Besitzer der Gedenkstätte geworden war, sperrte er sie zu; seitdem ist sie nicht mehr zugänglich. Für ihr Inventar fand er anfangs die Bezeichnung »Gerümpel«. Inzwischen bot er es für 122.000 Euro an. Jetzt läuft im Haushaltsausschuß des Bundestags ein Versuch der Linkspartei, die Umstände der Auktion zu klären.

In den Medien findet die Affäre wenig Beachtung. Gröger hatte sich gerichtlich gegen Blätter gewandt, in denen er namentlich genannt worden war. In letzter Instanz scheiterte er damit jedoch beim Kammergericht (Oberlandesgericht) Berlin.

Inzwischen sind viele Tausende Unterschriften gesammelt, Tausende Protestpostkarten an den brandenburgischen Ministerpräsidenten Matthias Platzeck geschickt worden, also den Chef der Regierung, der sowohl die von Gröger geleitete Oberste Bauaufsicht untersteht als auch das Landesamt für Denkmalschutz. Platzeck, Förderer des Wiederaufbaus der im Krieg zerstörten Potsdamer Garnisonkirche, des Symbols des preußischen Militarismus, hat bisher nicht geantwortet.
Max Renkl
Der Autor ist Sprecher des Freundeskreises »Ernst-Thälmann-Gedenkstätte«, bei dem Postkarten und andere Materialien angefordert werden können (Fürstenwalder Weg 11, 15711 Königs Wusterhausen)


Gut verträglich
Wir sind noch Papst, dazu Fußballvizewelt- und Exportweltmeister und nun auch Oscar. Nicht eben in jener Kategorie, in der wir auf den Spitzenplatz geschielt haben, aber in der für Kurzfilme. Als es am Tage, da die »Woche der Brüderlichkeit« eröffnet wurde, auf Mitternacht zuging, hat die ARD den prämierten Streifen gezeigt. Die Geschichte geht so: Eine deutsche Mutter, die weiß oder ahnt, wohin die als Juden verfolgten Menschen transportiert werden, wird von ihrem Söhnchen gefragt, wohin sein in der Nachbarschaft wohnender Freund mit seinen Eltern denn verreise. Ausweichend und beruhigend zugleich erhält er zur Antwort: Sie fahren ins »Spielzeugland« (so auch der Titel des Films). Das ist verlockend, dahin will er mit. Und so macht er sich nächtens unbemerkt auf, ihnen auf dem Weg zu folgen, auf dem sie verschleppt werden. Zu Tode erschrocken entdeckt die Mutter das leere Bett. Sie eilt zu den Schwarzuniformierten. Die bringen sie zu dem Eisenbahngleis vor einen schon verschlossenen Güterwaggon. Die Schiebetür wird geöffnet. Niemand meldet sich auf den Ruf nach Heinrich. Vor der Suchenden steht, an Mutter und Vater geklammert, dessen Freund. Den erklärt sie als ihren Sohn. Sie darf ihn, nachdem sein »arisches« Aussehen geprüft ist, mitnehmen. Am Ende: Blick in eine Wohnküche, in der die Freunde sich wiedergefunden haben. Dann schaut die Kamera auf die Hände zweier alternder Männer, die vierhändig Klavier spielen.

Auf diese Weise oder ähnlich die Geschichte des Massenmords an den Juden, namentlich die von unmittelbaren Nachbarn, erzählt zu bekommen, daran sind die Deutschen schon gewöhnt worden. So ist sie gut verträglich. Nur eben zu schön, um wahr zu sein.
Kurt Pätzold


Sklavensprache

Eine Ausstellung im Deutschen Historischen Museum in Berlin, die jüngst zu Ende ging, hätte eigentlich heißen können: »Künstler gegen Faschismus und Krieg«. Sie versammelte alles, was Rang und Namen hat in der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts und sich mit diesen Themen beschäftigt hat. Ein verdienstvolles Unternehmen. Der Katalog bot informative Texte und reiches Anschauungsmaterial.

Heute ist so etwas nur unter fehlfarbener Flagge möglich. Dementsprechend hieß die Ausstellung: »Kassandra. Visionen des Unheils 1914–1945«. Tatsächlich verwendeten einige Maler das Kassandra-Motiv, um ihren Mahnungen und Warnungen symbolischen Ausdruck zu geben. Die Anverwandlung antiker Mythen war und ist ein legitimes Mittel in den Künsten. Auch die Ausstellungsmacher durften sich ihrer bedienen, um ihr Projekt vor Anwürfen zu schützen, es sei zu politisch oder gar zu links.

