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Bemerkungen
Erste Person
So mancher »Achtundsechziger«, das sollte beim vielstimmigen Diskurs im »Gedenkjahr« nicht unbeachtet bleiben, hat es wirklich zu etwas gebracht. Ein Musterfall ist der Publizist Thomas Schmid, einst »revolutionärer Kämpfer« in Frankfurt am Main, dann Herausgeber und Mitarbeiter »libertärer« Postillen, Wagenbach-Lektor und Freibeuter-Redakteur, aufgestiegen zum Ressortleiter bei der Welt, umgestiegen zur FAZ, wiedereingestiegen bei Springer – und jetzt wurde gemeldet, daß ihm dieser Konzern, dessen Enteignung 1968 mit guten Gründen gefordert worden war, die redaktionelle Gesamtverantwortung für Welt, Welt am Sonntag und Berliner Morgenpost übertragen hat.
»Wir wollen alles« hieß eines der Blätter, mit dem Schmid in seinen Revoluzzerjahren auf sich aufmerksam machte. Eine seiner Botschaften darin: »Politik muß in erster Person begriffen werden.« Daran hat er sich gehalten. Daß nicht alle alles erreichen können, hätten sich seine frühen LeserInnen selbst ausrechnen können.
A.K.

Gewissensbildung
Seit dem hessischen Tohuwabohu hat die deutsche Politik eine Heldin. Eine der Ehrenbezeugungen für viele ähnliche: Ein »Denkmal« müsse man der Landtagsabgeordneten Dagmar Metzger setzen, schrieb der Leitartikler der Neuen Westfälischen, einer SPD-verbundenen Zeitung. Die »Standfestigkeit« dieser Frau habe »vielen Menschen neue Hoffnung gegeben«. Endlich sei eine Politikerin »ihrem eigenen Gewissen gefolgt«, freuten sich die Kommentatoren, und Bild ernannte Dagmar Metzger zur »ehrlichsten Frau Deutschlands«. Sie habe »Frau Lügilanti« (so Bild) das Fürchten gelehrt.
Allerdings – auch Gewissensbildung geschieht nicht ohne Kommunikation, sagen uns die Theologen. Kirchliche Hilfe wird es in diesem Fall nicht gewesen sein, die da zur Seite stand; beim »Seeheimer Kreis« in der SPD handelt es sich um ein durchaus weltliches Unternehmen, gegründet von Dagmar Metzgers Schwiegervater. Und der jetzige Sprecher der »Seeheimer«, Reserveoberstleutnant Johannes Kahrs MdB, hatte schon vor Dagmar Metzgers Entschluß die Richtung gewiesen: Ein »Linksschwenk« der SPD, in den eigenen Positionen und im Verhältnis zur Linkspartei, müsse um jeden Preis vermieden werden, deshalb auch sei Kurt Beck nicht der richtige Spitzenmann im Bund und Andrea Ypsilanti eine Fehlbesetzung in Hessen. Angebracht wäre es also, auf dem Denkmal für Dagmar Metzger auch Johannes Kahrs zu erwähnen, als Gewissenbildungshelfer; finanzieren sollte es der e.on-Konzern, dem sie als Aufsichtsratsmitglied einer hessischen Energie-AG verbunden ist. Kein Denkmal verdienen die (nicht gerade zahlreichen) SPD-Parlamentarier, die in der Vergangenheit sich weigerten, dem Agenda-2010-Kurs ihrer Partei- und Fraktionsführung zu folgen. Bei denen war es nicht das Gewissen, das sie Nein sagen ließ, sondern pure Querköpfigkeit oder Unvernunft; denn die Folgen der Agenda-Politik sind Grund »zum Jubeln«, wie Johannes Kahrs uns belehrte. Andrea Ypsilanti hat Pech gehabt, sie hat nicht so richtig mitgejubelt.
