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Gründet Genossenschaften!  (Gisela Notz)

Die Idee der Genossenschaft ist uralt, aber auch brandaktuell. Genossenschaften waren in der Geschichte und sind auch heute in der Bundesrepublik Deutschland ein wichtiger Faktor in der Wirtschaft. Es wird sogar in den letzten Jahren ein Aufschwung von Genossenschaftsgründungen in Deutschland festgestellt. Manche sprechen von einer Renaissance der Genossenschaftlichkeit oder gar von einem neu entflammten Wunsch nach Kollektivität. Dennoch ist die Kenntnis über Genossenschaften noch immer gering. Viele Menschen in Deutschland stellen sich unter dem Begriff »Genossenschaften« lediglich Genossenschaftsbanken, bestenfalls Wohnungsgenossenschaften vor. Das ist schade, denn als Genossenschaften kann man vieles gründen. Und Gründungen von Genossenschaften sind meist wirtschaftlich erfolgreicher als Einzelgründungen, vor allem, wenn sie einen politischen Anspruch haben.

 

»Was dem Einzelnen nicht möglich ist, das vermögen viele«, dieses Motto stammt von einem der Gründungsväter der Genossenschaften, Friedrich Wilhelm Raiffeisen (1818–1888), und es ist über 150 Jahre alt. An Aktualität hat es in unserer Ellbogengesellschaft nichts verloren. Aber in meinem Artikel zum Internationalen Frauentag soll es weniger um die Gründungsväter gehen, sondern – nach einer kurzen Einführung – um Frauengenossenschaften, ihre Geschichte und ihre Gegenwart.

 

 

Was sind Genossenschaften?

Weltweit sind rund 800 Millionen Menschen in Genossenschaften organisiert. Genossenschaften arbeiten in den unterschiedlichsten Branchen erfolgreich für die Ziele ihrer Mitglieder. In Deutschland gibt es fast 8000 Genossenschaften mit mehr als 22 Millionen Mitgliedern. Seit mehr als 160 Jahren sind Genossenschaften im Finanzwesen, in der Landwirtschaft, in Handel und Gewerbe oder im Wohnungsbau erfolgreich.

 

Nach dem »Gesetz betreffend die Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften (GenG) von 1889«, das 2006 und 2017 vor allem zugunsten kleinerer Genossenschaften geringfügig geändert wurde, sind Genossenschaften »Gesellschaften von nicht geschlossener Mitgliederzahl, deren Zweck darauf ausgerichtet ist, den Erwerb oder die Wirtschaft ihrer Mitglieder oder deren soziale und kulturelle Belange durch gemeinschaftlichen Geschäftsbetrieb zu fördern«.

 

In der Statistik des Genossenschaftsverbandes werden fünf Genossenschaftssektoren beschrieben: Konsumgenossenschaften, Wohnungsbaugenossenschaften, gewerbliche Genossenschaften, Genossenschaftsbanken und ländliche Genossenschaften. Allen Sektoren gemeinsam ist, dass die GenossInnen als EigentümerInnen kollektiv und gleichberechtigt die wichtigsten betriebsinternen sowie produkt- und projektorientierten Entscheidungen treffen. Die Genossenschaft ist demnach nicht nur eine Rechtsform, sondern auch eine wirtschaftliche Selbsthilfepraxis. Wobei es in der Regel um die Erfüllung von Bedürfnissen und Interessen der Mitglieder geht und weniger um ökonomischen Profit.

 

 

Genossenschaften sind die demokratischste aller Rechtsformen. Sie haben einen Aufsichtsrat und einen Vorstand, beide Gremienmitglieder müssen zugleich auch Mitglieder der Genossenschaft sein. Das höchste Gremium ist die Genossenschaftsversammlung, in der alle GenossInnen gleiches Stimmrecht haben, das heißt es gilt die Regel »ein Mann eine Stimme« – so hieß es früher –, heute kann es auch eine Frau sein, unabhängig davon, wie viel Geld (Genossenschaftsanteile) oder Arbeitsleistung er oder sie in die Genossenschaft eingebracht hat. Wenn er/sie die Genossenschaft verlassen möchte, kann der eingezahlte Anteil wieder mitgenommen werden.

