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Berlinale-Generation – Mystik und Versöhnlertum  (Anja Röhl)

Früher hießen sie Kinderfilmfestspiele und zeigten oft Filme, die qualitativ besser waren als die im Erwachsenenprogramm. Heute nennt sich dieser Bereich »Generation K+« und »Generation 14+«, weil irgendwann entschieden wurde, von den Kinderfilmen diejenigen abzuspalten, die erst ab 14 Jahre aufwärts sinnvoll erschienen. Ich stehe dieser Abspaltung skeptisch gegenüber, da sich das Genre »Jugendfilm« thematisch nur überaus schmal fassen läßt. Es ist kaum vom Erwachsenenfilm zu trennen und daher immer in Gefahr, zum Sammelbecken minderwertiger Qualität zu werden, wie es übrigens in der Jugendliteratur ähnlich zu beobachten ist.

Ich habe Filme beider »Generation«-Kategorien besucht, ich war enttäuscht. Vorherrschend waren die Vermischung von Realität und Mystik und billiges Versöhnlertum. Die wenigen sozialkritischen Filme erschöpften sich in Langatmigkeit, 14+ war deutlich schlechter als K+ und bestätigte meine Befürchtungen.

Als absolut negativ sehe ich die zunehmende Englischsprachigkeit des Kinder- und Jugendfilmbereichs auf der Berlinale an. Im Kinderbereich K+ wird alles zweisprachig verhandelt, das ist für die Kleinen überaus ermüdend, aber die Filme werden deutsch eingesprochen – eine uralte und persönlich wirkende Angewohnheit, die von den Kindern wie ein Geschenk entgegengenommen wird und keineswegs aufgegeben werden sollte. Im Jugendbereich hingegen gibt es nur noch die Festivalsprache Englisch. Ich hänge nicht an meiner Muttersprache, aber ich gebe zu bedenken, daß man dadurch breite Bevölkerungsteile von vornherein ausgrenzt, denn sicher kann jeder inzwischen »How do you do« und etwas mehr sagen und verstehen, auch schon ab 14, aber kann man dadurch einem differenzierten Geschehen in einem Film folgen? Ich habe acht Jahre Schulenglisch gehabt und muß zugeben, ich kann es nicht. Noch dazu wird englisch meist auch nur untertitelt, so müssen die 14jährigen dem Bildgeschehen und den Untertiteln folgen, wodurch das Ganze zu einer elitären Veranstaltung für Gymnasiasten und anglisierte Privatschüler zu werden droht. Ich finde das ärgerlich. Kultur sollte für alle da sein und besonders die guten Filme. Doch die Bevölkerung scheint mir längst in Niedere und Höhere, entsprechend der Einkommensentwicklung eingeteilt zu sein, und für die breite Masse scheint RTL zu reichen.

Dazu kommt der Umstand, daß die Kinderjury aus 14jährigen besteht und die Jugendjury aus 18jährigen, aber 14jährige schauen anders auf Kinderfilme als Elfjährige, hier läuft etwas schief, und dem ist es vielleicht auch zu verdanken, daß der mit Abstand beste Kinderfilm (»Gattu« aus Indien) keinen Preis, sondern nur ein Empfehlung bekam, ähnlich war es schon im letzten Jahr mit dem wunderschönen polnisch-russischen Kinderfilm, »Morgen wird alles besser« (»Jutro bedzie lepiej«), den man nachher nirgends mehr sah.

Diesmal siegte ein langatmiger und überaus unecht gespielter US-Film, der zwar im Kinderprogramm lief, aber Jugendliche als Protagonisten und im Wesentlichen Jugendprobleme zum Thema hatte. Inhalt des Films (»Arcadia«) war ein vermeintliches Entführungsroadmovie eines Vaters mit seinen drei Kindern einmal durch die USA, in dessen Verlauf der Vater immer unheimlicher und die Kinder immer mißtrauischer werden, sich nachher aber alles als Irrtum herausstellt und man daher die Lehre ziehen soll: Kinder haben eine blühende Phantasie, Papi will immer nur das Beste. Meines Erachtens tendenziöses Kino, das Kindern das natürliche Gespür für echte Gefühle vernebelt.

