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Titel519

4074 Tage – Tatorte der NSU-Morde  (Stephan Krull)

Im Bildungszentrum der IG Metall in Sprockhövel wurde Ende Januar die Ausstellung »4074 Tage – Tatorte der NSU-Morde« eröffnet. Im Begleitheft zur Ausstellung heißt es unter anderem: »Mit ihrer Ausstellung macht die Fotografin Gabriele Reckhard die zehn Tatorte sichtbar, an denen rechtsradikale Täter des sogenannten Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) zehn Menschen ermordeten. Neun der Opfer waren Männer mit migrantischer Wurzel, das zehnte Opfer war eine Polizistin. Sie alle wurden an ihren Arbeitsplätzen hingerichtet.

 

Seit dem ersten Mord im September 2000 bis zur Aufdeckung des NSU im November 2011 musste die Familie Şimşek 4074 qualvolle Tage nicht nur mit dem gewaltsamen Tod ihres Angehörigen leben – sie war zudem Verunglimpfungen und Kriminalisierung durch Ermittlungsbehörden und Medien ausgesetzt.« Die Tochter Semiya Şimşek sagte bei der zentralen Trauerfeier im Jahr 2012: »Elf Jahre lang durften wir nicht einmal reinen Gewissens Opfer sein. Elf Jahre hatte ich als Kind eines Drogendealers gegolten«. Bei der Eröffnung der Ausstellung am 28. Januar schildert die Fotografin ihre Motive: »Für mich und viele andere brachte dieser Tag Scham und einige schockierende Erkenntnisse: Es war unserem Staat nicht nur nicht gelungen, seine Bürger zu schützen, die Ermittlungsbehörden hatten zudem über elf Jahre lang nur in eine einzige Richtung gesucht: in die Familien und deren angeblich – so die feste Überzeugung der Ermittler – kriminelles Umfeld. Zeugenaussagen, Hinweise der Angehörigen und auch aus der türkischen Community auf ein rechtsextremes Täter-Milieu waren bei allen Mordtaten und auch bei den Sprengstoffattentaten abgetan und gänzlich unbeachtet geblieben.« Die Erfahrung der Verunglimpfungen und Kriminalisierung durch Ermittlungsbehörden und Medien mussten alle Angehörigen der neun Opfer erleiden, die aus rassistischen Gründen umgebracht worden waren. Der von der Polizei erfundene Begriff der Dönermorde wurde zum »Unwort der Jahres 2011« erklärt. Traurige Aktualität hat die Verstrickung der Polizei in rechte Netzwerke durch zwei Morddrohungen gegen die Anwältin und Nebenklagevertreterin Seda Basay-Yildiz; unterschrieben sind die Drohungen mit »NSU 2.0«.

 

Mit ihrer Kamera hat die Fotografin genau hingesehen auf das, was für die Familien die einzige Gewissheit war: die Orte, an denen ihre Angehörigen ermordet wurden – am helllichten Tag und immer mit genau derselben Waffe. Gabriele Reckhard hat – neben dem künstlerischen und fotoästhetischen Anspruch – das inhaltlich anspruchsvolle Thema so umgesetzt, dass die Bilder nüchtern, aber auch emotional gelesen werden können. Die vermeintlich objektiven Bilder sind sehr hell belichtet, blass und farb-entsättigt und so verfremdet. Über den Fotos scheint ein Grau-Schleier zu liegen, und sie wirken zunächst verschwommen – ein Hinweis auf Vergessen und Verbergen? Details sind aus der Entfernung daher schwer erkennbar: Der Betrachter ist aufgefordert, nahe an die Tafeln heranzutreten und genau hinzuschauen, um einzelne Bildelemente erkennen zu können und vielleicht noch Zeugnisse der Verbrechen zu finden. Die Fotografien erzeugen beim Betrachten ein Unbehagen – etwas scheint hier fremd und unwirklich: Schattenlose und gleißend helle Orte, menschenleer, starr und verschlossen, der Himmel grau und verhangen, ohne Wolkenbildung – alles scheint trist und tot. Und doch ist auch erkennbar, dass alle Tatorte (meist Ladengeschäfte) in einem urbanen Umfeld liegen, für uns alle sichtbar, in Wohngebieten oder an viel befahrenen Straßen.