Bei den Texten, die die ausgestellten Bilder erläutern sollten, übertrieb man allerdings die Vorsicht. Beispielsweise wurde eine Radierung von Josef Hegenbarth aus dem Ersten Weltkrieg so beschrieben: »Der Riese im Blutrausch erinnert an Francisco de Goyas Saturn-Darstellung und beschwört zugleich die Schrecken des Grabenkrieges herauf.« Nicht erwähnt wurden vier Herren in Frack und Zylinder links hinter dem Riesen, die sich mit Sekt zuprosten. Eine junge Besucherin, darauf angesprochen: »Das sind die jubelnden Reichen.« Sie konnte sich nicht erklären, warum im Text und auch im Audioguide ein Hinweis auf die Kriegsgewinnler fehlte.

Wenn die Kritik des Künstlers am profitierenden Kapital gar nicht zu übersehen war wie bei Albert Birkles »Verspottung des Gekreuzigten« von 1929, dann sprach der Ausstellungstext vornehm von einer »Figur in Gesellschaftskleidung« statt von einem Raffke. Oder bei Otto Griebels »Marzipankriegsge-denkblatt« von 1922 so harmlos wie möglich vom »Spießbürgertum«. Dabei ist ganz vorn in der Mitte ein Mann zu sehen, dessen Kopf eine Glühbirne darstellt, auf der deutlich zu lesen steht: »Geschäft ist Geschäft! Heldentod GmbH mit Wort- und Bildbeihilfe aller Geistigen der Nation.«

Bei John Heartfield war das etwas schwieriger. Vorwarnend war da auf einer Texttafel von der »Radikalisierung propagandistischer Bildsprache in kommunistischen Kreisen« die Rede. Zum »Gesicht des Faschismus« von 1928 hieß es gewunden: »Durch die Überblendung eines frühen Mussolini-Porträts mit einem Totenschädel zeigte Heartfield das ›wahre Gesicht‹ des italienischen Faschismus aus Sicht des linksgerichteten Künstlers.« Die Besucher durften raten, was das wahre Gesicht des Faschismus aus der Sicht der Ausstellungsmacher ist.
Reiner Diederich


Ein glücklicher Mensch
Ich kann mir keinen glücklicheren Menschen vorstellen. Ich habe von meiner Musik gelebt. Ich bin für die Menschen aufgetreten, die mit mir singen wollten…
(Pete Seeger)
Im Berliner Filmtheater Babylon wurde dieser Tage ein mitreißender Dokumentarfilm vorgestellt: »Pete Seeger, The Power of Song«. Jim Browns Filmbiographie umreißt Leben und Werk eines der einflußreichsten US-amerikanischen Sänger und Songwriter des vorigen Jahrhunderts. Wer kennt nicht »Where have All the Flowers Gone«, »Turn, Turn, Turn« oder »If I had a Hammer« – Songs, die Pete Seeger zum Vater des Folkrevivals machten. Durch sein Eintreten für Bürgerrechte, Frieden und die Sache der Arbeiter, nicht zuletzt auch wegen seiner Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei der USA geriet Seeger zwischen die Mühlsteine der McCarthy-Zeit und wurde siebzehn Jahre vom US-Fernsehen verbannt. Der Film zeigt die anderen Wege, die Pete Seeger in jener Zeit fand: zur Jugend, in die Schulen, zu den Gewerkschaften – und auch an die Seite der Umweltschützer, die er mit seinem Schiff »Clearwater« erfolgreich unterstützte: für einen sauberen Hudson River.

Browns Film läßt Pete Seeger wunderbar zu Wort kommen und zeigt ihn als Sänger von den Anfängen bis heute. Das Erlebnis wird verstärkt durch die Worte seiner Weggefährten über ihn: Arlo Guthrie, Joan Baez, Bob Dylan, Johnnie Cash und Bruce Springsteen. Und auch durch das, was seine Familienangehörigen über ihn Gutes zu sagen wissen. Am 3. Mai wird Pete Seeger 90. Es kann keine schönere Ehrung für ihn geben als mit »The Power of Song«.
Walter Kaufmann


Geschichte beider Seiten

Moshe Zuckermann, Historiker in Tel Aviv, findet in Deutschland mehr und mehr Publikum, sicher auch mit seinem neuen Buch. Sein kritischer Blick auf sein Land steht im Kontext der sogenannten »Neuen Geschichtsschreibung«, die sich seit gut zwanzig Jahren darum bemüht, die israelische Perspektive um die Sichtweise der Palästinenser zu erweitern, denn das ist unabdingbare Voraussetzung für ein künftiges Zugehen aufeinander.