Im Jugendbereich gewann der Film »Lal Gece/Night of Silence«, der eine Nacht der Stille, eine »Hochzeitsnacht« zum Thema hat, in der eine 14jährige einen 50jährigen heiraten soll. Das Publikum spürt die Angst des Mädchens, die Absurdität des Anliegens. Es gibt dramaturgisch spannungsreiche Einzelmomente, sehr gut ist die psychologische Tatsache eingefangen, daß auch der Mann am Ende voller Angst ist, aber die Tendenz des Films ist Resignation, er ist versöhnlerisch, er kittet Widersprüche mehr als sie aufzudecken. Ich sah ihn mir zweimal an, und beim zweiten Sehen wurde deutlich, wie stark der Film Patriarchatskritik zudeckt und abwürgt. Es ist wichtig Täter von weiblicher Unterdrückung zu verstehen, aber eine andere Art ist es, sie zu verharmlosen.

Mein Favorit: »Gattu«. Er handelt von der Kraft eines kleinen Jungen, der sich durch den Kampf gegen einen unbesiegbaren Drachen am Himmel zum Helden seiner Stadt entwickelt und sich damit seiner selbst bewußt wird. Zu Beginn wird das Drachenläufer-Motiv aus dem afghanischen Roman von Kaleb Hosseini aufgenommen: Alle Kinder einer Stadt entbrennen in Leidenschaft für den Drachenkampf. Sie lassen ihre Drachen steigen und umwickeln die Schnur des Gegners, um sie abzutrennen und anschließend den Drachen des anderen herunterzuholen. Ein hierzulande völlig unbekanntes, in arabischen Ländern sehr verbreitetes Straßen- und Dächerspiel. Der Waisenjunge Gattu arbeitet in einer kleinen Recyclingfirma für Fässer. Alle Kinder, die Gattu kennt, arbeiten oder lungern herum und haben nichts. Er hat immerhin einen Onkel, seinen Chef, in dessen Kammer er schlafen kann, bei dem er Essen bekommt und der ihm verspricht, daß er mal »den Laden übernehmen« könne. Gattus Wunsch, den schwarzen Drachen herunterzuholen, wird zur Manie, die ihn auf das Schuldach treibt, auf das er aber nur gelangt, indem er so tut, als besuche er die Schule. Was da dann geschieht, ist Hauptinhalt des Films. Im Gegensatz zu »Nono«, der Geschichte eines philippinischen Jungen aus Armutsverhältnissen, der sich auch durchkämpft und daran wächst, ist dieser Film jedoch perfekt dramaturgisch durchkomponiert, meisterhaft gespielt, abwechslungsreich gestaltet und ohne jede Länge und Überflüssigkeit. »Nono« ist gut gemeint, aber an vielen Stellen nicht gut gemacht: Wiederholungen, Langatmigkeiten und Überflüssigkeiten, die Figuren zu einseitig und monoton gegeben. Schade für so ein wichtiges Thema – ein Kind mit einer Hasenscharte wehrt sich gegen Diskriminierung.

Ganz und gar ärgerlich aber ist der unverständlicherweise mit einer Empfehlung ausgelobte Film »Kronjuweleria«, der Film strotzt vor Mystik, Klischeehaftigkeit, düsteren Bildern und Schwarz-weiß-Charakteren. Und: Er hört und hört nicht auf. Wie in Tucholskys Ratschlägen zur schlechten Rede macht der Film bestimmt sechs Ansätze, zum Ende zu kommen, und tut es dann doch nicht. Das Publikum stöhnt schon, aber der Film geht immer weiter. Das Morbus-Down-Kind – der kleine Bruder – ist, obgleich es eine Hauptrolle hat, nur als Statist angelegt. Was anti-diskriminierend daherkommt, wirkt ins Gegenteil, denn der Junge hat kaum Eigenleben. Im Übrigen: Nicht ein Gefühl des Films, das wirklich motiviert würde, alles übertrieben und daher triefender Kitsch. Aber ich bin sicher, der Film wird in die Kinos kommen, er besitzt dazu genau die richtige Mischung aus Hollywoodverschnitt und unkritischem Denken, finster!

Fazit: Auf »Gattu« achten, das ist die Kraft der Schwachen, die sich hier erhebt bis in den weiten Himmel und den Drachen besiegt!