 

Die gewählte Form des Triptychons (also eine dreiteilige Ansicht) mag darauf verweisen, dass das Thema NSU-Komplex ein vielschichtiges ist und aus vielen Puzzleteilen zusammengesetzt werden muss. Zeigt das linke, größere Bild jeweils eine frontale Sicht auf die Tatorte, verdeutlicht das zweite Foto die Sichtweise eines Menschen, der wie achtlos vorbeigeht, den Ort des Verbrechens nur aus dem Augenwinkel wahrnehmend, den Blick bereits in die Ferne gerichtet. Und doch führt diese Perspektive optisch immer auf den Textteil in der Mitte zurück, der dadurch auch visuell im Fokus steht. Ihm soll man sich nicht entziehen können!

 

In die Bilder integriert sind kurze Begleittexte: die Namen und das Alter der Ermordeten, Ort und Datum des Mordes und die ergreifende persönliche Bemerkung einer Angehörigen, mit der die Trauer über den Verlust, die Empörung über die Verunglimpfung, Ignoranz und Verdächtigungen durch Ermittlungsbehörden und das Leid über zerbrochenes Vertrauen zum Ausdruck kommen.

 

Die Künstlerin mahnte in ihrer Eröffnungsansprache: »Auch nach dem Ende des fünf Jahre dauernden Strafprozesses dürfen wir nicht zulassen, dass ein Schlussstrich gezogen wird. Noch immer sind zu viele zentrale Fragen offen, deren Klärung insbesondere für die Familien wichtig ist. Fragen, die aber auch uns alle interessieren müssen, unsere Gesellschaft, die auf den Grundsätzen von Freiheit, Gleichheit, Toleranz und Menschlichkeit aufgebaut ist. Üben wir also Solidarität!«

 

Die Witwe Yvonne Boulgarides forderte in ihrem Schlusswort vor dem Oberlandesgericht in München: »Wir alle sollten auch nach diesem Prozess nicht aufhören, nach Antworten zu suchen. Vielleicht werden wir nie alles erfahren, aber wir werden die unzähligen Puzzleteile sammeln und zusammenfügen, bis das Bild der Wahrheit vor unseren Augen zu erkennen ist.«

 

Auf dem Deckblatt zur Ausstellungsbroschüre sind zerschnittene und wieder zusammengesetzte Fotos von Ermordeten zu sehen als Symbol für die im Reißwolf gelandeten Akten von Polizei und Verfassungsschutz – die unaufgeklärten Fragen nach staatlicher Verstrickung! Überschrieben ist die Ausstellung, die bis zum 23. Mai im Bildungszentrum der IG Metall in Sprockhövel zu sehen ist, mit dem programmatischen Satz: »Unsere Alternative heißt Solidarität!« Die Veranstalter schreiben dazu: »Was bleibt, ist unsere Verantwortung, genauer hinzusehen, um die politischen Hintergründe der Morde aufzuklären und die Ursachen für Rassismus und Rechtsextremismus, Nationalismen und Hass in unserer Gesellschaft zu bekämpfen. Hierzu werden und wollen wir auch als Metaller*innen und gewerkschaftliche Bildungsarbeit aktiv bleiben« Die Ausstellung, die auf Anfrage (https://www.igmetall-sprockhoevel.de) auf Wanderschaft gehen kann, bietet und fordert den genauen Blick.

 

Die Fotografin Gabriele Reckhard ist seit 1992 selbst im IG Metall-Bildungszentrum als Bibliothekarin beschäftigt. Von 2012 bis 2016 studierte sie berufsbegleitend Fotodesign in Bochum; an ihrer Diplomarbeit zum Thema »NSU-Morde« arbeitete sie von 2016 bis 2018. Für diese Arbeit und für die Initiative zu der Fotoausstellung ist der Leiterin der Bibliothek im Bildungszentrum Sprockhövel sehr zu danken – am besten mit einem Besuch der Ausstellung.