Zuckermanns Analyse des Zionismus von dessen Entstehen als Idee im 19. Jahrhundert und der Geschichte seiner konkreten Entwicklung im 20. Jahrhundert bis hin zur politischen »Sackgasse«, in der Israel heute steckt, stellt das ausgrenzende Moment der zionistischen Ideologie heraus, das von Anfang an vorherrschend war und es noch immer ist. Die abstrakte Ideologie homogenisierender Einheit, der Drang nach Abgrenzung von allem nichtjüdischen »Anderen«, der »sich in teils rigorose gesellschaftliche Maßnahmen und selbstherrlich ausgeübte Machtpolitik übersetzte«, steht jedoch in offensichtlicher Diskrepanz zur realen »Heterogenität der israelischen Lebenswelten, die sich besagten ideologischen Einheitsvorstellungen nicht gar so leicht unterordnen lassen«. Daraus leitet Zuckermann sämtliche »Konfliktachsen der israelischen Gesellschaft« mit den aktuellen erheblichen sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Problemen ab. Das nicht zuletzt auch daraus resultierende Gefühl permanenter Bedrohung hat den Drang nach »Sicherheit« verabsolutiert, und der reale Wahrheitskern der »Sicherheitsfrage« ist längst zum »ideologisierten Fetisch« verkommen. Die Militarisierung der Gesamtgesellschaft behindert seit langem Israels Bereitschaft und Fähigkeit, »den Frieden herbeizuführen, um sich der eigentlichen Herausforderung der Bewältigung innerer Konflikte, Widersprüche und Zerrissenheiten endlich stellen zu können«. Auch in Israel führt die Kohäsion einer konfliktreichen Gesellschaft, vor allem durch eine immerfort beschworene Bedrohung von außen, zu einer Entwicklung nach rechts, wie die jüngste Wahl gezeigt hat. Schlechte Aussichten für den Friedensprozeß.
Susanna Böhme-Kuby
Moshe Zuckermann: »Sechzig Jahre Israel. Die Genesis einer politischen Krise des Zionismus«, Pahl-Rugenstein, 166 Seiten, 16.90 €.


Fünf Millionen Waisenkinder
Auch wenn die politische Entwicklung im Irak im Laufe der letzten Monate Grund zu vorsichtigem Optimismus gibt, so darf das nicht über die Tatsache hinwegtäuschen: Die Lebensbedingungen der Iraker haben sich nicht verbessert. Doch die Medien berichten nicht darüber. Im Gesundheitssystem wie auch in der Strom- und Wasserversorgung hat sich nichts geändert. Angeblich wurden bis Mitte 2008 insgesamt 120 Milliarden Dollar in den Wiederaufbau des Irak investiert – zum großen Teil irakisches Geld –, aber die Menschen fragen sich, wohin dieses Geld geflossen ist, denn die Infrastruktur liegt nach wie vor in Trümmern. Die Korruption hat das Land fest im Griff. Die knapp fünf Millionen Flüchtlinge sehen keine akzeptablen Bedingungen für ihre Rückkehr, noch immer fliehen mehr Menschen aus dem Land, als zurückkehren. Und die über eine Million Witwen und fünf Millionen Waisenkinder des Irak wissen nicht, wie sie ihren Alltag bestreiten können, Zehntausende sind obdachlos. Kriege und Sanktionen haben ihre Spuren hinterlassen: im Irak gibt es heute 57 Prozent Analphabeten. Die Kinder leiden an schweren seelischen Störungen, die aber nicht behandelt werden können, denn es gibt im gesamten Irak nur etwa 70 Psychiater, die vorwiegend als Militärärzte ausgebildet wurden. Kinder- oder Jugendpsychiater gibt es nicht. Angstzustände, Alpträume, Schlaflosigkeit sind typische Symptome, fehlende Konzentrationsmöglichkeit, Anpassungsstörungen, Gewaltbereitschaft, Depressionen, Schizophrenie – all das sind Ausdrucksformen der Traumatisierung. Die Zukunft dieser Kinder ist mehr als düster.
Eva-Maria Hobiger
Die österreichische Ärztin Eva-Maria Hobiger leitet das Hilfswerk »Aladins Wunderlampe« für kranke Kinder in der südirakischen Stadt Basra, Spendenkonto Nr. 0364524226 bei der Bayerischen Hypo- und Vereinsbank, BLZ 38020090. Der Tätigkeitsbericht des Hilfswerks ist abrufbar unter hobiger@saar.at


