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Titel0512

Deutsch kaufen?  (Christophe Zerpka)

Als unlängst die EU-Kommission das Label »Made in Germany« aufweichen wollte, ging ein Aufschrei durch unsere wirtschaftskonforme Demokratie. Warum war die Empörung so groß? Nur noch Produkte, deren Wertanteil mindestens zu 45 Prozent aus Deutschland stammt, sollten das begehrte Siegel tragen dürfen. Die derzeitige Regelung erlaubt die Auszeichnung auch für Produkte, die zu über 90 Prozent im Ausland gefertigt wurden. Im Extremfall muß also nur eine deutsche Fließbandarbeiterin das deutsche Herkunftszeichen aufkleben und das Produkt in einen Karton stecken. Die Mogelpackung ist daher meist ein schöner Schein, und das soll auch so bleiben. Tatsache ist, daß der Anteil der Beschäftigten im produzierenden Gewerbe seit 1991 um fast zehn Prozentpunkte auf 18,7 Prozent 2011 zurückgegangen ist.

Seit die klassischen Industriestaaten zum uneingeschränkt freien Welthandel konvertierten, wird dort produziert, wo die Lohnkosten am niedrigsten sind, zumal die Frachtraten gigantischer Containerschiffe eine zu vernachlässigende Größe sind. Natürlich ist so eine Produktionsweise äußerst anfällig. Das hat sich gezeigt, als Teile der japanischen und thailändischen Produktion durch Naturkatastrophen lahmgelegt wurden. Daß dennoch daran festgehalten wird, hat nicht nur ökonomische Gründe. Die globale Arbeitsteilung macht es den Beschäftigten nahezu unmöglich, sich effizient zu organisieren und Arbeitskämpfe zu initiieren. Die »Stammbelegschaft« in den alten Kernländern ist nur allzu leicht mit der Drohung von Auslagerung in Schach zu halten.

In einigen Ländern gibt es nun politische Bestrebungen, die Produktion wieder zurück zu verlagern, um Kaufkraft und Wohlstand zu sichern. Ausgerechnet in England, wo das produzierende Gewerbe mehr als in jedem anderen europäischen Land zugunsten der Finanzwirtschaft zurückgefahren wurde, läuft schon seit einiger Zeit eine »Buy British«-Kampagne, die Briten sollen wieder mehr britische Produkte kaufen. Allerdings: Selbst Prestigemarken wie Rolls Royce sind längst in ausländischer Hand. In Frankreich will der Front National nach einem Wahlsieg eine Steuer von drei Prozent auf alle Importwaren erheben. Aber auch die christlich-liberale Bewegung MoDem des Kandidaten Bayrou möchte die heimische Produktion vor ausländischer Konkurrenz schützen. Und selbst im Mutterland der freien Marktwirtschaft will man den verbliebenen Rest amerikanischer Produktionsstädten vor dem Import-Tsunami schützen, allerdings mit Niedriglöhnen und gewerkschaftsfreien Belegschaften.

Ist also letztlich der Konsument schuld, wenn er Importwaren bevorzugt und damit seinen eigenen Arbeitsplatz abschafft? Der Vorwurf hat vor 20 Jahren schon einmal im Raum gestanden, als die ehemaligen DDR-Bürger sich auf die Westwaren stürzten und somit der eigenen Ökonomie den Dolchstoß versetzten. Aber damals wie heute gilt: Die Kaufentscheidung wird durch vielfältige Momente beeinflußt, welche durch eine hocheffiziente Werbung und nicht zuletzt durch den Preis bestimmt werden, am wenigsten aber durch bewußtes Kaufen in gesamtwirtschaftlichen Zusammenhängen. Also weiter den Pullover aus Bangladesh, die Schuhe aus Vietnam, das Spielzeug aus China? – Wer es sich leisten kann, setzt durchaus auf heimische Produkte. Der phänomenale Erfolg des Versandhauses Manufactum (»Es gibt sie noch, die guten Dinge«), heute die Edelmarke des Otto-Konzerns, ist Ausdruck latenter Sehnsüchte nach Nachhaltigkeit und Identität. Aber es ist eben nur eine Marktlücke.

Die Linke steckt in einem Dilemma. Die Forderung nach Reindustrialisierung, nach Entglobalisierung, nach Rückverlagerung ganzer Industriezweige in die jeweiligen Länder riecht nach Entsolidarisierung mit Ländern Asiens und Afrikas, außerdem hat die xenophobe politische Rechte das Thema auf perfide Weise bereits besetzt. Die schiefe Bahn eines nationalen Sozialismus möchte man nicht betreten. Andererseits wandern aber mit den Arbeitsplätzen auch die potentiellen Wählerstimmen ins ferne Ausland, der klassisch-klassenbewußte Industriearbeiter ist ein Auslaufmodell. 2011 stellte zum Beispiel Renault nur noch 646.300 Autos in Frankreich her, 2.178.800 dagegen im Ausland. Die Arbeitskosten sprechen für sich: Während in Frankreich die Arbeitsstunde 30 Euro kostet, bezahlt der Konzern nur 20 Euro in Spanien, 14 in Slowenien, acht in der Türkei, sechs in Rumänien und 4,5 in Marokko.

Das französische Linksbündnis kann mit dem Thema unbefangener umgehen als die deutschen Genossen. Im Wahlprogramm heißt es: »Wir wollen das industrielle Potential Frankreichs wieder herstellen und weiterentwickeln ... Wir weigern uns, die industriellen Bestrebungen auf einige Spitzenbereiche zu beschränken und wollen wieder ein diversifiziertes industrielles Netz aufbauen.« Mit der Forderung nach Wiederherstellung lokaler, verbrauchernaher Produktionsstätten will man auch ökologische Wähler ansprechen.

Die Forderung, heimische Produkte zu bevorzugen, um Arbeitsplätze zu sichern, klingt erst einmal blauäugig. Längst ist die Arbeitsteilung so weit fortgeschritten, daß man ein rein deutsches Produkt mit der Lupe suchen müßte. Für die Herstellung bestimmter Produkte müßten Facharbeiter völlig neu angelernt werden, viel Wissen ist schon verloren gegangen. Aber in Verbindung mit Umweltschutz und Ressourcenschonung bekäme eine solche Programmatik einen neuen, fortschrittlichen Sinn. Ebenso wie die Tobinsteuer wäre zum Beispiel die Einführung einer entfernungsabhängigen Transportsteuer ein sinnvolles Instrument, um gerechtere Preise zu generieren, den Kohlendioxidausstoß zu reduzieren und – Arbeitsplätze zu schaffen. Es wäre ein erster Schritt auf dem Weg zu einem sozialen Europa.