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Titel519

Offenbarungen über einen politischen Vulkan  (Herbert Graf)

Deutsche Bücher über den Nahen Osten haben fast ausnahmslos dramatische Titel. Peter Scholl-Latour gab 2014 seinem letzten Buch den Titel »Der Fluch der bösen Tat. Das Scheitern des Westens im Orient«. Ulrich Kienzle benannte seine 2017 erschienene Publikation »Tödlich Naher Osten. Eine Orientierung für das orientalische Chaos«. Der inzwischen in Berlin lebende syrische Autor Aktham Suliman veröffentlichte »Krieg und Chaos in Nahost. Eine arabische Sicht« (2018). Nicht unerwähnt sei hier die von 27 Spiegel-Mitarbeitern 2011 publizierte oberflächliche Schrift »Die neue arabische Welt. Geschichte und politischer Aufbruch«. Der Berater der Bundesregierung Volker Perthes prophezeite darin: »Eine schrittweise freiere, offenere arabische Welt entsteht derzeit […]. In zweifacher Hinsicht hat die heutige Türkei für die Reformkräfte in der arabischen Welt sogar Modellcharakter. Die regierende AKP unter Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan demonstriert wie eine ursprünglich islamistische Partei zu einer erfolgreichen konservativ-demokratischen Volkspartei werden kann.« (Anette Großbongardt/Norbert Pötzl (Hg.): »Die neue arabische Welt«, Deutsche Verlagsanstalt 2011, S. 268, 274)

 

Die Tinte zu dieser fatalen Fehleinschätzung war noch nicht trocken, als sich lupenreine deutsche Demokraten auf den Weg machten, um bundesdeutsche Erfahrungen in die arabischen Ländern zu bringen. Hubertus Knabe flog im April 2011 mit Ex-Sonderstaatsanwalt Christoph Schaefgen gen Tunis. Knabes Adlatus Herbert Ziem reiste zu gleicher Zeit nach Kairo. Sie wollten dort arabische »Gauck-Behörden« ins Leben zu rufen. Der ehemalige Geheimdienstkoordinator von Kanzler Kohl, Bernd Schmidtbauer (Spitzname 008), setzte sich nach Libyen in Marsch.

 

Man mag über den Nahen Osten lesen, was man will: Aktive Politiker üben hinsichtlich der Begründung ihrer Analyse der Situation an diesem Brennpunkt der Weltpolitik vornehme oder auch strategisch begründete Zurückhaltung. So bleibt es vornehmlich Journalisten überlassen, die Öffentlichkeit über diesen Dauerkrisenherd zu informieren. Scholl-Latour schrieb als ein Reisejournalist so manchen Bestseller. Kienzle berichtete über seine Begegnungen und Gespräche in elf Ländern des Nahen Ostens. Aktham Suliman beschrieb, wie aus arabischer Sicht die weltpolitischen Ereignisse in der Region wahrgenommen werden.

 

Die überzeugendsten Analysen der Situation in der arabischen Welt veröffentlicht der Journalist Michael Lüders, zugleich auch Präsident der angesehenen Deutsch-Arabischen Gesellschaft. Seine 2015 auf Deutsch veröffentlichte Schrift »Wer den Wind sät. Was westliche Politik im Orient anrichtet« ist inzwischen in mehreren anderen Sprachen erschienen. Jüngst kam sein »Armageddon im Orient. Wie die Saudi-Connection den Iran ins Visier nimmt« auf den Markt. Armageddon, dieses erste Wort im Buchtitel, mag manchem nicht bibelfesten Leser fremd erscheinen. Der Duden bezeichnet diesen Begriff als hebräisch-griechischen Ursprungs und als Synonym für eine politische Katastrophe. Wer ihn in der Bibel sucht, findet ihn in der Offenbarung des Johannes Kapitel 16, Vers 16. Das dort genannte »Harmagedon« wird nicht selten als ein Versammlungsberg zur letzten Schlacht bezeichnet, im nichtkirchlichen Sprachgebrauch wird er jedoch für Weltuntergang oder Katastrophe verwendet. Vor Jahren titelte der Spiegel »Wer rettet die Welt vor dem Finanzarmageddon?«

 

Lüders Buch ist fakten- und quellenreich, er argumentiert überzeugend und bietet dem Leser umfassende Informationen über historische Entwicklungen. Vor allem aber benennt er die Ursachen des Brandherdes im Nahen Osten. Lüders untersucht kenntnisreich und tiefschürfend die aktuelle Rolle der USA im Nahen Osten. Vergleichend stellt er fest: »War die Bush-Dynastie immerhin noch bemüht, ihre wirtschaftlichen Aktivitäten diskret zu entfalten und den Anschein zu erwecken, ihre Interessen seien identisch mit denen der USA, halten sich Trump und Kushner mit Förmlichkeiten nicht weiter auf. Sie symbolisieren den vulgär-clownesken Höhepunkt eines entfesselten Finanzmarktkapitalismus, in dem Vetternwirtschaft keiner Maske mehr bedarf. Sie ist sich selbst genüge: the winner takes it all. Es wäre ein Irrtum, Trump für einen Betriebsunfall der Demokratie zu halten. Vielmehr verkörpert er den Sieg der Kasinoökonomie über die Politik, verwandelt er den Staat in eine Aktionärsversammlung, in der Geld gleichbedeutend ist mit Macht. […] Und wenn diese Logik sich fortsetzt? Die Hauptaktionäre nach Krieg verlangen? Gegen den Iran? Gegen Russland?«

 

Dieses Buch ist ein Gewinn. Es macht das Wesen der Katastrophe im Orient sichtbar und zeigt die Gefahren für ein weltweites Armageddon auf.

 

 

Michael Lüders: »Armageddon im Orient. Wie die Saudi-Connection den Iran ins Visier nimmt«, C.H.Beck, 265 Seiten, 14,95 €