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Titel0611

Die Willkür der Grenzwerte  (Eckart Spoo)
Die japanischen Siedewasser-Reaktoren – den deutschen sehr ähnlich – waren so gebaut, daß Erdbeben bis zur Stärke 8,2 auf der Richter-Skala ihnen nach den amtlich geprüften und anerkannten Berechnungen nichts anhaben konnten. Das Erdbeben vom 11. März 2011 hatte eine Stärke von 9,0. Die Natur hielt sich nicht an den Grenzwert, auf den sich Energiekonzerne und Behörden verständigt hatten.
Alle Sicherheitsversprechen und -vorkehrungen in dieser Branche beziehen sich auf solche Grenzwerte. Ich erinnere mich, wie in den 1970er Jahren unter Bundeskanzler Helmut Schmidt die Herolde der Atomindustrie das Publikum mit der Zahl 10.000 zu beeindrucken versuchten. Immer wieder hieß es, die Gefahr eines Versagens liege unter 1 : 10.000. Ich fragte regelmäßig nach, ob sich diese Garantie auf jedes Einzelteil einer Anlage beziehe und ob nicht bei Anlagen, die aus 100 Teilen bestehe, die Gefahr eines Versagens auf 1 : 100 steige. Und ob sich die Gefahr nicht in gleicher Weise vergrößere, wenn man hundert Anlagen baue. Das waren Fragen eines mathematischen Laien, und mir wurde dann auch meist angeraten, mich auf die Wahrscheinlichkeitsrechnungen der Fachleute zu verlassen.
Die Herren, die über fette Etats für Reklame, pardon: für Öffentlichkeitsarbeit verfügten, verhießen Sicherheiten für 10.000 Jahre. Großartig! Welcher gewöhnliche Sterbliche trifft so langfristige Entscheidungen? Wer denkt ins Jahr 12.000 n.Chr. voraus oder ins Jahr 8000 v. Chr. zurück? Aber daß sich das Klima verändern kann, wußten Geologen auch schon in den 1970er Jahren, und Archäologen hatten klare Vorstellungen von den Lebensbedingungen vor zehn Jahrtausenden. War es beruhigend, wenn die Atom-Lobbyisten so langfristige Verheißungen gaben? Hätte nicht gerade diese Hybris allgemein beunruhigen müssen? Zumal bekannt war, daß Plutonium eine Halbwertszeit von 24.000 Jahren hat, also nach 24.000 Jahren immer noch halb so stark strahlt wie jetzt.
Überheblich reagierten sie auch auf alle Fragen nach der Niedrigstrahlung. Sie beteuerten, aus den atomtechnischen Anlagen, den Lager- und Transportbehältern dringe extrem wenig Radioaktivität nach außen. Gern sprachen sie in diesem Zusammenhang immer wieder von der natürlichen, überall vorhandenen Radioaktivität als Grenzwert, den sie mit ihren Aktivitäten nicht – oder wenn, dann nur ganz wenig – überschreiten würden. Daß sie damit allemal die vorhandene Strahlung verstärken würden, ließen sie unausgesprochen. Und wenn ich nachhakte, sprachen sie – damals vielzitierte Herren, aber wer kennt heute noch Namen wie Scheuten und Salander – vom »Restrisiko«, das nun einmal bei allem menschlichen Tun und Lassen bleibe.
Jeder Grenzwert, der da festgelegt wird, ist willkürlich. Ehrlicherweise müßten Politiker, Aufsichtsbeamte, Wissenschaftler, Techniker, wann immer sie einen Grenzwert nennen, zugleich angeben, wieviel mehr Menschenleben sie damit gefährden, wieviel mehr Tote sie einkalkulieren.
Es geht um sehr viel Geld. Am meisten verdienen die Konzerne an alten Anlagen, deren Investitionskosten längst von uns Strombeziehern beglichen sind. Sie möchten sie gern jahrzehntelang weiterbetreiben. Mit ihren Milliardenprofiten nehmen sie gewaltigen Einfluß auf die Politik, die ihnen bis heute kaum Grenzen gezogen hat. Im Atomgesetz steht zwar, daß Atomstrom nur erzeugt werden darf, wenn für sichere Endlagerung der hochradioaktiven Abfälle gesorgt ist. In der Praxis wurde daraus, daß der Gorlebener Salzstock als Endlagerstätte »eignungshöffig« sei. Die Herren, die immer so überheblich aufgetreten sind, haben heute nicht mehr zu bieten als ihre vorgebliche Hoffnung – die sich bei den Untersuchungen des Salzstocks längst als unbegründet erwiesen hat. Und ins Versuchsendlager Asse, einst als trocken gepriesen, läuft immer mehr Wasser, nachdem zwei benachbarte Salzbergwerke schon vor Jahrzehnten abgesoffen sind.
Der Staat hat die Atomwissenschaft und -wirtschaft mit großen Summen gepäppelt – auch in Japan. Wie hoch sind die Kosten des Reaktorunglücks in Fukushima? Ist Atomenergie wirklich preiswert?


Sergej Guk Betonblöcke und Betonköpfe

»Welcher Ort der Erde ist am stärksten radioaktiv verseucht?« fragte Alexej Jablokow, ein berühmter russischer Wissenschaftler, und antwortete selbst: nicht Tschernobyl, sondern der See Karotschai in der Nähe der sibirischen Stadt Tscheljabinsk. Die Menge der radioaktiven Substanzen, die das berüchtigte Kombinat »Majak« (ein Unternehmen, das sich unter anderem mit der Lagerung und Aufarbeitung von Kernbrennstoffen, mit atomgetriebenen Unterseebooten und mit waffenfähigem Plutonium beschäftigt) in das Gewässer hineinpumpt, sei mit hundert Tschernobyls vergleichbar. Nach und nach habe man den See mit Betonblöcken zugedeckt. Erfolglos: Die Seuche breite sich unterirdisch aus. Erst würden die kleinen Flüsse vergiftet und nachher auch die großen – bis hin zum Eismeer. Und Plutonium habe eine Halbwertzeit von 24.000 Jahren ...
Der angesehene Ökologe Jablokow, Mitglied der russischen Akademie der Wissenschaften, nannte weitere Gefahrenherde zwischen Murmansk und Wladiwostok: die außer Betrieb gesetzten Atomreaktoren, die jahrelang nicht entsorgt worden seien. Auch das Problem der Aufarbeitung verbrauchter Reaktor-Brennstoffe sei nicht zufriedenstellend gelöst. Noch dazu – als reichte der eigene Dreck nicht aus – führe Rußland radioaktive Abfälle aus der Schweiz, Deutschland, Spanien, Japan und sonst woher ein. 1000 Dollar pro Kilo. Eine saftige Beute. Zugreifen. Was in 20 oder 30 Jahren daraus wird – wen interessiert das heute? Daß sich der heutige Gewinn in riesige Verluste verwandeln wird – was geht das die Unternehmer an, die heute schnellen Profit machen?
Alexej Jablokow schlägt vor, zwei Kilometer tief nach Erdwärme zu bohren. Aus einer Bohrung könne man so viel Energie gewinnen wie aus einem AKW, die Investition koste nur ein Viertel.
Betonköpfe rechnen anders.
Nach jüngsten Plänen sollen in Rußland 26 neue AKW-Blöcke gebaut werden.