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Wer kennt Grete Berges?  (Heinrich Hannover)

Das Jahrhundertverbrechen an Millionen Menschen, die sich zur jüdischen Religion bekannten oder jüdische Vorfahren hatten, läßt sich nur an Einzelschicksalen veranschaulichen und einfühlbar machen. Aber über die Lebensschicksale bedeutender jüdischer Persönlichkeiten der 1933 untergegangenen deutschen Kulturszene ist noch immer das von den Nazis inszenierte Vergessen ausgebreitet. Jetzt hat der Hamburger Historiker und Journalist Wilfried Weinke, dem die Auffindung und Erforschung vieler von der Nazibarbarei zerstörter jüdischer Lebensläufe zu verdanken ist, das Leben der vergessenen Kinderbuchautorin, Übersetzerin und Literaturagentin Grete Berges (1895–1957) entdeckt und das Ergebnis seiner gründlichen Spurensuche an entlegener Stelle, nämlich in der Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte (Band 95), veröffentlicht.

Die 1895 als Tochter des Buchhalters Nathan Berges und seiner Frau Johanna, geb. Goldstein, in Hamburg geborene Grete Berges besuchte die Höhere Mädchenschule Dr. J. Loewenberg in Hamburg, arbeitete dann in mehreren Hamburger Im- und Exportfirmen als Deutsch- und Fremdsprachenkorrespondentin und schließlich als Sekretärin eines Hamburger Verlegers, um sich ab 1918, wie es in dessen Abgangszeugnis hieß, »ganz der von ihr mit Erfolg beschrittenen literarischen Laufbahn zu widmen«.

Auf einem Porträtfoto einer Altonaer Zeitung von 1930 blickt uns das intelligente Gesicht einer jungen Frau von natürlicher Anmut und Schönheit an, der man ein glückliches Leben gewünscht hätte. Aus der historischen Bildunterschrift erfährt man, daß »die bekannte Schriftstellerin (...) auf literarischen Morgenveranstaltungen im Altonaer Stadttheater die einleitenden Vorträge über (den niederdeutschen Dichter) Hermann Boßdorf und H. Chr. Andersen« gehalten habe. 1918 war ihr Weihnachtsmärchen »Wie Prinz Freimund die Freude fand« im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg aufgeführt worden. Weinke zählt eine Reihe weiterer Veröffentlichungen und Vorträge der Autorin auf, vor allem ihr 1932 erschienenes Jugendbuch »Liselott diktiert den Frieden«, sowie Buchpläne, die infolge der Machtübernahme der Nazis unausgeführt bleiben mußten.

Ab 1. Januar 1928 hatte sie für ihre schriftstellerische Tätigkeit eine ökonomische Grundlage: als Mitarbeiterin der Norag, einer Hamburger Sendeanstalt, die 1933 in Norddeutscher Rundfunk umbenannt wurde. Am 1. April 1933 wurde sie als Jüdin aus dieser gesicherten Stellung entlassen.

Mit der Machtübernahme der Nazis kam der große Bruch im Leben so vieler Intellektueller, die das Geistesleben der Weimarer Republik geprägt hatten. Grete Berges gab der für sie völlig unverständlichen plötzlichen Ausgrenzung aus der deutschen Gesellschaft später in erschütternden Worten Ausdruck: »Es war zu jener Zeit, als ich wie viele andere meiner Glaubensbrüder und Unglückskameraden – ich bin nämlich deutsche Jüdin – plötzlich erleben mußte, daß ich in meinem eigenen Heimatland eine Fremde und Ausgestoßene war, dieses Heimatland, von dem ich vorher dachte, es sei meines, so selbstverständlich wie der Sonnen- und Mondenschein, den ich genoß (...). Als der Schlag mich traf, ging ich wie in einem Traum oder Schwindel umher, in meinem Inneren war ich wie blind und taub. Das Leben überfiel mich wie ein gespenstischer Albtraum, (...) aber nichts drückte mich so hart wie der Verlust meines Heimatlandes. Daß ich aus der Gemeinschaft ausgeschlossen wurde, in der ich so viele Jahre gelebt und gearbeitet hatte – und womit ich mich mit tausend Bändern verknüpft fühlte – dieser Schlag traf mich tödlich mitten ins Herz.«

