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Die ehemalige BRD (Faktencheck)  (Matthias Biskupek)
Im Forschungsverbund SED-Staat an der Freien Universität Berlin arbeitet Professor Klaus Schroeder, der eine Methode entwickelt hat, die Wahrheit in der DDR zu beschreiben. Er nennt sie »Faktencheck DDR«. Nach dieser Methode untersucht er Tatsachen, die von manchen Menschen als Vorteile jenes Staates bezeichnet werden. So fand Schroeder heraus, daß die sicheren Arbeitsplätze in der DDR nicht sicher waren, Gesundheits- und Bildungspolitik in der DDR auf dem Niveau von Entwicklungsländern verharrten und daß Frauen in der DDR benachteiligt und unterdrückt wurden.
Nachfolgend wird des Professors Methode, die wir achtungsvoll »Schroeder-Methode« nennen, schöpferisch angewandt. An dieser Stelle zunächst auf die Gleichberechtigung, das allgemeine sittliche Leben und damit einhergehende Zensurmaßnahmen. Allerdings gilt unser Faktencheck der ehemaligen BRD, also der bis 1990 real existierenden.
Noch immer nämlich glauben viele Menschen, die Gleichberechtigung in der ehemaligen BRD (siehe Fußnote »BRD«) habe zumindest auf dem Papier gestanden. Dem ist leider nicht so. Verbürgt und gesetzlich verankert war: Nur Männer durften über das Vermögen und auch über das Einkommen aus der Erwerbstätigkeit von Frauen verfügen. Der Ehemann hatte zudem das Recht, ein gegen seinen Willen eingegangenes Dienstverhältnis der Frau fristlos zu kündigen.
Ungeniert mischte sich der Staat aber auch ins Privatleben ein; es gab eine gesetzlich vorgeschriebene Aufgabenteilung in der Ehe. So war der Frau zwingend der Bereich Haushaltpflege und Nahrungszubereitung zugeordnet, der Mann hingegen mußte seine Arbeitskraft verkaufen, sofern er nicht genügend Geld durch Erbschaft oder Genußanteilsscheine vorweisen konnte.
Auch die Erziehung der Kinder war in der ehemaligen BRD bis ins Kleinste durch den Staat geregelt. So wurde allein dem Vater bei Streitigkeiten in Erziehungsfragen das ausschlaggebende Wort zugesprochen (siehe Fußnote zur Gültigkeit der Gesetze).
Viele Menschen haben im wehmütigen Rückblick auf die von ihnen als relativ glücklich empfundenen Lebensverhältnisse zwischen Ostfriesland und Niederbayern inzwischen vergessen: Auch der geschlechtliche Verkehr zwischen unverheirateten Personen wurde staatlich verboten. Zur Durchsetzung diente der sogenannte Kuppelei-Paragraph. Viele Menschen wurden mit Zuchthaus von 1 bis zu 5 Jahren und Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte bestraft. Ganz normale Liebende, die mitten in Deutschland einfach nur beieinander sein wollten, wurden aufgrund dieses unmenschlichen Gesetzes unter Polizeiaufsicht gestellt. Eine Mutter, die ihrer unverheirateten Tochter erlaubt hatte, mit deren geschiedenem Verlobten unter einem Dach zu übernachten, wurde mit Zuchthaus wegen schwerer Kuppelei bestraft, lediglich dank mildernder Umstände wurde das Urteil später in Gefängnis abgewandelt.
Streng verboten war in der ehemaligen BRD aber auch praktizierte männliche Homosexualität, weibliche wurde stillschweigend geduldet. Hunderte und tausende unschuldiger Männer wurden per Gerichtsurteil in die Zuchthäuser zwischen Nordsee und Alpen geworfen, weil sie sich nicht an die staatlich verordnete und erbarmungslos durchgesetzte Heterosexualität hielten.
Auch laut Verfassung garantierte Rechte wurden vom Staat beschnitten. So galt offiziell der Verfassungsgrundsatz »Eine Zensur findet nicht statt.« Doch real wurde – um nur ein winziges Beispiel zu nennen, für all jene Verblendeten, die solches nicht glauben wollen – Klaus Manns Roman »Mephisto« im gesamten Gebiet der ehemaligen BRD verboten.
Bereits 1956 erschien das Werk des homosexuellen Klaus Mann im Aufbau-Verlag der DDR. Heimlich wurde von aufrechten Bürgern, die sich von den staatlichen diktatorischen Zwangsmaßnahmen nicht einschüchtern ließen, so manches Exemplar auf abenteuerlichste Weise in die damalige BRD geschmuggelt. Ungeachtet dessen wurde in den siebziger Jahren das Verbot härter denn je, sogar durch eine Grundsatzentscheidungen des Bundesgerichtshofs und des Bundesverfassungsgerichts, durchgesetzt. Erst 1981 gelang es einem mutigen Verlag (Rowohlt), das Buch illegal zu drucken. Die Protestwelle gegen die undemokratische Zensur schwoll schließlich an, bis ab 1990 manche demokratische Gepflogenheit der DDR, oft zögernd und widerwillig, übernommen werden konnte.

Fußnote zu »BRD« i.e. »Bundesrepublik Deutschland«: Nach dem 2. Weltkrieg entwickelte sich zunächst in ganz Deutschland eine antifaschistisch-demokratische Ordnung, die in Volksabstimmungen wie der für die entschädigungslose Enteignung der Nazi- und Kriegsverbrecher deutlich wurde, beispielsweise in Hessen, auch in Sachsen und Thüringen. Entgegen der in zahlreichen Einheitskonferenzen beschlossenen Weiterentwicklung Deutschlands als eines unteilbaren Ganzen wurde am 7. September 1949 durch Dr. Adenauer, Konrad (1879–1967) ein westdeutscher Separatstaat mit der Keimzelle um Bonn, bezeichnenderweise Wohnsitz von Adenauer, ausgerufen.
Fußnote zur Gültigkeit der oben beschriebenen Gesetze: Wir möchten unsere Leserinnen und Leser nicht mit Zahlen langweilen, wollen im Interesse der ganzen Wahrheit aber auch nicht verschweigen, daß manche der erwähnten Gesetze schon zwischen 1958 und 1983 unter dem Druck der Volksmassen etwas gemildert wurden. Doch an der Lebens-, Liebes- und Frauenfeindlichkeit sowie den geistfeindlichen Zensurmaßnahmen der ehemaligen BRD-Machthaber dürfte nach diesem wissenschaftlichen Faktencheck im Geiste des verehrten Professors Schroeder auch bei verbohrtesten Westalgikern kein Zweifel mehr bleiben.