Peter Söhren

Goebbels spukt weiter
Ein Gespenst geht um in Deutschland. Was da spukt, ist der Geist des Joseph Goebbels. Wie der Herrscher über den gesamten deutschen Rundfunk samt seiner Familie endete, weiß man. Frau Magda rechtfertigte die Vergiftung ihrer Kinder im Bunker der Reichskanzlei damit, daß sie ihnen ein Leben ohne Nationalsozialismus nicht zumuten wolle. Für Joseph Goebbels bedeutete ein solches Leben den Sieg des Bolschewismus. Gegen den bis zum letzten Atemzug kämpfend, sei der Führer gefallen, ließ der Minister für Volksaufklärung und Propaganda noch rasch verkünden, bevor er seinem Herrn und Meister folgte und wie dieser nicht fiel, sondern sich durch Selbstmord aus der Verantwortung stahl. Bis zum Ende mit einer Lüge, über deren Berechtigung in der Politik man heute gerade in Leitartikeln und Talkshows streitet, meist mehr oder minder heuchlerisch mit negativem Ergebnis.
CDU-Politiker möchten in dieser Debatte nicht gern an ihren Säulenheiligen Konrad Adenauer erinnert werden, der es mit der Wahrheit auch nicht immer so genau nahm. Anknüpfend an Goebbelssche Kriegspropagandaparolen gab er dem Bolschewismus die Schuld an allem Schlechten in der Welt, womit er sich als Verbündeter der US-Amerikaner im Kalten Krieg so wertvoll machte, daß sie ihn in den fünfziger Jahren vor einer drohenden Wahlschlappe bewahrten, wie kürzlich eine Fernsehdokumentation belegte.
Mit seiner äußerst großzügigen Auslegung des christlichen Wahrheitsgebots fand er in seiner Partei manchen Nachfolger. Man denke nur an Roland Koch, um dessen politisches Überleben es in der ganzen aktuellen Auseinandersetzung geht. Der legte bei einem hessischen Parteispendenskandal, der schon einmal Liechtenstein in die Schlagzeilen brachte, falsch Zeugnis ab.
Inzwischen ist zwar der Begriff Bolschewismus aus der Mode gekommen, aber auf den in Westdeutschland tief verwurzelten Antikommunismus stützen sich heute die etablierten Parteien in ihrer Kampagne gegen die Linken, die vor allem von CSU-Politikern immer wieder umstandslos als Kommunisten bezeichnet werden. Um das Schreckgespenst abzuwehren, wendet sich auch die Partei, die sich Die Linke nennt, gegen DKP-Mitglieder, von denen sie sich in den Wahlkämpfen der vergangenen Monate noch gern unterstützen ließ. Die nach der Hessenwahl losgetretene Diskussion, ob sich die Sozialdemokratin Andrea Ypsilanti mit den Stimmen der Unberührbaren zur Ministerpräsidentin wählen lassen dürfe, entbehrt längst nicht mehr der Lächerlichkeit. Den Peinlichkeitsgipfel aber erreichte der Hamburger SPD-Spitzenkandidat Naumann vor der Hamburg-Wahl mit seinem Eid beim Leben seiner Kinder, sich in keiner Weise mit der Linken einlassen zu wollen – womit er traurige Assoziationen zum Schicksal der Goebbels-Kinder weckte.
Seitdem vergeht kaum eine Talkrunde ohne Anti-Linken-Affekt. Leitartikler und Feuilletonisten schlossen sich an, wenn sie sich nicht gerade dem Medienhype um Jonathan Littells umstrittenen Nazi-Roman »Die Wohlgesinnten« widmeten. Dazu paßt, daß kritische, aufklärerische Fernsehsendungen in ein Mitternachtsghetto verbannt bleiben. Und während innenpolitisch Die Linke in eine Schmuddelkinderecke manövriert wird, kehrt außenpolitisch in der Berichterstattung über Rußland und China ein Hauch von Kaltem Krieg zurück. Den Konsumenten bleibt unbewußt, wie sie manipuliert werden.
