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Titel520

Die Wirklichkeit des flüchtigen Augenblicks  (Klaus Hammer)

Fern der Großstadt lebte Karl Hagemeister (1848–1933), Sohn eines Obstzüchters aus Werder, von frühen Studienreisen nach Belgien, Holland und Italien und später auch nach Paris abgesehen, in seiner havelländischen Heimatlandschaft – in Ferch, im Entenpfuhl und in Werder. Deren spezifische Stimmung suchte er zu erfassen. »Die Stimmung ist die Trägerin des seelischen Elements der Landschaft«, bekannte er. Den Stimmen, die ihm aus der Natur entgegentönten, wollte er mit der eigenen künstlerischen Stimme antworten. Aus dem jeweiligen Stimmungston eines Wald- oder Wiesenstücks, einer See- oder Sumpflandschaft, der Birken am See, des weißen Mohnes, der Seerosen oder der Apfelblüte entwickelte er Licht und Schatten, trug er die Farbe in differenziert ausdrucksfähigen, vibrierenden Flecken und Strichen aus reinen, nicht vermischten Farben auf. Mit der Grundierung der jeweiligen »Generalstimmung« ließ er nach und nach das einzelne Detail aus ihr hervorwachsen.

 

So setzte er dunkles Geäst vor hellen Himmel (»Auffliegender Reiher«, 1896; »Kiefern«, um 1910; »Küstenlandschaft in Lohme – Buchen am Ufer«, um 1912), helle Stämme vor Waldesdunkel, ließ die Ufervegetation vom Wind peitschen (»Uferlandschaft (Schilfufer mit auffliegender Stockente)«, 1892) oder dünnes Sonnenlicht durch die Bäume schimmern (»Winterlandschaft mit Weiden«, 1904; »Birken im Schilf«, um 1906), gestaltete Durchblicke auf Seen und Tümpel (»Märkische Landschaft«, 1880), graue Regenstimmungen und die dann auch immer noch helle und tonige Luft in ihren vielfachen Abstufungen (»Herbstlandschaft«, um 1885), schuf Vorfrühlingsbilder, in denen die Vegetation noch ruht (»Tauwetter an einem Bachrand«, um 1883), oder gab Wintermotive mit einer starken Schwarz-Weiß-Wirkung (»Verschneiter Birkenwald an einem Bachlauf«, 1891/93; »Winterlandschaft (Raureif)«, um 1910). Hagemeister malte Naturausschnitte, die einer Porträtauffassung nahekamen.

 

Das Potsdam-Museum, das selbst über einen repräsentativen Hagemeister-Bestand verfügt, zeigt – ergänzt durch Leihgaben, auch durch bisher der Öffentlichkeit noch nicht gezeigte Werke aus Privatbesitz – gut 130 Landschaften des »märkischen Corinth«, meist großformatige Gemälde, Pastelle und auch Zeichnungen. Ihnen werden ausgewählte Arbeiten des Weimarer Lehrers Friedrich Preller d. Ä., der Hagemeisters Begabung zum Naturmaler erkannte und förderte, und des Freundes, Förderers und Mentors Carl Schuch, der ihn in einer aus den Anschauungen des Leibl-Kreises herrührenden kontrastarmen Tonmalerei bestärkte, sowie Werke französischer und deutscher Impressionisten hinzugefügt, die ihn aus seiner singulären Existenz lösen und ihn zu einem Wegbegleiter zeitgenössischer Strömungen machen.

 

Anfang der 1890er Jahre begann Hagemeister die Pastelltechnik zu erproben. Hier gelangen ihm feinste Farbnuancen, Zwischentöne und Übergänge, eine luzide Durchdringung von Luft und Licht. Diese Phase bezeichnete er als »stilllebenartige Anschauung«. Hagemeister war 1910 bis 1913 ordentliches Mitglied der Berliner Secession und beteiligte sich an deren Ausstellungen. Die Entwicklung der modernen Landschaftsmalerei um die Jahrhundertwende wird in der Ausstellung durch Werke von Weggefährten wie Max Liebermann, Lovis Corinth, Max Slevogt, Lesser Ury und Walter Leistikow dokumentiert.

 

Wie sein Künstler-Zeitgenosse Walter Leistikow bevorzugte Hagemeister Motive von den märkischen Seen; seit 1907 kamen dann auch See- und Küstenbilder von der Insel Rügen hinzu. Lichterfüllte Blau-, Grün- und Ockertöne charakterisieren das Wasser in den wechselnden Wetterstimmungen (»Morgen am Meer (Nebelmorgen)«, 1909; »Schwere See«, um 1913). Fels- und Strandformationen in wechselnden Farb- und Lichtschattierungen, gezeichnet und gemalt, brandendes Meer, sturmgepeitschte, gischtsprühende Wellen, Steine, bizarre Pflanzen, knorrige Stämme – das sind jetzt keine Landschaftsbilder mehr, sondern sie sind symbolischer Ausdruck des Gefühlten. Häufig verbindet die Bilder das Kompositionsprinzip einer diagonal ins Bild führenden Uferzone, an dem vorderen Bildrand neigen sich Zweige wie bergend über die Fläche, erst durch sie hindurch ist der Blick auf die Landschaft möglich (»Uferlandschaft (Schilfufer)«, 1900; »Steilküste auf Rügen – Herbstliches Meeresufer«, um 1912). Im Unterschied zu Leistikow bevorzugte Hagemeister den intimen Ausschnitt, dem die Malweise jedoch den Ausdruck des Wachsens und Werdens verleiht.

 

Hatte Hagemeister in der Zeit der Freundschaft mit dem zwei Jahre älteren Stillleben-Maler Carl Schuch einer mehr dunklen Tonmalerei gehuldigt, in der die Landschaft ein monumentales Bild der Stille bot, feierlich und ruhig, mitunter melancholisch, aber auch von ornamentalem Reiz, so wendete er sich bald einer elementaren, rhythmischen, sprühend farbigen oder licht-zarten Ausdrucksweise zu. An die Stelle der gemalten Wirklichkeit setzte er allmählich die Wirklichkeit der Malerei. Die Landschaft wurde zum reinen Anlass des Sehens, und das Sehen selbst wurde jetzt gemalt, nicht mehr der Gegenstand. Der Pinsel genügte dem Maler nicht mehr, er nahm die Spachtel, den Handballen, ja den ganzen Ärmel, um seinem leidenschaftlichen Impuls Ausdruck zu verleihen. Hier bereits, vor allem dann aber in seinen Seestücken, in denen es um die elementare Gewalt des Meeres, der steigenden und stürzenden Wellen geht, näherte sich Hagemeister dem Expressionismus an, wie überhaupt im ausschließlichen Naturbild etwas von der unruhigen Zeiterfahrung aufbrach, die selbst den abgeschieden lebenden Künstler erreichte.

 

Bis heute haben die Arbeiten Karl Hagemeisters ihre ungeheure Frische und Lebendigkeit behalten.

 

Karl Hagemeister. »… das Licht, das ewig wechselt«. Landschaftsmalerei des deutschen Impressionismus. Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte, Am Alten Markt 9, Di, Mi, Fr 10-17 Uhr, Do 10-19 Uhr, Sa, So 10-18 Uhr, bis 5. Juli, Katalog 26 €