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Titel0512

Von Wulff zum Wolf im Kirchenpelz  (Otto Meyer)

Merkwürdig ist das schon, wie in Deutschland nach dem zweiten Rücktritt eines Bundespräsidenten in den Zeiten der Wirtschaftskrise nun ein Mann der Kirche wie Joachim Gauck (ehemals Gemeindepfarrer in Rostock) für das höchste Amt im Staate von einer großen Koalition präsentiert wird. Ist die Lage derart ernst, daß nur noch der Ruf nach Kirchenleuten Hilfe verspricht? Diese Vermutung konnte aufkommen, als sich auf der Liste möglicher KandidatInnen neben Gauck noch drei weitere TheologInnen fanden: Wolfgang Huber (ehemaliger Bischof von Berlin und EKD-Ratsvorsitzender), Margot Käßmann (zurückgetretene Bischöfin von Hannover und EKD-Ratsvorsitzende) und Katrin Göring-Eckhardt (Theologin aus Thüringen und Präses der EKD-Synode).

Auffallend ist, daß auf dieser Liste nur Geistliche aus der Evangelischen Kirche zu finden waren. Der seit der Adenauerzeit so starke Einfluß des politischen Katholizismus scheint ein Auslaufmodell zu sein. Heiner Geißler gibt hierfür der starr konservativen Papst-Kirche in Rom die Schuld. Meines Erachtens liegt es eher daran, daß die Wendehälse mit ihren flinken Anpassungsstrategien an den herrschenden Mainstream unter den evangelischen Kirchenrepräsentanten einfach fitter sind. Das jahrhundertealte Bündnis von »Thron und Altar« in den protestantischen Ländern, einst am ausgeprägtesten in Preußen, ist wohl noch keine überwundene Geschichte. Tucholskys Bonmot aus der Weimarer Republik, die Kirche benehme sich wie ein Mensch, der mit hechelnder Zunge einem fahrenden Zug hinterherlaufe und rufe: »Wir auch, wir auch!« ist immer noch treffend. Ein Beispiel hierfür ist die sogenannte Unternehmerdenkschrift mit ihrer Lobpreisung für freies Unternehmertum. Sie wurde 2008 unter Bischof Huber vom Rat der EKD herausgegeben, als sich die große Systemkrise des Kapitalismus bereits abzeichnete und auch in der BRD schon zu ersten Zusammenbrüchen von Banken und Betrieben geführt hatte.

Bewirkt hat die fromme Absegnung des kapitalistischen Herrschaftssystems mit neoliberalem Vorzeichen wenig. Die Systemkrise wuchert weiter, nicht nur in Griechenland. Bald droht auch die Bonität Deutschlands in Frage gestellt zu werden; Inflationsängste kommen auf, und die Schicht der reichen Kapitalbesitzer drängt auch hierzulande auf weitere Einschnitte im Sozialbereich und bei den Löhnen. In den unzähligen Talkshows zum Thema »Der Wulff muß weg!« verkündeten die Vertreter der Herrschaftsmedien von Bild bis Spiegel oder F.A.Z. offen, warum sie ihre Kampagne gegen Wulff weiter betreiben müßten. Es hieß, unser Land brauche jetzt einen »starken Bundespräsidenten«, der »Autorität« und »Glaubwürdigkeit« ausstrahle. Schon bald müsse doch die Kanzlerin noch viel größere »Opfer« von der Bevölkerung verlangen, und da wäre ein Präsident wie Wulff mit dem Geruch eines Kleinbürgers im Klinkerhäuschen und Schnäppchenjägers eine Fehlbesetzung.

Aber ob ein Bundespräsident Joachim Gauck die in ihn gesetzten Erwartungen besser erfüllen kann? Vermag er tatsächlich die angeblich immer noch durch einen Altardiener vertretene »Glaubwürdigkeit« mit »Autorität« auf dem Thron des Bundespräsidenten zu repräsentieren? Schon erinnert die einzige parlamentarische Opposition im Lande – die Partei Die Linke – daran, wie Joachim Gauck in den letzen 20 Jahren stramm-rechte Positionen vertreten hat. Er outete sich immer wieder als bekennender Antikommunist und Antisozialist, vertritt die Totalitarismus-Doktrin, wonach linke Gesellschaftsentwürfe genauso gefährlich seien wie rechte, eher noch schlimmer. Gauck singt das Lied der Freiheit und der Erfolgreichen, und er hält nicht viel von Gleichheit und Solidarität. Ausreichender Mindestlohn oder die Kritik an den »Hartz«-Gesetzen sind nicht sein Thema. Die Oder-Neiße-Grenze zu Polen hält er nicht für sakrosankt, eher vertritt er die Thesen der Vertriebenenverbände. Konservative aus der CSU verlangen, daß der Kandidat seine Eheangelegenheiten regele. Aber mag jetzt auch noch so viel Kritik an ihm aufkommen, sie wird wenig ausrichten, die Medienkonzernbesitzer vertreten das Interesse des Kapitals, und Gauck ist ihr Mann.

Bleibt Gauck bei seinem konservativen und stramm rechten Kurs, wird ihn wohl kaum etwas aufhalten. Notfalls hätte er immer noch seinen Kirchenpelz.