Heinz Kersten

Frauen fürs Soziale
Wenn man wissen will, wohin ein Weg führt, muß man manchmal eine Anhöhe erklimmen, um zu sehen, wo er herkommt. So jedenfalls hat es Gisela Notz wohl gemeint, als sie sich an die mühselige Arbeit machte, den Weg von zwölf sozialdemokratischen Parlamentarierinnen zu rekonstruieren, die in den Jahren 1957–69 neu in den Bundestag kamen. Was waren das für welche? Was haben sie dort gemacht, und welches Verständnis von ihrer Arbeit als Frauen hatten sie? Leserinnen (und Leser), die mit der »neuen« Frauenbewegung groß geworden sind, die es liebte, die »alte« Frauenbewegung als dem »Nebenwiderspruch« verhaftet abzutun, finden diese Übung vielleicht langweilig, weil sie die damit zusammenhängenden Fragen für längst geklärt halten. Völlig ungeklärt aber ist, was Gisela Notz in ihrer Schlußbemerkung anspricht: daß nämlich die »neue« Frauenbewegung inzwischen auch schon Geschichte ist und längst eine weitere Generation von Frauen heranwuchs, die ganz andere Fragen und Probleme hat – und noch gar kein Konzept, wie sie sie angehen will.
Die porträtierten Frauen haben sich allesamt nicht als Frauenrechtlerinnen verstanden. Zwar haben sie meist das Themenfeld »Soziales« beackert, aber nicht immer aus freien Stücken. Alle mußten um Anerkennung in der Männerdomäne Bundestag kämpfen – und allein deshalb war ihr Kampf ein Kampf um Frauenemanzipation. Aber sie nannten es nicht »Emanzipation«, sondern »Gleichberechtigung« – eine programmatische Differenz, die wie eine Wasserscheide gewirkt hat. Die Arbeit an der Biografie im Detail erlaubt, im Abstand von 50 Jahren, beide Konzepte zu relativieren und ihre historische Bedingtheit zu erkennen.
Dafür würde man sich allerdings wünschen, daß sie fortgesetzt wird, nachdem der erste Band mit dem Titel »Frauen in der Mannschaft« schon die Jahre 1945–57 behandelt hat. Band 3 müßte dann den Einfluß der »neuen« Frauen nach 1969 auf die alte Tante SPD zeigen.
Angela Klein
Gisela Notz: »Mehr als bunte Tupfen im Bonner Männerclub«, Dietz Verlag Bonn, 389 Seiten, 29.90 €


Chinesische Versicherung
Heute hätte das Treffen mit dem stellvertretenden Leiter der Auslandsabteilung meiner Elite-Universität in Peking sein sollen. Ich hatte mich bei der Leitung schriftlich beschwert, weil ich mich auf einmal selber krankenversichern soll. Ende des vorigen Semesters hatte ich zufällig erfahren, daß ich hier nicht mehr krankenversichert bin und werde. Die Gehaltserhöhung, die ich Anfang des vorigen Semesters bekommen hatte, stellte sich also als Freikauf aus einer sozialen Verpflichtung heraus. Der Leiter sollte mir die höheren Gründe dafür erklären. Schriftlich wollte er das nicht, weil das zu kompliziert sei.
Aber dann hatte er Wichtigeres zu tun, als mit mir zu sprechen. So durfte die für den direkten Kontakt mit uns ausländischen Dozenten Zuständige, mit dem Erlaß der Regierung bewaffnet, mir erklären, warum ich meine Krankenversicherung in Zukunft selber bezahlen soll. Meine Chefin, die Leiterin der Deutsch-Abteilung, übersetzte. Verstanden habe ich das nicht – nur daß hier immer mehr Ausländer seien, sogar in den Kindergärten. Weniger zum eigenen Schutz als zu dem dieser Einrichtungen müßten sich die Ausländer jetzt selber versichern.