Um eine Auswanderung nach New York bemühte sie sich vergeblich. 1936 habe sie sich, wie sie später schrieb, »als getarnte Touristin« in Dänemark »eingeschlichen«, wo sie aber als Ausländerin nicht arbeiten durfte. Mit Hilfe der schwedischen Schriftstellerin Selma Lagerlöf und deren Freundin, der für eine Flüchtlingshilfsorganisation tätigen Pädagogin Matilda Widegren, gelang es ihr dann 1937, eine Aufenthaltserlaubnis für Schweden zu bekommen. Nach Erlernen der Landessprache erarbeitete Grete Berges sich in Stockholm unter schwierigsten Umständen eine neue Existenz als Literaturagentin, hielt Vorträge auf schwedisch und sprach im deutschsprachigen Radioprogramm über kulturhistorische Themen wie »Das Zeitalter des Biedermeier« oder »Gestalten und Szenen aus Goethes Weimar«. Auch übersetzte sie Bücher schwedischer Autoren für Schweizer Verlage und schrieb Beiträge für Schweizer Zeitungen und die in New York erscheinende Emigrantenzeitung Aufbau. Auch an einem autobiografischen Roman mit dem Arbeitstitel »Betty Hertz« schrieb sie, den der Falken-Verlag in Zürich kurz nach Kriegsende mit einer Begründung ablehnte, die wütend, aber zugleich neugierig auf dieses offenbar bis heute ungedruckte Werk macht: »Und nun zu Ihrem Roman Betty Hertz. Ich habe dieses Bekenntnis mit Erschütterung gelesen und finde den Roman in allen Teilen, sowohl stilistisch als auch was die packende Handlung betrifft, hervorragend. Trotzdem sehe ich mich aber leider gezwungen, dieses Werk abzulehnen, und zwar einzig und allein aus dem Grunde, weil das große Publikum hier in der Schweiz von Literatur vollkommen übersättigt ist, die mit den Nazis oder mit dem Kriege zu tun hat.«

Grete Berges mußte in der Emigration nicht nur um das eigene Überleben kämpfen, sondern auch für ihre Eltern und ihre 1921 geborene Tochter aus einer geschiedenen Ehe sorgen. Die Eltern waren im November 1938 nach Malmö geflohen, der Vater starb im Frühjahr 1939, sie pflegte die kranke Mutter bis zu deren Tod 1951. Und ihre Tochter, die sie 1936 mitgenommen hatte, wurde infolge schlechten Gesundheitszustandes arbeitsunfähig.

Als das Ende der Naziherrschaft absehbar wurde, kam auch für Grete Berges die Frage, ob sie in das Heimatland zurückkehren wollte, dessen Verlust sie einst so schmerzlich empfunden hatte. 1944 schrieb sie an den ebenfalls aus Hamburg stammenden und nach Skandinavien emigrierten jüdischen Literaturwissenschaftler Walter A. Berendsohn: »Ich will warten, wie das deutsche Volk sich zu uns verhält, ob wir wirklich überhaupt wieder etwas zu sagen haben. Ich habe 33 den Umschwung mitten zwischen den Intellektuellen, im Brennpunkt, im Rundfunk, mit einer solchen Schärfe erlebt, lieber Herr Professor, ich kann nicht einfach wieder da anfangen, wo ich aufgehört habe. Wie Nelly Sachs, die feine Lyrikerin, so schön sagt, es liegen doch Gräber dazwischen!« Als sie 1953 den schwedischen Schriftsteller Per-Olaf Ekström als Literaturagentin auf einer Geschäftsreise nach Hamburg begleitete, wurde sie von einem Reporter des Hamburger Abendblatts gefragt, ob sie wieder in ihrer Vaterstadt leben möchte. Ihre Antwort: »Der Weg zurück ist mir unmöglich. Trotz allem, was mich anspricht. Die Geister der Vergangenheit lassen sich nicht völlig bannen.«

Die Geister der Vergangenheit begegneten ihr noch leibhaftig in den Beamten des Amtes für Wiedergutmachung. Weinke zitiert aus ihrer Korrespondenz mit diesen Herren, die den Entschädigungsantrag der inzwischen 60jährigen Frau offenbar mit unerfüllbaren Beweisanforderungen verzögerten. »Warum müssen wir so viel nachweisen, genügt es nicht, daß wir Juden und unserer Stellungen durch Hitler beraubt sind? Wegen Kriegsverbrechen verurteilte SS-Generäle bekommen doch nach dem Gesetz ohne weiteres Versorgung (...). Sie müssen verstehen, daß man nach dem namenlosen seelischen Leid, den materiellen und anderen Schwierigkeiten, schon zu einer Zeit, da viele Deutsche im 3. Reich sehr gut lebten und sich einen Dreck um uns kümmerten – ihre Leiden kamen viel später und sind durch das Regime verschuldet, dem sie sich verschrieben – innerlich verbittert wird, wenn man so um etwas Hilfe in älteren Tagen (...) bitten und betteln muß.« Das schrieb Grete Berges am 21. April 1956 aus Stockholm an das Amt für Wiedergutmachung in Hamburg. Kurze Zeit später erkrankte sie schwer und starb am 9. Januar 1957 an einem Krebsleiden.