 

 

Es gab auch Gründungsmütter

Helma Steinbach (1847–1918) war eine Pionierin der Genossenschaftsbewegung und eine der wenigen Frauen, die im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus diesem damals von Männern dominierten Bereich herausragten. Ende des 19. Jahrhunderts organisierte sie den ersten Streik der Plätterinnen im holsteinischen Stellingen, und sie war auch am Streik der Wäscherinnen in Neu-Isenburg beteiligt. Sie war Mitbegründerin des 1899 in Hamburg gegründeten Konsum-, Bau- und Sparvereins »Produktion«, dessen Satzung sie entworfen hatte, und gehörte als einzige Frau von der Gründung bis zu ihrem Tode dem Aufsichtsrat der Genossenschaft an. In der Zeit ihres Wirkens wurde die »Produktion« zu einem international bewunderten modernen Unternehmen, das 1910 seine 46.500 Mitglieder durch 69 Läden versorgte, eine große Brotfabrik und die modernste Fleischwarenfabrik Deutschlands unterhielt. Dass die 820 Personen, die die »Produktion« beschäftigte, bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne hatten als in kapitalistischen Betrieben, war für sie selbstverständlich. Sie kannte aus ihrer Arbeit in einer »Tabakbude«, in der Schulauer Zuckerfabrik und in anderen Fabriken die Not der Arbeiterinnen. Helma Steinbach war auch eine der Frauen, denen es zu verdanken ist, dass die Gewerkschaften die Widerstände gegen die Aufnahme von Frauen aufgaben. Dass die »Produktion« für ihre Mitglieder 600 Wohnungen baute, erhält heute angesichts der vielen Wohnungssuchenden und der für zahlreiche Menschen nicht mehr bezahlbaren Mieten besondere Relevanz.

 

 

Wohnungs-, Bau- und Siedlungsgenossenschaften

Unter den rund 8000 Genossenschaften in Deutschland sind rund 2000 Wohnungsgenossenschaften mit 2,2 Millionen Wohnungen. Sie können – von einigen Ausnahmen abgesehen – als »Garanten für bezahlbare Mieten und stabile Nachbarschaften« gelten. Auch sie haben eine lange Geschichte. Im Bereich des Wohnungsbaus haben die Wohnungs- und Baugenossenschaften seit dem Ende des 19. Jahrhunderts das Bild vieler Städte entscheidend mitbestimmt. Sie entstanden in Zusammenhang mit der Wohnungsnot, die durch die Wanderung der Landbevölkerung in die schnell wachsenden industriellen Zentren hervorgerufen worden war. Nach dem Ersten Weltkrieg kam es angesichts der großen Wohnungsnot und angesichts der enttäuschten Hoffnungen auf eine Sozialisierung der Wirtschaft, die mit dem rätedemokratischen Aufbruch vom November 1919 verbunden gewesen waren und mit der blutigen Niederschlagung der Räterepublik geendet hatten, zu einem Boom von Wohnungsgenossenschaften. Ganze Stadtteile und Siedlungen, durch die die Mitglieder nicht nur mit preisgünstigem Wohnraum versorgt wurden, sondern in denen sie gleichberechtigt über ihr Zusammenleben bestimmen und mit neuen Formen sozialen Wohnens und Lebens experimentieren wollten, entstanden auf diese Weise während der Zeit der Weimarer Republik. Landfrauen gründeten die ersten Frauengenossenschaften. Verbände berufstätiger, unverheirateter Frauen bauten Wohnheime für ihre Mitglieder, und Architektinnen realisierten Ledigenwohnungen für Frauen. Frauenverbände gründeten Frauen-Baugenossenschaften. In Frankfurt am Main ließen neun berufstätige Frauen ihren Traum vom modernen Wohnen wahr werden. Sie realisierten 1927 als Siedlungsgenossenschaft 43 Wohnungen, die speziell auf die Bedürfnisse »alleinstehender« Frauen zugeschnitten waren. Helle Farben, praktische Küchen, schöne Materialien, luftige Konstruktionen zeichneten die Wohnungen der Frauen aus. Das Hitler-Regime setzte der hoffnungsvollen Entwicklung der Weimarer Zeit ein radikales Ende. Es zerschlug nicht nur die Frauenbewegungen der Weimarer Zeit, sondern auch ihre Projekte.