Ich verstehe. Es wäre ja auch schlimm, wenn die Ausländer auf Kosten der Institutionen, von denen sie sich haben einladen lassen, also letztlich zu Lasten der Regierung krank würden! Und für die neuen Versicherungen ist jede Privatisierung der Daseinsvorsorge ein Geschäft, das ihnen hohen Profit verheißt, in China nicht anders als in Deutschland.
Nun war die Frage, an welche Versicherung ich mich wenden soll. Sie wollte mir eine Adresse im Internet geben, chinesisch oder englisch, ich könne das Formular dann online ausfüllen. Als ich sagte, daß mir das zu kompliziert sei, setzte sie sich mit säuerlichem Gesicht an ihren PC, um das für mich zu erledigen. Irgendwie kam aber zur Sprache, daß das keine gute Versicherung sei, weil sie nur für bestimmte Krankheiten gelte und nur Kosten zwischen 40 und 500 Euro erstatte. Was weniger oder mehr kostet, darf man selber bezahlen. Sie wußte noch eine bessere, für die ich mich dann ohne weitere Diskussion entschieden. Ich dachte einfach, daß ich doch als Lehrer und nicht als Krankenversicherungsfachmann nach China gekommen bin.
Nun sollte ich auf die Bank gehen, den Versicherungsbeitrag für den ganzen Zeitraum des laufenden Semersters überweisen und mit dem Beleg zurückkommen. Dann würde ich eine Krankenkassenkarte oder genauer eine Telefonnummer bekommen, unter der ich mich im Fall des Falles melden kann. Ich fand einen Studenten, der mit mir zur Bank ging. Dort durften wir lange warten. Man bekommt eine Nummer und wartet, bis diese aufgerufen wird. Schnell wurde klar, daß das heute und bei dem Tempo auch morgen kaum zu schaffen war. Es gab aber noch eine andere Schlange, wo man keine Nummer brauchte und es schneller ging. Die erste Auskunft dort war, daß das die falsche Schlange für uns sei. Eine halbe Stunde später versuchte mein Student es nochmals: ob wir uns nicht doch dort anstellen könnten. Diesmal war die Antwort ja. Also dort angestellt. Nach 20 Minuten waren wir an der Reihe. Obwohl ich ein Konto bei dieser Bank habe, war sie nicht in der Lage, die Geldüberweisung zu tätigen, sondern schickte uns zu einer anderen Bank an einem anderen Tag ...
Und nun die gute Nachricht: Zu meiner Freude lese ich in China Daily, das Essen, das die Sportler bei den Olympischen Spielen bekommen sollen, sei unbelastet!
Wolfgang Haible

Zuschriften ans Lokalblatt
Im Berliner Kurier fand ich unter der Überschrift »Zuletzt« eine für mich erstaunliche Notiz: Wegen unbezahlter Telefonrechnungen wurden der US-Bundespolizei bereits mehrmals die ­Abhörleitungen gekappt. Sind solche Pannen auch im bundesdeutschen Lauschgefüge denkbar? Ich habe lange überlegt, wie man dem Übel abhelfen kann, und bin dabei auf zwei Vorschläge gekommen:
1. Die Abgehörten müssen selbst für die Kosten aufkommen, die ihre Überwachung erfordert. Dadurch würden die öffentliche Hand beziehungsweise das öffentliche Ohr finanziell spürbar entlastet. Es hätte freilich den Nachteil, daß die Zielgruppe über den eigenen Ohrwurm informiert werden müßte.
2. Die Bundesgeheimbehörden übertragen die Bespitzelung privaten Anbietern. Nach Einholung mehrerer Angebote könnten diejenigen den Zuschlag erhalten, die die kostengünstigste Horchvariante entwickeln. Das läge doch im Trend der Zeit und des Wettbewerbsgedankens. – Werner Blauauge (48), privater Wachschützer, 18445 Kinnbackenhagen.