Das komplette Bestiarium
Ein Reisender findet im Zug von Berlin nach München ein Manuskript in arabischer Sprache. Aus Langeweile beginnt er mit der Lektüre; schon nach kurzer Zeit fesseln ihn die Notizen des unbekannten Verfassers: bar jeder Chronologie und Systematik zu Papier gebrachte Erinnerungsfetzen, die erst gegen Ende ein in sich geschlossenes Ganzes bilden. Dem Leser bietet sich ein schreiend buntes Mosaik von Situationen voll von absurdester Komik und schwärzestem Humor, aber auch von schockierender Brutalität. Kindheitserinnerungen wechseln sich ab mit Gefängnisszenen, Liebesgeschichten mit genauen Schilderungen sozialer Verhältnisse. Und mit Selbstreflexionen der Autors, der mit einem fröhlichen Augenzwinkern berichtet, wie ihn seine sexuellen Nöte samt dem unstillbaren Drang zum Schreiben immer wieder in die verworrensten Situationen bringen.

Eine moderner Schelmenroman also? Ja, aber auch nein. Denn das Miterleiden der Wehrlosigkeit des »Helden« gegenüber der Willkür von Polizei- und Einwanderungsbehörden erstickt doch manches Mal das Lachen. Abbas Khider zeigt das komplette Bestiarium von kriminellen Banden, Geheimdiensten und Staatsbürokratie, dem die Verdammten der Erde fast hilflos ausgesetzt sind – aber eben nur fast. Der Held erlebt immer wieder Beweise von Solidarität und Menschlichkeit, die es ihm schließlich ermöglichen, seinen Verfolgern zu entkommen.

Khider, in Bagdad geboren, erhielt nach mehreren Jahren Irrfahrt als staatenloser Flüchtling im Jahre 2000 in Deutschland Bleiberecht. Er veröffentlichte bisher mehrere Bände Lyrik; sein hier vorgestelltes Buch beruht auf eigenen Erlebnissen. »Der falsche Inder« ist eine gelungene Mischung aus Gesellschaftssatire, Autobiographie und politischer Prosa von hoher literarischer Qualität.
Gerd Bedszent
Abbas Khider: »Der falsche Inder«, Edition Nautilus, 157 Seiten, 16.50 €


Das zweite Buch
Arno Orzessek ist 1966 geboren, und er schreibt so, wie er sich den Stil einer ganzen Generation vorstellt: cool. Dieses Metier beherrscht er. Die salopp wirkende Sprache ist genau und hat einen Untertext, der die Coolness entlarvt: Die mit ihrer Unerschütterlichkeit protzenden Männer sind, auch wenn sie es nie zugeben wollen, sensibel, unsicher, nicht ohne Ängste und Versuchungen – wie du und ich.

Der Ich-Erzähler ist einer von drei Freunden aus der Generation des Autors. Was sie erlebten und wie sie wurden, was sie sind, soll und will er erzählen. Das macht er ungewöhnlich frech. Frech im Ton und im Brechen von Klischees. Er stellt Familiengeschichten neben Sexszenen und moderne Beziehungskisten, zieht einen ungewöhnlichen Vergleich von Leuten in beiden Deutschländern und kippt dann alles wieder um. Souverän in der Sprache, die nicht selten aus Sätzen Bonmots macht.

Das ist Arno Orzesseks zweites Buch, und er löst damit seinen Anspruch ein, den er, ausgezeichnet als bester deutschsprachiger Prosadebütant 2004/5, mit dem Roman »Schattauers Tochter« angemeldet hat. Der Mann hat Spaß am Formulieren, er kennt, was er beschreibt, recherchiert zusätzlich gut und gründlich und spielt gekonnt mit dem Zeitgeist und gegen ihn.
Christel Berger
Arno Orzessek: »Drei Schritte von der Herrlichkeit«, Steidl Verlag, 520 Seiten, 19,90 €.


