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Titel0512

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Dieter Stein, Rechtschefredakteur. – »Wir sind Präsident« – so steht es in großen Lettern auf der Titelseite Ihrer Wochenzeitung Junge Freiheit. Deutschlands »Selbstabschaffung«, vor der Thilo Sarrazin gewarnt und den Joachim Gauck deshalb für seinen Mut gelobt habe, sei durch die Erhebung des »beispielhaften Patrioten« zum kommenden Staatsoberhaupt nicht mehr zu befürchten, so Ihr jubelnder Kommentar. Eine »Wucht« sei das, denn nun könne man die »Normalisierung« der Deutschen erhoffen, ihre »Aussöhnung«. Womit, mit wem? »Mit sich selbst und ihrer Geschichte.« Selbstverständlich, das mußten Sie nicht eigens erwähnen, gilt das Versöhnen nicht den »vaterlandslosen Gesellen« unter den Deutschen, nicht den historischen und nicht den gegenwärtigen. Jetzt müssen Sie sich nicht mehr den Kopf zerbrechen, ob die Bundesrepublik eine neue, rettende Partei braucht – Gauck heißt: Wir kennen keine Parteien mehr, nur noch Deutsche. Endlich die wahre geistig-politische Wende. Und Ihr Blatt wird seine Auflage weiter steigern können, es hat nun etwas Präsidiales.

Jakob Augstein, online-Kolumnist. – Im Spiegel und in Ihrem Freitag staunen Sie über das »Zwei zu Null für Luther«: Als »listige Mutter und strenger Vater« stünden in Zukunft »zwei ostdeutsche Protestanten über den Deutschen, vereint in ihrem ganzen protestantischen Rigorismus«. Da überschätzen Sie, meinen wir, die ideellen Fernwirkungen des deutschen Reformators und auch den Hang der Kanzlerin sowie des designierten Präsidenten zum Himmlischen. Nicht von ungefähr hat sich die Pfarrerstochter Angela Merkel der Physik verschrieben (auch der politischen), sie hätte ja durchaus Pfarrerin werden können. Und der Pfarrer Joachim Gauck hat die Wende genutzt, um diesen Beruf hinter sich zu lassen. Gläubigkeit kann man beiden nicht absprechen, jedoch ist der Neoliberalismus ja irdischen Ursprungs, eine Diesseitskonfession. Martin Luther – man kann ihm sonst manches nachsagen – hat das Bekenntnis zur Freiheit des »Marktes« nicht verkündet. Konrad Adenauer, das deuten Sie zu Recht an, wäre gewiß nicht begeistert von der jetzigen oder bevorstehenden Besetzung der beiden Spitzenpositionen in der deutschen Politik. Daß da Protestanten agieren, hätte er wohl zu dulden vermocht, er war kein engstirniger Katholik. Erschreckt wäre er gewesen über die Abwesenheit des »Rheinischen« im Weltbild von Merkel und Gauck – weil er eben dieses für eine sehr nützliche Beigabe zum Geist des Kapitalismus hielt. Der Mann hatte seine Erfahrungen aus den Krisenjahren nach 1929. Niemals wäre er vom kapitalistischen Wege abgewichen, aber er war darauf bedacht, den auch für Fußgänger einigermaßen begehbar zu halten. Rigorismus, das wußte er, ist riskant, und so ließ er sich Sozialpolitik angelegen sein.

Joachim Gauck, noch Privatmann. –
Ein CSU-Politiker hat Sie aufgefordert, Ihre »persönlichen Verhältnisse so schnell wie möglich in Ordnung zu bringen«. Was mag der Mann unter einem »Verhältnis« verstehen, und wieso unterstellt er Ihnen gleich mehrere? Noch sind Sie als Wanderprediger der Freiheit tätig, könnten also öffentlich darüber philosophieren, was denn bei »Verhältnissen« als ordnungsgemäß zu betrachten ist. Der CSU-Generalsekretär wiederum wollte Ihnen zur Hilfe kommen und erklärte: »Ob jemand und wie jemand verheiratet ist oder wann er heiratet, ist eine private Entscheidung.« Das paßt aber nicht auf Ihren Fall, denn verheiratet sind Sie ja seit langem, und das »wie« haben Sie ebenfalls schon entschieden. Ärgerlich zeigte sich der FDP-Außenminister über die oben genannte, an Sie gerichtete Aufforderung. Er hielt ihr das Recht auf eine »wilde Ehe« entgegen. Auch wieder eine schiefe Äußerung, denn in Ihrer Ehe geht es ja offensichtlich gar nicht wild zu. Nun ist es allerdings so, daß Sie als Herr auf Schloß Bellevue keine Privatperson mehr sein werden. Noch immer kommt es der Reputation eines Staatsoberhauptes zugute, wenn dieses eine First Lady präsentieren kann, und der Vorgänger im Amt war ja wenigstens in dieser Hinsicht nicht schlecht ausgestattet. Zur Not genügt aber nach deutschem Protokoll eine »Begleitung«, was oder wer immer dies sein mag. Es muß sich nicht einmal um ein »Verhältnis« dabei handeln. Sie haben also die freie Wahl, auch Ihre jetzige Gattin käme in Frage. Bedenken Sie, daß unser Grundgesetz die Ehe »unter besonderen Schutz der staatlichen Ordnung« stellt. Sicherlich, derselbe »Schutz« würde auch gelten, wenn Sie Ihre erste Ehe auflösen und eine zweite eingehen und so weiter. Aber es gibt auch das Versorgungsrecht, das ist präziser als ein Verfassungsartikel. Und eine Scheidung hat ihre Kostenseite. Wir wissen schon, Sie halten nichts vom Begehr nach materieller Sicherheit. Aber man muß auch mal über den eigenen freiheitsphilosophischen Schatten springen können. Manche deutschen Staatsmänner der Gegenwart sind mit dem Ehescheiden und -schließen recht sorglos umgegangen, und nun müssen sie sich bei privaten Unternehmen ein Zubrot zur öffentlichen Rente verdienen. Da bleibt dann kaum noch Zeit fürs säkulare Predigen als Ruhestandshobby. Diesen Mangel werden Sie sich doch nicht zumuten wollen. Bleiben Sie einfach bei der Absichtserklärung, die Sie beim ersten Anlauf zum Präsidentenamt gegeben haben: »Schnelle Heirat ist ausgeschlossen, spätere nicht unbedingt.« Die läßt alles offen, »Selbstermächtigung« verschafft sie, in Ihrer Sprache formuliert.

Wolfgang Helfritsch, Ossietzky-Autor. –
Nein, der Satz »Wenn ich das Wort Kultur höre, entsichere ich meinen Revolver« (s. Ossietzky 4/12) stammt nicht von Hermann Göring. Er findet sich in Hanns Johsts Drama »Schlageter« (1. Akt, 1. Szene), der das Drama »Adolf Hitler in liebender Verehrung und unwandelbarer Treue« gewidmet hatte und ab 1935 Präsident der Reichsschrifttumskammer war. Und da Johst 1955 die gerichtliche Aufhebung sämtlicher in mehreren »Entnazifizierungsverfahren« gegen ihn gefällten Urteile erreichte, also für die (bundes)deutsche Justiz ein unbescholtner Mann war, ist es auch nicht ehrenrührig, unserem Kulturstreichrat die Worte in den Mund zu legen: Wenn ich das Wort Kultur höre, entsichere ich meinen Rotstift.