*
Na bitte! Es gibt neben den täglichen Berliner Schreckensmeldungen über durchschossene Busscheiben und eingeschlagene Schädeldecken auch positive Presseinformationen, zum Beispiel diese: Seitdem Senatorin Katrin Lompscher das Gesundheitsreferat übernommen hat, werden die Hauptstädter immer älter! Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt jetzt bei fast 80 Jahren, und das Lebensende der Berliner ist kaum noch abzusehen! Wer weiß, wie lange Finanzsenator Sarrazin da noch mitspielt, der muß ja dafür aufkommen! Interessant ist auch, daß hinsichtlich des Abgangsalters in den Stadtbezirken deutliche Unterschiede bestehen. Während sich der Durchschnittsberliner in Kreuzberg und Neukölln bereits mit 75 Jahren davonmacht, belasten die tattrigen Wilmers- und Zehlendorfer noch mit über 80 die Behörden, den Haushalt und den Straßenverkehr. Sicher spricht der Senat schon mit der Ärztekammer darüber. Vielleicht kann man aber dadurch Abhilfe schaffen, daß man die Senioren, die das Limit zu überschreiten drohen, kurzfristig in andere Stadtbezirke umsiedelt, um das soziale Kiezgefälle abzubauen. – Hulda Hollerbusch (64), Auszubildende, 13059 Berlin-Wartenberg.
*
Man soll sich doch ans Lokalblatt wenden, wenn einem Unecht widerfährt, nicht wahr? Ich hatte jetzt einen jener Tage, an denen alles schief geht. Es begann gleich in den frühen Morgenstunden. Als ich mit der Tram zur Arbeit fahren wollte, hatten die Beschäftigten der Berliner Verkehrsgesellschaft gerade zu streiken begonnen, da half mir auch meine teure Monatskarte nicht. Also bestieg ich verärgert das Auto. Da es schon alt ist, habe ich keine Umweltplakette bekommen, darf also nicht in die Innenstadt fahren, was ich in dieser Situation nicht bedachte. Ich fuhr los und geriet prompt in eine Kontrolle. Zähneknirschend verständigte ich dann meinen Chef per Handy, daß ich wahrscheinlich etwas später im Büro eintreffen würde. Er sagte, jeder Mitarbeiter sei selbst dafür verantwortlich, den Dienst pünktlich zu beginnen; er selber sei trotz des Streiks zur rechten Zeit auf seinem Platz gewesen. Ich hatte das Mobiltelefon noch nicht zugeklappt, als ich wiederum gestoppt und wegen Telefonierens während der Fahrt mit 40 Euro zur Kasse gebeten wurde. Mein Erklärungsversuch brachte mir eine Anzeige wegen Beamtenbehinderung ein.
In leicht gereizter Stimmung erreichte ich schließlich unser Amtsgebäude, wo bis auf einen Behindertenplatz alle Parkplätze besetzt waren. Um weitere Verzögerungen zu vermeiden, stellte ich meinen Wagen erst einmal dort ab und meldete mich zum Dienstantritt. Mein Chef aber wollte von alledem nichts hören und mahnte mich ab. Nun war mir schon alles egal, und ich verließ das Büro noch einmal, um den Wagen umzuparken. Diese Mühe hätte ich mir sparen können, da gerade ein Abschleppwagen mit meinem betagten Gefährt davonfuhr. Als ich versuchte, telefonisch bei der Polizei den Aufbewahrungsort des Wagens und die Höhe der Umsetzungsgebühren in Erfahrung zu bringen, kam mein Chef dazu und verpaßte mir wegen privater Gespräche vom Dienstapparat aus die zweite Abmahnung. Das Auto konnte ich erst nach Tagen wieder in Empfang nehmen, da die Polizei befand, es müsse einer technischen Überprüfung unterzogen werden. Es blieb mir nichts übrig, als ein Taxi zu nehmen. Da ich leider nicht genug Bargeld bei mir hatte, geriet ich in einen Streit mit dem Fahrer, der eine Funkstreife herbeirief. Die Aufnahme des Protokolls dauerte auch ihre Zeit.