Otto Prokop

Spätestens seit der US-amerikanischen Fernsehserie »Quincy« ist die Arbeit der Gerichtsmediziner in den Fokus der Krimiautoren gerückt. Dabei ist deren Tätigkeit im wahren Leben meist weit weniger spektakulär, als sie in solchen Sendungen dargestellt wird. Was Gerichtsmediziner zur Aufklärung von Verbrechen beitragen, ist hingegen schon der Rede wert. Ein Leuchtturm seines Faches war Otto Prokop. Der 1921 in Österreich geborene Mediziner hatte in Wien und später in Bonn studiert., 1956 folgte er einem Ruf an den Lehrstuhl für Gerichtsmedizin der Berliner Charitè. Das dortige Institut leitete er bis 1987. Seine Bücher wurden zu Standardwerken, beispielsweise sein Bildatlas der gerichtlichen Medizin. Sein Rat und seine fachliche Meinung waren auch immer wieder aus dem Ausland gefragt. Zuweilen war das Ergebnis seiner Untersuchungen kein Kompliment für seine Kollegen, die vorher mit der Sache befaßt gewesen waren. Besonders bekannt wurde der Fall Hetzel, der als »Kälberstrick-Fall« in die Geschichte der forensischen Medizin einging: Ein zu lebenslanger Haft Verurteilter kam nach 14 Jahren frei, weil sich dank der entscheidenden Untersuchungen Prokops im Wiederaufnahmeverfahren zeigte, daß er keinen Mord begangen hatte.

1995 erlebte ich Prokop als Sachverständigen vor dem Landgericht Berlin in einem Verfahren gegen drei Angeklagte, die in jungen Jahren als Angehörige der Grenztruppen am Tod eines Grenzverletzers schuld gewesen sein sollten. Prokop hatte bereits damals die Leiche obduziert, so daß man nunmehr erneut auf ihn zurückgriff. Er hielt eine glänzende Vorlesung über Schußwaffen und deren Wirkungen am menschlichen Körper, in die er auch eigene Erfahrungen aus dem Zweiten Weltkrieg einfließen ließ. Als wir nach der Verhandlung miteinander ins Gespräch kamen, schilderte er mir, wie demütigend er es empfand, daß man nach 1990 seine Rente herabgesetzt hatte, obgleich er in der DDR stets nur seine Aufgabe als Gerichtsmediziner erfüllt und noch nicht einmal einer Partei angehört habe. Er war dann auch einer der Kläger gegen diese Strafberentung, die sich an das Bundesverfassungsgericht wandten und dort weitgehend Erfolg erzielten. Er starb Ende Januar im 88. Lebensjahr.
Ralph Dobrawa


Press-Kohl

Der Journalist Martenstein äußert sich im Berliner Tagesspiegel regelmäßig zu diesem und jenem. Seine Kolumne heißt der Einfachheit halber »Martenstein«. Im »Martenstein« vom 12. Februar fragte Martenstein: »Ist es zulässig, einen Film leidenschaftlich abzulehnen, den man nur aus einem halben Dutzend Kritiken kennt?« Martenstein urteilte: »In diesem Fall schon.«

Einen Film, den man nur aus einem halben Dutzend Kritiken kennt, leidenschaftlich abzulehnen, ist keinesfalls zulässig, sondern erfüllt den Tatbestand der Hochstapelei.

Herrn Martensteins kritische Leidenschaft kulminiert in dem Bekenntnis: »Ich dachte, mich haut nichts mehr um.«
*
Der Berliner Kurier vom 19. Februar versprach auf dem Titelblatt, auf Seite 7 erfahre man, wie eine träge Mieze zu mobilisieren sei. »Faule Katze – so bringen Sie sie auf Trapp«!

Ich habe den Ratschlag gelesen. Vielleicht sollte man jene Methode anwenden, mit der die Trapper (in den Schmökern) die Indianer zum Traben brachten.
*
Der zitierte Kurier wußte kürzlich zu vermelden, Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit halte sich für eine »Marke«. Er soll nämlich gesagt haben, daß er inzwischen dermaßen bekannt sei, »daß Wowi in der Tat eine Marke« sei. »Es ist ja positiv, wenn mich jeder in der Republik kennt.« Wieso: jeder? »Negativ ist es etwa, wenn Du auf Schritt und Tritt beobachtet wirst, während du einkaufen gehst.«

Vermutlich geht Wowi nicht einkaufen, sondern läßt einkaufen. Negativ für ihn könnte eine Beobachtung auf Schritt und Tritt vielleicht ausfallen. Die Berliner würden dann sagen: »Mensch, der Wowi ... dett is vielleicht ne Marke!« Diese Redensart meint hierzulande nicht unbedingt eine Qualitätsmarke.
Felix Mantel