 

 

Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg

Die konservative Nachkriegspolitik in der BRD unter Bundeskanzler Konrad Adenauer setzte – anstatt den genossenschaftlichen Wohnungsbau zu unterstützen – auf den Bau von Eigenheimen, vor allem für die Kleinfamilien. Die große Zahl der Kriegerwitwen mag dazu geführt haben, dass es überparteilichen Frauenausschüssen gelang, in einigen Städten Wohnhäuser für »alleinstehende« Frauen mit Gemeinschaftseinrichtungen durchzusetzen. »Drachenburg« wurden sie im Volksmund genannt.

 

Besser als in der Nachkriegs-BRD gestaltete sich das Genossenschaftswesen in der DDR. Die Genossenschaften sollten aktiv an der staatlichen Planung der gesellschaftlichen Entwicklung teilhaben. Daher wurden sie besonders gefördert. Am erfolgreichsten war die Genossenschaftspolitik auf dem Landwirtschaftssektor (LPG), aber auch die Arbeiterwohnungsbaugenossenschaften (AWG) expandierten. Der Staat unterstützte sie durch unentgeltliches Bereitstellen von Bauland.

 

Erst in den 1970er Jahren wurde im Gefolge der Alternativbewegung und der Frauenbewegung auch in der BRD die Genossenschaftsbewegung wieder entdeckt. Auch wenn nicht alle damals gegründeten Wohn- und Arbeitsprojekte als eG organisiert waren, kann von einer Wiederbelebung des Genossenschaftsgedankens gesprochen werden. Die Idee »Frauen wohnen gemeinsam« wirkte ansteckend und wurde vielfach realisiert. 89 Projekte haben Ruth Becker und Eveline Linke bis 2015 in einer Datenbank zusammengetragen, darunter viele Genossenschaften.

 

Unter dem Motto »Mutige Weiber tun sich zusammen« gründeten 17 Frauen 1989 in Berlin die nach ihren eigenen Aussagen »erste Frauengenossenschaft seit der Weimarer Republik«. Zwei Jahre vorher war das Frauen/Lesben-Projekt Hexenhaus bezogen worden. Die Frauen, die dort leben, gehören alle dem Verein an. Wie die Genossenschaft Schokofabrik eG ist das Projekt aus einer Hausbesetzung von 1981 hervorgegangen. Mutige Weiber gab es auch in München. Dort wurde die Genossenschaft FrauenWohnen eG am 1. März 1998 gegründet. Explizites Ziel der Genossenschaft ist es, Wohnraum in München zu schaffen, der vor Spekulation sicher und bezahlbar ist. Inzwischen halten fast 300 Mitfrauen Anteilscheine à 1100 Euro. Dadurch sind sie Miteigentümerinnen der Großimmobilien der Genossenschaft.

 

Ähnliche Projekte finden wir in der Zwischenzeit in vielen Städten und Gemeinden. Genossenschaftliches Wohnen ist selbstverwaltetes und selbstbestimmtes Wohnen – lebendig, demokratisch, innovativ. Gemeinsames Wohnen für Frauen* ist dabei, ein Trend zu werden.

 

 

Gisela Notz hat die ersten 24 Jahre ihres Lebens in einer von ihrem Großvater 1917 mitgegründeten Genossenschaftssiedlung verbracht. Der Gedanke »gemeinsam kann man mehr erreichen« hat sie nie losgelassen. Heute lebt und arbeitet sie in einem Frauenwohnprojekt. Im Sommer erscheint ihr Buch »Genossenschaften: Geschichte, Aktualität und Renaissance« beim Schmetterling-Verlag in Stuttgart.