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Die vierte Strophe der Nationalhymne  (Gerhard Zwerenz)
Als ich 1957 aus der DDR in den Westen kam, wuchsen hier die linksradikalen Schriftsteller wie rote Äpfel auf den Bäumen. Walser hielt feurige Reden an allen Straßenecken, Böll stritt sich mit seinem Kardinal, den er wahrheitsgemäß dumm nannte, im Dom herum, und H.M. Enzensberger verdonnerte die FAZ mit Mao- und Castro-Zitaten. Nur Grass servierte tapfer Danziger Schnecken in rosa SPD-Soße. Statt den braven Genossen Salz auf den Schwanz zu streuen, blies er ihnen Staubzucker in den Arsch. Da sitzt er noch heute und singt Hänschen klein.

Ich war eben Vater geworden und mit meinen Vätern über Kreuz geraten. Es gab so viele davon. Papa, sagte ich, du Teufelskerl, bist bis vor Moskau marschiert und in Stalingrad gefallen, hast in Afrika Tobruk gestürmt, dann in Berlin gesiegt und hockst erblondet am Rhein auf der Loreley, wo du dich Adenauer nennst, in Ostberlin aber Ulbricht.

Ehrlich gesagt, es war schon ein Auskommen, solange man verliebt war und keine fremden Väter neben Papa duldete. Er war im Grunde seines Unwesens ein herzensguter Mann, der seine Frauen liebte, auf daß sie unsere Mütter wurden und uns beibrachten, wie man sich anständig den Hals wäscht, inklusive Ohren und vor allem untenherum, und daß man artig ist, den Lehrer nicht mehr ärgert, als ihm guttut, die richtigen Bücher liest und endlich kapiert, es ist nicht der Klapperstorch, der uns zur Strafe auf die schöne Welt transportiert.

Es ging alles ganz gut, bis Papa mich mit einem falschen Buch ertappte, von dem er genau wußte, daß es falsch war, weil es ihm sein Papa schon gesagt hatte. Ich warf es gehorsam in den bullernden Kanonenofen, der tüchtig befeuert werden mußte, weil strenge Kälte herrschte. Der Friede mit Papa war wiederhergestellt. Ich funktionierte als einer seiner besten Söhne mit richtiger Lehrzeit und Aufstieg bis in die freimaurerische Meisterklasse. Papa hatte die Herzen aller Onkels und Tanten verloren und erneut erobert, wie ich als Sohn neidlos anerkannte. Dumm nur, ich hatte das verbotene Buch schon gelesen, bevor ich es ins Feuer warf. Da war zu erfahren gewesen, Papa, den die Frauen anbeteten, war früher fremdgegangen. Das hätte mich nicht besonders aufgeregt, doch wer garantierte, daß mein Papa mein Papa war? Sollte ich Mama danach fragen? Zwecklos, sie liebte den Allerweltskerl und schwor auf ihn wie wir auf die Fahne. Die wechselte zwar von schwarzweißrot auf schwarzrotgold und rot auf rotweiß und wieder rot und wieder schwarzrotgold und immer mit nem Raubvogel in der Mitten.

Ehrlich gesagt, das geht mir so langsam auf den Wecker. Denn nun marschieren die radikalsten Typen an und verlangen das Vaterland zu lieben und die erste Nationalstrophe freudig mitzusingen, wenn die anderen auf ihren Stimmbändern geigen. Ich steh da, bewege stumm die Lippen wie unsere Fußballspieler bei der dritten Strophe und stelle heimlich Betrachtungen an über die morphologische Nähe von Hymne und Hymen. Einmal verloren ist für immer weg. Da hilft keine Nähmaschine.

Bald werden sie von der dritten zur ersten Strophe vorstoßen. Ich weiß das aus dem verbotenen Buch, bevor es ins Feuer mußte. Warum soll es unseren Nachkommen besser gehen als unseren Vorfahren, den tapferen Vätern mit der Fahne hoch im Knopfloch. Als Übergang vom vorläufig letzten zum jeweils nächsten Krieg entschließe ich mich aushilfsweise zur zweiten, der Zwischenstrophe unserer Nationalhymne: »Deutsche Frauen, deutsche Treue, deutscher Wein und deutscher Sang …«. Nur das Bier wurde vergessen, doch besoffen gemacht werden wir immerzu.

Das besorgen gestern wie heute und morgen unsere tapfren, freien Medien. Wenn sie wieder alle drei Strophen singen lassen, ist die vierte nicht mehr weit, nach der die Überdeutschen sich heilsüchtig sehnen: die Kata-Strophe. Danach lesen sie wieder Tucholskys Antikriegsschriften und fragen sich treuherzig, wie sie so verblödet sein konnten, ihren hirnporösen Politikern und rückfälligen Generälen auf den Leim zu gehen.