Meine Frau verhielt sich, als ich zwei Studen später als üblich heimkam, merkwürdig zurückhaltend. Dann machte sie mir bittere Vorwürfe, weil ich den Wagen ohne Absprache genommen hatte. Sie hatte deswegen ihren Termin bei der Kosmetikerin absagen müssen. Außerdem hatte sie unserer Tochter versprochen, sie zum Leistungskurs zu fahren; daran war sie durch meine Rücksichtslosigkeit gehindert worden.
Das Knistern in der Zimmerluft verursachte mir Atembeschwerden. Glücklicherweise klingelte es an der Wohnungstür. Zwei freundliche, unaufdringlich gekleidete Herren wollten unbedingt mit mir das Thema »Brauchen wir heute noch einen Gott?« besprechen. An die darauf folgenden Minuten kann ich mich nicht erinnern. Gestern kam die Vorladung zum Gericht. Mir wird Körperverletzung vorgeworfen. Bloß gut, daß ich noch nicht vorbestraft bin. – Werner Pechstein (43), Behördenangestellter, zur Zeit suspendiert, 45145 Oberkotzau.
Werner Helfritsch

Endlich wieder ein Held!
Die internationale Presse baut wieder einen Helden auf, einen sympathischen, frischen, jungen, blaublütigen. Einen von echtem britischen Schrot und Korn: Prinz Harry, für den die Süddeutsche Zeitung am 1./2. Februar 2008 titelt »Harry, Kämpfer der Herzen«. Er war also im Kampfeinsatz in Afghanistan. Per Funkkontakt koordinierte er die US-Kampfpiloten bei deren Luftangriffen auf Taliban-Stellungen.
Einer, der das Sterben verlacht, »der riskierte, daß die Taliban ihm den Kopf wegschießen« – so das britische Massenblatt Sun. Großer Medienjubel, obwohl (oder: gerade weil) in England 80 Prozent (und nicht bloß 50 Prozent wie bei uns) solche Kriegsbeteiligung strikt ablehnen. Tags darauf preisen die Blätter prompt die Kontinuität zum ruhmvoll-brutalen Kolonialreich Großbritannien und zur Militärkarriere des Großvaters auf dem indischen Helden-Schauplatz.
Endlich wieder Todesmut! Endlich wieder Heldentum!
Als das Inkognito des jungen Herrn Windsor aufflog, kehrte er wegen zu großer Gefährdung gleich auf seine Heimatinsel zurück.
Frank Schubert

Endlich ein Antikriegsstück
Die Wiederaufbauhilfe in Afghanistan erweist sich als Kampfeinsatz, sieben Bundeswehrsoldaten werden getötet. Bei der Trauerfeier sollen die Witwen möglichst nicht in Kontakt miteinander kommen. Eine Erkundungsreise nach Afghanistan schafft Klarheit über dortige Gewaltverhältnisse … – Mit »Sieben Witwen« von Christa Weber und Christof Herzog haben wir endlich ein Stück, das die Militarisierung der deutschen Politik und Gesellschaft auf die Bühne bringt. Songs nach Texten von Erich Mühsam verstärken die Wirkung.
Nach der gelungenen Berliner Premiere beim Festival der Freien Theatergruppen sei eine lange Tournee mit vielen Stationen gewünscht.
E.S.

Raketen auf »Camp Warehouse«
Raketenbeschuß des Bundeswehr-Stützpunkts »Camp Warehouse« in Kabul, terroristische Anschläge auf die ISAF-Truppen, Beschuß von Versorgungsmaschinen beim Anflug auf Kabul, Ausrüstungsmängel, Gefechtsfeld-Tourismus, Affentanz bei Besuchen, Saufgelage ... – all das sind Themen, die Achim Wohlgethan und Dirk Schulze in ihrem Insiderbericht »Endstation Kabul« aufgreifen.
Wohlgethan ging als Stabsunteroffizier und Schulze als Hauptmann (Presseoffizier) freiwillig 2002 nach Afghanistan. Beide sind inzwischen aus der Bundeswehr ausgeschieden. Sie schildern das Leben der (nunmehr 3500) deutschen Soldaten am Hindukusch mit interessanten Neuigkeiten: Afghanistan erweist sich für sie als eine tickende Zeitbombe. Weil es keine Evakuierungsmöglichkeiten für die Truppe gibt, die Ausrüstung mangelhaft ist und die Führung sich mitunter mehr um »political correctness« als um die Sicherheit ihrer Leute sorgt, geraten Soldaten unnötig in Lebensgefahr.
Während seines ersten Einsatzes in Kabul wurde Wohlgethan als Spezialist einer niederländischen Kommandoeinheit zugeteilt. Der Fallschirmjäger und in den USA ausgebildete Hubschrauberpilot operierte nicht nur in Kabul, sondern auch außerhalb des Mandatsgebietes. Dabei steuerte er weder einen Hubschrauber, noch sprang er mit dem Fallschirm ab. Er patrouillierte sein mobiles Kommando im Distrikt Paghman auf einem Berg bis auf 4500 Höhenmeter. Während seiner Dienstzeit bei der ISAF, berichtet er, habe er auch für den Militärischen Abschirmdienst (MAD) gearbeitet, obwohl der zu dieser Zeit noch kein Mandat hatte, im Ausland tätig zu werden.
Er beschreibt auch, wie er an den 182 Abenden im Camp, jeweils um 21.55 Uhr, der melancholischen, schon bei den Nazis bekannten Melodie »Lili Marleen« lauschte. Gesendet vom Soldatensender »Radio Andernach«, wie schon zuvor in Pristina im Kosovo.
Jetzt sollen weitere 250 Soldaten der Bundeswehr als schnelle Eingreiftruppe nach Afghanistan. Und aus der Regierung ist zu erfahren, daß dort schon darüber diskutiert wird, das Mandat der Bundeswehr auf 4000 oder 5000 Mann zu erhöhen.
Franz-Karl Hitze
Achim Wohlgethan (mit Dirk Schulze): »Endstation Kabul / Als deutscher Soldat in Afghanistan – ein Insiderbericht«, Ullstein/Econ, 304 Seiten, 18.90 €


Walter Kaufmanns Lektüre
Dieser Roman lockte mich, weil ich ­fünfzehn wesentliche Jahre in Australien verbracht habe, auch weil ich ihn Frank Hardys Enthüllungsroman »Macht ohne Ruhm« gegenüberstellen wollte und nicht zuletzt wegen des Klappentextes: »Mit nie nachlassender Spannung erzählt Andrew McGahan von einer Höllenfahrt in die Vergangenheit, ins Innere eines korrupten politischen Systems.« Ich wurde enttäuscht. Spannung erlebte ich nur selten, oftmals empfand ich ­McGahan als schleppenden Erzähler, der sämtliche Dialoge überstrapaziert und das korrupte politische System, wie es bei Frank Hardy vorgeführt wird, meist nur aus zweiter Hand reflektiert. Der Ich-Erzähler, ein Journalist, bewegt sich fast ausschließlich am Rand des Geschehens, war nie Akteur, zudem ist er ein äußerst labiler Mensch, dem man die starke Bindung zu dem Ermordeten, dessen Tod im Stellwerk man gleich anfangs erlebt, schwer zutraut. Der Konflikt zwischen ihnen wegen einer Frau, der sie beide verfallen sind, kommt nicht zum Tragen.
Auch störte mich zunehmend, daß sich alle Protagonisten, buchstäblich alle, als trunksüchtig erwiesen, Säufer bis zur Selbstzerstörung, an deren Verhängnis schwer Anteil zu nehmen ist. Haben sie sich nicht all das Bittere, Böse, Gewalttätige, das auf sie zukommt, selber zuzuschreiben?
Daß Trunksucht ein in Australien verbreitetes Übel ist, weiß ich aus Erfahrung, aber auch, daß es überwindbar ist. Bei Andrew McGaham schafft das keiner, auch nicht die Frauen. Der einzige im Buch, der sich gegen die Korruption auflehnt, streckt allzu bald die Waffen und zieht sich als Einsiedler ins Gebirge zurück. Mag er bisher kein Trinker gewesen sein, in der Einsamkeit greift auch er zur Flasche.
Last drinks? Bis hin zum Schluß sind alle diese last drinks lediglich starter für weitere Gelage.
W. K.

Andrew McGahan: »Last drinks«, aus dem Englischen von Uda Stratling, ­Verlag Antje Kunstmann, 462 Seiten, 22 €

Press-Kohl
Ein Beitrag über Paul Levi in der Zeitung Neues Deutschland machte unserem Freund Benni klar, daß der Kampf Dativ versus Genitiv noch lange nicht zum Ende gekommen ist und wahrscheinlich niemals kommen wird. »Es sollte dem Verstorbenen auch im Reichstag gedacht werden.« Damals. Und heute? »Die LINKE sollte sich dieses Linkssozialisten... besinnen.«
Benni hofft, daß das möglichst bald geschieht – bevor Paul Levi in seinem Grabe (das als verschollen galt, bis der Schriftsteller und unermüdliche Chronist Heinz Knobloch es 1988 wieder entdeckte) wegen unserer Zitate zu rotieren beginnt.
*
In der Berliner Zeitung stand ein Aufsatz über »Ralf Rothmanns neue Erzählungen über Heimat und Rehe am Meer«. Katrin Schuster teilte darin unter anderem mit: »Der Blick des Schriftstellers reicht weit über ihn selbst hinaus, ›das Beiseitestehen und Beobachten ist meine Haltung schon seit der Kindheit‹, sagte er vor Jahren in einem Interview. Und was hat er nicht alles beobachtet: Er wuchs im Pott auf, floh aus der dumpfen Enge nach Berlin, schlug sich dort mit Gelegenheitsarbeiten durch, bevor er sich endlich ganztägig an einem Kreuzberger Schreibtisch niederließ – um auf dem Papier aus eben diesen Erfahrungen zu schöpfen.«
Papiersorte: Geschöpft Bütten.
Schusters verlockende Überschrift lautete: »Willst Du Nudeln?«
Ich hatte aber gerade Appetit auf Bratkartoffeln.
Mit Sülze.
*
Der Berliner Kurier, dem viel daran gelegen ist, daß deutsche Soldaten die Sicherheit der Bundesrepublik inklusive der Kurier-Redaktionsstuben garantieren und zu diesem Zweck »Panzer nach Afghanistan« exportiert werden, tröstet seine Leser scheinheilig: »Die 1. Panzerdivision Hannover ist auf den Einsatz bestens vorbereitet«, weswegen sich die Panzersoldaten in der nicht zentralbeheizten exotischen Ferne bekanntlich selber warme Kleidungsstücke von ihrem Sold kaufen müssen.
Das Blatt erschien mit der unverschämten Schlagzeile: »Heute schickt Jung seine besten Jungs in den Krieg«. Franz Josef J. (CDU) ist unser Verteidigungsminister (also meiner nicht), der von Verteidigung so wenig versteht wie von Kriegen in Afghanistan. Ich weiß nicht, ob Herr Jung »Jungs« hat. Wenn er welche hätte, würde er doch nicht so blöd sein, seine besten Jungs in einen Krieg zu schicken, der hiesige Jungs genauso wenig locken kann wie den ollen.
Felix Mantel